Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Dr. Vloch's Wochvnschrift« Seite 393 Der betreffende „Schriftleiter", der das niedergeschrieben, hat keine Ahnung davon, welche Dummheit er mit diesem Geständnisse geleistet hat. Nehmen wir an, der Antisemitismus, das heißt also die Verfolgung derjenigen, die als Juden zur Welt gekommen, gleichviel ob sie ehrliche und brave Menschen sind oder nicht, sei berechtigt. Mehr kann man wohl auch von einem antisemitischen Hof- und Gerichtsadvocaten nicht verlangen. So sollte man wenigstens glauben. Hier sehen wir aber, daß zum antisemitischen Programm auch die Verbreitung des Ritualmordmärchens gehört und daß die Verbreitung dieses Glaubens sogar einem akademisch gebildeten Manne, einem Juristen, zugemuthet wird. Ja noch mehr; es soll ihm auch verwehrt sein, einen Zweifel „an dem tatsächlichen Bestand des Ritualmords" auszusprechen und zwar auch in dem Falle, als sein eigener gut christlicher Schwager in den Verdacht gebracht wird, daß in seiner Küche Mazzes mit Christenblut bereitet werden. Nach dem Wunsche des „Deutschen Volksblattes" darf kein Antisemit dem Glauben an den Ritualmord entgegentreten, auch wenn seine eigenen Angehörigen des Ritualmords verdächtigt werden. Der großen Sache muß man auch ein Opfer des Jntellects zu bringen wissen. * * * Die öffentliche Armenpflege ist keine Angelegenheit der Politik. Den wesentlichen Grundzug derselben bildet der philanthropische Satz: „Staat und Gesellschaft sind verpflichtet, für jeden Hilfsbedürftigen Sorge zu tragen". Der Staat har die Aufgabe, Arbeitsfähigen Beschäftigung, den Arbeitsunfähigen Unterhalt zu verschaffen. Der mildthätige Gesichtspunkt überwog sogar den polizeilichen, und von dieser Anschauung geleitet, wurde die Fürsorge für die Armen den Gemeinden übergeben. Aber unsere Christlich-Socialen sind auch in diesem Punkte einer ganz anderen Ansicht, als es die Gesetzgebung bezweckte, die Raum schaffen wollte für die Bethätigung humaner Principien. Für die christlich-socialen Machthaber in Wien bildet jeder Zweig der öffentlichen Verwaltung nur eine Sache der Streberei und des Stellenschachers. So mußte es auch mit der Institution der Armenräthe gemacht werden. In allen Bezirken wurden von den einzelnen Vertretungen die Armenräthe gewählt und da war wieder Gelegenheit, Personen, welche sich um die christlich-sociale Sache als Wirths- Haus-Agitatoren oder Stimmzettel-Schacherer entsprechende Verdienste erworben haben, mit einem Titelchen auszuzeichnen. Am deutlichsten kam dies bei den Armenrathswahlen im Bezirke Alsergrund zum Ausdrucke. Dieser Bezirk erfreut sich erst seit ganz kurzer Zeit des Wohlwollens der Antisemiten. In der letzten Wahl-Lotterie haben die Herren eine zur Majorität genügende Anzahl Mandate für den Bezirksrath ergattert und die erste That war die Bethätigung antisemitischer Gesinnung an jüdischen Armen und Bedürftigen; zu diesem Zwecke mußte der aus 170 Personen bestehende Armenrath, der durch viele Jahre in musterhafter Weise seine Obliegenheiten erfüllt hat, von den 27 Armenräthen gesäubert werden, die jüdischer Confession sind. Bon den christlich-socialen Organen durch schmetternde Fanfaren eingeleitet, begann der Kampf gegen die 27 Männer, die ihre Kraft und ihre Zeit der mühseligen Thätigkeit eines Armenrathes gewidmet haben. In zwei Sitzungen, die der Bezirksrath dieser ehrenvollen Sache widmete, gelang das Werk: die jüdischen Armenräthe und mit ihnen einige als Liberale „verdächtige" Herren wurden in antisemitischer Weise für ihre jahrelangen Mühen bedankt, das heißt aus der Körperschaft hinausgeworfen. Der Sattlermeister Stary, der derzeit als Bezirksvorsteher fungirt und als Mann von Bildung und Sitten seines Freundes Strobach bekannt ist, konnte schon am nächsten Tage seinem Herrn im Rathhause die freudige Kunde überbringen und bald wird man Herrn Staiy auch die Salvatormedaille um den Hals hängen. Die Angelegenheit hat eine ernste Bedeutung. Den Competenzen der Armenräthe sind im Allgemeinen die Erhebungen und die Antragstellung über Unterstützungsgesuche, die Auszahlung der vom Magistrate bewilligten dauernden Unterstützungen und die Gewährung von kleineren Geldbeträgen zugewiesen. Wer sich um ein solches Ehrenamt bewirbt, darf nicht nur „Armenrath" heißen, sondern muß es auch in des Wortes edelster Bedeutung sein. In seine Stube drängt sich während der Amtsstund.e das Elend in all seinen Gestalten. Er muß rathen, helfen, unverschuldete Noth zu lindern suchen. Gemüth und Verstand als gleichberechtigte Factoren wirken lassen. Bei uns Juden ist Mildthätigkeit heilige Pflicht und Selbstzweck. Die Pflicht entspringt aus dem Glaubenssatze: „Jehova gehört alles Land, von ihm erhält es der Landwirth zum Lehen, dafür hat er die Pflicht, dem Armen von dem Ertrage abzugeben." Von solchen humanen Grundsätzen wissen sich die Antisemiten frei. Haß, Rohheit und Unduldsamkeit find die obersten Grundsätze ihrer Lehre und nach denselben handhaben sie auch die Armenpflege, insbesondere wenn es jüdische Arme gilt. Ein Beispiel für diese Anschauungen liefert der antisemitische Bezirksrath F. L. Lichtblau in einer Zuschrift, die am selben Tage im „Deutschen Volksblatt" erschien, in welcher der Sieg bei den Armenrathswahlen am Alsergrund gefeiert wurde. Herr Lichtblau theilt in dieser Zuschrift feinen Gesinnungsgenossen mit, daß er jüdische Arme, die in der Leopoldstadt wohnen, unnachsicht l ich anzeige, wenn er sie bettelnd antreff?, er belustigt sich an den Gebresten der Elenden, indem er sie „reif für das Panoptikum" erklärt, er denuncirt sie und fordert die Gesinnungsgenossen auf, gleich ihm zu handeln. Das ist Wohlthätigkeit und Armenpflege in der Aera der antisemitischen Herrschaft und in der Aera der Denunciation. l 8 e g r i m. Urrrm;nr Unterstützung israelitischer Krwrrlictrcilirndcr nnd yandwerker. Im Saale der israelitischen Cultusgemeinde hielt dieser Verein am 5. d. M. seine Generalversammlung unter Vorsitz des Präsidenten Baurath Stiaßny in Anwesenheit vieler Mitglieder und Gäste, Vertreter von Vereinen und Repräsentanten der Presse, des Vertreters der Cultusgemeinde Baurath Ritter von Goldschmidt, des Herrn Wiener als Vertreter des Vereins für Arbeitsnachweis u. A. statt. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten trug der Vicepräsident Oberbaurath T a u s s i g den Geschäftsbericht vor, dem wir folgende Daten entnehmen: Im Jahre 1901 sind dem Vereine als st i f t e n d e Mitglieder beigetreten : Herr Samuel K o l i s ch s. A. (in Folge eines Legates) mit K 600 und Herr Paul-Schiff, Wien, mit einer Spende von K 200. Außerdem sind Spenden im Gesammtbetrage von 809°60 Kronen zugekommen. Die von einigen Mitgliedern wie alljährlich in ihrem Familien- und Bekanntenkreise veranstalteten Sammlungen haben ein Erträgniß von K 81 63 ergeben. Im abgelaufenen Berwaltungsjahre sind an den Vereins- Vorstand 249 Darlehens- und Ünterstützungsgesuche gerichtet worden, von welchen 32 (29 Darlehen und 3 Unterstützungen) in zustimmendem Sinne erledigt, 152 ablehnend beschieden und 64 zur Behandlung in das nächste Vereinsjahr übernommen wurden; 1 Gesuch wurde von dem betreffenden Petenten zurückgezogen. Die Summe der bewilligten 40 Darlehen beträgt 5140. Kronen. Die bewilligten 5 Unterstützungen betrugen zusammen 150 Kronen. Dem Gewerbe nach vertheilen sich die Darlehensnehmer wie folgt: 1 Auskocherei, 1 Brotverschleißer, 3 Bürstenbinder, 1 Ciseleur, 1 Damenconfectionär, 1 Damenkleidermacher, 5 Damenkleidermacherinnen, 1 Drechsler, 1 Elektrotechniker, 1 Friseur, 1 Geflügelhändlerin, 1 Gemischtwarenhändlerin, 1 Hausirer, 1 Kaffeeschänker, 1 Kunstblumenerzeuger, 1 Kunststickerin, 1 Mechaniker, 1 Metalldreher, 1 Obsthändlerin, 1 Schirmmacher, 1 Schlosser, 3 Schneider, 1 Schneidergehilfe, 2 Schuhmacher, 1 Spängler, 2 Tapezierer. 1 Trödler, 1 Bordruckerei, 1 chemische Wäscherei, 1 Zimmermaler. Schließlich wollen wir noch erwähnen, daß wir kurze Zeit vor Verfassung dieses Berichtes eine neue Institution zur Förderung der Vereinszwecke ins Leben gerufen haben. Mit einstimmigem Vorstandsbeschlusse wurde ein D a m e nc o m i t 6 eingesetzt, welchem gegenwärtig angehören: Frau Director Zolles, Frau kaiserl. Rath Lichtenst a d t, Frau Commercialrath Pollak von Rudin. Frau Baurath Stiaßny, Frau Dr. Bela T a u s s i g, Frau Oberbaurath T a u s s i g. Seit dem Bestände des Vereines wurden bis Ende 1901 496 Darlehen mit dem Gesammtbetrage von K 75.920'— bewilligt. Die geleisteten Rückzahlungen erreichten eine Gesammthöhe von L 38.004'67.