Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrifk. Seite 419 »Unverschämter Knabe!" rief Wiesner, der auch nicht länger an sich halten konnte »ich sehe, Dein Vater hat recht, für Dich taugt nichts besser, als die Hundspeitsche." »Das hat er gesagt!" schrie der Knabe mit zornfunkelndem Auge, »er sollt's wagen, mich anzurühren, das können Sie ihm sagen, wie er mich anrührt, laufe ich davon." »Du bist ja ein gelungener Bursche" entgegnete Wiesner lachend »aber wohin wirst Du denn laufen, wenn man fragen darf, und wer wird Dir zu essen geben?" „Was kümmert das Sie" schrie Poldi »Sie! Sie!" »Saujud wolltest Du vermuthlich sagen" ergänzte Wiesner spöttelnd. »Ich habe Sie nicht Saujud geschimpft", versetzte der Knabe mit vor Zorn bebender Stimme, doch sichtlich bemüht, sich zu mäßigen, »ich habe überhaupt nichts gegen Sie gesagt, ich habe ja nichts gegen Sie." »Das ist sehr freundlich von Dir, da begreife ich aber umsoweniger, daß Du mir nicht sagen willst, wohin Du laufen wirst, wenn Dein Vater Dich mit der Hundspeitsche tractiren wird und namentlich woher Du zu essen nehmen wirst." »Werd' schon nicht verhungern, darüber können Sie ruhig sein." »O, darüber bin ich sehr ruhig" betheuerte Wiesner »es hätte mich nur interessirt, Deine Hilfsquellen kennen zu lernen." Der ersichtliche Spott des bisher auch von ihm hochverehrten Mannes reizte den Knaben mehr und mehr. „Wenn der Vater mich wird schlagen wollen, weil ich den Judenbengel gestoßen habe, so laufe ich zu dem Herrn Pfarrer D. und erzähle ihm die ganze Geschichte, da werde ich nicht zu hungern brauchen." »Ha! ha! ha! ha!" lachte Wiesner »Du bist ein ganz famoser Kerl! — also als Märtyrer Deiner antisemitischen Gesinnung willst Du Dich aufspielen? das ist eine gelungene Idee, in der That, und ich glaube auch wohl, daß der Herr Pfarrer Dir dafür für einmal wohl zu essen geben wird, ob aber für längere Zeit, das glaube ich entschieden nicht. So wie ich den Herrn Pfarrer kenne, wird er Deine edle Denkungsart zwar lobend anerkennen, Dir aber trotzdem rathen, zu Deinen Eltern zurückzukehren, und wenn's nicht anders geht, selbst die Hundspeitsche mit Resignation über Dich ergehen lassen." »Nicht um alles in der Welt!" schrie Poldi wild »eher gehe ich in die Donau oder stürze mich aus dem vierten Stock in den Lichthof hinab, zuvor aber", fügte er zähneknirschend hinzu, »schreibe ich auf einen Zettel, daß die verdammten Juden Schuld daran sind, daß ich mir das Leben nehmen muß." Mit funkelnden Augen blickte er herausfordernd auf den ihm gegenüber Sitzenden, der ihn gleichfalls kopfschüttelnd betrachtete; er sah ein, er hatte nicht in der richtigen Weise mit dem Verworfenen gesprochen, dem seine Drohung vollkommen ernst war. »Du bist ein verwegener Knabe", sagte er endlich tief aufathmend, »Deine braven Eltern thun mir leid — was aber die Hundspeitsche betrifft, so brauchst Du sie nicht zu fürchten, wenn Du nur brav bist und das thust, was Du sollst — Dein Vater hat wir sogar ausdrücklich versprochen, wenn Du den jungen Kohn um Entschuldigung bitten und versprechen wirst, Dir nie wieder Aehnliches zu Schulden kommen lassen zu wollen, so soll das heute Borgefallene vergessen und vergeben sein." Der schlaue Knabe erkannte sofort an Wiesner's geändertem Ton, daß er einen Bortheil ihm gegenüber errungen hatte. »Herr Wiesner", sprach er nach kurzer Ueberlegung, »den Judenjungen werde ich nicht um Entschuldigung bitten — ein arischer Jüngling läßt sich soweit nicht herab — aber Sie, lieber Herr Wiesner bitte ich vielmals um Entschuldigung, wenn ich vielleicht in meiner Aufregung unziemliche Worte gegen Sie gebraucht habe —" »Du hast Dich allerdings auch mir gegenüber sehr ungezogen benommen —" »Ich bitte um Verzeihung, Herr Wiesner —" »Deine Ungezogenheit mir gegenüber will ich verzeihen, vorausgesetzt, daß Du Deine Pflicht thust und auch denjenigen, den Du so schwer beleidigt hast, um Entschuldigung —" »Nicht um —" »Ruhig, ruhig, Poldi! Lasse mich ausreden. — Ich