Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 385 — der hundsgemeine, dumme Bub, der uns Alle brotlos machen möchte." „Wie Du Dich schon wieder aufregst, Paul, da wird's lange dauern, bevor Du gesund wirst und dem Poldi den Denkzettel wirst geben können. — Na, na, mach' nur nicht so'n verzweifeltes Gesicht, wirst mit Gottes Hilfe schon wieder gesund werden, und wenn's Dich dann freut, Deinen Buben durchzuwalken, so wird Dir's Keiner wehren, das ist Dein gutes Recht, und verdient hat er's vollauf. Wenn Du aber meinst, daß Du ihn dadurch besser machst, so bist Du im Jrrthum, wenn's gut geht, machst Du ihn dadurch nicht schlechter — aber, aber, ob sein Haß gegen die Juden, von denen Du lebst — oder, um mich wie die Leute auszudrücken — ob sein Antisemitismus dadurch nicht noch gesteigert würde? — Das Höchste, was Du erzielen würdest, wäre, daß er in Deiner Gegenwart nicht mehr davon spricht — aber wie er's hinter Deinem Rücken treiben wird —" „Demnach meinst Du, ich sollte die Geschichte so lausen lassen?" „Freilich meine ich das, wenigstens vorläufig. Sobald Du aber gesund sein wirst, dann würde ich an Deiner Stelle zum Director gehen und mich darüber beschweren, daß der Bube solche Gemeinheiten in der Schule lernt. „Ja, ja, Du hast Recht, das werde ich thun. Es ist ja eine Sünde und eine Schande, daß so etwas in einer Schule soll Vorkommen können. — Da war's doch anders zu unserer Zeit. — Aber heute — wer weiß, wie der Director darüber denkt/ Das wirst Du ja hören. Wenn er Dir nicht zusagt, daß er dafür sorgen wird, daß dergleichen nicht wieder vorkommt, so wende Dich an den Schulrath." »Ich gehe bis zum Kaiser", rief der Kranke in der ihm eigenen hitzigen Weise, „was, dafür soll ich alle die Steuern zahlen und das viele Schulgeld, damit mein Kind ein gemeiner, roher Kerl wird und mich an den Bettelstab bringt!" „Schon wieder diese Uebertreibung! — Aber dem Director und dem Schulrath gegenüber schaden sie nicht, denn wenn der Alfred Kohn nicht ein so gutherziger Knabe wäre, wie Deine Frau erzählt, so hätten allerdings Unannehmlichkeiten für Euch daraus entstehen können — die Ihr aber unter diesen Verhältnissen nicht zu befürchten habt." „Glaubst Du das in der That?" „Das ist meine aufrichtige Herzensmeinung. Die meisten Juden sind ja so, daß sie sich lieber großen Unannehmlichkeiten aussetzen, als daß sie ihre Eltern durch Mittheilung derselben kränken. — Und überdies, wir sind hier unter uns. Niemand ist da, der uns hier „Judenknechte" oder dergleichen schimpfen könnte — also sage mir aufrichtig, hast Du je gehört, daß Juden sich wegen der ihnen widerfahrenen Unbill gerächt hätten?" „Nein, wirklich nicht. — Es ist sogar sehr seltsam — heißblütig, wie sie doch sind — denn daß sie kein Fischblut in den Adern haben, das sieht man ihnen wohl an. — Aber man könnte es nicht einmal Rache nennen, wenn der Herr Kohn mir kündigen würde, weil mein gemeiner Bub' seinen Sohn, der meinen Kindern schon manche Freundlichkeit erwiesen hat, beschimpft und gestoßen hat. — Es wäre nur die ganz gerechte Strafe dafür, daß ich den Buben nicht besser erzogen habe." „Du meinst eigentlich, weil Du ihn nicht oft genug durchgewalkt hast," bemerkte Wiesner lächelnd. Der Andere rieb sich unmuthig die Stirn. „Ja, lache nur. lache nur, Du hast gut reden. Du hast weder Kind noch Kegel, aber ich —" „Da schauen Sie nur den ungezogenen Menschen" fiel Frau Meier lachend ein, „beklagt sich, daß er Kind und Kegel hat — der Kegel, das bin wohl ich? — und da klagt er, daß er mich hat." „Marie!" rief der Kranke innig, „das kann Dein Ernst nicht sein, Du weißt ganz gut, wie ich's gemeint habe." „Freilich weiß ich das, mach' nur nicht gleich wieder so'n arges Gesicht, ich nehme es Dir ja nicht übel. Du hast nur sagen wollen, daß Du für uns zu sorgen hast, und das ist ja richtig. Aber eben, weil es richtig ist, darum mußt Du Dich bezwingen, daß Du Dich nicht über jede Kleinigkeit aufregst. Habe ich nicht recht, Herr Wiesner? — Denn so wie Sie ihn da jetzt sehen, so treibt er's in einemfort, dabei kann Einer doch nicht so rasch gesund werden." „Deine Frau hat vollkommen recht, Paul, in