Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021462--11814-3036372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 22 Dr. Bloch's Wochsnfchrifk. Seite 371 »Gewiß nicht. Aber man kann doch nicht wißen, der junge Herr ist gar so gut. Wenn er z. B. gedacht hat, es könnte die Eltern kränken,- daß er beleidigt worden ist, dann wird er es ihnen sicher nicht erzählt haben, oder wenn er glauben würde, sein Vater könnte es meinem Mann entgelten lassen, so wird er ihm auch nichts davon gesagt haben, darauf möchte ich wetten." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der Kampf des Rabbiners gegen den Talmud im 17. Jahrhundert. Vorher geht: Religion des Individuums und Religion des Volkes. Bon Dr. Simon Stern, Rabbiner in Saaz. Breslau 1902. Vorliegende Schrift ist eine Darstellung und Widerlegung, oder besser, eme Widerlegung und Darstellung des antitalmudischen Werkes: »Die Stimme des Thoren", versaßt von Leon de Modena, eines berühmten Talmudisten, der zur Zeit des dreißigjährigen Krieges lebte, und wie alle großen Geister seiner Zeit sich auch mit religiösen Fragen beschäftigte. Etwa mehr als zwei Jahrhunderte blieb das Werk unveröffentlicht und in weiteren Kreisen wurde es erst durch A. Geiger*) und Professor Isaak Reggw in Görz bekannt, der es 1852 veröffentlichte und unter dem Titel „Bechinath Hakabbala“ mit zwei Einleitungen und 100 polemischen Anmerkungen versah. Reggio's Polemik hält der Verfasser für total verfehlt, weil er die Leugnung der Tradition offen bekennt; sein Standpunkt ist eben auch ein versteckter Karäismus, der gleich Leon das tradirte Grundprincip des einzig wahren Judenthums zu leugnen versucht. Der Verfasser sah sich deshalb veranlaßt, die Angriffe Leon's von einer anderen Seite zu entkräften, indem er eine religions-philosvphische Abhandlung, betitelt: »Die Religion des Individuums und die Religion des Volkes" vorausschickt, in welcher der Beweis erbracht wird, daß das talmudische Gesetz die Erhaltung des Judeuthums zum Zwecke habe, und wie die Geschichte lehrt, wurde dieser Zweck auch erreichte Leon hatte aber die Bedeutung des Gesetzes nicht erkannt, darum mußte seine Kritik eine unfruchtbare bleiben. — Der Gedankengang der Abhandlung ist dem Werke Leon's angepaßt, und fast parallel laufen die Gedanken nebeneinander her, Punkt für Punkt werden die Angriffe widerlegt, ohne jedoch in einen für den Leser widerlichen Ton der Polemik zu verfallen. Die Darstellung des Lebens und des Werkes Leon's übergehen wir und wollen statt dessen das religions-philosvphische System des Verfassers eingehend würdigen. Der erste Theil der Abhandlung, betitelt: »Die Glaubenssätze", behandelt die Religion des Individuums. Hier bewegt sich der Verfasser auf der breiten Heerstraße der Religionsphilosophie. Es wird uns geschildert, was die Religion für den Einzelnen ist; die Stillung des metaphysischen oder wie Kanr sagt, des praktischen Bedürfnisses, sie ist die Weisheit, die alle Fragen, welche die Vernunft nicht beantworten kann — der Verfasser zählt dieselben einzeln auf — nach dem Sinne des Lebens und den Zweck des Daseins beantwortet; sie ist mit einem Worte etwas Ueververnünstiges. Das zweite Capitel bildet den eigentlichen Höhepunkt des Werkes. Hier betritt der Verfasser ein neues, höchst modernes Gebiet der Philosophie, nämlich die Betrachtung von »Bibel und Tradition" vom geschichtsphilosophischen und völkerpsychologischen Standpunkte aus. Der Verfasser bekennt sich unbewußt zu der modernen Theorie Herbert Spencer's, der die darwinische Lehre des struggle for life auch auf das sociale Leben überträgt. Jede Religionsgenossenschaft ist ein Organismus, der in seiner Eigenart bestehen bleiben will, und verhindert somit das Aufgehen eines Volkes ins andere. Die Glaubenssätze sind ihm die Mittel im Kampfe uni's Dasein; der Talmudismus hat den Bestand des jüdischen Volkes ermöglicht. Der Ausbau der Tradition war eine geschichtsphilosophische Nothwendigkeit, eben weil das Christenthum das jüdische Volksthum durch Aufhebung des Gesetzes zerstören wollte. Es ist somit eine stumpfe Waffe — hier wendet sich der Verfasser gegen Leon — wenn ein Einzelner die religiösen Vorschriften eines Volkes darum bekämpft, weil sie vor seiner Vernunft nicht bestehen können. Talmudische Vorschriften sind *) Leon de Modena, Rabbiner zu Venedig (1571—1648) und seine Stellung zur Kabbala, zum Talmud und zum Christenthum. Von Dr. Abraham Geiger. Breslau 1856. Products des Bolksgeistes und dürfen nicht als Schöpfungen einzelner Talmud-Weisen betrachtet werden. In geradezu überraschenden sprachlichen Wendungen kommt der Verfasser auf die Zukunft des Judenthums zu sprechen. Gedanken, die an Nietzsche's Aphorismen über das Judenthum anklingen und die anläßlich des Todes des großen Denkers von Herrn Dr. Max Grunwald gesammelt und uns in dieser Zeitschrift in einem brillant geschriebenen Essay vorgeführt wurden.