sehe wohl ein, vom ethischen Standpunkt aus Dich zu Deiner Pflicht zu bringen, das wird kaum möglich sein bei Deiner Gesinnung —" »Also, wenn Sie das einsehen, zu was weiter davon reden?" »Um Deiner Eltern willen, um Deiner braven Mutter, um Deines braven kranken Vaters willen und um Deiner kleinen unschuldigen Geschwister willen — sage mir nur um Gotteswillen — Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen — aber wenn nun der Alfred Kohn seinen Vater veranlaßt, daß er Deinem Vater kündigt — von was werdet Ihr leben?" »Aber sagen Sie mir nur um Gotteswillen, Herr Wiesner, ist es nicht eine Sünde und eine Schande, daß die Juden nicht zu arbeiten brauchen und doch alle das Geld haben und daß die armen Christen arbeiten muffen, und noch dazu bei den Juden arbeiten müffen, wenn sie leben wollen?" »Ich begreife Dich nicht — woher glaubst Du denn, daß die Juden nicht zu arbeiten brauchen?" »Na, das liest und hört man doch überall, alle Zeitungen schreiben es und in allen Versammlungen ist davon dre Rede." »Das Papier ist geduldig und Lügner und Verleumder gibt's übergenug. Aber das ist doch eine Sache, in der sich Jeder selbstständig seine Ueberzeugung verschaffen kann. — Kennst Du denn keine Juden?" »Ob ich keine Juden kenne?" rief Poldi lachend, »wie viele tausend schmutzige Handelsjuden laufen hier nicht herum!" »Und die haben alle das Geld?" fragte Wiesner »und brauchen alle nicht zu arbeiten?" Na, viel Geld haben die alle zusammen wohl nicht — aber daß sie arbeiten — herumlaufen sieht man sie, bald hierhin, bald dorthin — und dann wollen sie immer die Christen pressen, daß sie ihnen 'was abkaufen —" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Neue Sucher. Babel und israelitisches Religionswesen. Bortrag von I. B a r t h, a. o. Professor an der Universität Berlin. Verlag Mayer & Müller, Berlin 1902. „Ost und West". Jllustrirte Monatsschrift für Modernes Judenthum Heft Nr. 6, Juni 1902, II. Jahrgang. Inhalt: Die »Lösungen" der Judenfrage von Mathias A ch e r, Schöpferstunde (Gemälde) von L. Pasternak. Die Flamme (Gedicht) von Martin Buber. L. Pasternak (Biographie Skizze mit 13 Illustrationen) von Pawetti. Die Emigration im Golus von Alexander Hausmann. Ahasver's Sehnsucht (Gedicht). Die Anfänge des jüdischen Capitalismus von Dr. Franz Oppenheimer. König David mit der Harfe von Peter Paul Rubens. Napoleon I. und die Juden von Dr. Julius Reiner. Das Amulett von M. S. Feuerberg (deutsch von Moriz Zobel). Abraham bewirthet die drei Engeln — Rembrandt. Literatur, Miscellen, Aphorismen. Revue der Presse. Verlag von S. C a l v a r y & (So. BerlinN. W. 7. Neue Wilhelmstraße 1. Franz Schamann. Mährische Geschichten. Oesterreichische Berlagsanstalt. Die Institutionen des Judenthums nach der in den talmudischen Quellen angegebenen geschichtlichen Reihenfolge geordnet und erläutert von Rabbiner MosesBloch, Professor an der Landes-Rabbinerschule in Budapest. U. Theil, III. Band, Budapest 1902, Selbstverlag. Kriefkastrn. Jüdischer Student. In Breslau sind einige Pennal-Verbindungen entdeckt worden, welche satzungsgemäß Juden als Mitglieder nicht aufnehmen. Da werden sich aber die Eltern der jüdischen Gymnasiasten sehr freuen. Die Juden haben ein unverschämtes Glück. Zuerst nehmen die Pennal-Verbindungen sie nicht als Mitglieder auf, und verhindern dadurch, daß sie sich durch unmäßigen Genuß von Bier, Tabak rc. für ihr ganzes Leben unglücklich machen. Wenn sie dann auf die Universität gehen, werden sie von Corps und Burschenschaften nicht ausgenommen, dadurch werden sie. vor dem zwangsweisen Trinken und anderen Excessen geschützt, und vor lauter langer Weile fangen sie an, zu studiren. Sollten die Gesetzgeber der Pennal-Verbindungen und studentischen Corporationen nicht von den jüdischen Eltern gekauft sein? Die Sache erscheint uns höchst verdächtig. Primararzt Dr. F. in P. Für diese Nummer zu spät. M. S. Der 28. Jänner 1883 war Sonntag den 20. Schewat 5643. Der angefragte Banquier ist uns unbekannt.