Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 390 Dr. Bloch's Wmhvnschrifk. Nr. 24 Oesterreichs die Erscheinungen aufrichtig bedauern, über welche Klage geführt wird. Die Erscheinungen sind tief traurig, überaus betrübend und eröffnen noch düsterere Aspecte für die Zukunft. Allein die Frage hätte einer Erwägung nahe gelegen, wer eigentlich der Hauptschuldtragende ist an den eingerissenen Uebelständen. Wer hat die Gemeinheit und Brutalität des Tones in das österreichische Parlament eingeführt? Die Gemeinheit und Brutalität zu einem parlamentarischen Machtmittel erhoben, um für die Partei Erfolge zu erzielen? Waren es nicht die ehemaligen Protectionskinder und Lieblinge Sr. Excellenz, die Wiener Christlich-Socialen und deren Häuptling Herr Dr. Lueger ander Spitze? Nicht blos in der Beschimpfung des Militärs, sondern auch in der politischen Kampfmethode, mit Hilfe gemeiner Schmähungen in gleicher Weise behördliche und private Personen einzuschüchtern und in den Parteidienst zu zwingen, ist Herr Doctor Lueger gemeinsam mit seinen Leuten allen anderen „beispielsvoll" wie Freiherr v. Chlumecky sagen würde, vorangegangen. Se. Excellenz Herr Graf Schönborn war maßgebendes Mitglied der Regierung, als Dr. Lueger mit seinen Mannen das österreichische Parlament zum Schauplatz von Redeexceffen erniedrigte, um Abwesende und Wehrlose brutal zu beschimpfen. Man duldete es und ging darüber hinweg, weil man zu bemerken glaubte, daß der Zulauf zum Kirchenbesuch ein größerer werde. Allein Herrn Dr. Lueger haben die Andern seine Mätzchen abgeguckt und abgelernt, und was dem Lehrmeister geglückt ist, wird seinen Nachfolgern nicht versagt bleiben. Die Erfolge des Herrn Dr. Lueger haben Oesterreich an den Rand jenes Abgrundes gebracht, vor welchem wir stehen. Das ist die unerbittliche Nemesis des Weltgerichtes in der Weltgeschichte. Als die neuartige geistige Seuche ausbrach, war man nicht sonderlich beunruhigt, in dem süßen Wahn, sie werde ihre Opfer immer blos in den Reihen der Juden suchen. Allein die Pest hat conseffionelle Grenzen und Vorrechte nie recht respectirt. Es erscheint uns heute aber nicht minder naiv, zu glauben, dieses bis ins innerste Mark krankhaft angefressene Parlament sei durch die äußerliche Cur einer Geschäftsordnung und einer verschärften Disciplinargewalt des Präsidenten zu heilen. Nur eine vollständige Gesundung des gesammten öffentlichen Geistes — wenn es gelingt, die Menschen wieder zu gegenseitiger Schonung und Rechtsachtung. zu jener Gesittung zurückzuführen, die jede, auch dem Wehrlosen zugefügte Kränkung als Rechtsbruch, als Erschütterung der allgemeinen Rechtsordnung schmerzlich empfindet — vermöchte auch die traurigen, das patriotische Empfinden beleidigenden Exceffe aus den öffentlichen Vertretungskörpern Oesterreichs wieder zu verbannen. Vielleicht erinnert sich Se. Excellenz Graf Schönborn an den Satz in der Bibel im 1. Buch Moses, Cap. 42, Vers 21, wo die Söhne Jacobs ausrufen: „Fürwahr wir büßen um unseren Bruder, deffen Seelenpein wir sahen, als er zu uns flehte, und wir nicht auf ihn hörten; darum kommt über uns diese Noth." Großrabbmer- Zadoc Kahn über die Ferienheime. Der Verein „Ferienheim" in Wien bereitet ein großes künstlerisch-literarisches Werk vor, das aus Anlaß des zehnjährigen Bestandes des Vereines der Oeffentlichkeit übergeben werden wird. Hervorragende Persönlichkeiten aus allen Kreisen und ohne Unterschied der Confession und des Standes, gekrönte Häupter, Dichterfürsten, Kunstgrößen haben zu diesem Werke Beiträge geliefert, das sich somit zu einem Denkmal reinster Menschenliebe gestalten wird. Wenn wir heute aus den Beiträgen, die das Buch enthält, einen hervorheben, so geschieht es nicht blos wegen der ehrwürdigen Persönlichkeit, von der er ausgeht, sondern deshalb, well dieser literarische Beitrag durchaus nicht den Charakter einer Gelegenheitsschrift besitzt, vielmehr die Frage der Errichtung von Feriencolonien in principieller Weise behandelt und zugleich Zeugniß davon gibt, wie der auf österreichischem, speciell