Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 418 Dr. Bloch's Wochenschrifk. Nr. 85 Nachricht interesfiren, daß Herr Obercantor Josef Singer, vormals Obercantor in Nürnberg, gelegentlich der Hans Sachs- Feier am 20. Jänner 1875 im Festsaale des germanischen Nationalmuseums allhier die große Arie des Hans Sachs aus Richard Wagner's „Meistersinger" zum Vortrage brachte und für seine imposante Leistung mit einer immerwährenden Ehrenkarte ausgezeichnet wurde. H. R. Rom. Der Präsident der „Universita lsraelitica“ dahier, Cav. Serini, bittet uns, von nachfolgendem Ausschreiben in unserem Blatt Kenntniß zu geben: Das genannte Institut sucht einen Oberrabbiner mit einem Gehalt von 5000 Lire und 1000 Lire Nebeneinkommen. Bewerber müssen folgende Z?ugnisft beibringen: Geburtsattest, Auszug aus dem Standesregister, ärztliches Zeugniß, Diplome der Schulen und Hochschulen, die sie besuchten. Bewerber müssen der italienischen Sprache mächlig sein oder in Kürze sich dieselbe aneignen. Bewerbungsschreiben sind zu richten an den Secretär der Universität, Delphine 16. Carro, 20. Mai. Bor dem hiesigen Schwurgericht hatte sich kürzlich das jüdische Mädchen Malka I u d a s s i gegen die Anklage des Mordes an dem Griechen Anastasi Kostaki zu vertheidigen. Die vaterlose Waise ernährte die Mutter und zwei Schwestern als Arbeiterin in einer Tabakfabrik, von der sie jedesmal spät Abends heimkehrte. Dabei war sie wiederholt Belästigungen durch junge Griechen ausgesetzt, und die Furcht vor den immer größeren Frechheiten veranlaßte sie, eine Waffe einzustccken. Thatsächlich trat der Fall ein, daß einer jener Wüstlinge sie an den Armen festhielt und in ein berüchtigtes Versteck des griechischen Stadtviertels zu ziehen suchte. Als Malka die Hand frei bekam, zog sie ihren Dolch und stach den Verbrecher nieder. Sie wurde verhaftet und die Griechen Cairos beschuldigten sie, daß sie einen Raubmord verübt habe, um das Geld des Todten zu erlangen, was sie durch zahlreiche falsche Zeugen zu beweisen suchten. Trotzdem sprach das Gericht die Angeklagte frei und verurtheilte die Verwandten des Getödteten zur Tragung der Gerichtskosten und zur Zahlung von 10 Pfund Sterling an das Mädchen für die ihm zugefügte Beleidigung. Der englische Consul hatte sich für den Fall sehr interessirt und zur Aust deckung der Wahrheit beigetragen. Feuilleton. Gm Zeitbild. Nach wahren Begebenheiten erzählt von Richard Rolfs. (Fortsetzung.) Sie begab sich in die Küche, wo die beiden jüngeren Kinder ihr Vesperbrot nahmen. „Ist Poldi noch nicht gekommen?" fragte sie. „Da ist der Poldi", rief dieser, die Thür aufreißend, wo ist mein Kaffee? — habt Ihr Fratzen ihn mir aus getrunken? — dann soll euch gleich der Teufel holen!" „Poldi, Poldi! wer kommt denn so nach Hause, ohne Gruß und mit diesem Geschrei! denkst Du denn gar nicht daran, daß der Vater krank ist und der Ruhe bedarf.'" „Aber wo ist mein Kaffee? — die Fratzen trinken schon und meiner steht noch nicht einmal auf dem Tische und auf der Herdplatte steht er auch nicht", fügte er um sich blickend hinzu. „Für Dich gibt's heute keinen Kaffee", entgegnete die Mutter schroff, „der Vater läßt Dir sagen, zur Strafe dafür, daß Du so schlecht gegen den Alfred Kohn warst, der doch so gut gegen Dich gewesen ist, und dafür, daß Du uns hättest brotlos machen können, solltest Du für heute keinen Kaffee und kein Brot haben — " Der Knabe war dunkelroth geworden, unverständliche Worte murmelnd ballte er die Faust. „Wenn der Vater jetzt nicht krank wäre, würdest Du nicht so davon kommen — und ich rathe Dir, nimm Dich zusammen, der Vater hat gesagt, er wird Dir's sonst nicht schenken!" „Was will er mir thun?", fragte der Knabe, der Mutter keck ins Antlitz schauend, „will er mich vielleicht schlagen? — sag' ihm, daß er sich das nicht einfallen läßt, sonst —" „Herr Gott! Poldi, wie kannst Du so reden!" „Wie ich so reden kann?", schrie er, mit den Füßen stampfend, meinst Du, ich will hungern wegen der verfluchten Juden? — her mit