Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Dr. Blach's Wochenschrift. Sette 413 unzulässigen Mitteln hinaufzutreiben — und die Wahlbetheiligung in Tarnopol um jeden Preis hintanzuhalten und herabzudrücken. In welcher rücksichtslosen und empörenden Weise diese beiden Endziele angestrebt wurden, welche Gesetzwidrigkeiten und Vergewaltigungen dabei unterlaufen sind, das wollen wir in der weiteren Ausführung, welche die eigentliche Basis des vorliegenden Protestes bildet, darzulegen versuchen. Dannt aber unsere Anfechtungen und Beschwerden in ein gewisses System gebracht werden, welches den leichteren Ueberblick und die erschöpfende Sichtung des Materials ermöglichen könnte, wollen wir die Vorgänge in den beiden betheiligten Städten auseinanderhalten und in einer abgesonderlen Darstellung zur Sprache bringen. Die Hauptaction zu Gunsten des Dr. Dulemba spielte sich in Brzezany ab. Dort war sozusagen, sein Hauptquartier, dort ward sein angeblicher Wahlsieg begründet. Lassen wir dieser Stadt den Bortritt. (Fortsetzung folgt.) Correspond enzen. Zur Gründung eines Hilfsvereines für Tuberkulose! Unter zahlreicher Betheiligung der Spitzen der Wiener Gesellschaft und unter der Patronanz der höchsten Behörden fand vorige Woche die Constituirung eines Vereines für Lungenkranke statt. Es ist wohl überflüssig, über die Zweckmäßigkeit und Nothwendigkeit eines derartigen Vereines auch nur ein Wort zu verlieren, vom Standpunkte der Humanität muß man wünschen, daß die Constituirung aus dem Stadium der Anfänglichkeit bald heraustrete und zu der initiirten, erfolgreichen Thätigkeit gelange. Angesichts der illustren Proponenten dürfte es an hinreichender Zahl von Mitgliedern nicht fehlen, auch an materiellen Mitteln, die zur Jnscenirung eines derartigen Vereines erforderlich sind. Der genannte Verein macht sich bekanntlich zur Aufgabe, die bösartige, tückische Krankheit zu bekämpfen und überall dort hilfreich einzugreifen, wo bereits die Vorbereitungen zu einer rationellen Abhilfe vorhanden sind. In dieser Richtung wird sich der im Entstehen begriffenen Institution wohl Gelegenheit bieten, hilfreich einzugreifen. Wir weisen daraus hin, daß in Wien ein Verein zur Verpflegung von Brustkranken auf dem Lande besteht, der eine erfolgreiche, langjährige Thätigkeit hinter sich hat, — derselbe besteht schon nahezu ein halbes Jahrhundert. Dem letzten Jahresberichte, der in der Oesterreichischen Wochenschrift veröffentlicht war, ist zu entnehmen, daß dieser Verein nahezu zweihundert brustkranke Glaubensgenossen in dem klimatischen Curorte RoLnau unentgeltlich alljährlich verpflegt, denselben ärztlichen Beistand und Arzneien kostenfrei beigestellt hat. Ein sehnsüchtiger Wunsch des Vorstandes des genannten Vereines, an dessen Spitze sich viele Jahre hindurch der hochverdiente Obmann Neck. Dr. Adolf Hoffmann befindet, ist es, die seinem Schutze empfohlenen Brustkranken in einem eigenen Heim unterbringen zu können. Der Verein ist diesem schönen Ziele auch schon ziemlich nahe, allein er kann es trotz aller Bemühungen nicht erreichen. Wohl besitzt der Verein bereits einen ansehnlichen Baufond und es fehlt ihm nur noch ein verhältnißmäßig geringfügiges Capital, welches jedoch trotz aller Anstrengungen nicht beizuschaffen möglich war. An der erwähnten constituirenden Versammlung haben sich auch zahlreiche Glaubensgenossen aus den besten Gesellschaftskreisen betheiligt, die es zweifelsohne an materieller Unterstützung nicht fehlen lassen werden. Es muß lebhaft bedauert werden, daß es Niemand der Mühe werth gefunden hat, der Thatsache zu erwähnen, daß wir Juden uns mit dem Projecte der Ausrottung der Tuberculose schon vor fünfzig Jahren beschäftigt haben und daß uns hiebei namhafte Erfolge auf prophylaktischem und therapeutischem Gebiete zur Seite stehen, denn Tausenden Brustkranken war es schon möglich, durch eine rationelle Behandlung in den allermeisten Fällen gründliche Heilung zu schaffen. Die ersten Capacitäten auf medicinischem Gebiete haben das segensreiche Wirken belobend und dringend anerkannt. Wir richten daher an unsere mir Glücksgütern gesegnete Glaubensgenossen den ebenso warmen als eindringlichen wiederholten Appell, nach Möglichkeit ein Schärflein dazu beizutragen, damit der Verein zur Verpflegung jüdischer Brustkranke auf dem Lande je eher, je lieber in die Lage versetzt werde, das lange angestrebte Ziel und die Errichtung eines eigenen Heims behufs rationeller Pflege der an Tuberculose leidenden Glaubensgenoffen insceniren zu können. Ebenso empfehlen wir den projectirten