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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 24 Dr. BLoch's Wochvnschrifl. Seite 403 entdecken würden, den dem Lande drohenden horrenden Verlust zu verhüten? — Ich bin fest überzeugt, nur einer derartigen solidarischen Erklärung bedarf es, und den Ausschreitungen des Antisemitismus sind die Schranken gezogen. — Aber den reichen Juden fehlt der Esprit de Corps, sie wähnen sich geschützt vor den Strömungen des Judenhasses, wenn sie nur ihre Namen auf jeder Colleete durch Hunderte und durch Tausende hervortreten machen — sie ahnen nicht, daß man ihr Geld nimmt und sie verlacht, wenn man ihnen auch bei Einweihungen rc. Complimente macht und ihnen sogar die Hand drückt. Achten kann sie unter den obwaltenden Verhältnissen kein Mann von Charakter." Herr Meier schüttelte den Kops. „Ich begreife Dich nicht, früher hast Du ganz anders gesprochen." Ganz natürlich, denn die Verhältnisse waren andere. In welcher auch nur nominell anständigen Gesellschaft hätte man sich erlaubt, seinen Judenhaß zu bekennen? Man hätte fürchten müssen, für ungebildet gehalten zu werden, und wenn man es gar gewagt hätte, die vom Staate anerkannte Religion der Juden anzutasten, so wäre der Staatsanwalt eingeschritten. Damals waren die reichen Spenden, die die Juden jedem wohltyätigen oder gemeinnützigen Unternehmen zugewendet haben, Zeichen von Edelmuth und Hochherzigkeit — heute zeugen sie vom Gegentheil. — Darum war ich damals ein warmer Freund unserer jüdischen Mitbürger — heute dagegen bin ich ein Judenverächter." „Einen Mann wie meinen Chef darf man auch heute nicht verachten", fiel der Kranke erregt ein. „Ich will Deinen Herrn Kohn durchaus nicht zu nahe treten und bitte, Dich zu erinnern, daß ich Dir vom Anfang an gesagt habe, daß meine Aeußerungen dem Allgemeinen gelten sollen." „Man kann aber doch nicht behaupten —". Er unterbrach sich selbst, draußen in der Hausflur vernahm man Schritte, Kinderstimmen wurden laut. „Die Kinder kommen aus der Schule", sagte die Frau, indem sie aufstand, „ich werde ihnen draußen ihr Vesperbrot geben, Du mußt Ruhe haben." „Daß Du dem Poldi nichts gibst", rief der Kranke heftig, „der soll sofort hereinkommen." Sie blickte ihn kopfschüttelnd an. „Wenn Du ihm zur Strafe für seine Ungezogenheit das Vesperbrot entziehen willst, so werde ich ihm keines geben, darauf kannst Du Dich verlassen, aber weshalb soll er hereinkommen, was hat er hier zu thun?" „Weil ich ihm nochmals meine Meinung sagen will", erwiderte der Kranke mit vor Erregung bebender Stimme. „Lieber, guter Mann, ich bitte Dich um 's Himmelswillen, schone Dich! Du wirst Dich wieder krank machen —" „Sei vernünftig Paul, die Geschichte eilt doch nicht, Du kannst dem Poldi ein anderesmal Deine Meinung sagen." „Aber es ärgert mich zu sehr, daß dem Buben das heute so hingehen soll — gerade in Deiner Gegenwart will ich ihn abkanzeln." „Und Dir dadurch Fieber zuziehen, nichts leichter als das. Nein Paul, so unvernünftig wirst Du nicht sein. Aber wenn Du gerade so besonderen Werth darauf legst, daß der Poldi in meiner Gegenwart abgekanzelt wird, so werde ich das schon allein besorgen, aber nicht hier bei Dir, damit Du Dich von Neuem aufregst, sondern draußen in der Küche oder im andern Zimmer. Vorhin hat mich Deine Frau aufgefordert, daß ich Dir die Lewiten lese, jetzt werde ich sie in Deinem Namen Deinem Sohn lesen." „Am besten wär' es, wenn Du ihn in meinem Namen mit der Hundspeitsche traktiren würdest." „Nein, mein Lieber, das Beste wäre das nicht und überdies, dazu habe ich mich nicht erboten." „Ich weiß, ich weiß, ich will Dir's auch nicht zumuthen —" „Aber was das Abkanzeln betrifft, dazu bin ich bereit —" „Nun denn, wenn Du so gut sein willst — aber nur gehörig." „Sei unbesorgt. Du weißt, was ich übernehme, das führe ich auch aus. Vor Allem werde ich mich bemühen, ihn dazu zu bringen, daß er den jungen Kohn um Verzeihung bittet und dann hoffe ich ihn Dir als reuigen Sünder zuführen zu können, das heißt, wenn ich mit Bestimmtheit darauf rechnen kann, daß Du Dich dann nicht weiter aufregen, sondern die Sache auf sich beruhen lassen wirst." „Darauf kannst Du Dich verlassen, wenn er den jungen Herrn Kohn um Entschuldigung bittet und verspricht, sich nie wieder dergleichen zu Schulden kommen laffen zu wollen, so ist die Geschichte abgethan und ich bin ruhig." „Das