Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift. LeUe 391 Unbestreitbar ist es ein gutes Werk, alle Sorge auf die Ausbildung der Jugend zu verwenden. Die Ausbildung ist in der modernen Gesellschaft für Jeden die unentbehrliche Wegzehrung, der durch die mannigfaltigen Beschwernisse des Lebens sich seinen Weg bahnen will. Sie gibt dem menschlichen Sein den vollen Werth. Wenn der richtigen Ausbildung auch eine gute moralische und religiöse Erziehung sich zugesellt, so werden Menschen, würdig dieses Namens, herangebildet. Daß die Pflege des physischen Wesens, der körperlichen Gesundheit, vor Allem von Wichtigkeit ist, daß sie die Grundlage jeder anderen Pflege sein muß, das steht fest. Die Alten haben es immer wieder gesagt und der Judaismus hat es durch den Mund aller seiner Lehrer verkündigt: Damit das moralische Wesen, das Geistesleben, das Pflichtbewußtsein sich in voller Größe entfalten können, ist vor Allem ein kräftiges, widerstandsfähiges, wohläusgerüstetes Werkzeug erforderlich. Wissen. Talent. Genie — selbst die Tugend, können die Gesundheit nicht entbehren. Das ist nun der Grund dafür, daß die „Ferienheime" „60loni68 des vacances“, wie sie in Paris benannt werden, als eine unschätzbare Wohlthat für die Kinder sich erweisen, einen unermeßlichen Dienst den Familien leisten, eine Grundlage der Kraft und des Wohlergehens für die Zukunft der menschlichen Gesellschaft bilden. Darum Dank allen Jenen, die es sich zur Aufgabe machen, der Ohnmacht der armen Familien abzuhelfen und ihren Kindern jene Vortheile zu bieten, die sonst nur den wohlhabenden und reichen Elasten zugänglich wären. Es gibt kein menschenwürdigeres, kein frömmeres Werk als dieses, keines, das so wie dieses, den Dank der Menschen, den Segen Gottes verdiente. Zadoc Kahn, Grand-Rabbin." We öffentliche Wohlchiitigkeit. Ein Berliner Brief. Die private Wohlthätigkeit ist bei uns immer mehr im Schwinden begriffen, man kann beinahe sagen, daß sie gänzlich aufgehört hat. Dafür entwickelte sich die öffentliche Wohlthätigkeit in einer früher kaum geahnten Weise. Sie wird entweder von gemeindewegen ausgeübt, der auch ziemlich große Hilfsquellen zur Verfügung stehen und oft auch große Spenden zufließen; zum Theil aber ist sie in den Händen der Vereine, die sich mit den verschiedenen Zweigen der Armenpflege befassen. Seit einigen Jahren sind bei uns alle Wohlthätigkeitsvereine organisirt, d. h. sie sind durch eine Centralstelle mit einander und auch mit den Gemeindeinstituten, zum Theil sogar mit manchem privaten Wohlthäter verbunden und so leicht im Stande, eine Controle auszuüben, damit die Armenpflege nicht von Unwürdigen mißbraucht werde. Diese Einrichtung habe ich seit ihrem Bestehen bekämpft, weil ich in ihr eine schwere Gefahr für die Wohlthätigkeit fand, dort, wo sie am nöthigsten ist. Ich meine jene Leute, die sich nur sehr schwer entschließen, die Hilfe Anderer in der Noth anzurufen, und dies jetzt umsoweniger thun, weil ihr Anliegen durch alle Vereine gehen muß. Es muß nämlich überall angefragt werden, ob nicht der Petent das gleiche Gesuch auch an andere Vereine gestellt hat. Das soll früher sehr oft vorgekommen sein, und ist noch jetzt der Fall, weil Einige wohl von dem Bestehen der neuen Einrichtung nichts wissen. Natürlich läßt sich Solches zur Zeit leicht feststellen, und ein Mißbrauch ist ausgeschlossen. Dafür aber nimmt die öffentliche Wohlthätigkeit einen noch viel öffentlicheren Charakter an. Meine Kritik, die ich in Wort und Schrift an diesem System übte, wurde den leitenden Personen bekannt, die es mir verübelten. Zuerst war ich ein böser Mensch, der Gefallen daran finde, Leute, die doch nur Geld und Zeit im allgemeinen Dienst opfern, zu tadeln. Später wurde mir gesagt, ich wäre leichtgläubig und laste mir die Ohren von allerhand Schnorreru vollblasen. Ein böser oder ein