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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 407 einen Empfehlungsbrief vom Zar Nikolaus I. erwirkten. Diese Briese verbürgten und brachten auch den gewünschten Erfolg; die Judenverfolgung hörte auf, die Thäter wurden hingerichtet. Die Mission des Herrn Lazare wäre gewiß von großem Vortheile, wenn man in Paris und London, wo die einflußreichsten Juden der Welt leben, bedacht gewesen wäre, den Delegirten mit Briefen des Präsidenten Loubet und des Königs Eduard an König Carol auszurüsten, und wenn dieser auch in seinem Lande nicht jenen bestimmenden Willen hat, wie der deutsche Kaiser in seinem Reiche, so hätte er doch vermocht, das Elend der 250.000 Unglücklichen zu lindern und die eben so rechtlose als unverdiente Verfolgung aufzuhalten. Wie aber die Sachen jetzt stehen, möge sich Niemand durch die lügenhaften Darstellungen des amtlichen Communiquos täuschen lassen — die wahren Communiques lese man in den Wiener Bahnhöfen an den abgehärmten, sorgen gefurchten Gesichtern der rumänischen Emigranten, an den Jammergestalten ihrer Weiber, an den fahlen Wangen ihrer hungernden Kinder, und wem ein menschliches Gefühl im Herzen pocht, der springe dem Elend bei! T e p l i tz, 9. Juni. Leo Herzberg-Fränkel. Die jüdische Armrnpflrge. Berliner Brief. Die jüdische öffentliche und private Wohlthätigkeit hat ihre Geschichte und ihre Psychologie. Das Letztere ist durch das Erstere erklärlich; denn wenn ein Stamm Jahrtausende hindurch eine solche intensive und weitverzweigte Armenpflege hat, wie die Judenheit, so muß dies seinen Einfluß auf die Charakterbildung dieses Stammes ausüben. Es wurde bereits von manchen Dichtern diese Eigenart des jüdischen Volkes poetisch geschildert: von der einen Seite das Bewußtsein, von dem jeder wohlhabende Jude mehr oder weniger beherrscht ist, daß er Wohlthaten üben muß, von der andern Seite das Gefühl des jüdischen Armen, daß er unter allen Umständen eine Unterstützung verlangen und fordern darf. Es ist auch eine alte Erfahrung, daß sich jüdische Arme zu jeder Zeit leichten Muthes auf die Wanderschaft begeben haben; „überall würden sich schon Glaubensgenossen finden, die weiter helfen werden", in dieser Erwägung griff man zum Wanderstab. Die jüdische Armenpflege war auch vorzüglich und nach jeder Richtung hin gut entwickelt. Vielleicht gab man manchesmal etwas zu leichtfertig, und Täuschungen kamen oft vor. Das mochte in den einzelnen Fällen recht ärgerlich sein, aber im Großen und Ganzen hat es nicht geschadet. Im Allgemeinen galt bei uns die obligate Armenunterstützung, mit der wir — zu unserem Ruhme sei es hervorgehoben — der ganzen Culturmenschheit vorangegangen sind; von der andern Seüe aber galt es bei den Juden als eine schwere Sünde, Unterstützungen zu empfangen, wenn man es nicht durchaus nöthig hatte. Gewiß wurde dieses Verbot oft genug übertreten, wie es ja auch zu allen Zeiten häßliche Geizkragen gegeben hat, die sich der Pflicht der Nächstenliebe entzogen haben. Aber das beweist nichts gegen die Güte des Systems, denn eben nur dys Gute wird leider von Unwürdigen mißbraucht. Unser Armenunterstützungswesen ist somit an sich sehr gut gewesen, nur sind unterdessen die Verhältnisse ganz anders geworden. : Neben der öffentlichen Wohlthätigkeit arbeitete die private, und diese war die eigentliche jüdische Wohlthätigkeit. Einem Familienvater zinsenlos ein kleines Capital vorschießen, damit er sich eine wirthschaftliche Existenz gründe, dies geschah stets und war bei würdigen Leuten etwas Selbstverständliches. Dasselbe war der Fall, wenn Jemand in eine augenblickliche Verlegenheit gerieth und Geld oder.Credit brauchte, um sich auf die Beine zu helfen. Man machte nicht viel Aufhebens damit. Gegen Abend traf man beim öffentlichen Gottesdienst oder beim Talmudvortrag