Wiener Boden emporgewachsene Gedanke sich immer mehr ausbreitet, in fremden Landen Wurzel schlägt, Anerkennung und Verbreitung findet. Unter den Persönlichkeiten, die eingeladeu wurden, sich an diesem künstlerisch-literarischen Werke zu becheiligen, befand sich auch der Grand-Rabbin von Frankreich, der hochverehrte Zadoc Kahn. Dieser hat, der Einladung Folge leistend, an dse Präsidentin des „F e ri enh eim" Frau Sophie Grünfeld einen Artikel gesendet, den wir hier im Wortlaut folgen lassen. Zadoc Kahn schreibt: „Die verehrte Präsidentin des Kaiser Franz Josefs- Ferienheim hat mich mit der Einladung beehrt, einige Zeilen für das Werk zu schreiben, das zu Gunsten dieser interessanten Einrichtung veröffentlicht werden soll. Einer solchen Einladung gegenüber kann ich umsoweniger gleichgiltig bleiben, als es sich für mich um die Abstattung einer Schuld an das „Ferienheim" handelt. Die Veranlassung hiezu ist die folgende: Aus verläßlichster Quelle erhielt ich Kenntniß von den großen Diensten, die diese ebenso schöne als nützliche Schöpfung der armen Bevölkerung leistet, und ich fühlte mich dadurch veranlaßt, in der israelitischen Gemeinde in Paris eine ähnliche Einrichtung, die, von denselben Gedanken geleitet, nach dem gleichen Plan eingerichtet sein sollte, ins Leben zu rufen. Mll Gottes Hilfe waren meine Bemühungen von Erfolg begleitet, denn es ist wahrlich nichts aufmunternder, als das von Anderen gebotene Beispiel zum Guten. Männer mit guten Herzen, Frauen von seltener Hingebung haben dem an sie gerichteten Ausruf in liebenswürdiger Weise Folge gegeben und sich zu gemeinsamem edlen Thun vereinigt, so daß wir jetzt nicht weit von Paris an drei verschiedenen Orten Ferienheime besitzen, Landhäuser, die geräumig und gut gelegen sind, wohin während des Sommers Schaareu armer israelitischer Kinder ziehen, um dort in srischer Luft sich zu ergehen, auf dem Lande Stärkung zu finden, die reine erquickende und kräftigende Landluft einzuathmen, die belebenden Sonnenstrahlen auf sich wirken zu lassen, ihre durch die ungünstigen hygienischen Bedingungen des Wohnwesens in großen Städten geschwächte Gesundheit wiederherzustellen. So hat denn das von Frau Sophie Grünfeld in Oesterreich ins Leben gerufene Kaiser Franz Josefs-Ferienheim seine segensreichen Wirkungen weit über die Grenzen der Haupt- und Residenzstadt der österreichischungarischen Monarchie hinaus erstreckt. Zur Ehre unseres Zeitalters sei es gesagt : Niemals früher war das physische Wohl der Jugend in solchem Ausmaße Gegenstand geheiligter Fürsorge; niemals vorher hat sich die Wohlthätigkeit wahrer Menschenfreunde so erfindungsreich wie in unseren Tagen erwiesen, um gegen die Gefahren verschiedenster Art anzukämpfen, durch welche der junge Nachwuchs in Folge der mannigfachen Functionen der Lebensthätigkeit bedroht wird. Je unwiderstehlicher der Zug ist, der die Landbevölkerung immer mehr den großen Städten zutreibt, wo die Luft und das Licht den Armen doch nur so sparsam zugemessen ist, haben weitausschauende Geister ihre Bemühungen vervielfacht, um Mittel gegen das Uebel zu ersinnen, und sich bestrebt, den durch Entbehrungen blutleer gewordenen Kindern die Gelegenheit zu bieten, wenigstens einen Theil des Jahres im Freien zu verbringen und dadurch einen Vorrath an Kraft, Gesundheit und geistiger Frische zu gewinnen. Man kann diesen glücklichen und fruchtbaren Gedanken nicht genugsam preisen! Es ist wahrhaft entzückend, wenn man sieht, wie rasch die armen, schwächlichen und kränklichen Wesen sich fast bis zum Nichtwiedererkennen verändern und erholen. Wie oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß Eltern, die nur mit Widerstreben sich von ihren Kindern, sei es auch nur für kurze Zeit, trennen wollten, dann mit Thränen in den Augen die Wohlthäter segneten, die von ihnen dieses „Opfer" verlangt hatten! Sie wollten ihren Augen nicht trauen: mager und bleich waren die Kleinen auf's Land gezogen, mit vollen Wangen und blühenden Aussehens kehrten sie heim. Das waren nicht mehr dieselben Kinder!