Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 412 Dr. Bloches Wochenschrrfk. Nr. 25 Dr. Landau seine Candidatur angemeldet hatte, demselben die Einräumung des Magistratssaales und die Einberufung einer Wählerversammlung direct verweigerte. Herr Dr. Dulemba hatte also gerade durch sein vorzeitiges Eingreifen das Terrain in Brzezany vollständig occupirt und konnte dem günstigen Ausgange daselbst mit vollster Beruhigung entgegensehen. Anders gestalteten sich die Dinge hingegen in Tarnopol, und hier war eben die Wirkung dieses überhasteten, aufdringlichen Vorgehens eine vollständig entgegengesetzte. Wohl flatterten bereits vor Monaten die Empfehlungsschreiben diverser Excellenzen und einflußreicher Persönlichkeiten von Haus zu Haus, wohl proclamirte der Leiter der politischen Bezirksbehörde, Statthaltereirath Zawadzki, die Candidatur des Dr. Dulemba als die einzig mögliche und der Regierung genehme, jedoch wollten merkwürdiger Weise alle diese Kundgebungen und Einwirkungen nicht verfangen und riefen vielmehr diesen Effect hervor, daß sich die maßgebendsten Politisch reifen Elemente in der Stadt gerade in Folge dieses Vorgehens auf den Standpunkt der ausgesprochenen Opposition stellten. Die Sache war sozusagen wider den Strich aufgeputzt. Man sagte sich, daß es doch nicht angehe, daß der Bürgerschaft zweier Städte, die eine Einwohnerschaft von nahezu 42.000 Seelen repräsentirt, von oben herab, durch Persönlichkeiten, die hiezu absolut nicht berufen erscheinen, ein Candidat deswegen allein aufgedrängt werde, weil er einer gewissen conservativen Clique, welche den Zielen und Interessen einer städtischen Bürgerschaft vollständig gleichgiltig, wenn nicht feindselig gegenübersteht, zufälliger Weise zu Gesichte steht. Man zergliederte und analysirte die Person des octroyirten Candidaten nach allen Richtungen, und fragte sich, was denn eigentlich los ist, welche Momente in Betracht zu ziehen wären, die der Wählerschaft die Pflicht auferlegen könnten, gerade diesen und keinen anderen Abgeordneten in den Reichsrath zu entsenden? Eine vernünftige, stichhältige Motivirung war hiefür nicht zu finden, und je mehr man sich in die von oben herabgelangten Ordonnanzen und die Provenienz derselben vertiefte, desto entschiedener mußte man gegen diese ausdringliche Candidatur Stellung nehmen und auf die Unantastbarkeit des constitutionellen Selbstbestimmungsrechtes und der unabhängigen, bürgerlichen Entscheidung bestehen. Bor Allem war es die einzige legitime Vertretung der Tarnopoler Bürgerschaft, namentlich der freigewählte Gemeinderath und Stadtmagistrat, welche den einzig richtigen Standpunkt in dieser hochwichtigen, principiellen Frage wahrzunehmen für gut befunden haben. In öffentlicher Gemeinderathssitzung wurde der Beschluß gefaßt, die Wahlaction mit aller Energie in Angriff zu nehmen und hiefür Sorge zu tragen, daß das Endresultat derselben vor allen, der bürgerlichen Würde und der politischen Reife der Wählerschaft Abbruch thuenden Uebergriffen bewahrt bleiben möge. Ein aus sechzig Mitgliedern bestehendes Wahlcomitä war unter dem Vorsitze des Vicebürgermeisters Herrn Ludwig Puntschert zusammengetreten, und gleich bei der ersten Sitzung desselben wurde der Beschluß gefaßt, sich an bekannte, polltisch hervorragende Persönlichkeiten des Landes mit der Aufforderung zu wenden, daß sie ihre Candidatur für das erledigte Reichsrathsmandat anmelden mögen. Ueberdies wurde ein öffentlicher Aufruf in diesem Sinne zweimal in den Tagesblättern verlautbart und gleichzeitig die Gemeindevertretung der Stadt Brzezany zur Einleitung einer einverständlichen, unabhängigen Wahlaction aufgefordert. Nun stellte sich aber heraus, daß die Wahlangelegenheit Tarnopol - Brzezany buchstäblich vernagelt und daß dieselbe in einer geradezu raffinirten Weise in den Zustand eines offenkundigen Boycotts gesetzt worden ist. Der Befehl von Oben hatte Wunder gewirkt. Es wagte Niemand seine Candidatur für diesen Städtebezirk anzumelden, und zwar deswegen, weil er weder das Placet des Statthalters, noch das des polnischen Centralwahlcomitss erhoffen konnte. Nun war die Situation vollständig klar und der Widerstand der Tarnopoler Wählerschaft gegen den aufgeworfenen Candidaten Dr. Dulemba nur um so heftiger und begreiflicher geworden. Der Abgeordnete für Tarnopol-Brzezany sollte also nicht gewählt werden, sondern er war einfach aus der Machtvollkommenheit dreier Excellenzen (Jaworski, Dzieduszycki