Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 392 Dr Vloch's Wochenfchrifk. Nr. 24 digte sich damit, er hätte den Aufruf ungelesen unterschrieben. Ich stellte ihm in Aussicht, demnächst mit einem Wechsel über eine recht hohe Summe zu kommen, hoffentlich unterschreibt er ihn ebenfalls ungesehen. Wie die Verhältnisse in der Großstadt liegen, mag ja wohl richtig sein, daß wir die Centralstelle nicht entbehren können, weil wir sehr viel Gewohnheitsschnorrer haben, die sich auf die faule Seite legen wollen. Gut denn, wir müssen somit die Controle mitsammt ihren Fehlern annehmen. In diesem Falle hätte die Centralstelle eine sehr hohe Aufgabe: das ganze Armenwesen zu reformiren und sich auch mit den Wohlthätigkeitsvereinen eingehend zu beschäftigen. Freilich wäre dies nicht leicht, und ohne manche Ehrenbeleidigungsklage dürfte es nicht ablaufen. Aber die Herren haben in ihrer Mitte einige tüchtige Rechtsanwälte und werden sich schon die Leute vom Halse schaffen. Außerdem wäre es dringend nöthig, daß man sich darüber klar werde, wo die jüdische Wohlthätigkeit eiuzugreifen hätte, da wir doch eine obligate communale Armenpflege haben. Zur Zeit ist die Sache oft reine Schablone. Die .jüdische Wohlthätigkeit stellt sich in den' meisten Fällen auf den Standpunkt der commuualen, und darum ist sie überflüssig und auch schädlich. Denn die communale Armenpflege hat wenigstens die erziehliche Bedeutung, daß sie die Leute nicht verwöhnt. Wer nur arbeiten kann, arbeitet, um ihr nicht anheim zu fallen. In früherer Zeit war die jüdische Wohlthätigkeit bemüht, die uothleidenden Juden auf einer gewissen socialen Höhe zu erhalten und ihnen in der augenblicklichen Verlegenheit zu helfen, damit sie sich wieder aufraffen. Dies hat nunmehr aufgehört. Unter solchen Umständen halte ich .die jüdische öffentliche Wohlthätigkeit für überflüssig und schädlich. Ob der Arme noch ein paar Mark bekommt, ist wirklich ganz gleichgiltig. Für diesen Zweck ist es schade um die großen und kostspieligen Apparate. Natürlich sind davon ausgenommen Kranken-, Siechenhäuser und Altersversorgungsaustalten, Waisenpflege u. dgl., obwohl auch da sehr viel zu reformiren wäre. Die Herren, die sich der öffentlichen Armenpflege widmen und gewiß es am besten meinen, werden sehen, daß ich mit der größten Ruhe und Sachlichkeit discutire. Ich will demnächst meine Anschauungen in dieser Frage ausführlicher darlegen. Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Für st in von Monaco. — Wucher und Liebe.— Ein christlicher Ritualmörder. — Antisemitische Armenpflege.) „Die Jüdin auf dem Throne", so nennt das „Deutsche Volksblatt" die Fürstin von Monaco, deren Liebesabenteuer und Ehescheidung den pikanten Unterhaltungsstoff der vornehmen Kreise bilden. Man lacht über den Fürsten, der die Tiefen des Oceans besser kennt als die Geheimnisse seines Schlafzimmers, man lacht über die Fürstin, die in einem talentlosen Musiker ihren Riga gefunden hat und durch ihr Geld aus ihm einen berühmten Componisten machen will. In der ganzen Scandalgeschichte des Hauses Monaco ist nichts „Jüdisches", nichts, was dazu Veranlassung bieten könnte, den Fall aus dem Gesichtspunkte des Antisemitismus zu beleuchten. Doch halt! die Gemalin des Fürsten, in dessen Reich, wie ein geistvoller Schriftsteller sich ausdrückte, keine Cocotte untergeht, entstammt einer einst jüdischen Familie — genug daran, um in einer Ehebruchsgeschichte, wie sie in allen Ländern und bei allen Völkern jeden Tag sich ereignen kann, das »Oberelles 1e juif“ oder „la juife“ anzuwenden. Die Juden müssen wuchern, meint das Verganiblatt, und so „wucherte" denn die schöne Fürstin mit ihrer Liebe. Diese Auffassung eines dreieckigen Verhältnisses als Bethätigung des Wuchertriebes ist nicht ohne heitere Originalität und hätte sich eigentlich leicht begründen lassen. Der „Isidor", so heißt der Geliebte der Fürstin von Monaco, war ihr um hundert Percent lieber als ihr Albert. Echt jüdischer Wucher!.Allerdings hat der Besitz von „Isidor" keine Zinsen getragen; im Gegentheile, die Echaltungskosten haben sich ziemlich hoch gestellt, und nur die Gemahlin eines Herrschers, der eine internationale Spielbank betreibt, kann sich den Luxus eines solchen „Isidor" erlauben. Daß solche Neigungen und Verirrungen fürstlicher