Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochsnschrifi. Sette 381 S z i l i; ordinirende Specialisten sind Dr. Emerich Berczeller, Prof. Dr. Adolf Onodi, Dr. Sigmund Szenes, Dr. Jakob Justus; als Secundarii und Assistenten fungiren Dr. Leopold Suränyi, Dr. Alexander B ä n y a i, Dr. Desiver P 6 x, Dr. Sigmund Freim an, Dr. Eugen K a s s a i, Dr. Hugo Schwitzer, Dr. Bela S i m o n y i. An der Spitze des Spitalcomitös steht der rastlos thätige Leopold K e p p i ch, dem die Oekonomen Julius Adler und Ignaz I. Mandl zur Seite stehen; Curator des Spitals ist Sam. Leicht mann. Budapest. (Z i o n i m u s.) In der großen Synagoge hat der Oberrabbiner Dr. Kohn kürzlich über den Zionismus gepredigt. Er sagte, der Zionismus sei eine Absurdität für die ungarischen Juden, die sich glücklich fühlen und im Besitz aller bürgerlichen Rechte sind. Sie haben in ihrer Mitte Ministerialräthe, Richter in hohen Stellungen, Abgeordnete und Mitglieder des Herrenhauses, Officiere in den höchsten militärischen Graden. In Ungarn leben 750.000 Juden, 160.000 davon in Budapest. „Wir haben nur ein Vaterland, das ist Ungarn; ihm weihen wir unser Leben und unser Vermögen." Dagegen hat Hermann VämbSry, der bekanntlich bereits vor vielen Jahren von der jüdischen Gemeinschaft sich losgesagt, in einer warmen Enunciation zu Gunsten des Zionismus sich geäußert: Der Zionismus sei ein edles, ideales Unternehmen und schädige nach keiner Richtung den jüdischen Patriotismus, verdiene alle Sympathien der europäischen Juden. Ein Seandal im Theater. Aus Paris wird geschrieben: Während des montägigem Gastspieles Ermete Novelli's im Pariser Sarah Bernhardt-Theater kam es im Parquett zu einer ebenso peinlichen, als aufsehenerregenden Scene. Der bekannte Schriftsteller Dr. Max N o r d a u mußte, um zu seinem Parquettsitze zu gelangen, den einer älteren Dame passiren, die ihm, obwohl wiederholt darum ersucht, den Durchgang nicht freigab. Als er sich hierauf zu seinem Platze durchzwängte, wurde er von dem Sohne der Dame, einem gleichfalls bekannten Schriftsteller, insultirt. Nordau antwortete mit einer Ohrfeige, und die nächste Folge war ein Austausch von Thätlichkeiten, dem erst das Dazwischentreten einiger Theaterdiener und Theaterbesucher ein Ende machte. Der Vorfall dürfte ein gerichtliches Nachspiel haben. Weimar, 25. Mai. Der dritte Congreß der freien deutschenStu deuten schaft, welcher vorgestern hier unter überaus zahlreicher Betheiligung von Vertretern fast aller deutschen Universitäten zusammentrat, wurde mit einer Debatte über die „Judenfrage" eingeleitet. Dieselbe knüpfte an ein Referat des eanä. tüsol. Hase- Berlin über das Thema: „Die freie deutsche Studentenschaft und die nationale Frage" an, worin ausgeführt wurde: „Der Gegensatz zwischen arischen und semitischen Commilitonen sei zweifellos vorhanden. Selbstverständlich stehen Arier und Juden gesetzlich auf gleicher Stufe. Im studentischen Leben machen sich jedoch Strömungen geltend und seien theilweise zur Oberhand gelangt, die darauf hinausgehen, den Inden die Gleichberechtigung zu nehmen. Nachdem auch die freie deutsche Studentenschaft von diesen Strömungen nicht unberührt geblieben sei, erscheine es nothwendig, ihre Stellung zu präcisiren. Bei der Prüfung, wie sich die Finkenschaft zur Judenfrage zu stellen habe, sei das Entscheidende die Persönlichkeit. Das Individuum allein müsse maßgebend sein, und aus dieser Erkenntniß heraus würde es auch unzulässig sein, einen Juden nicht für gleichberechtigt zu halten, nur weil er Jude sei und umgekehrt. Nicht Religion und Race, sondern Person und Fähigkeit allein sollten entscheiden. (Beifall und Widerspruch.) Richtig sei. daß eine Lösung der Judenfrage zur Zeit noch nicht möglich erscheine. Möglich erscheine es jedoch, daß eine bestimmte Bewegung die Initiative ergreifen könnte, um wenigstens für die deutsche Studentenschaft eine Klärung der Frage herbeizuführen. Und dies dürfte wohl eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Finkenschaft sein (Beifall). Da diese Aufgabe nicht nur im Interesse der gesammten deutschen Studentenschaft, sondern damit im Zusammenhang des ganzen deutschen Volkes liege, so sei die freie deutsche Studentenschaft hierbei eminent national. (Beifall). Es entfalle hiermit der von deutsch-nationaler Seite vielfach erhobene Vorwurf, daß die freie deutsche Studentenschaft gewissermaßen eine „Judenschutztruppe" sei oder gar von Juden geführt werde, nur weil sie diese Klärung der Anschauungen endlich einmal herbeiführen wolle. Der Standpunkt der Finkenschaft zur Judenfrage solle dahin aufgefaßt werden, daß der arische den jüdischen Commilitonen als Volkgenossen, als gesetzlich wie