Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 408 dx. Vlmlr's WorjjrnulrrM. Nr. 25 hin die Speisegesetze als einen wichtigen Bestandtheil des Judenthums betrachten. Hingegen müßte den Vereinen überlassen werden. Armen und Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren, so weit sie es für nöthig erachten. Freilich müßte das Vereinswesen bei uns Juden gründlich reformirt werden. Wenn das eigentliche Armenwesen von der Gemeindeverwaltung ausgeschieden wird, so könnte man hoffen, daß dereinst ein schwerer Mißstand in unseren Gemeinden aufhört. Es hat sich nämlich bei uns der Gedanke eingebürgert, die jüdsche Gemeinde sei eine Art Wohlthätigkeitsverein, bei dem man es natürlich finden muß, daß an dessen Spitze reiche und wohlthätige Männer stehen. Es ist jetzt fast selbstverständlich geworden, daß man nur reiche Gemeindemitglieder in die Gemeindeverwaltung wählt. Diese Herren mögen an sich recht brave Leute sein und es sehr gut meinen, aber in allen religiösen und culturellen Fragen des Judenthmns wissen sie nicht Bescheid. Der Verfall der Gemeinden ist wohl in erster Reihe auf diesen Umstand zurückzuführen. Leute, die ein Waisenhaus errichtet haben und ein solches auch leiten können, haben über die Besetzung des Rabbinates zu entscheiden, den Gebetritus festzusetzen, über das Maß der nöthigen Reformen beim öffentlichen Gottesdienst zu beschließen, das Programm des Religionsunterrichtes zu entwerfen, gelegentlich auch über jüdische Kunst und Wissenschaft ihr Gutachten abzugeben — und in den meisten Fällen ist es auch danach. Meine These lautet somit: Alle, denen es mit der Wiederbelebung des Judenthums und der Schaffung besserer Zustände in der Judenheit ernst ist, müssen dahin wirken, die eigentliche Gemeinde von der Armenpflege zu trennen, denn sonst wird das Judenthum im Laufe der Zeit ein großes Asyl für unhellbare Kranke, ein großes Armenhaus. Dr. S. Bernfeld. Vom Jahrmarkt des Levens. Gloffcn zur Tagesgeschichte. (Der alldeutsche Sumpf. — Schmul Leeb Kohn. — Jude und Ungar. — Unbeglichene Forderungen.— Die Ehre des Dr. Schalk. — Vergani und Justizminister Glaser.) Mll viel Behagen plätschern die freien und unfreien Alldeutschen in dem Sumpfe ihrer eigenen Gemeinheiten. Sie freuen sich sichtlich, daß dieser Sumpf viel Unrath enthält, und schleudern sich gegenseitig die Kothkügelchen ins Gesicht. Der Meister will natürlich der Herr Schönerer sein, allein er muß die Schmach erleben, von seinem einstigen Jünger und Verehrer auch hier übertroffen zu werden. „Bezahlte und bestochene Preßbestie!" bezeichnete der Schloßherr von Rosenau seinen ehemaligen Mitstreller, den Herr Jro als Hochzeitsredner von Teschen bezeichnet. Der Wolf aber wehrt sich seines Felles und erinnert seine Freunde an die bittersten Momente in ihrem bisherigen Dasein. Dem „Ehrenwort-Jro" trägt er Ohrfeigen an, aber Herrn Schönerer gibt er einige tüchtige Maulschellen und ruft chm drei inhaltsschwere Worte zu: „Schmul L e e b Kohn!" So bestätigt Herr Wolf die jüdische Abstammung der Sprößlinge Schönerer's. Bon autoritativster Seite ist es endlich ausgesprochen, daß sich Schönerer vergeblich müht, denn seine Kinder können nach den heiligen Principien der Partei niemals durch Reinheit zur Einheit alldeutscher Gemeinheit gelangen. Die Herren, die sich in politischer Beziehung so arg befehden, haben nur mehr einen neutralen Boden gegenseitiger Verständigung: Wenn sie sich im Kothe finden, da verstehen sie sich gleich! * * * Der Abgeordnete Berger hat in uralten Jahrgängen einer Fachzeitung einige Daten über die Donau-Dampfschifffahrts- Gesellschast gelesen. Er übersetzt sie vom Deutschen ins Alldeutsche und hält im Parlamente eine Blüthenlese von Beschimpfungen und wüthenden Angriffen gegen die Leitung der Gesellschaft. Bon dem Director der Gesellschaft, Herrn Hofrath Ullmaun, weiß er wohl nichts Nachtheiliges zu berichten, nur hat er zwei Fehler. Hofrath Ullmann ist Ungar und Jude dazu, zwei Gründe, um nach Herrn Berger's Meinung unfähig für die Verwaltung des größten österreichischen Schifffahrts- Unternehmens zu sein. Der Abgeordnete