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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 386 Dr. Bloür's WmhvnMrrM. Nr. 33 »Aber das ist doch ganz einfach. Die Zahl der Juden ist zwar im Berhältniß zu der übrigen Bevölkerung nicht so sehr bedeutend — aber ihre Intelligenz — will sagen die Masse der Intelligenten unter ihnen ist allerdings bedeutend, und ist ihr Reichthum auch nicht so colossal, wie er von Seite ihrer Feinde geschätzt wird, so ist er doch groß genug, um sich als Macht Geltung verschaffen zu können. Und ist es unter diesen Umständen nicht geradezu unbegreiflich, daß dieser Theil unserer Bevölkerung, man könnte fast sagen, vogelsrei dasteht, daß ein gebet ungestraft sich gegen den Juden Alles erlauben darf?" »Na ja, das gebe ich zu, aber ich weiß nicht, wo Du hin« aus willst, wenn Du selbst sagstdaß man sich gegen den Juden Alles erlauben darf — wie kannst Du dann behaupten, daß sie es find, die es verschuldet haben, daß der Anttsemitismus diese ungeheueren Dimensionen angenommen — was können sie dagegen thun?" »Sich ihrer Haut wehren, mit allen Mitteln und'Kräften — " »Du möchtest es ihnen doch nicht rathen, daß sie es öfters so machen, wie der Pollitzer neulich?" »Fällt mir nicht im Traume ein. Wenn ich von ihren Mitteln und Kräften spreche, so meine ich damit vor Allem ihr Geld, mit dem sie verhältnißmäßig ungleich mehr Gemeinnütziges leisten als die Bekenner aller übrigen Confessionen. Da gibt es doch im ganzen Lande keine Wohlthätigkeitsanstalt, kein gemeinnütziges Institut, an dem nicht Juden durch hervorragend hohe Beiträge betheiligt wären. Und wie manche Wohlthätigkeitsanstalt für Bekenner aller Confessionen ist nicht einzig und allein durch jüdisches Geld gegründet. Ich habe erst vor Kurzem ein Werk über diese Angelegenheit gelesen und könnte Dir nach demselben eine ganze Anzahl Städte nennen, in denen zum weitaus größten Theile die Armenpflege einzig und allein durch jüdisches ÄAd bestritten wird. Und da darf man die Juden beschimpfen, verleumden, darf ihnen die schmählichsten Jnvectiven in's Gesicht schleudern — und darf morgen mit einer Collecte zu einem Dombau, einem Nationaltheater, einer Kinderbewahranstalt oder Aehnlichem kommen und darf sicher sein, daß der Jude dreimal so viel dazu geben wird, als der Christ, der ebenso reich ist." »Ja, das muß man sagen'", fiel Herr Meier ein, »in dergleichen sind die Juden groß." »Groß nennst Du das? Ich nenne es klein, unter Umständen sogar gemein — dumm ist es jedenfalls, im höchsten Grade dumm — und im Uebrigen sind die Juden doch durchaus nicht dumm." »Freilich nicht. Du bist vielleicht der Erste, der sie im Allgemeinen einer Dummheit zeiht. Und wie Du ihre hervorragende Wohlthätigkeit als Dummheit bezeichnen kannst, das will mir auch nicht recht in den Kopf. Wenn alle Juden heute auf einmal sagen würden, sie geben nicht mehr, als wozu sie durch das Gesetz verpflichtet sind, da würde in gar manchen Caffen ein Deficit entstehen." »Das meine ich auch und darum finde ich es so entsetzlich dumm von den Juden, daß sie trotz all der Unbill, all der Kränkungen, all der Rechtsverletzungen, die man sich ihnen gegenüber erlaubt und die man sich ungestraft gegen sie erlauben darf — daß sie trotzdem unermüdlich sind im Wohlthun gegen die Stammesgenoffen derjenigen, die unermüdlich sind in ihren Anfeindungen gegen sie selbst und ihre Stammesgenossen." »Das kann ich nicht als Dummheit betrachten, im Gegentheil, das nenne ich edel, hochherzig." Herr Wiesner schüttelte den Kopf. »Lieber Freund, Du bist aus einem Holzweg. Wenn wir Arier heute den Juden in's Gesicht spucken und sie morgen für die Bekenner aller Confesfionen irgend ein Heim oder dergleichen gründen, während Bekenner ihrer eigenen Confession zu Tausenden und Zehntausenden heimatlos in der Welt umher irren, so kann ich das weder edel noch hochherzig nennen — dumm ist allerdings auch nicht der richtige Ausdruck dafür — er ist viel, viel zu schwach. (Fortsetzung folgt.) „Schmiere." (Skizze aus dem jüdischen Leben.) Das Familienoberhaupt ist gestorben. Die Hinterbliebenen — in erster Reihe die treue Gattin — die erwachsenen Kinder, schleichen mit gramgebeugten Häuptern durch die Räume. Auch die kleineren Kinder, welche nur das