gesellschaftlich gleichberechtigten Menschen betrachtet und ihm auch bei allen Wahlen rc. sein Vertrauen schenkt, soweit der jüdische Commilitone nicht etwa durch persönliche Eigenschaften dieses Vertrauens sich unwürdig erweise. Umgekehrt sollten die jüdischen Commilitonen durch bescheidenes, angemessenes Auftreten den arischen Commilitonen beweisen, daß die in der deutschen Studentenschaft vorhandene Abneigung gegen sie unbegründet sei. (Lebhafter Beifall.) In gleichem Sinne sprach sich stnä. teettn. H ah n- Braunschweig aus, während Dr. O h r-Berliu mit allerlei Vorwürfen gegen „die Provocationen dreister und vorlauter jüdischer Commilitonen" den Antisemitismus vertheidigte. Ihm trat mit besonderem Nachdruck stuä. E b e r l e i n-Halle entgegen, indem er betonte: „Die Antisemiten können nicht leugnen, daß die Juden für die deutschnationale Cultur viel gethan hätten. (Beifall.) Im Jahre 1848 sei es ein Jude gewesen, der dem Könige von Preußen die Kaiserkrone angetragen, der Jude L a s k e r habe das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich angeregt, und das stolze Wort: „Nennt man die besten Namen, wird auch der meine genannt", sei von einem der größten deutschen Dichter, dem Juden Heine, ausgesprochen worden. Er empfehle, die Gleichberechtigung unter allen Umständen hochzuhalten." Sehr bezeichnender Weise übertrumpfte, wenn der Bericht der Tageszeitungen zutreffend ist, der „jüdische" Student Salamonski -Berlin die antisemitischen Ausfälle seiner Vorredner. Er scheute sich nicht, zu erklären, daß „der ganze Typus des jüdischen Commilitonen nicht das Ideal sei", und daß man sich deshalb möglichst hüten solle, denselben durch die Wahl in die Ausschüsse rc. noch mehr in den Vordergrund zu stellen. „Der jüdische Student ist erst Jude und dann Deutscher. Wählt deshalb keinen Juden in's Präsidium!" Mit vornehmer Ruhe fertigte stuä. Guttmann-Halle diese Expectorationen ab, worauf der Referent in seinem Schlußworte nochmals mahnte, den Geist friedlicher Eintracht innerhalb der Studentenschaft hochzuhalten und zu Pflegen. Diesen Anschauungen trat die überwiegende Mehrheit der Versammlung durch die Annahme nachstehender Resolution bei: „Eine Einheit der deutschen Studentenschaft besteht insofern, als durch den Erwerb des akademischen Bürgerrechts jedem Studenten gleiche Rechte gegeben und gleiche Pflichten auferlegt werden, die unabhängig sind von seiner Stellung zu außerakademischen, z. B. politischen, gesellschaftlichen oder confessionellen Fragen. Das Ziel der Finkenschaft, „die deutsche Studentenschaft zu einigen", bedeutet lediglich das Streben, dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller eivos aeaclemiei Anerkennung zu verschaffen." Die Juden in Warschau. Aus dem Reiseberichte des Correspondenten der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgende Darstellung über die gegenwärtige Lage der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus. Wie bereits erwähnt, gibt es zur Zeit in der polnischen Hauptstadt nicht weniger als 263.000 Juden, von denen die meisten ein kümmerliches Dasein fristen, was schon daraus hervorgeht, daß von den rund 45.000 jüdischen Familien keine 10.000 im Stande sind, der Gemeinde einen Jahresbeitrag zu leisten, obgleich das Minimum des Beitrages auf nur 2 Rbl. jährlich festgesetzt ist. Sehr viele Familien muffen mehr oder weniger von der Gemeinde unterstützt werden. Diese Verhältnisse erfuhren vor einigen Jahren, infolge der Maffenausweisungen von Juden aus Moskau, eine starke Verschlimmerung, indem nicht weniger als 35.000 dieser Unglücklichen auf einmal nach Warschau überfiedelten. Wohl gab es unter ihnen nicht wenige reiche Geschäftsleute, die meisten jedoch waren aller Mittel entblößt, so daß die Gemeinde sich ganz und gar ihrer annehmen mußte. Bemerkenswerth ist es, daß zwischen den polnischen und den aus Rußland eingewanderten Juden ein scharfer Gegensatz besteht, und es sind keine Anzeichen zu bemerken, daß derselbe im Schwinden begriffen wäre; der specielle Nationalitätshader ist ihnen in's Blut übergegangen, obgleich beide Theile derselben den Ruffen wie Polen gegenüber fremden Raffe angehören. Warschau ist gegenwärtig das Centrum der jüdischen Literatur. Hier werden auch verschiedene hebräische Tagesblätter und Zeitschriften redigirt und herausgegeben; zwei derselben werden jedoch in Berlin bezw. Krakau gedruckt und werden also ganz wie auswärtige Zeitungen behandelt, d. h. sie müssen die Censur paffiren, bevor sie an die Abonnenten vertheilt werden können. Dies eigenthümliche Verfahren hat sich in Folge der schwierigen Bedingungen, unter welchen die ruffische Presse arbeiten muß, als recht praktisch er-