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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 378 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 33 Das Atter Carl Goldmark's. Ein Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt" hatte bei Goldmark angefragt, ob er, wie biographische Notizen in verschiedenen Nachschlagebüchern behaupten, erst in diesem Mai oder ob er schon vor zwei Jahren sein siebzigstes Lebensjahr zurückgelegt hätte. Darauf erhielt er die folgende Antwort des berühmten Componisten: Wien, 25. Mai 1902. Verehrtester Herr! Ich habe jetzt allen Grund, anzunehmeu, daß mein Geburtstag der 18. Mai 1830 war. Der Jrrthum mag sich auf folgende Weise erklären: Ich besitze ein „Certificat", eine Art Reisedocument oder Paß aus dem Jahre 1847, von der Hand meines Vaters ausgestellt, der neben seinem Cantorat zugleich Actuar der Gemeinde war. In diesem Documente ist mein Geburtsjahr als 1832 angegeben. Von hier aus ging es in alle biographischen Notizen über. Beim Tode meines Vaters 1870 fand ich in seinem Nachlaffe in einem alten Buche an der Innenseite des Deckels Folgendes vermerkt: „Heute wurde mir ein lieber Sohn — Carl — geboren. 18. Mai 1830, R. Goldmark." Das Buch war längst vergessen, und mein Vater hat sich — bei der zahlreichen Familie leicht begreiflich — später geirrt. — — — Seien Sie herzlichst bedankt und gegrüßt von Ihrem sehr ergebenen Carl Goldmark. (Korrespondenzen. Die Israelitische Allianz und die verfolgten Juden in Rumänien. Rumänien scheint sich seiner Heldenthaten gegen B.Lazare zu schämen. Das Bukarester Amtsblatt veröffentlicht folgendes Kommunique: Mehrere auswärtige Blätter verbreiten die unrichtigsten Nachrichten über Rumänien, namentlich im Zusammenhänge mit der Reise Bernard Lazare's. Man behauptet, öffentliche Functionäre hätten einen antisemitischen Aufruf der Studenten verbreitet und bei öffentlichen, gegen die Juden gerichteten Versammlungen den Vorsitz geführt. Ferner wird behauptet, daß während des Aufenthaltes Lazare's im Besitze von Juden befindliche Kaufläden geplündert worden seien. Alle diese Nachrichten sind falsch und derartige Dinge sind niemals vorgekommen. Kein Fremder — er gehöre welcher Nationalität oder Religion auch immer an — wurde jemals beleidigt. Die Haltung Bernard L a z a r e's war sowohl in Jassy wie auch in Bukarest eine provocante und hatte augenscheinlich den Zweck, die Israeliten aufzustacheln und einen Scandal herbeizuführen. Dies wurde nur durch die ruhige Haltung der Bevölkerungen in Jaffy und Bukarest vermieden. Als Schlagwort gab L a z a r e aus, daß Unruhen für die Lage der Juden in Rumänien von Nutzen wären, obgleich doch alle Einwohner Rumäniens, ob Eingeborene oder Fremde, nur ein Losungswort kennen sollen, nämlich das der Ruhe und Ordnung. — So weit die rumänischen Amtslügner. In welch' grausamer Weise gegenwärtig von rumänischen Gemeinde-Paschas die Austreibung jüdischer Gewerbsleute und ihrer Familien besorgt wird, davon gibt folgender Vorfall Zeugniß. der sich — nach durchaus glaubwürdigen Berichten — in jüngster Zeit zutcug. Es ist nur ein Fall aus Hunderten; aber er ist typisch: Der Notar der Gemeinde Poiana-Cormuli im Districte Vaslui hatte es für gut befunden, ohne jeden Anlaß den Schmied Scholim Srul mittelst Brachialgewalt aus der Gemeinde zu vertreiben. Srul stand im Dienste des Gutspächters; seine Eltern hatten bereits 25 Jahre lang unbeanständet im Orte gelebt. Das Gesetz macht aber den Aufenthalt von „Fremden" von der Zustimmung der Ortsbehörde abhängig, und da der Herr Notar diese Zustimmung zu gewähren nicht geneigt war. wurde Srul ausgetrieben. Die gesammte armselige Habe der Familie Srul wurde an die Grenze des Ortes gebracht, dort aus die Erde hingeworfen, wo sie zwei Tage und Nächte im Regen liegen blieb, bis die Unglücklichen, die gleichfalls im Freien campiren mußten, Gelegenheit zum Weitertransport fanden. Die Gattin Srul's wurde vor Schrecken und Verzweiflung wahnsinnig und irrt nun als Verrückte in den Straßen Jassys umher, wohin ihr Gatte mit fünf kleinen Kindern gekommen ist, um Brot und — Gerechtigkeit zu suchen... Selbstverständlich leugnet die rumänische Regierung nach alter Tradition trotz solcher entsetzlicher Vorkommnisse jede judenfeindliche Absicht. Es handle sich nicht um Juden, sondern um „Fremde", die in Rumänien unberechtigt ein Gewerbe ausüben. Die „Fremden" aber sind immer nur Juden. . . Die