Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021465--11856-3036417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 410 Dr. Bloches WoürsnMrrifL. Nr. L5 wir sonst so Vieles verdanken; und so werden wir wohl seinen gemeinen Aussäüen noch weiter entgegenzusehen haben. In Bezug auf zwei Punkte gestatte ich mir Einiges beizufügen, das Ihnen nicht unwillkommen sein wird. Sie klagen, und wie gerecht, über den Mangel von Lehrstühlen an den Universitäten für unsere specielle Literatur. Es ist mir gelungen, etwas zur Abhilfe in unserem Lände zu thun. An dem hiesigen „Colombia College", eines der ältesten und höchst geachteten, habe ich mit Hilfe von wohlhabenden Freunden eine Professur, ausschließlich für „Rabbinical Literature". gegründet. Man ist mir dabei von seiten der Verwaltung bereitwilligst entgegengekommen. Ich hoffe, daß schon im nächsten Herbste die Vorlesungen über Mischuah-, Talmud-Philosophie und -Poesie beginnen werden. Dieselben werden in die Reihe anderer Vorlesungen gestellt und kann ein Candidat, für irgend einen akademischen Grad, selbe zum Gegenstand seiner Examina machen. Sobald Alles endgiltig geordnet sein wird, werde ich Ihnen weitere Mittheilungen machen, sowie den bereits erwählten Inhaber des Lehrstuhles nennen*). Auch an der ,Universüy ok Pennsylvania“ werden im nächsten Winter voraussichtlich ähnliche Curse eingerichtet werden. G. Gott heil. Was uns noth thut. Mit dieser Frage beschäftigte sich an leitender Stelle dieses Blattes Nr. 21 Herr Dr. Bernfeld aus Berlin, dessen Geistesfunken wir des Oeftereu schon aus früheren Artikeln zu bewundern Gelegenheit hatten. Der Stoff, dem er diesesmal seine gewandte Feder gewidmet, ist zweifellos für unsere Glaubensgenossen überall, wo Cultur und Antisemitismus — Licht und Schatten — mit einander abwechseln, von eminentester Actualität. Herr Bernfeld läßt es aber nicht blos bei düsteren Klagerufen bewenden, sondern will auch die Mittel und den Ausweg zeigen, wie der um sich greifenden Epidemie des Verrathes an der angestammten Religion begegnet und gesteuert werden könnte. Zu diesem Behufe unterwirft er alles bisher von den Heroen jüdischer Forschung Geschaffene einer schonungslosen Kritik und gelangt zu dem überraschenden Schluffe, es müsse erst eine volksthümliche jüdische Wissenschaft — besonders eine Cnlturgeschichte unseres Volkes ins Dasein gerufen werden. So sehr nun auch Herr Bernfeld für sich das Verdienst in Anspruch nehmen darf, die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf die Lebensfrage der Judenheit gerichtet und statt müffiges Klagen das Sinnen auf Abhilfe gefördert zu haben, so können wir gleichwohl nicht umhin, den von ihm vorgebrachten Rathschlägen entgegeuzutreten und die an dieselben geknüpften Hoffnungen zumindest in Zweifel zu ziehen. Ungerecht finden wir zuvörderst die Behauptung, als besäßen wir bisher nur „jüdische Gelehrsamkeit", aber keine jüdische Wissenschaft. Aus der stattlichen Reihe erlesener Schöpfungen aus früherer und neuerer Zeit, welche die Verherrlichung und Würdigung unseres Stammes und unserer Religion zum Gegenstände haben, wollen wir nur auf das Geschichtswerk von Grätz — von dem auch eine volksthümliche Ueberarbeitung in 3 Bänden erschien — und auf die Ethik des Judenthumcs von Professor Lazarus Hinweisen, welchen doch wahrlich die Eignung nicht abgesprochen werden kann, die Sophistereien eines Haruack und Anderer bei unseren Gebildeten wirksam zu paralysiren. Für Jene freilich, denen Charakterfestigkeit und Idealismus. Begeiferung für Wahrheit und Recht und Auflehnung, Entrüstung gegen jegliche Fälschung derselben eine unerschwingliche Höhe bilden, für die es ihnen an Willen