Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 395 zu Revolten, und so überzeugend war es, daß die Juden nur durch Schuld der Behörden zum Aeußersten getrieben waren, daß selbst die Gendarmerie in geheimen Berichten an den Minister sich der Juden annahm. Auch der Gouverneur Woronzow that seine Pflicht. Allein die Unterbehörden betrogen den Gouverneur, bestahlen und belogen den Staat und beraubten die Juden in der empörendsten Weise. Nur ein Gutes hatte sich aus dem unsäglichen Elend herausfinden laffen: Es wurde in einer Denkschrift festgestellt, wie die Colonisation, der Transport, die Vorsorge, die Unterbringung hätte arrangirt werden sollen, damit sie zweckentsprechend gewesen wären, und auf dieses Resultat sollte man immer wieder zurückkommen, wenn man Colonisationsprojecte ersinnt. Die traurigen Ereignisse waren nun zu Ende, aber von mehr als 25.000 Juden, die aus allen Landestheilen nach Cherson gezogen waren, blieben nur etwa 13.000 übrig, die auf 15 Colonien vertheilt wurden. Ueber den Zustand dieser Colonien lauteten die Berichte anfangs sehr ungünstig. Geht man aber den Ursachen nach, so findet man w'.eder, daß nur die schlechte Behandlung die Schuld daran trägt, daß die Entwicklung der Colonien zurückblieb. Alle ehrlichen Besucher stimmten darin überein, daß eoeteris paribu8 die Juden die volle Eignung zum Bauernstände besitzen. Nach und nach befferten sich die Verhältnisse und ein Bericht aus dem Jahre 1883 constatirt bereits, daß die jüdischen Colonien in Cherson in Bezug auf rationellen und ergiebigen Betrieb denen ihrer christlichen Standesgenossen nicht mehr nachstehen. Die jüdischen Bauern zeigen rastlosen Fleiß und Hingebung an den Beruf, ihre moralische Führung wird als vorzüglich gerühmt, ihre physische Eignung wird nicht mehr bezweifelt! Auch Berichte aus neuester Zeit bestätigen den guten Zustand dieser Colonien, die förmlich als Oasen in der Wüste des russisch-jüdischen Lebens anzustaunen sind. Ihr Fortbestand, ihr Gedeihen ist ein lebendiger Protest gegen die Mißhandlung, welche den Juden im übrigen Rußland zutheil wird, sie sind die glänzendste Widerlegung der ungerechten Urtheile über die Arbeitsfähigkeit und Arbeitslust unter den Juden, sie sind der sprechendste Beweis dafür, daß es nicht an den Juden, sondern an deren Feinden liegt, wenn die Ersteren nicht zu Pflug und Egge greifen. Wo man ihnen nicht in den Arm fällt, da arbeiten sie nicht nur wie Andere, sondern besser wie Andere! Herr Lichtenstadt schloß mit folgendem Appell: „Daß ich Ihnen diese alte Geschichte, die sich von den Jahren 1801 bis 1846 abspielte, erzählte, geschah nicht, um Ihr Mitleid zu erwecken, mir schwebte vielmehr vor. daß ich im Stande sein werde, Ihr Solidaritätsgefühl neu zu beleben und Sie zu bewegen, sich dieser. Noth zu erinnern — wenn die Noth des Tages an Ihre Thüren pocht. Und die Noth des Tages pocht an Ihre Thüren. In mannigfaltiger Art gelangt die Bitte um Hilfe für die Juden an Ihr Ohr. Der Leidensweg der Juden ist nicht zu Ende. Die Menschen haben den Culturgrad noch nicht erreicht, auf dem sie befähigt wären, in Gottes Ebenbild ihren Mitbruder zu sehen. Obwohl sie an Einen Gott glauben, an einen Baumeister aller Welten, an einen Vater aller Menschen, befehden sie sich nur ihrer Farbe und vermeintlichen Abstammung willen, wegen Körperunterschiede und Sprachverschiedenheiten, wegen der Verschiedenheit in der Anbetung des höchsten Wesens. Und die Juden sind die Meistverfolgten, die unversöhnlichst Gehaßten. Hier nimmt man ihnen das Brot oder will ihnen die Arbeit verwehren, dort jagt man sie von Haus und Hof. Dieser Verein und Brudervereine bemühen sich den Hilfesuchenden Arbeit zu verschaffen. Andere Organisationen sind bestrebt, Colonien zu gründen theils im eigenen Lande, theils die vom Lande ausgestoßenen in fernen Ländern anzusiedeln. Die Hilfeleistung wird von allen Seiten gefordert. Wie immer die Noth an Ihre Thüren pochen mag, seien Sie den Leiden der Juden eingedenk, seien Sie der Märtyrer eingedenk, die mit dem Leben die Arbeitslust bezahlt haben, seien Sie der guten Eigenschaften des Volkes eingedenk, dem Sie angehören, seien Sie auch der Fehler eingedenk, die mit so schweren Opfern bezahlt wurden, und vermeiden Sie dieselben. Lassen Sie sich nur von demjenigen Gefühle leiten, das Sie bisher so glänzend bewährt haben, wahrer Menschenliebe, treuer Volkszugehörigkeit. Stürmischen begeisterten Beifall lohnte den Vortragenden, dem der Präsident und Baurath R. v. Goldschmidt unter allgemeiner Zustimmung den wärmsten Dank abstatteten. Hierauf wurde dem Vorstande das Absolutorium ertheilt und die Mitglieder desselben wiedergewählt. Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom 8. Juni 1902, unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Klinger Beginn der Sitzung um halb 11 Uhr Vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeben, an Spenden: Von Frau Helene von Mauthner, aus Anlaß des Ablebens ihres Gatten Herrn Gustav Ritter von Mauthner, zur Bertheilung an Arme . . . K 2000.— „ Herrn Max Ritter von Gutmann, anläßlich des Sterbetages seines Vaters, zur Bertheilung an Arme.„ 400.— „ Anonymus „M. (5/, aus Anlaß des Sterbetages seiner Mutter, zur Bertheilung an vier arme jüdische Familien.„ 200.— Legat Heinrich M. Elias, für das Spital der israel. Cultusgemeinde.Frcs. 100.— „ 95.30 Von Herrn Wilhelm Freistadt, für die israelitische Versorgungs-Anstalt.„ 30.— „ Frau Friederike Groß, aus Anlaß der Genesung ihres Gatten, Spende einer Schulchan-Decke für das Währinger Gemeindebethaus. „ Frau Rosalie Goldschmidt, 44 Flaschen Wein für die Siechenabtheilung der israelitischen Bersorgungs anstatt. „ der Firma Lourie & Co., eine Wäschekiste für die israelitische Versorgungsanstalt. Den Spendern wird der Dank votirt. Spenden im Gemeindebethause I., Seitenstettengasie 4: Von Herrn Emil Weiner, für die israelitische Armenanstalt .K 10.— für die „Chewra-Kadischa".„10.— ~ „ Herrn Dr. Heinrich Benies, für das israelitische - Taubstummen-Jnstitut.„ 10.— „ Herrn M. Braun, für die „Israelitische Allianz" „ 10.— ' „ Herrn Gustav Stiaßny. für die israelitische Armenanstalt.10.— Spenden im Gemeindebethause II., Tempelgasse 3: Von Herrn D. Josef Reis, für das israelitische Altersversorgungshaus .K 10.— „ Herrn Ignaz Kantor, für die „Chewra-Kadischa" „ 20.— Weiters werden mitgetheilt: ein Dankschreiben der Rabbinerswitwe Frau Regine Wolf für die ihrem verstorbenen Gatten, dem verewigten Herrn Rabbiner Dr. Jonathan Wolf, seitens der Cultusgemeinde erwiesenen Ehrungen: eine Zuschrift des Wiener Magistrates, betreffend den Benützungsconsens für den Erweiterungsbau des Spitales der israelitischen Cultusgemeinde und eine Einladung des Wiener Magistrates zur Theilnahme an einer commiffionellen Verhandlung in Angelegenheit des Projectes der Regulirung des Gebietes nächst der ehemaligen Nußdorferlinie. Ueber Ersuchen des Präsidenten übernehmen die Herren Vice-Präsident Dr. Stern und Baurath Stiaßny die Vertretung des Cultusvorstandes bet dieser Verhandlung. Eine Anregung des Dr. Steiner, betreffend das Verlesen der Hafthoras durch Barmizwa-Knaben, überweist der Vorsitzende zur beschleunigten Vorberathung an die Commission für rituelle Angelegenheiten, welche das Einvernehmen mit dem Rabbinate zu pflegen haben wird. Herr Cultusvorsteher Salo Cohn bringt einen concreten Fall zur Kenntniß des Vorstandes, in welchem ein Religionslehrer bei der Prüfung eines Schülers durch bic Art der Fragestellung jenes taktvolle Berständniß angeblich vermiffen ließ, welches zur Vermeidung von Gegensätzen zwischen Schule und Haus in der Jetztzeit mehr denn je geboten sei, und verlangt Abhilfe. Herr Director Simon verweist diesbezüglich auf die bestehenden Instructionen, deren Einhaltung solche Vorkommnisse ausschließen würde. Reichsrathsabgeordneter Auspitz tritt für Strenge gegenüber jenen Lehrern ein, welche den Instructionen zuwiderhandeln und zu Conflicten zwischen Elternhaus und Schule Anlaß bieten. Nachdem noch Herr Cultusvorsteher G e w i t s ch darauf hingewiesen, daß solche Angelegenheiten zunächst in der Schulcommiffion zur Sprache zu bringen wären, wird die Erklärung des Herrn Bicepräfidenten Dr. K o h n zur Kenntniß genommen,