ist die Hauptsache", sagte Wiesner, indem er ausstand. „A reviderci amico mis!" Er nickte dem Kranken zu und folgte Frau Meier, die schon vorhin das Zimmer verlassen hatte. Draußen wartete sie schon auf ihn. „Wie kann ich Ihnen danken, Herr Wiesner, wenn Sie jetzt nicht da wären, dann hätte er sich wieder aufgeregt — die ganze Nacht hätte er sicherlich wieder Fieber gehabt." „Er ist noch sehr schwach", entgegnete Wiesner, „es wäre vielleicht das Beste, wenn Sie die Kinder gar nicht hinein ließen, damit er sich über nichts aufregt oder ärgert." „Ach die Kinder — ich meine die beiden Kleinen, die sind ja so brav, über die ärgert sich mein Mann nie und hat nur Freude, wenn sie bei ihm sind. Aber der Poldi — der Poldi —" sie seufzte schwer, „mit dem ist es schon seit einiger Zeit kein Auskommen mehr. So keck ist er und so faul — Sie glauben nicht, was ich für Angst ausgestanden habe, daß er im vorigen Jahr in seiner Claffe sitzen bleibt — wenn er nicht aufgestiegen wäre, mein Mann hätte ihn halb todt geschlagen —" Wiesner schüttelte den Kopf. „Das hätte ich nicht gedacht, ich habe ihn immer für brav und fleißig gehalten." „Früher ist er 's auch gewesen, aber seit dem vorigen Jahr, seit der neue Prvfeffor an der Schule ist, der beständig über die Israeliten schimpft, seitdem ärgert sich der Poldi daß mein Mann in einem israelitischen Bureau arbeitet. Mir scheint, einige Kameraden haben ihn gehänselt, haben gesagt, er dürfe nicht lachen, wenn der Professor Witze über die Juden macht, weil wir von den Juden leben. Aber gerade darum treibt er 's am ärgsten, der dumme Bub. — Und schlecht ist er auch. Man klagt ja nicht gern über seine eigenen Kinder, aber weil Sie doch g'rade dazu gekommen sind — und weil Sie ihm doch in's Gewissen reden wollen, da, glaube ich, muß ich Ihnen Alles sagen. — Also denken Sie sich, derselbe Alfred Kohn, den er heute beschimpft und gestoßen hat, der hat ihm geholfen, daß er im vorigen Jahr nicht sitzen geblieben — ohne den — ich mag gar nicht denken, wie das gegangen wäre." „Das ist allerdings stark", erwiderte Wiesner, indem er im Stillen die gegebene Zusage bereute, „aber er ist doch noch jung, wird sich mit Gottes Hilfe noch ändern —" Sie zuckte die Achseln. „Meinen Sie? — Na, Gott soll's geben. — Wollen Sie nur jetzt hinüber gehen in's blaue Zimmer, ich schicke ihn Ihnen sogleich." (Fortsetzung folgt.) Krieflrasten. Ein Consequenter. Der Schriftleiter der unverfälschten „Egerer Nachrichten" ist derzeit ein Herr Matthäus I o k s ch, einer der possirlichsten Burschen, die sich in der deutschböhmischen Provinz herumtreiben. Aus seinen Briefen veröffentlicht die „Ostdeutsche Rundschau" folgende Blüthenlese: 20. December 1896: „Dieser Schönerer ist rein lächerlich und seine Knappen desgleichen. Lassen wir die Bismarck-Knechte in Frieden." — 12. August 1896: „Wäre Schönerer politischer vorgegangen, so wäre heute nicht alles so zerfahrend — 30. August 1896: „Schade, daß Schönerer nicht social vorgebildet ist. Seine ganze Strammheit heißt halt nichts, wenn er keine grundlegenden Gedanken in das Volk hineinzutragen vermag. K n e ch t s s i n n herrscht ohnehin schon genug im deutschen Volke, den brauchen wir durchaus nicht mehr." — 8. Juli 1896: „Ich muß immer lachen, wenn ich daran denke, daß man mich in das österreichische Abgeordnetenhaus hineinschicken will. Was werden Schönerer und sein Gefolge sagen, wenn ich sie eines Tages entlarven werde?" — Am 7. April 1898 schreibt Herr Joksch von der „Jude nblödigkeit desHerrn von Rosenau", am3.Juni 1899 meint er gar, Stein i st k e i n E h a r a k t e r". — Und am 2. Mai 1897 schreibt Joksch mit Bezug auf die „Unverfälschten Deutschen Worte": Die Leute fordern mich zur Rechtfertigung auf. Das ist doch zu kindisch, das Vernünftigste ist, ich ignorire die Sache, denn belehren läßt sich so ein Unbedingter doch nicht." Die Affaire Seidl ist für die Deutschösterreicher ein wahrer GlücksfaU, denn nur ihr danken sie es, daß sie ihre Heroen nach und nach genau kennen lernen. Alldeutscher. In der „Deutschen Volkswacht" in Teplitz veröffentlicht ein gewisser Tr. Franz Zinner ein „Eingesendet", indem es unter Anderem heißt: Anfangs December v. I. fragte ich Herrn Dr. Eisenkolb, warum Schönerer das weit schwerer zu verurtheil ende Vergehen eines „Unbedingten" gegen eine

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