Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 394 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr 24 Den Einnahmen in der Höhe von L 9816'81 stehen die Ausgaben im Gesammtbetrage von L 7347 23 gegenüber, so daß der Verein zu Beginn des Jahres 1902 über einen Baarsaldo von L 2469'58 verfügte. Das Stammvermögen des Vereines an Werthpapieren belief sich Ende 1901 auf Nominale K 10.700 — Rente und 2 St. Ung. Hypotheken-Lose. An die Mitglieder des Vereines wird die Bitte gerichtet, die Bestrebungen, welche der materiellen Unter st ützung und damit auch der moralischen Hebung des Gewerbe st andes gewidmet sind, zu unter st ü tz e n, indem sie für den Beitritt zu unserem Vereine Propaganda machen. Nur wenn reiche Geldmittel zu Gebote stehen, wird der Verein in der Lage sein, achtbaren jüdischen Handwerkern und Gewerbetreibenden die zur gesicherten Fortführung ihrer Th ätigkeit erforderlichen Geldsummen zur Verfügung stellen zu können. Der Bericht wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Sodann dielt kais. Rath Johann Lichten st adt einen Vortrag über „Jüdische Bauern colo nien in Ruß- Ifl«d", aus dem wir die charakteristischen Stellen hier folgen lassen: „Es war ein edler Gedanke eines wegen seiner Hochherzigkeit und Menschlichkeit berühmten, aber auch wegen seiner Schwäche bekannten russischen Kaisers. A l e x a n d e r I.. der zur Gründung dieser Colonien Anlaß gab. Die Juden sind in Rußland länger ansässig, als das jetzige Herrscherhaus, ja länger als das russische Reich als solches besteht. Noch als das heutige Rußland in einzelne Fürsten- und Großfürstenthümer gespalten war, hatten sich Juden an den Küsten des Schwarzen Meeres bis zur Wolga hinauf angesiedelt. Mit der Vernichtung der Theilfürstenthümer und Festlegung der russischen Herrschaft beginnt die Leidensgeschichte der Juden in Rußland, die mit nur kurzen U rterbrechungen seit nahezu tausend Jahren andauert. Blos vier Herrscher haben sich in dieser lange Epoche den Juden wohlwollend gezeigt; es waren dies die größten Kaiser, die Rußland überhaupt hatte, und es ist gewiß kein Zufall, daß ihre Menschlichkeit neben ihrer politischen Größe ein gewaltiges Element ihres Handelns bildete. Es waren dies Peter der Große, Alexander I., Nicolaus I. und Alexander II. Kaiser Alexander I. war es, der, von dem lauteren und hochherzigen Bestreben geleitet, seine jüdischen Unterthanen dem Elend zu entreißen, in welches sie eine unduldsame Gesetzgebung und eine unmenschliche Behandlung gestürzt hatte, beschloß, sie zu Ackerbauern heranzubilden. Seine Idee fand bei den Juden begeisterte Aufnahme. Kaum war das kaiserliche Decret erschienen, als sich so viele Juden meldeten, daß neun Colonien ' gegründet werden konnten. Das Land wurde ihnen in Cherson — damals Neurußland genannt — angewiesen. Aber die edlen Absichten des Kaisers scheiterten an der Mißgunst der Tschinowniki, die den Kaiser belogen und die Juden betrogen. Die Mehrzahl der Colonisten. von den Beamten an den Bettelstab gebracht, mußte auswandern, der kleine Rest, der blieb, führte eine jämmerliche Existenz. So kläglich endete der erste Colouialversuch. Kaiser Nikolaus I., von dem man sich in dieser Beziehung zumeist ein falsches Bild machte, ließ sich von den Beamten nicht irre führen, er erkannte die Wahrheit und wußte die Schuldigen herauszufinden. Er erließ nicht nur ein neues Decret zn Gunsten der jüdischen Bauerncolonieu, sondern trug sich mit der Absicht, in Sibirien ein großes Colonisationsproject mit Hilfe der Juden durchzuführen. Einer der genialsten Finanzminister. die Rußland besaß, Kaukrin, bestärkte ihn darin, und der Kaiser entschloß sich, etwa 20.000 Hek ar in Omsk und Twersk für die Judencolonien zu bewilligen. Aber auch eines russischen Kaisers Allmacht hat eine Grenze, wenn die Tschinowniki nicht wollen! Und es gab solche, die nicht wollten, dan des Kaisers wohlwollende Absicht überhaupt zur Ausführung gelanqe, und es gab wieder Andere, die es als einen Schaden für Rußland selbst bezeichneten, wenn man dem Lande — ich citire die Worte eines Gouverneurs — »eine so nützliche, für das Wohl desselben durchaus nothwendige Clafie der Bevölkerung entziehe". Der Gouverneur von Smolensk, Diakow, richtete ein Memoire an den Minister des Innern, Bljudow. in welchem er hervorhob, „daß die jüdisch: Bevölkerung die uralten guten Eigenschaften ihres Volkes, die Nüchternheit, den ausdauernden Fleiß, die treue Hingebung an den Beruf, die Loyalität an den Staat unverändert behalten hat. Die jüdische Bevölkerung werde wesentlich dazu beitragen, den gesunden Wohlstand des Landes zu heben, wofern nur die Regierung sich bewogen fühle, die tausendfachen Beschränkungen und die grundlose schmachvolle Behandlung zu beseitigen. Die Juden hätten nicht nur die vollste Befähigung, tüchtige Ackerbauern zu werden, sondern wünschen mit vollem Herzen, diesen Beruf zu ergreifen." Die Juden begeisterten sich für den Gedanken der Colonisirung in Sibirien. 