Hilfsverein für Lungenkranke die Aufmerksamkeit auf den Verein zur Verpflegung jüdischer Brustkranken auf dem Lande zu lenken und demselben diejenige Mithilfe angedeihen zu lassen, damit der letztere in den Stand gesetzt werde, die ungefähr zweihundert Lungenleidenden, welche alljährlich dessen Hilfe in Anspruch nehmen, in einer den Anforderungen der Jetztzeit entsprechenden Weise gerecht werden zu können, wozu in allererster Linie die Errichtung eines Internats zur Aufnahme der Patienten geboten erscheint. Eduard Beer. Die Jndustrialifirung Galiziens und die Juden. Seit einem Jahre beginnt man in Galizien endlich eine Frage zu discutiren, die eigentlich schon vor vielen Jahren auf die Tagesordnung hätte gestellt werden sollen. Es werden verschiedene Enqußten, Congreffe abgehalten, die sich vorwiegend mit der Frage beschäftigen, wie man eigentlich ein lebensfähiges Gewerbe, eine gesunde Jndustrialifirung inauguriren könnte. Es ist natürlich, daß die letzte» Unruhen in Lemberg und deren bedauernswerthe Begleiterscheinungen diese Frage noch actueüer gestalten. Die allein berufenen und unberufenen politischen Mediciner Galiziens haben endlich herausgefunden, daß nur eine kräftige Jndustrialifirung die galizische wirthschaftliche Krankheit heilen kann. Es ist unbestritten das beste Heilmittel, zumal schon so viele Staaten sich damit ausgezeichnet geholfen haben. Die Aerzte haben aber vergessen, bezw. absichtlich vergessen, die Gründe der Krankheit zu untersuchen. Sie hätten fragen sollen, warum eigentlich in Galizien bis jetzt das Wort Industrie als Fremdwort behandelt wird. Warum? Galizien hat eine anerkannt sparsame kaufmännische Intelligenz und doch ist von irgend einer Industrie nichts zu merken. Galizien besitzt die Lenkbar besten Vorbedingungen für eine Industrie. Ein Consumland, welches sehr viele ausländische Industrien speist; eine geographische Beschaffenheit, welche geradezu nach einem Exporte schreit. In Brody, Granica, Jaroslau russische Grenzen; in Czernowitz rumänische; in Lavorzne, Zagorz, Sucha, Tarnow ungarische Grenzen. Dazu eine überaus billige Arbeitskraft. „Mein Liebchen, was willst Du noch mehr." Auf dieses große „Warum" gibt es ein wirklich trauriges „Darum". Diese angeblich rein wirthschaftliche Frage hat einen starken politischen Hintergrund: Antisemitismus. Die Juden, welche doch in erster Reihe zum Handel, zum Gewerbe und zur Industrie prädestinirt sind, werden in Galizien als Bürger subordinirter Natur behandelt. Wie soll ein Israelit daran gehen, irgend eine Industrie zu schaffen, wenn ihm von jeder Seite Hemmnisse gelegt werden. Vom kleinsten Amtsdiener bis zum Bezirkshauptmann muß er sich Chicanen gefallen lassen und es gehört wirklich ein großer Muth dazu, alle diese „Instanzen" durchzukämpfen. In keinem Amte der „Autonomie" findet man einen jüdischen Angestellten. Alle Banken und dergleichen öffentlichen Institute haben wohl zumeist eine jüdische Clientel, aber keinen jüdischen Angestellten. Der Magistrat in Lemberg, die Communalverwaltung in Krakau, der galizische Landesausschuß und überhaupt alle öffentlichen Körperhaften beschäftigen nicht einen Juden. In der galizischen Bodencredit- Anstalt, galizischen Landesbank, wechselseitigen Versicherung, Bank für Handel und Industrie, Sparkassen rc. findet man auch nicht einen Juden. Die staatlichen Behörden „accommodiren" sich diesen Anschauungen vollständig. Kann es angesichts solcher Zustände Wunder nehmen, wenn die Juden keine Unternehmungslust haben. Durch solche Zustände paralysirt man die ehrlichsten kaufmännischen Bestrebungen und leitet sie in ein Gebiet, das weder kaufmännisch noch ethisch gesund ist. Diesbezüglich ist das Verzeichniß der Giro-Conto-Jnhaber der Oesterreichisch-ungarischen Bank ein ausgezeichneter statistischer Beleg. In der kleinsten galizischen Stadt sind mehr „Escompteure" als in Wien. Sieht man z. B. das Berzeichniß der Lemberger Bankfiliale an, so findet man, daß jeder zweite Contoinhaber ein „Escompteur" sei. Und dabei irrt man, wenn man etwa bezüglich der Creditgewährung glaubt, daß hier die Frage Jud oder Christ nicht in Betracht kommt. Für alle Banken erlangt ein Wechsel erst dann „erste Güte", wenn auf ihm die Unterschrift irgend eines, und sei es auch des unbedeutendsten, Christen prangt. Es ^besteht ein vom Landesausschusse verwalteter Fond, welcher gewerblichen Unternehmungen Darlehen gewährt. Während man für jedwedes Kinkerlitzgewerbe viele Tausender „auf Nimmerwiedersehen" borgt, würde man es nicht übers Herz bringen, ein Darlehensgesuch