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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 24 Dr. BlOCfil Jahrgang XII Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. « ----- - =% K. ft. Postlparcassrn-Anrt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Redaction und Administrativ» Wien IX/1, Bsrggafse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. -- Mir«. 13. I««i 1903. Erscheint jeden Freitag. --=*■- Brief-Adresse: Wien, IX/I, Berggafse .19. Telegramm-Adresse: Dlockr's Wochenschrift. Wien %- - Verngsprei» für Ssstrrrrich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. "•.—. . « Inhalt: Leitartikel: „Denn alle Schnld rächt sich auf Erden." — Großrabbiner Zadoc Kahn über die Ferienheime. — Tie öffentliche Wohlthätigkeit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Verein zur Unterstützung israelitischer Gewerbetreibender und Handwerker. — Eorrespondenzen: Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Eultnsgemeinde Wien. „Kauft nur bei Christian." Die Ehre weiblicher Handelsangestellter. Wr.-Nenstadt. Das Ritnalmordmärchen mit irrthümlicher Adresse. Betrngsversuche durch das Blutmärchen. Brünn, Budapest, Essegg, Birovitica, Temesvar. Paris. — Vermischtes: Kranzablösnngsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Wien-Währing, Brünn, Grulich, Teutschbrod» Oedenburg, Triest, Budapest, Serajewo, Szt. Kereszt, Komorn, Jassy. — Feuilleton: Ein Zeitbild. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. „De«« aste Schnld rächt sich auf Erden." Die Strafe und die Schuld begegnen sich, Von dem Magnet des Schicksals angezogen, Und wären sie durch Meere selbst getrennt, An einem Ziele müssen sie sich finden. „Bei einem Verbrechen ist das, was die Welt das Verbrechen nennt, selten das, was die Strafe verdient, sondern da liegt es, wo unter der langen Reihe von Handlungen, womit es sich gleichsam als mit Wurzeln in unser Leben hinein erstreckt, diejenige ist, die am meisten von unserem Willen abhing und die wir am leichtesten nicht hätten thun können." An diese Worte Lichtenberg's wurden wir dieser Tage bei der Lectüre eines Artikels im Wiener „Vaterland" neuerlich erinnert. Das „Vaterland" vom 4. Juni brachte an erster Stelle einen Artikel, gezeichnet 8—6. (Schönborn). unter der Ueberschrift: „Ein krankes Haus" mit folgendem Wortlaut: „In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses hat Herr Abg. Daszynski — wieder einmal — nach Herzenslust geschimpft. Es geschah nicht zum erstenmale, und gewiß ist Daszynski nicht das einzige Mitglied des Hauses, dem der gute Ruf des Nebenmenschen gänzlich gleichgiltig ist, wenn irgend ein politisches Interesse oder auch nur die Lust zur Grobheit befriedigt werden soll. Allein vielleicht doch zum erstenmale ist es vorgekommen, daß die Armee, unseres alten Reiches hervorragende Stütze, der niederträchtigsten, für den Soldaten schimpflichsten Eigenschaft, der Feigheit, beschuldigt wurde, ohne daß außer durch den Ordnungsruf des Vorsitzenden, irgendwie daraus reagirt worden wäre. — Gewiß wird Daszynski's Benehmen von der ungeheuren Mehrzahl aller Abgeordneten im Innern mißbilligt, allein auch die Abgeordneten, welche solche Redeweise gleich uns verabscheuen, sind durch jahrelanges Anhören der Schimpfreden abgestumpft. Weniges ist so entwicklungsfähig im Menschen, wie die Angewöhnung; die Bewohner heißer Zonen gehen ungestört durch das grelle Licht und den Sonnenbrand mit bloßem Kopfe herum; der Müller erwacht, wenn das Geklapper der Mühle aufhört; und wie der Trinker ohne große Quantitäten Alkohols nicht existiren kann oder — will; wie der ganz moderne Musikfreund gewaltigen Lärm in den Ohren haben will und jede andere Musik „fad" findet, so scheint es, daß zu den