5000 meldeten sich zum ersten Anlauf und noch einige Tausend machten es ihnen gleich — aber die Behörden trafen keine Anstalt zur Uebersiedlung. 70 Familien zogen zuerst auf eigene Kosten nach Sibirien, einige Hundert folgten ihnen — in Sibirien war keine Vorsorge zur Aufnahme getroffen, sie hatten auf der Reise ihre Mittel erschöpft, zerlumpt, halb verhungert kamen sie an. Ihre Wanderung, ihre Opfer waren vergeblich. Am 5. Jänner 1837 entschied Nikolaus: Die Uebersiedlung der Juden nach Sibirien wird eingestellt. Die Ausgewanderten wurden als Vagabunden über die sibirische Grenze gebracht. Es begann eine förmliche Treibjagd auf die armen Ansiedler. Cavalleriedetachements, Gendarmerie und Polizisten wurden aufgeboten, um nach ihnen zu fahnden und sie, die nur einem Kaiserwort zu viel vertraut hatten, in Gefängnisse zu bringen, wo sie in barbarischer Weise behandelt wurden. Auch da wieder bezeichnen Hekatomben von Menschenopfern den Leidensweg, den die Juden durchzuwandern hatten. Dies war das Ende des zweiten Projectes zur Gründung russisch-jüdischer Bauerncolonien. Nicht minder unglücklich als diejenigen Juden, welche die Auswanderung angetreten hatten, waren diejenigen ihrer Glaubensgenossen, die in Erwartung der Erfüllung der ihnen gemachten Zusagen sich in Rußland zur Colonisirung vorbereitet hatten. Hab und Gut war verkauft, das Gewerbe aufgegeben, an jedem Tag konnte ja der Befehl zur Reise kommen. Aber Woche auf Woche verrann, so daß der geringe Erlös, der zum Landankauf respective zur Besiedlung bestimmt war, aufgezehrt werden mußte und die Familien in die größte Noth geriethen, ehe sie noch einen Schritt gethan hatten. Der Kaiser hatte allerdings den Befehl ertheilt, 20.000 da in Cherson für die Judencolonien anzuweisen, denn er hielt an dem Plane fest, jüdische Bauerncolonien zu gründen. Aber die beste Absicht des Monarchen schlägt fehl, wenn die ausführenden Organe den Willen nicht haben, des Kaisers Wort einzulösen. Der Plan, in Cherson Judencolonien zu schaffen, war an sich ein guter, allein vom Beschluß zur That war ein weiter Weg — die dritte furchtbare Leideusstation der jüdischen Bauerncolonisten. Die Ausgabe, einen großen Theil der Juden zu Ackerbauern zu machen — die Pläne Alexander I. und Nikolaus I. — waren der Verwirklichung nahe — die Bureaukratie vereitelte abermals das Werk. An die Namen Bljudow und K i s z e l e w knüpft sich alles Elend, das über Tausende und Abertausende jüdische Familien hereinbrach. Sie bewirkten es, daß eine Verschleppung um sich griff, die allein unsäglichen Jammer bewirkte. Die Gouverneure wußten selbst nicht mehr, was sie mit den armen Juden thun sollten und setzten die Karawanen aus eigener Machtvollkommenheit in Bewegung, ohnedaß für den Transport, für Unterkunft auf der Reise, für Lebensmittel und für die Aufnahme auf dem Bestimmungsorte auch nur das Geringste vorgesorgt gewesen wäre. Der Vortragende schilderte noch den traurigen Zug nach Cherson. Alle Augenzeugen, welche die auf dem Marsch nach Minsk und Bobruisk befindlichen Juden-Colonnen zu sehen Gelegenheit hatten, stimmen darin überein, daß so leicht nichts Jammervolleres, Herzzerreißenderes gesehen und gedacht werden konnte, als der Anblick dieser abgematteten, abgezehrten, sich mühsam dahinschleppenden, von den Soldaten mit Schlägen und Hieben erbarmungslos vorwärts getriebenen, noch einigermaßen marschfähigen, und der in den Wagen gleich Schlachtvieh zusammengedrängten kranken Juden jeden Alters und Geschlechtes. Transport auf Transport kam durch Krementschug durchgezogen und langte in Cherson an. Hier aber war nichts zur Aufnahme bereit. Die Minister Bljudow und Kiszelew hatten den Gouverneur Woronzow ohne Directive gelassen und nun füllten die Neuangekommenen die kleinen alten Colonien an. Als diese überfüllt waren, bivouakirten sie zu Tausenden im Freien, die vorhandenen Lebensmittel waren bald aufgezehrt, es trat wirkliche Hungersnoth ein. Obdachlosigkeit und Hunger hatten epidemische Krankheiten zur Folge. In der Verzweiflung kam es