*) Im dritten Capitel, betitelt: »Das Gesetz", geht der Verfasser auf die Details ein und beweist, daß das Öperat Leon s theils auf gefliffentlichen Entstellungen beruht, theils ein aus falschen Deductionen beruhendes Luftgedäude ist. Außer den Widerlegungen hat die uns vorliegende Schrift noch einen selbstständigen Werth, da sie auch besondere, von gründlicher Gelehrsamkeit und bedeutender Begabung zeugende jüdisch-wissenschaftliche Anmerkungen enthält, in denen manche für die behandelten Themata wichtige Resultate durch glückliche Combinationen und scharfsinnige Erörterungen entwickelt werden. Doch lassen wir auch die Kritik zu Worte kommen. Was wir au diesem vorzüglichen Werke zu bemängeln haben, ist. daß der Talmud selbst wenig zu Worte kommt, welchen Mangel der Verfasser gewiß umgangen härte, wenn er die Werke Damd Nietös gegen den Antitalmudismus „Mate Don“ oder „Kusari Scheni“ zu Nathe gezogen hätte. Aus diesem Arsenale hätte der Verfasser mehr als eine scharfe Waffe gegen Leon holen können, auch hätte die Abhandlung mehr an Tiefe gewonnen. Ausgehend von seiner geschichtsphilosophischen Idee, daß die talmudischen Gesetze die Bestimmung haben, das Dasein der jüdischen Nation zu sichern, glaubt der Verfasser folgern zu müssen, daß heute, auch wie zur Zeit des Talmud, religiöse Neuerungen eingeführt, d e der Gemeinschaft vom Bortheile, andere Bestimmungen hingegen wieder ausgehoben werden mögen, weit sie für den Bestand der Gemeinschaft unnöthig geworden sind. Verfasser greift deshalb die jüdischen Codificatoren au, weil dieselben jeder Abrogirung oder Neuerung einen Riegel vorgeschoben, was nicht mehr talmudisch ist, weil der Talmud sich den Zeit- Verhältnissen angepaßt habe. In diesem Punkte können wir dem gelehrten Verfasser keineswegs beipflichten. Unsere conservativen Brüder aller Länder paffen sich den Verhältnissen ihrer Umgebung wohl an, und spricht keine Thatsache dafür, daß das Festhalten au allen Vorschriften des Schulchan Aruch in irgend einer Weise die Entwicklungsfähigkeit des Judenthums hemmen würde. Die Ideen des Berfaffers, consequent durchgeführt, würden die Erfüllung der religiösen Gebote wieder der Willkür und dem Ermessen der Vernunft üderlaffen bleiben, weil sie nur allein im Stande ist, zu prüfen, inwieweit die Beibehaltung eines religiösen Gebotes zur Erhaltung des Ganzen beiträgt, und so wären wir wieder auf dem Standpunkte, den der Verfasser im Eingang seines Werkes bekämpft. Auf Einzelheiten einzugehen — wie z. B.. daß der Berfaffer in einer Fußnote (S. 335) eine Erklärung des Wortes »Mamser" gibt, ohne zu erwähnen, daß bereits der Talmud Jebamoth 76b auf die Ethymologie dieses Wortes eingeht — müssen wir, weit die Rücksicht auf den Raum uns den Schluß unserer Anzeige gebietet, für jetzt absehen. Jedoch kann man nicht umhin, dem Verfasser Anerkennung für seine gelehrte und geistvolle Abhandlung zu zollen, wenngleich man auch seinen Standpunkt nicht theilt, weil es immerhin in unserer Zeit ein dankbares Unternehmen ist, eine Apologetik des Talmud zu schreiben, die Dank der dahinfließenden Sprache für Jedermann verständlich ist. Waag-Neu st adtl. Rabbiner Dr. L. Schweiger. Kriefkasten. K. Die Superiorität der antisemitischen Race erhellt und wird bekräftigt durch ihre Wortführer Vergant, Schneider. K. H. Wolf, Herzog und dem Eigenthümer des „Venustempels" in der Krugerstraße. In Frankreich ist es nicht anders. Herr Perivier ist ein Musterrichter. Als solcher hat ihn die Welt kennen gelernt, als er über Emile Zola zu Gericht saß. Er war von beispielloser Voreingenommenheit gegen den Angeschuldigten und voller Nachsicht gegen den antisemitisch-nationalen Mob, der die Corona bildete. Herr Pörivier ist in den ungeheuerlichen Betrug der Humberts verwickelt. Niemand ist davon überrascht, denn — so sind sic Alle, Alle ohne Ausnahme. *) Siehe Österreichische Wochenschrift, Jahrg. 17, Nr. 35.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.