dem Kaffee! — oder —" „Gottvergessenes Kind!", rief die Mutter, die Hände zusammenschlagend, „doch ich vergesse, der Herr Wiesner ist drinnen im blauen Zimmer, er will mit Dir reden, gehe hinein zu ihm." „Der Herr Wiesner hier?", flüsterte der Knabe, indem er die Farbe wechselte, „aber warum hast Du mir das nicht gleich gesägt?" „Ich wollte es Dir ja gleich sagen, habe ja nach Dir gefragt, aber da bist Du mit solch' frechem Lärm gekommen, daß rch an Alles vergessen habe. Aber jetzt gehe hinein zu ihm." „Weißt Du nicht, was er von mir will, Mutter? ist er vielleicht schon in Karlsbad gewesen? dort pflegt er mir immer etwas mitzubringen." „Verreist war Herr Wiesner — aber wo er gewesen ist, das weiß ich nicht. Geh' schon hinein, laß ihn nicht länger warten." „Du willst mir nicht meinen Kaffee geben?" Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Mach daß Du hinein kommst." „Die verfluchten Juden sind an Allem schuld!", murmelte Poldi, „aber vielleicht schenkt mir der Herr Wiesner etwas, dann geh ich ins Kaffeehaus, das wirst Du sehen." Darauf verließ er die Küche mit lauten schallenden Schritten, und begab sich hinüber in das Zimmer, wo der Freund seines Vaters ihn erwartete. „Habe die Ehre, Herr Wiesner", sprach er, sich verneigend, und wollte dann die Hand desselben an seine Lippen ziehen. Wiesner aber schüttelte mißbilligend den Kopf. „Was ist das für ein Lärmen, Poldi! — dein Vater ist krank und Dich hört man hier schreien!" Der Knabe erröthete. „Ich bitte um Entschuldigung, Herr Wiesner, ich habe nicht gewußt, daß Sie hier auf mich warten, sonst wäre ich schon früher gekommen." „Davon ist jetzt nicht die Rede, aber daß Du solchen Lärm machen kannst, wenn Dein Vater der Ruhe bedarf —" „Er wird's nicht gehört haben. Ich denke mir, daß er jetzt schläft, sonst wäre die Mutter nicht in der Küche — und wenn der Vater schläft, so schläft er wie ein Murmelthier, da stört ihn nichts —" Wiesner schüttelte den Kopf.- „Ich finde den Vergleich nichts weniger als paffend — aber Deinen Vater habe ich sehr angegriffen gefunden — er scheint sich über etwas aufgeregt zu haben —" Poldi zuckte die Achseln. „Er regt sich eben über Alles auf, die Fliege an der Wand ärgert ihn — das kommt Alles von den verfluchten Juden!" „Von den Juden?" wiederholte Wiesner, „das glaube ich nicht, Dein Vater spricht mit außerordentlicher Hochachtung von den Juden — wenigstens von denen, mit denen er zu thun hat, d. h. von seinem Chef und dessen Familie. „Das ist's ja eben" eiferte der Knabe, „er hat an den Juden 'n Narren gefressen." „Aber Poldi, wie unehrerbietig sprichst Du über Deinen Vater." „Ich kann mir nicht helfen, warum treibt's der Vater so, von früh bis spät arbeitet er für die Juden, das hat ihm seine Gesundheit gekostet." „Aber daß Du solchen Unsinn reden kannst, das habe ich doch nicht für möglich gehalten. — Wenn Dein Vater durch das Arbeiten krank geworden ist, so kommt das nicht daher, daß er für Juden gearbeitet hat, sondern daß er für seine Familie gearbeitet hat. — Von was könntet Ihr denn leben, wenn Dein Vater nicht für Leute arbeiten würde, die ihn bezahlen?" Der Knabe schüttelte starrsinnig den Kopf. „Für die Juden arbeitet der Vater vom Morgen bis zum Abend, und weil das Judenfräulein heiraten will, deshalb muß die Mutter jetzt auch noch arbeiten bis in die Nacht hinein." „Wie Deine Mutter mir sagte, arbeitet sie jetzt mehr, weil die Krankheit Deines Vaters sehr kostspielig ist und darum ist sie froh, daß Frau Kohn ihr Gelegenheit gibt, mehr als gewöhnlich zu verdienen." „Ja, ja, ja, so heißt's immer, man müßte der gnädigen Judenfrau dankbar sein, ihr die stinkende Hand küssen, gelt? — verfluchtes Judenpack!" „Poldi! Poldi! mäßige Dich! — Ich bin ganz starr vor Entsetzen über Deine gemeine Ausdrucksweise und mehr noch über die niederträchtige Gesinnung, die aus derselben spricht." „Das kommt alles nur, weil die Eltern so sind", rief der Knabe sich mehr und mehr ereifernd, „ich muß mich ja schämen von ihretwegen."