und Pininski) nominirt, und die 2100 Wähler der Stadt Tarnopol waren verurtheilt entweder gute Miene zum bösen Spiel zu machen und pflichtschuldigst auf den nominirten Abgeordneten zu stimmen, oder aber auf die Ausübung ihres constitutionellen Rechtes zu verzichten. Ja, so etwas geht aber dennoch über den grünen Klee, und selbst der galizische Bürger kann sich eine derartige Herabwürdigung und politische Entmündigung nicht ohneweiters gefallen lassen. Am 4. Mai l. I. verstrich die zweite Frist, welche von dem Wahlcomite in Tarnopol für die Anmeldung der Candidaturen festgesetzt worden ist, und da außer dem ruthenischen Zählcandidaten, dem Grundwirth Bazyli Korduba, sich sonst kein Gegenkandidat gemeldet hatte, wurde der hiesige Advocat und und Magistrats-Assessor Dr. Michael Landau bestimmt, seine Candidatur anzumelden. Am 5. Mai trat das städtische Wahlcomits zusammen, und von 38 Mitgliedern desselben entfielen 32 Stimmen auf den neu angemeldeten Candidaten, 3 auf Dr. Dulemba und ebenso viele auf den ruthenischen Zählcandidaten. Mit diesem Momente war das Schicksal der Candidatur des Dr. Dulemba in Tarnopol besiegelt, und als am 11. Mai, infolge Beschluffes der ruthenischen Wählerschaft, der Zählcandidat Bazyli Korduba zu Gunsten des Dr. Landau von seiner Candidatur zurücktrat, da konnte es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß bei einem legalen Verlaufe der Wahl jegliche Chance für den Candidaten der drei Excellenzen verloren sei. Wohl hat sich mit Rücksicht auf das Glaubensbekenntniß des heimischen und officiell proclamirten Candidaten ein Häuflein römisch-katholischer Wähler um Dr. Dulemba geschaart; wohl rannten seine bezahlten Agitatoren von einem Haus zum andern und suchten mit Geld und Geldeswerth Propaganda für ihn zu machen, wohl entsandten die Bezirkshauptmannschaft, das Steuerinspectorat, das Lehrerseminar und die anderen Mittelschulen alle verfügbaren Streitkräfte und ließen kein Mittel unversucht, um durch Versprechungen, Drohungen, Einschüchterungen und alle erdenklichen Pressionen zu Gunsten des Dr. Dulemba einzuwirken — jedoch alle diese beliebten und bewährten Auskunfts- Mittel scheiterten an einem entscheidenden Umstande, nämlich an dem nur allzu begründeten Widerwillen gegen den aufgedrängten Candidaten, und selbst das sonst so probate Mittel der constitutionellen Hetze wollte diesesmal nicht recht verfangen. Schon drn oder vier Tage zuvor hatte der Candidat Dr. Dulemba geäußert, daß ihm in Tarnopol der Boden unter den Füßen schwinde, und wenn man bedenkt, daß in Tarnopol 2100 leibhaftige und lebendige Wähler — davon 950 Juden und circa 600 Ruthenen — zur Wahlurne treten könnten, während in Brzezany, inclusive schon mit allen Todten und Ausgewanderten, denen wir weiter unten unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden uns erlauben werden, kaum 960 Wähler in den Wahllisten ausgewiesen erscheinen — so mußte jedem mit den Verhältnissen vertrauten Wähler höchst merkwürdig Vorkommen, woher es denn eigentlich komme, daß der Candidat der drei Excellenzen mit solcher Zähigkeit bis zum letzten Augenblick an seiner Candidatur festhalte und so viel Mühe und schweres Geld in die Schanze schlage. Jedoch der Tag der Wahl brachte volles Licht in diese Frage. Es hat sich herausgestellt, daß Herr Dulemba weise gehandelt hat, und daß er Dinge zu seinen Gunsten kommen sah, an die selbst in Galizien kein Mensch geglaubt hätte. Brzezany war ihm vollständig gesichert, er wußte, daß er auf die dortige Wahlcommission in jeder Beziehung rechnen könne und daß dort auch das Unglaublichste geschehen werde, damit nur das möglichst beste Resultat für ihn erzielt werde. Es handelte sich blos um Tarnopol, und da mit Mitteln leichten Calibers absolut nichts auszurichten war, so mußte man zum Aeußersten und Widerwärtigsten greifen: zur offenen Vergewaltigung der Wählerschaft zum perfidesten Wahlraub, zum gemeinsten Wahlschwindel und zum offenkundigen Stimmenkauf. Der Candidat, Herr Dr. Ladislaus Dulemba, wußte es, daß dieser Schandapparat in Anwendung kommen und daß er seine Wirkung nicht versagen werde; und darum harrte er bis zum letzten Augenblicke aus und scheute selbst vor den schwersten Geldopfern nicht zurück. Der Plan war einfach, aber genial angelegt — er mußte unbedingt zum Siege führen. Es galt, die Wahlbetheiligung in Brzezany, trotz der Minderheit der Stimmen, mit allen erdenklichen zulässigen oder