nothwendigen Eigenschaften des ganz modernen österreichischen Parlamentarismus die Fähigkeit gehört, Grobheiten zu verdauen. — Die Beschimpfung der Minister ist ja so etwas Alltägliches, daß man sich gar nicht mehr darüber aufregt und schon gar nicht mehr darüber wundert; ein nicht unbeträchtlicher Theil der Herren Abgeordneten verwendet im alltäglichen parlamentarischen Verkehre Ausdrücke, welche sonst aus jeder guten Gesellschaft ausgeschlossen sind; der Präsident hört oft gar nicht, was gesprochen wird, hört er es einmal und rafft er sich zu einem Ordnungsrufe auf, so riskirt er, selbst beschimpft zu werden. Die widerlichsten Scenen, welche sonst das Hans in fieberhafte Aufregung versetzt, der Presse Stoff zu den lebhaftesten Erörterungen gegeben hätten, gehen heute spurlos vorüber, sie werden kaum mehr bemerkt, und wenn überhaupt, mit derselben Ruhe und Behaglichkeit wiedergegeben, wie der Verlauf des Derbys oder des Marsfestes in der Rotunde. „Man gewöhnt's", wie es in jenem alten Lustspiele heißt — daß man es gewöhnt hat, ist aber wahrlich kein Lustspiel, sondern nur das traurigste und beschämendste Zeichen der Zeit!" „Gewiß, es kann ja in jedem Parlamente einmal Vorkommen, ist auch in anderen Parlamenten vorgekommen, daß ein Mitglied sich vergißt und einen College» oder einen Auswärtigen, ja, einen ganzen Stand verdächtigt oder beleidigt. Allein, man denke sich einmal irgend ein anderes Parlament, insbesondere das Parlament eines großen Reiches — Deutschland, Frankreich, England — indem ein Deputirter es wagen würde, die Armee so zu beschimpfen, wie es Daszynski gestern gethan hat! Ein Sturm der Entrüstung würde durch das ganze Haus gehen, das beleidigte Ehrgefühl des ganzen Volkes, aus dessen Söhnen ja das Heer besteht, würde aufschäumen und die Reaction würde sich in einer energischen Weise geltend machen; ein solcher Redner müßte entweder Abbitte leisten, sich mäßigen, oder er würde vom allgemeinen Unwillen hinweggefegt werden. Und bei uns? Das hohe Haus nimmt schweigend die Beleidigung hin, und die einzige Weise, in der es reagirt, besteht darin, daß es den Beleidiger durch die mit der Zweidrittel-Majorität erfolgende Annahme des Dringlichkeitsantrages belohnt." „Man mißverstehe uns nicht; wir wollen nicht die einzelnen Abgeordneten, welche für den Antrag gestimmt haben, beschuldigen, als hätten sie damit die Form der Begründung billigen wollen. Allein thatsächlich hat wieder einmal die unleidliche Wildheit und Zügellosigkeit unserer parlamentarischen Sitten einen Triumph gefeiert, und ein Haus, in dem das so oft geschieht, ein Haus, in dem Alles vogelfrei ist, nicht zum mindesten der sonst überall unverletzliche Vorsitzende; ein Haus, welches jahrelang ruhig znsieht, wenn die religiösen Gefühle der großen Mehrheit des Volkes durch. die in Form von Interpellationen geschehene Veröffentlichung der ärgsten ^Angriffe verletzt werden, ein Haus, in welchem schließlich der Radicalismus und die Grobheit immer Recht behalten, ist s ch w e r k r a n k. Wir wollen die Besserung der Zustände und das Verdienst Derer, die daran mitgewirkt haben, gewiß nicht verkennen; an eine Gesundung aber werden wir erst dann glauben, wenn Ordnung und Sitte wieder dauernd eingekehrt sein werden, zwei Tinge, ohne welche nichts Menschliches auf die Dauer gedeihen kann. — Und ohne irgend welche Repressivmittel, ohne eine ausgiebige Disciplinargewalt, geübt durch den Präsidenten oder die Mehrheit des Hauses, wird diese Gesundung nicht eintreten. Das so oft behauptete Gegentheil stellt sich täglich mehr und mehr als Illusion heraus!" So weit der Artikel des Grafen Schönborn im „Vaterland". Zweifellos wird jeder patriotisch gesinnte Bewohner

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