Auswandererzüge der Nordwestbahn befördern jetzt einigemale in der Woche Schaaren von Emigranten aus Rumänien, die sich nach Amerika begeben. Am Donnerstag vorige Woche passirte wieder eine größere Gruppe jüdischer Auswanderer aus Rumänien Wien. Sie hatten hier nur einige Stunden Aufenthalt und fanden kaum Zeit, sich von den Mühsalen der tagelangen Waggonfahrt zu erholen. Die Gruppe bestand aus 72 Personen, darunter nur wenigen Männern; meist waren es Frauen und Kinder, die ihren Gatten, Vätern oder Brüdern in die Ferne folgten. Doch nicht alle sind so glücklich, daß am fernen Strande Jemand sie erwartet; man sieht Frauen, Greise und Kinder, die, halb verhungert, die Noth und das Elend in der Heimat nicht länger ertragen konnten. Für sie ist diese Fahrt ein Schritt der Verzweiflung, denn wenn es diesen Armen mit den schwachen Kräften nicht gelingt, in Amerika ihr Brot zu finden, was dann? Wenn man ihnen dies vorhält, erwidern sie mit dumpfer Resignation: „Dann werden wir dort weiter hungern, wie wir in der Heimat gehungert haben." Einige Beamte der Israelitischen Allianz bewachen den Transport. Plötzlich stürzt ein Mann vor, hinter ihm einige Weiber: „Was wird mit uns geschehen, wir haben seil 48 Stunden nichts gegessen, wir haben kein Geld, uns etwas zu kaufen," ruft er im Tone der größten Verzweiflung. Dazu jammern herzzerreißend einige Kinder, die von Hunger und Durst geplagt sind. Es ist ein jammervoller Anblick. Noch aufregender wirkt es, wenn der Zug vorfährt, der die Unglücklichen ausnimmt. Es ist dies der Auswandererzug; etwa 50 Auswanderer, meist aus der bäuerlichen Bevölkerung, gesellen sich jetzt dazu. Es spielen sich herzbrechende Scenen des Abschiedes ab. Dort sieht man zwei junge Mädchen, wahrscheinlich Schwestern, die einander jammernd am Halse hängen; sie nahmen den letzten Abschied. Der Conducteur drängt zum Einsteigen, und in einigen Waggons werden eine Mutter, schreiende Kinder und Gepäcksstücke zusammengepfercht. Die Coupös. sind glühend heiß. Es ist 11 Uhr Vormittags, und in dieser Glut, die in den nächsten Stunden noch ansteigt, müssen die Auswanderer, eng aneinander gedrängt, lange qualvolle Stunden verbringen. Aus allen Cvupös erschallt ein Jammern und Schreien der Kinder, die nach Wasser rufen, da sie der Durst plagt. Langsam setzt sich endlich der Zug in Bewegung. Die Israelitische Allianz, welche das Hilfswerk seit dem Beginne der Emigrations-Bewegung, also seit mehr als zwei Jahren, in hingebungs- und aufopferungsvollster Weise leitet, wendet sich mittelst Aufrufes an die Oeffentlichkeit, das philanthropische Wirken nach Möglichkeit zu fördern und ihr die Mittel für weitere Unterstützung zu gewähren. Der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien, L, Weihburggasse 10, versendet folgenden Aufruf: „Seit dreißig Jahren wirkt die „Israelitische Allianz zu Wien" unverdrossen und zielbewußt, wenn auch geräuschlos, zum Wohle unserer Glaubensgenosien im Inland wie in den osteuropäischen Nachbarländern. Wo Israeliten ihres Bekenntnisses wegen leiden, richten sich die Blicke der Verfolgten und Bedrängten in erster Reihe auf unseren Verein und heischen Hilfe, die ihnen, sei es in moralischer, sei es in materieller Beziehung niemals versagt wird. Gegenwärtig pocht wieder das Martyrium von Tausenden mit beispielloser Grausamkeit bedrückter und ihres Erwerbes beraubter jüdischer Familien in Rumänien an unsere Thore. Verschwindend gering sind jedoch selbst in normalen Zeiten die Mittel, die uns zur Verfügung gestellt werden, während es jeder Israelit, und selbst der ärmste, als Ehrenpflicht erachten sollte, der „Israelitischen Allianz" als Mitglied anzugehören. Die von uns seit zwei Jahren geleitete rumänische Hilfsaction hat derart hohe Anforderungen an uns gestellt, daß unsere Bilanz im verflossenen Jahre mit einem Fehlbetrag von circa L 96.000 schloß, und immerfort treten in dieser für unsere Glaubensgenossen so ernsten Zeit neue schwere Aufgaben im Interesse des gesammten Judenthums an uns heran. Wenn unsere Thätigkeit nicht aus Mangel an Mitteln erlahmen soll, müssen Massenbeitritte zu unserem Verein aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung und Spenden seitens hochherziger Menschenfreunde unserer finanziellen Lage zu Hilfe kommen, um unserer Wirksamkeit eine breitere materielle Basis zu geben. Wir erwarten bestimmt, daß Euer

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