jeder Beziehung hat sie recht. — Gerade in Deiner Eigenschaft als Familienvater bist Du verpflichtet, Deine Gereiztheit zu zügeln, sonst —" „Wenn ich nur wüßte, daß der Herr Kohn mir nicht kündigt —" „Schon wieder dieselbe Geschichte! — Wie oft soll ich Dir sagen, daß Du das nicht zu fürchten hast, Du selbst hast mir zugegeben, hast es sogar seltsam gefunden, daß die Juden sich wegen erlittener Kränkung nicht zu rächen pflegen —" „Der Poldi hat's zu arg getrieben, das wäre keine Rache." „Das wäre allerdings Rache, und noch dazu eine sehr niedrige Rache. — Dein Chef kennt Dich, zehn Jahre hast Du ihm treu gedient, da weiß er sehr wohl, daß Du im elften nicht anfangen wirst, Deine Kinder gegen ihn oder auch nur gegen seine Stammes genoffen zu Hetzen. Es liegt das' in der gegenwärtigen Zeitströmung, die Mafien sind verroht, und zwar nicht nur die ungebildeten Kreise, sondern auch jene, die die sogenannte Bildung mit Löffeln gegessen haben — und überdies darf man nicht vergeffen, daß die Juden in gewisser Beziehung selbst daran Schuld find, daß es mit dem sogenannten Antisemitismus so weit gekommen ist." „Was?" rief Frau Meier staunend, „Herr Wiesner gehören auch zu den Antisemiten?" „Nesina" fiel ihr Mann ein, „Franz ist kein Antisemit, das glaube ich nicht einmal, wenn er's auch selbst sagt". „Aber ich sage doch nicht, daß ich Antisemit bin — früher bin ich sogar Philosemit gewesen — das bin ich freilich heute nicht mehr." „Was haben Dir die Juden in neuester Zeit gethan?" „Was sie mir gethan haben? — Hast Du schon je gehört, daß die Juden irgend Jemanden etwas gethan haben? — d. h. ich meine nicht, daß es unter den Juden keine Verbrecher gibt — unter allen Nationen und unter den Bekennern sämmtlicher Confeffionen kommen Verbrecher vor — aber ich meine, ob Du je gehört hast, daß die Juden als Juden, ich meine als Nation oder als Bekenner einer gewiffen Confeffion gegen die Bekenner einer anderen Confeffion sich etwas zu Schulden haben kommen laffen?" „Auch das habe ich oft genug gehört —" „Freilich, so wirst Du das oft genug gehört haben, eben so gut wie ich —" entgegnete Wiesner seufzend, „ich habe mich falsch ausgedrückt, ich wollte Dich fragen, ob Du je gehört hast, daß die Juden dessen, wessen sie beschuldigt werden, auch überführt worden find." „Nun, in einzelnen Fällen —" „Von einzelnen Fällen rede ich nicht, ich frage im Allgemeinen — " „Man wirft ihnen vor, daß sie mehr als wir für die Erziehung ihrer Kinder ausgeben, namentlich für deren wissenschaftliche Bildung — und was das betrifft, ich selbst kenne blutarme Juden, die nahezu darben, um ihre Söhne studiren zu laffen." „Und kann man ihnen in Wirklichkeit daraus einen Vorwurf machen? „Ich mache ihnen überhaupt keinen Borwurf", entgegnet Herr Meier eifrig, „Du weißt, weff' Brot ich esse, desi' Lied ich singe — aber von antisemitischer Seite macht man ihnen allerdings einen Vorwurf daraus — ebenso wirft man ihnen ihr solidarisches Vorgehen vor, daß Einer für Alle einsteht und Alle für Einen —" „Das ist nicht wahr, und eben daß das nicht wahr, das mache ich ihnen zum Borwurf, denn eben das ist die Ursache, daß der Antisemitismus, diese Dummheit und Schlechtigkeit unserer Zeit, diese ungeheuren Dimensionen angenommen hat — daran sind die Juden Schuld — einzig und allein die Juden." „Ich begreife Dich nicht, Du verdammst die antisemitische Bewegung und sagst doch, daß die Juden daran Schuld find, oder willst Du etwa sagen, wenn es keine Juden gäbe, dann gäbe es auch keinen Antisemitismus — erZo find einzig und allein die Juden Schuld an dem Antisemitismus?" „Das will ich mit Nichten sagen, denn es ist nicht einmal wahr — wenn es auch keine Juden gäbe, solche Schlechtigkeit wie der Antisemitismus, wäre -trotzdem vorhanden, nur würde fie sich nicht gegen Semiten richten und würde deshalb auch nicht Antisemitismus genannt werden —" „Dann begreife ich aber nicht, wie Du —" „Bitte, mich ausreden zu laffen. Ich sage nicht, daß die Juden den Antisemitismus verschuldet haben, sondern daß fie es verschuldet haben, daß derselbe diese ungeheuere Ausdehnung angenommen hat." „Ich verstehe Dich noch immer nicht —"