einen Nachbarn, von dem man annehmen konnte, daß er im Besitz von Baarmitteln sei. Man entlieh bei ihm in der einfachsten, unbefangensten Weise die nöthige Summe, die man später, wenn die Geschäfte besser gingen, mit Dank zurückerstattete, wobei jedoch der freundliche Geldgeber in der Regel auch den Dank zurückwies. Auch der wirkliche Arme, der die öffentliche oder die private Wohlthätigkeit in Anspruch nahm, stand auf einer socialen Stufe, die gar nicht so tief war. Es konnte leicht Vorkommen, daß Jemand Vormittag eine Geldunterstützung in Empfang genommen hatte, gegen Abend aber bei einer Gemeindeversammlung recht muthig auftrat, zumal wenn er ein Gelehrter war und durch „die Krone der Lehre" im Ansehen stand. Solche Verhältnisse sind heutzutage unmöglich, weil bei uns Juden leider „eine Umwerthung aller Werlhe" in pejus vor sich gegangen ist. Jetzt heißt es bei uns wie auch bei den Anderen: „Reichthum ist keine Schande und Armuth macht nicht glücklich." Das haben so die Zustände gemacht, und gegen diese kann man nicht ankämpfen. Wenn der jüdische Krösus nicht mehr unter den minderbemittelten Glaubensgenossen wohnt, wenn er fast niemals in das Gotteshaus kommt, überhaupt von der jüdischen Gemeinde nur noch so weit Notiz nimmt, daß er den Steuerzettel honorirt und gelegentlich auch einem Wohlthütigkeitsverein seine Spende gibt, so kann von ihm nicht verlangt werden, daß er den Vorgängen in der jüdischen Welt besondere Aufmerksamkeit widme. Zudem wird der reiche Jude von der allgemeinen, nichtjüdischen Wohlthätigkeit stark in Anspruch genommen. Merkwürdig! Auf Schritt und Tritt predigt man uns Bescheidenheit — wir sollen uns doch nicht überall vordrängen! Aber auf diesem einen Gebiet nimmt man es uns nicht übel, wenn wir unbescheiden sind, daß jüdische Wohlthäter auf allen Spendenlisten mit namhaften Summen verzeichnet sind. In Berlin steht sogar ein Jude an der Spitze der „Gesellschaft vom Rothen Kreuz", ohne daß Jude oder Christ daran Anstoß nimmt. Unter solchen Umständen ist aus der jüdischen Wohlthätigkeit eine wahre Bettelei geworden, die Niemandem wirkliche Hilfe bringt, aber sehr großen moralischen Schaden zufügt. Es thut mir sehr weh, wenn ich um das Haus, in dem sich das Bureau der Armenverwaltung befindet, viele Glaubensgenossen herumlungern sehe, denen doch nur für die nächste Zeit geholfen wird. Ich will nicht in ein Paradoxon verfallen und die Albernheiten der Nietzscheaner wiederholen, die Armenpflege hindere nur die Zuchtauslese und die Auspflanzung, da die „viel zu vielen" den Uebermenschen Raum und Luft, die zu ihrer mächtigen Entwicklung nöthig wären, entziehen. Ich stehe auf dem Standpunkt des Judenthums: „Wer nur ein Menschenleben erhält, dem wird es ungerechnet, als ob er die ganze Menschheit vom Untergang gerettet hätte." Aber ich fordere entweder wirksame Unterstützung oder lieber gar keine. Die jetzige Armenpflege wirkt nur demoralisirend und entnervend. In erster Reche müßten sich die Gemeindeverwaltungen darüber klar werden, welche Aufgaben ihnen gestellt sind. Rein menschliche Wohlthätigkeit, d. h. solche, die nichts mit den religiösen oder culturellen Anforderungen des Judenthums gemein hat, müßte principiell ausscheiden Eine jüdische Gemeinde hat Synagogen zu unterhalten — freilich keine Prunksynagogen, in denen der Gottesdienst operettenhaft veranstaltet wird — für den Religionsunterricht zu sorgen, der viel gründlicher fein müßte, als er jetzt in der Judenheit ist, die jüdische Wissenschaft zu fördern, wobei ich unter jüdischer Wissenschaft nicht etwa ein paar abgerissene Bücherdeckel verstehe; höchstens noch für die Erziehung der Waisen, damit sie nämlich jüdisch erzogen werden, und für die rituelle Speisung von Kranken u. s. w., da die meisten Juden immer-

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