der Wiener Handelskammer, Herr von Kink, meinte in seiner Erwiderung auf die Angriffe des alldeutschen Collegen: „Es ist sehr traurig, wenn man in Oesterreich einen Mann, der der österreichischen Volkswirthschaft große Dienste geleistet hat, deshalb schmäht und st einigt, weil er Ungar und Jude ist! Herr von K i n k regt sich über Dinge auf, die schon längst zu den Grundgesetzen des Staates gehören. Er selber weiß, daß man Herrn U l l m a n n, ehe er seinen heutigen Posten erhielt, das Anbot machte, sich taufen zu lassen, und erst nachdem der durch seine Kenntnisse und seine Begabung. ausgezeichnete Mann die verschämte Unverschämtheit zurückwies, mußten die Herren, welche ihn nach Wien und Oesterreich berufen hatten, mit dem Juden vorlieb nehmen. * * * Die Zahl der Forderungen, welche unsere Patent-Deutschen unbeglichen lassen, nimmt immer größere Dimensionen an. Erst hat Herr Wolf erklärt, „Juden keine Waffenehre" zu geben. Das war eine Pauschalirung. Nun verweigern ihm die Herren Schalk und Berger die „ritterliche" Genugthuung; sie wollen ihn nicht bestechen! Herr Berger hat übrigens einen Record geschaffen und an einem Tage gleich drei Forderungen unbeglichen gelassen. Inzwischen sieht sich der „Kronprinz der Partei" genöthigt, einen Ehrenrath einzuberufen, um zu erfahren, ob er überhaupt noch eine Ehre hat. Wenn die fünf Ehrenrichter die Ehre des Herrn Dr. Schalk finden sollten, so wollen sie ihm dieses Ding zurückgeben und mit Rücksicht auf den geringen Werth auf einen Finderlohn verzichten. Wolf, dessen Ehre schon ganz abhanden gekommen ist, mag sich freuen: Sein grimmigster Gegner ist seiner würdig. * 4c * Aber auch das Bezirksgericht in Linz und das Schwurgericht von Brüx suchen den Herrn Schalk. Dieser jedoch hat den alten Grundsatz der Antisemiten noch in Erinnerung und fürchtet als echter Deutscher nichts — nur den Gerichtssaal. Hinter dem Schutzwall parlamentarischer Immunität verschanzt/ schimpft er wacker und muthig, bis der Schluß der Session ihn von allen Gefahren, die ein Schwurgerichtsproceß in sich birgt, glücklich befreit hat. Der Schalk sitzt lieber dem Wolf im Nacken, als in einer Arrestzelle des Bezirksgerichtes von Linz. * * * Herr Vergani hat in der abgelaufenen Woche wieder seine obligatorische Thätigkeit ausgenommen, indem er seinen Lesern eine neue Fälschung vorführte. Von dem gewesenen Justizminister Glaser hat Herr Vergani keine hohe Meinung. Die unsterb" lichen Leistungen Glaser's auf dem Gebiete unserer Strafgesetzgebung finden keine Gnade vor dem einstigen Ehrenbürger von Mühldorf und Abgeordneten von Stein. Herr Vergani kennt Glaser aus einem Brief, den er angeblich im „Judenspiegel" ge—lesen hat. Der Brief enthält zwar keine Reifebeschreibung über Norwegens Küste, immerhin aber einen kleinen Ballbericht, den Minister Glaser seinen Vater gesendet haben soll. Was läßt also der „Judenspiegel" den großen Juristen über den Hofball berichten: „Aus Zeitungs-Telegrammen wirst Du schon erfahren haben, daß ich vorgestern zum Hofball geladen war. Ich und Dr. Unger waren der Gegenstand, um welchen sich die Aufmerksamkeit der gesammten Gäste des Hofes drehte. Keine Dame, ja keine Prinzessin war auf dem Ball, welche nicht gefordert hätte, daß wir derselben vorgestellt würden; jede forderte eine Tour und ich glaube, wenn die allerhöchste Frau anwesend gewesen wäre, daß wenigstens ich das Glück gehabt hätte, vom Ceremonienmeister zu einer Quadrille mit Höch Derselben befohlen zu werden." Nach dieser bescheidenen Erzählung erörtert Dr. Glaser sofort seine Zukunftspläne. Natürlich der Mann ist nach solchen Erfolgen im Ballsaale berechtigt, auszurusen: „Noch ein Jahr und das von Gott auserwählte Volk ist am Ziel seiner zu Paris abgeschlossenen Allianz!" Das war ein prächtiger Mensch der Herr Dr. Glaser. Mitten in der Erinnerung der Genüsse eines Hofballs vergißt er nicht an seine Religionsgenossen, an Allianzen und an Paris! Wahrhaftig ein Jude nach dem Sinne des Herrn Vergani, der stets an die Obligaionen, die Verpflichtungen denkt, die er den Glaubensgenoffen schuldig ist. I s e g r i m.