Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021463--11826-3036385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 882 Dr. Bloch's Wochvnfchrifk. Nr. 23 wiesen. Eines der Tagesblätter „Der Jude" erscheint in jüdischem Jargon'und hat eine sehr starke Verbreitung in Rußland, Preußen und Oesterreich. Als Mittelpunkt der jüdischen literarischen Bewegung hat Warschau eine bedeutende Anzahl von hochgebildeten Juden aufzuweisen, sie werden aber weder von der polnischen noch von der russischen Intelligenz als ebenbürtig angesehen und verkehren deshalb nicht mit den Intelligenten der anderen Confeffionen. Der Antisemitismus ist sowohl in Warschau wie sonst überall in den Weichselprovinzen in stetem Wachsthum begriffen. Der Antisemitismus hat sich in diesen Provinzen eigentlich erst nach dem Aufstand vom 1863 entwickelt. Während des verzweifelten Kampfes standen die Juden Schulter an Schüller mit den Polen und opferten Gut und Blut in dem hoffnungslosen Streit — damals war von Antisemitismus keine Spur zu bemerken. Nachher änderte sich die Sachlage ziemlich schnell, hauptsächlich in Folge des Umstandes, daß nach der Niederwerfung des Aufstandes die ökonomischen Verhältnisse in den Weichselprovinzen andere werden. Russen besetzten alle Aemter, die bisher von Polen bekleidet worden waren, und zahlreiche Polen, denen nunmehr die Beamtenlaufbahn verschloffen war, widmeten sich der commerciellen und industriellen Thätigkeit, wowei ein Zusammenstoß mit den Juden unvermeidlich war. Es entspann sich sehr bald ein Concurrenzkampf, in dem die Polen in den meisten Fällen unterlagen. Dieser Kampf hat keinen Augenblick aufgehört und die Gefühle des Neides und Unwillens, welche die Polen den Juden gegenüber hegen, werden dadurch täglich genährt. Um junge Leute zu besonders tüchtigen Facharbeitern auszubilden, hat die hiesige jüdische Gemeinde vor Kurzem zwei Handwerkerschulen gegründet, in denen jedoch ausschließlich praktischer Unterricht ertheilt wird. Die Juden Rußlands haben bekanntlich in Folge der geltenden Bestimmungen nur eine stark beschränkte Möglichkeit, ihren Kindern eine höhere Bildung zu verschaffen, indem zu den Gymnasien und Universitäten nur ein ganz niedriger Percentsatz von Juden zugelaffen wird. Es gibt Lehranstalten dieser Art, welche den Juden vollständig verschloffen bleiben, während die übrigen den Juden in einer Maximalhöhe von 5 Percent Zutritt gewähren. In den Weichselprovinzen und ganz besonders in Warschau, wo das jüdische Element so stark vertreten ist, sind die Verhältnisse jedoch etwas anders; so dürfen an der hiesigen Universität Juden in der Anzahl von 10 Percent der Gesammtzahl der Studenten immatrikulirt werden. Dagegen hat die jüdische Gemeinde noch nicht die Erlaubniß erlangen können, auf eigene Kosten mittlere und höhere Schulen zu errichten. Als bezeichnend für die diesbezüglichen Verhältniffe verdient noch Folgendes erwähnt zu werden: Bor einiger Zeit faßte die hiesige Städteverwaltung den Beschluß, eine Handelsschule zu errichten; das nöthige Geld sollte in der Weise beschafft werden, daß die Warschauer Handelsleute sich nach dem Umfange ihrer Geschäfte an den Unkosten betheiligten. Da die jüdischen Handelsleute die meisten und größten Geschäfte innehaben, steuerten sie auch den ganz überwiegenden Theil des zur Durchführung des Planes nöthigen Geldes bei — aber nur ein winziger Percentsatz von jüdischen Jünglingen wird zu dieser hauptsächlich durch jüdisches Geld gebauten Lehranstalt zugelaffen! Paris. (Alphonse Rothschild's 50jähriges Jubiläum) als Präsident des Central-Consistoriums der Juden Frankreichs wurde am 26. Mai im in der rue Saint- Florentin gelegenen Palais des Jubilars in überaus würdiger Weise gefeiert. An der Seite des 6ran6-rabbin cke Franee Zadoc Kahn erschienen sämmtliche Mitglieder des Central-Consistoriums, des Pariser Confistoriums, sowie Delegirte der Consistorien von Bordeaux, Nancy, Besanoon, Nancy-Lille und Oran. Nach einer längeren Ansprache überreichte Mr. Maffe dem Jubilar im Namen des Confistoriums eine Erinnerungsmedaille. Grand Rabbin Zadoc Kahn beglückwünschte den Jubilar im Namen des französischen Rabbi»als und hob den glühenden Eifer hervor, mit dem Baron Alphonse Rothschild für die Interessen des Judenthums eintritt, gleichviel wo und von wem sie verletzt werden. Am selben Tage wurde auch das 50jährige Jubiläum des großen Rvthschild'schen Krankenhauses gefeiert, dessen obere Leitung gleichfalls in Händen des Baron Alphonse Rothschild