Personen nicht an's Judenthum gebunden sind, dafür liegen doch in der Geschichte aller Zeiten Beispiele vor, von denen einige wenigstens den Ethnographen des Verganiblattes bekannt sein sollten. Wir erwähnen nur als Beispiel jene überaus fromme Königin, der die Tugendrose verliehen ward und die von ihren Unterthanen als die wahre „Landesmutter" gepriesen ward, denen sie zahlreiche Kinder gebar, jedes von einem anderen zufällig in das königliche Schlafgemach gerathenen Vater. In Dr. Schrank's Geschichte der Prostitution werden von arischen Königinnen Dinge erzählt, die die Schamhaftigkeit eines Zuchtstieres zu verletzen geeignet sind, ynd wenn eine reiche Dame einen Liebhaber soutenirt, so kann man, meine sehr geehrten Tugendbolde vom „Deutschen Volksblatt", vielleicht von sittlicher Verkommenheit beider Theile, aber nicht von jüdischem Wucher sprechen. Die Fürstin hat ja keine Zinsen von ihrem Liebhaber genommen, sie hat ihn auch nicht dazu verwendet, sich Geld auf Wechsel von ihm verschaffen zu lassen, deren Echtheit nachträglich in Zweifel gezogen wurde, und ihre Verwandten haben ihn auch nicht dem Zuchthause überliefern und die Fürstin nicht unter Curatel stellen lassen, damit die Verpflichtungen aus den Wechseln nicht erfüllt und die Frage der Echtheit der Unterschriften nicht öffentlich in Discussion gezogen werden kann. Wo liegt da also der Wucher und insbesondere der jüdische Wucher? Da stand vor einigen Tagen vor den Wiener Geschwornen ein waschechter Christlich- Socialer, ein Parteigänger der Lueger-Garde, der auf seiner Firmatafel in dem Taufnamen „Christian" die erste Silbe zweimal dick hatte unterstreichen lassen, damit kein Passant und kein Käufer über die Gesinnung des Geschäftsinhabers, nicht über seine christliche, sondern über seine antisemitische Gesinnung im Unklaren sei. Ec hat die Kunden betrogen, gefundenes Geld verheimlicht, seine Ladenmädchen verführt und eines derselben, das ihm nicht zu Willen war, durch eine verleumderische Anzeige ins Unglück zu stürzen versucht. Alle Schlechtigkeit und alle Niedrigkeit des Charakters, deren ein Mensch überhaupt fähig ist, prägte sich in der Handlungsweise dieses Mannes aus, der ein vollwerthiger christlich-socialer Antisemit gewesen und nur zu candidiren gebraucht hätte, um in den Gemeinderath gewählt zu werden, dem ja auch der Herr Hans Arnold Schwer und der Herr Alexander P u r s ch t angehören. Wien ist eine Musikstadt; vielleicht hätte sich auch bald der Tondichter für einen Schodl- Marsch gefunden, da doch unsere musikalische Literatur auch über einen Bergani-Marsch verfügt. Die verbrecherischen Handlungen dieses Herrn Schodl sind aber nicht „christlichsocial"; es sind eben Handlungen eines verbrecherisch veranlagten Individuums. Auch Juden haben schon ähnliche Schurkenstreiche begangen. Wenn aber dieser Schodl ein Jude gewesen wäre, dann hätte es dem Verganiblatt ein wahrhaft kannibalisches Vergnügen bereitet, den „jüdischen" Wüstling, den „jüdischen" Betrüger für die Judenhetze zu fructificiren. Darin liegt eben die Niedertracht des antisemitischen Treibens und darum ist auch die Fürstin von Monaco nicht, wie sonst, eine abenteuerlustige galante Dame oder, wenn schon Moral gesotten werden soll, eine tadelnswerthe Ehebrecherin, sondern „eine Jüdin auf dem Throne". * * * Der Schwager des Hof- und Gerichtsadvocaten Doctor Rabenlechner ist beschuldigt worden, einem Dienstmädchen Blut für Osterzwecke abgezapft zu haben. Der Anzeiger wurde deshalb wegen Ehrenbeleidigung geklagt und in der Klage hieß es, der Beschuldigte entstamme einer streng katholischen Familie. Auch sei es „hoch an der Zeit, daß diesem Ritualmärchen energisch an den Leib gerückt werde." Das „Deutsche Volksblatt" bemerkt hiezu: „Wieso der „Antisemit" Dr. Rabenlechner dazukommt die allerdings alberne Beschuldigung, welche gegen seinen Schwager erhoben wurde, zum Ausgangspunkt einer Action gegen den Glauben an den tatsächlichen Bestand des Ritualmordes zu machen, ist uns nicht recht verständlich. Wir sehen deshalb mit einem begreiflichen Interesse der Verhandlung entgegen, die Herrn Dr. Rabenlechner — dem einstigen antisemitischen Redner in den antisemitischen Wählerversammlungen — ja Gelegenheit bieten soll, „dem Ritualmärchen energisch an den Leib zu rücken".