dummer Mensch — das ist jedenfalls hart für Einen, der recht gutmüthig ist und Verstand doch mindestens so viel wie ein stellvertretender Gemeinde-Repräsentant hat. Oder bekommt man solchen wirklich erst mit dem Amt? Gleichzeitig führte ich einen Kampf gegen das Vereinswesen überhaupt und insbesondere gegen viele Wohlthütigkeitsvereine, gegen die ich den Vorwurf erhob, daß sie recht überflüssig, ja mitunter sogar schädlich sind. Ich weiß aus Erfahrung, welche Zerfahrenheit in vielen Vereinen herrscht, bei dem das Wohlthun nur Nebensache ist; es kommen bei manchen auch direct Unredlichkeiten vor, wobei sie doch die Wohlthätigkeit absorbiren. Leute, die solche Verhältnisse nicht kennen, glauben ihrem Wohlthätigkeitssiun genügen zu können, wenn sie ihr Schärflein an einen der Vereine geben, ohne zu wissen, welcher Unfug damit getrieben wird. Nun ist mir in der letzten Zeit eine glänzende Genugthuung zutheil geworden. Ueber das Vereinswesen im Dienste der Wohlthätigkeit wurde vor Kurzem in einer offieiell vom Magistrat veröffentlichten Schrift bitter geklagt. Und dabei kannte der Verfasser dieser Schrift die Mißslände nicht zur Genüge. In vielen Fällen vereinigen sich Eitelkeit, Wohlthätigkeitssport und Unredlichkeit, um im Namen der Menschlichkeit mit dem Heiligsten und Edelsten Mißbrauch zu treiben. In vielen Fällen ist der Hilfsverein zu dem angegebenen Zwecke gar nicht nöthig; es wurden schon Vereine gegründet und dann erst wurde eifrig berathen, was sie thun sollen, wobei man mitunter in arger Verlegenheit war, kein geeignetes Object finden zu können. Die Sache geschieht so. Herren oder Damen haben den Ehrgeiz, an der Spitze von Wohlthätigk.itsvereinen zu stehen, Anderen wiederum ist dies eine Art Sport und Zeitvertreib, wiederum Anderen eine Existenzfrage! Man vereinigt sich nun und vertheilt die Rollen, und tritt dann an die Oeffentlichkeit. Namentlich bei uns in Berlin ist nichts leichter als das, weil man hier mit einer gewissen Unverfrorenheit und Dreistigkeit recht weit kommt. Es laufen bei uns viele Personen herum, die von Almosen leben, d. h. von Almosen, die sie für Andere sammeln. Denn wer für sich und die eigene Noth verlangt, wird an die Centralstelle verwiesen und erhält nach langen Recherchen zehn Mark, falls er nicht früher gestorben ist und der Rasen längst seinen Grabhügel deckt. Ich muß erzählen, was mir vor Kurzem widerfahren ist. Da kommt zu mir ein bekannter Vereinsmacher, den wohl Viele schon für nicht ganz — na, wie sollen wir sagen? für nicht ganz uneigennützig halten, und wünscht meinen Rath, auch meine Hilfe in Sachen eines Vereines, der seit einiger Zeit in Stockung gerathen ist. Ich habe von der Existenz dieses Vereines allerdings nicht gewußt, wie war ich aber erstaunt, unter dem Aufruf die allerersten .Namen der Berliner Judenheit zu finden! Zufällig kenne ich die Angelegenheit sehr genau und habe schon darüber an maßgebender Stelle auf Verlangen Auskunft gegeben. Der wohlthätige Zweck des Vereines war höchst fragwürdiger Natur, selbst für solche, die nicht so gut informirt sein konnten, wie ich. Der Betreffende hat mir übrigens ganz einfach mitgetheilt, daß es sich bei ihm um eine Existenzfrage handelt. Freilich kann ein Verein dabei doch höchst nützlich sein, auch wenn der eine oder der andere Mitwirkende davon leben will; aber in diesem Fall ist er es eben nicht. Und immer bleibt es mir ein Räthsel, wie solche Persönlichkeiten den Aufruf mit unterzeichnet haben, ohne sich zu sagen, daß sie indirect dadurch Bundesgenossen gewisser Wohlthätigkeitshyänen werden. Ich fand da Namen von Personen, die sonst bei viel befferen Zwecken ziemlich schwierig zu erlangen sind, und dem ersten besten Schnapphahu gaben sie ein Instrument in die Hand, die Oeffentlichkeit zu brandschatzen. Einen habe ich darüber zur Rede gestellt, und er entschul-