ruht. Am 26. Mai 1852 vom Baron James Rothschild errichtet und später von ihm mit großen Mitteln ausgestattet, besitzt jetzt das Krankenhaus eine Abtheilung für Reconvalescenten, ein umfangreiches Siechenhaus, ein Kinderhospital und eine Altersvercirgungsanstatt, in der 90 Greise verpflegt werden. Die Feier begann mit dem Minchagebet, worauf Grand-Rabbin Zadoc Kahn die zahlreich versammelten Gäste begrüßte und einen Ueberblick über die Geschichte der Entstehung und Entwicklung dieser großen Anstatt gab. Es folgte ein Rundgang durch sämmtliche Abtheilungen des Hauses. Die Feier schloß mit einem Festessen, das die zahlreichen Gäste bis spät in der Nacht beisammen hielt. Rom. (KriegsministerGeneral Ottolenghi) ist gleichzeitig mit seiner Ernennung zu diesem bisher von keinem Juden bekleideten Posten vom Könige auch zum Mitgliede des italienischen Senats ernannt worden. Hier wird er noch weitere fünf Juden treffen, während die italienische Kammer bereits ein ganzes Minjan aufweisen kann. Es ist das für Italien, das schwerlich mehr als 50.000 Juden zählen dürfte, umso ehrenvoller, als Frankreich bekanntlich nur zwei und Preußen erst seit der jüngsten Zeit drei jüdische Abgeordnete aufweisen kann. Nur Ungarn, dessen Abgeordnetenhaus zwanzig Juden zählt, übertrifft Italien in dieser Hinsicht. Bekanntlich ist Ottolenghi nicht der erste jüdische Minister in Italien. Er hatte in Luzzatti und Signor Wollemborg bereits zwei Vorgänger gehabt, nur war Letzterer getauft, während ersterer Buddhist gewesen sein soll. Weniger bekannt dürfte es sein, daß Italien nebst zwei jüdischen Finanzministern, einen Posten, den die Juden ihrer finanziellen Begabung wegen selbst im Mittelalter häufig innegehabt hatten, auch einen jüdischen Minister des Aeußern aufweisen konnte. Es war das der jetzige Senator Signor Giacomo Malvano, der viele Jahre hindurch Generaldirector (Unterstaatssecretär) der äußern Angelegenheit war. Bor Malvano bekleidete der jüdische Senator Artom den ehrenvollen Posten eines Secretärs des großen Cavour, worauf er später Gesandter Italiens am Hofe zu Kopenhagen wurde. Ein Vetter des jetzigen Kriegsministers, der Ritter Ottolenghi, war ein großer Kunstmäcen und hat auf eigene Kosten in Asti ein Nationaldenkmal errichtet, dessen Enthüllung König Umberto, sowie der jetzt regierende König von Italien beigewohnt haben. Bei dieser Gelegenheit hat König Humbert Ottolenghi die Hand gedrückt und die Worte geäußert: .Bravo Ottolenghi, Sie sind ein großer Mann, Sie errichten Denkmäler und veranstalten Ausstellungen. Sie sind ein Genie und ein großer Philanthrop". Dieser Ritter Leonetto Ottolenghi war ein gesetzestreuer frommer Jehudi, wie auch sein Vetter, der General Ottolenghi nicht nur ein eifriger Synagogenbesucher ist, sondern auch an den jüdischen Gemeindeangelegenheiten lebhaften Antheil nimmt. Nebst wahrhafter Frömmigkeit zeichnet sich unser jüdischer Held durch große Bes cheidenheit aus. Wie das Genueser Blatt „Secolo XIX" zu melden weiß, hat General Ottolenghi lange sich geweigert, das verantwortungsvolle Amt eines italienischen Krirgsministers anzunehmen. Es bedurfte erst eines langen Zuredens Zanardelli's, sowie einer persönlichen Bitte des Königs selbst, um Ottolenghi zu veranlassen, den angetragenen Posten anzunehmen. Wie heißt es doch in den Sprüchen der Väter? Wer sich Ehrenbezeugungen zu entziehen sucht, dem laufen die Ehrenstellen nach. Vermischtes Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadrscha" in Wien, Seitenstertengaffe 4, für arme kranke Glaubensgenoffen. . Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Gustav Ritter v. Mauthner: Bon Herrn Moriz Kohn, III., Paulusgasse 5, X 2.—. Anläßlich des Ablebens der seligen Frau Clara S ü d f e l d: Von Herrn kaiserl. Rath B. Bacher, I., Rathhausstraße Nr. 19. X 20.—; Herrn Emil Wiener, VII., Breitegasse 13, X 20.—; Angestellte der Firma H. Südfeld u. Co., I., Bauernmarkt 13, X 20.—; Herrn Wilhelm Löwith, VI., Mariahilferstraße 89, X 5.—. Zusammen X 65.—. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Max Kaufmann: Von Herrn S. Heit, I., Rudolfsplatz 10, X 20. Wie». (Verlobungen.) Fräulein Margit G r ün f eld, Tochter des Universitätsdocenten Herrn Dr. Josef G r ü n f e l d, hat sich mit dem Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Julius Knöpfmacher verlobt. — Herr Emil Silberstern, Mitchef der Firma S. Silber sie rn u. Söhne, hat sich mit Fräulein Josefine H o s m a n n, Tochter des Herrn Simon H o s m a n n in P'lsen, verlobt.