Leben kennen — das fröhliche freie Kinderleben — die noch keine Ahnung haben von Tod und Sterben, von der Tragweite des sie betroffenen Verlustes, treten scheu und leise auf; sehen sie ja doch die liebe Mutter mit thränenüberströmtem Gesichte — die Brüder und Schwestern mit verweinten Augen um sich. Drinnen im Sterbezimmer — vom Todtenbette bereits abgehoben, liegt der Verstorbene — nach orthodoxem Ritus auf dem Fußboden aufgebahrt, mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Es ist bereits Abend und das Zimmer ist von zwei Kerzen, die auf einem Tische stehen, düster beleuchtet. An diesem Tische sitzen zwei Männer, jeder ein Buch vor sich, aus welchem sie still und eifrig beten. Das sind die „Schmiere-Männer" oder Todtenwächter, welche nach jüdischem Glauben die Nacht über bei dem Todten wachen müffen, um durch ihre Gebete die »Schedim" oder die bösen Geister, die sich des Verstorbenen bemächtigen wollen — zu bannen. — Still ist's im Sterbezimmer, schauerlich still, nur ab und zu hört man das Knistern eines umgewendeten Blattes; — die Lichter flackern und werfen unsichere Schatten durch das Zimmer. Träge und langsam schleichen die Stunden der Todtenwacht dahin, doch endlich — endlich graut der Morgen, die Lichter sind herabgebrannt und bald werden die Männer der »Chewra- Kadischa" — der heiligen Bruderschaft erscheinen, um den Todten zu holen und der Erde zu übergeben, was der Erde gehört. Wem fallen da nicht die Worte des Dichters ein: „£> lieb' so lang Du lieben kannst, O lieb' so lang Du lieben magst, Es kommt der Tag — es kommt der Tag Wo Du an Gräbern stehst und klagst.» Julius Wottitz. Literatur. Zehn Trauungs-Gesänge für Cantor, Chor und Orgel von Emanuel K i r s ch n e r. So oft ein neues Werk erscheint, liegt es unwillkürlich nahe, Berührungspunkte mit bereits Dagewesenem aufzusuchen und dieselben sorgfältig zu rubriciren. Biele hervorragende Synagogencomponisten haben ein derartig gestaltetes Urtheil schon über sich ergehen lassen müssen, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, der fachmännischen Bedeutung derselben auch nur um Haaresbreite zu nahe treten zu wollen. Wie aber muß dem gegenüber ein Mann dastehen, der mit souveräner Beherrschung der Kunstformen und ihres Inhaltes von Zeit zu Zeit das Wort ergreift, um jedesmal aufs Neue zu documentiren, daß die wahre und echte Kunst auf religiösem Gebiete keine Schranken eines musikalischen Ghettos kennt, daß sie sich vielmehr fortschreitend entwickelt, um in ihrer Vollendung traditionell und Mutter neuer Thaten zu werden. In allen seinen Schöpfungen durchaus selbstständig und ausgestattet mit einem tiefreligiösen Gemüthe, ist Emanuel K i r s ch n e r, der geniale Obercantor der Synagogengemeinde München, der Mann, welcher so in jeder Beziehung in allen seinen drei bis jetzt von ihm erschienenen Werken als leuchtendes Vorbild uns vor Augen tritt. Zum dritten Male, und zwar in zehn Trauungsgesängen, welche der treuen Gefährtin seines Lebens, Frau Jda Kirschner geb. Bühler. zugeeignet sind, spricht der Meister in einer melodischen Empfindung zu uns, welche jede Annäherung an profane Momente geflißentlich vermeidet; jede Phrase athmet religiöses Leben, und jede Wendung kennzeichnet die gewandte Hand in der künstlerischen Gestaltung desselben. Können wir uns mit dieser hervorragenden Eigenschaft schon begnügen, so muß es um so erfreulicher erscheinen, daß sich Kirschner auch in harmonischer und contrapunktischer Beziehung als Künstler erweist. Seine drei Chöre sind nach dieser Richtung hin außerordentlich feinsinnig gearbeitet, und der in den beiden Gesängen nach der Trauung bevorzugte fugirte Satz ist ein Beweis für den hohen künstlerischen Werth derselben. Zwischen diesen chorischen Aufgaben erscheint der Text des Mi addir in siebenfacher Behandlung für den Cantor, jedesmal in überraschend neuer Schönheit und immer wieder zurückkehrend zu dem Princip des organischen Zusammenhanges von Religion und Kunst. Bei einem Werke, das solche Vorzüge in sich vereinigt, dürfte daher eine besondere Empfehlung überflüssig erscheinen, umsomehr, als ihm schon der Name seines Schöpfers die weiteste Verbreitung sichert. Hermann Zivi-Elberseld.

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