sowohl als an Kraft vollends gebricht, kann es kein von noch so tiefer Gelehrsamkeit und glühender Ueberzeugungstreue getragenes Schriftwerk geben, selbst wenn es mit Meisterschaft des Stils gepaart ist, das ihrem Streben nach äußeren Vor¬ *) Das ist, wenn ich nicht irre, der Sohn des Schreibers, der rühmlichst bekannte Profeffor Richard G o t t h e l l. 8. Lr. theilen, auch auf Kosten der wahren Ehrenhaftigkeit, Einhalt gebieten könnte. Leute solchen Schlages hat es in jeder gefahrvollen Epoche unserer Geschichte gegeben, die gleich gewissen Krankheiten — um ein treffendes Bild Lazarus' zu gebrauchen — auch auf Andere ansteckend gewirkt haben. Das Judenthum hat sich aber gleichwohl erhalten, ist siegreich aus den schwersten Krisen hervorgegangen, welche gelehrte und ungelehrte Antisemiten über dasselbe heraufbeschworen haben. Damit aber soll durchaus nicht gesagt fein, als dürften wir thatlos den Verheerungen gegenüber bleiben, welche Lüge, Verdrehung und Verlockung in den Reihen unserer Unmündigen an Herz und Gewissenhaftigkeit anrichten. Gewiß kann und muß ohne Unterlaß für die Anhänglichkeit an unsere Religion und die Treue zu ihr gearbeitet werden. Nach unserem Dafürhalten muß in erster Reihe auf das Lasterhafte der Abtrünnigkeit hingewiesen werden, in Schriften sowohl als von den Kanzeln und müssen wir die Toleranz Apostaten gegenüber auf das Minimum zu beschränken suchen. Niemand darf uns das Recht streitig machen, daß wir mit den Waffen der Wahrheit und des Rechtes für die Erhaltung unseres Bekenntnisses eintreten. Auch muß es uns unbenommen bleiben, uns aus allen Kräften der Behauptung entgegenzustemmen, als wäre die christliche Religion nicht nur eine leichter zu befolgende, sondern auch eine moralisch höhere als die jüdische. Nicht oft und scharf genug kann es betont werden, daß die Humanität, welche unserer Zeit — im Vergleiche zu anderen Epochen der Geschichte — den Stempel der Milde und Gerechtigkeit aufdrückt, die Frucht des Fortschrittes und der Entwicklung ist, wohingegen in den Grundschriften des Christenthumes die Menschenliebe an die unerläßliche Bedingung des Glaubens an dessen Stifter und sein Erlösungswerk gebunden erscheint. Denjenigen, welche uns einzelne, dem modernen Bewußtsein widerstrebende Aussprüche unseres alten Schriftthumes entgegeuhalten, antworten wir mit Stellen, wie die folgenden, das Christenthum betreffend. , Evangelium Marci 16, 16: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden." Ferner: Evangelium Johannis 3, 18: „Wer an ihn glaubet, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubet, der ist schon gerichtet, denn er glaubet nicht an den Namen des eingeborenen Sohn Gottes." Warum also den Maßstab des Modernen nur an die jüdische Lehre anlegen und nicht auch zugleich an die christliche? - Wir anerkennen gerne die civilisatorischen Verdienste des Christenthumes in Vergangenheit und Gegenwart, um so mehr, als doch auch unser Theil an demselben nicht geleugnet werden kann; aber wir verwahren uns dagegen, daß dasselbe auf Kosten unserer Religion verherrlicht werde, um gegen uns Haß und Verfolgung heraufzubeschwören. Damit aber glauben wir die Richtung gezeigt zu haben, welche unsere Abwehr unentwegt zu befolgen hat, und es bedarf wohl keiner neuern jüdischen Wissenschaft, um der lieblosen Strömung gegen uns zu begegnen und die Wankenden in unserer Mitte zur Ausdauer im Kampfe für Gerechtigkeit und Wahrheit zu ermuthigen. Wer uns gleichwohl im Stiche läßt und zu unfern Feinden übergeht, der hat eben damit den Beweis seiner Charakterschwäche erbracht und sich vor den Augen jedes Unbefangenen selbst gerichtet. Stuhlweißenburg. Dr. I. Steinberz, Rabbiner.