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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 370 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 22 »Da mag er recht haben. Frau Meier, bisweilen redet man sich den Aerger von der Leber weg/ »Na, wegen meiner, kram' Du die dummen Geschichten heraus, ich verbiet's ja nicht". Sie setzte jedoch bei diesen Worten das Rad ihrer Maschine in rasche und lauteWewegung, daß eine ordentliche Unterhaltung bei diesem Geräusch kaum möglich. Der Kranke lachte: »Siehst Du Franz, sie ärgert sich auch." »Nein, nein, ich ärgere mich nicht", entgegnete sie erröthend, »ich habe mir die Naht da rasch herunternähen wollen, jetzt bin ich auf der Maschine fertig, jetzt kannst Du in Ruhe Deine Sache Vorbringen." »In Ruhe", wiederholte er zähneknirschend, »wer könnte über so etwas ruhig reden." »Aber sage mir nur, um was handelt es sich denn eigentlich?" »Um den Poldi", erwiderte die Frau, „es ist ja wahr, ich habe mich auch darüber geärgert, die Leute sind ja so gut gegen uns, kaum ein Tag vergeht, ohne daß sich der Eine oder Andere von ihnen nach meinem Mann umschaut, aber man darf ja doch nicht vergeffen, der Poldi ist ein Kind." „Ein Kind ist er?" lachte der Mann, „einen halben Kopf ist er größer als Du, ein schönes Kind, gelt Franz?" „Er ist doch erst sechzehn Jahre alt", sagte die Frau. „Mit sechzehn Jahren ist man doch kein Kind mehr und der Poldi erst recht nicht. Das ist's ja, was mich noch am meisten ärgert, ein dummer Bub ist er nicht, aber ein schlechter Kerl ist er, ein grundschlechter." »Aber um Himmelswillen, was hat er denn angestellt", fragte Wiesner. »Na, wirklich angestellt hat er nichts", entgegnete die Frau begütigend. »So, das nennst Du nichts? Da soll doch der Franz entscheiden, ob das nichts heißt. Kommt er da heute Mittag beinahe um eine Stunde später nach Hause als gewöhnlich, wir sind schon beim Esten gewesen, und über und über war er roth im Gesicht und aus den verschmitzten Augen lachte ihm die pure Schadenfreude heraus." .Geh' doch, geh' Mann, wer wird so reden über sein eigen Fleisch und Blut." »Das ist's ja eben" rief er ärgerlich, indem er mit der Faust auf das vor ihm stehende Tischchen schlug, »daß der Bub' mein eigen Fleisch und Blut ist, wäre er fremdes, da würde's mich wenig kümmern." »Aber ich weiß noch immer nicht, was es eigentlich gegeben hat", sagte Wiesner lächelnd. »Na, ich bin doch dabei, es Dir zu erzählen. Also meine Frau fragt ihn, wo er so lange gewesen ist. Bricht er da in ein Gelächter aus, daß er vor Lachen lange Zeit nicht hat reden können. Es wär' a Hetz gewesen — so a Hetz! — so a Capitalhetz! — Die Kinder, die Lisi und der Franz!, sind um ihn herumgestanden und haben ihn in einemfort gefragt, was für a Hetz das gewesen ist, er soll doch erzählen. Und da hat er noch immer lachend gesagt, mit dem Juden wär' die Hetz gewesen, mit dem Alfred Kohn; — Herr Gott, Poldi! hat meine Frau geschrieen, Du wirst Dir doch keine Hetz machen mit dem Sohn von unserm Herrn Kohn? Das wäre die größte Sünde und Schande und die größte Dummheit. Und darin hat meine Frau Recht gehabt, denn da liege ich nun schon sieben Wochen, kann nicht das Mindeste für sie thun, und nicht nur, daß ich regelmäßig mein Gehalt bekomme, da vergeht doch kein Tag, an dem sie nicht was schicken, bald dieses und bald jenes, und alle sind schon öfters dagewesen, nicht nur die Bediensteten, sondern auch der Herr selbst und die Frau und auch der Herr Alfred — und da macht sich mein Bub a Hetz aus ihm!" »Da hast Du recht", stimmte Wiesner bei, »das ist ein großes Unrecht und eine große Dummheit." »Aber unser feines Früchte!, der Poldi, meinst er gibt was d'rauf, was die 'Mutter zu ihm sagt? Keine Joee. Gelacht hat er, in einemfort gelacht und dabei die verruchte Geschichte erzählt, daß der Alfred Kohn in der Mathematik der Beste in der ganzen Elaste ist und daß der Classenlehrer gesagt hat, das wäre gar kein Wunder, weil die Judenkinder schon in den Windeln anfangen, rechnen zu lernen, damit sie die Christen umso bester betrügen können, und wie da die ganze Elaste gelacht und auf den Judenjungen geschaut hat." »Herr Gott im Himmel!" rief Wiesner, »das hat ein Lehrer in der Schule gesagt?!" »Warte nur, es kommt noch besser. Dann hat er gefragt, ob Jemand ihm sagen könnte, worin der Unterschied besteht zwischen einem Stinkthier und einem Juden. Da hat unser lieber Poldi geschrieen: zwischen dem Stinkthier.und dem Juden wäre gar kein Unterschied, weil sie beide stinken. Und darüber hat natürlich wieder die ganze Elaste gelacht. Aber der Herr Lehrer hat gesagt, es wäre doch ein Unterschied zwischen beiden, denn der Jude stinkt und ist beschnitten, aber das Stinkthier stinkt und ist nicht beschnitten." »Unerhört!" rief Wiesner, die Hände zusammenschlagend. »Aber ich muß Dir sagen, Paul, wenn der Poldi solche Gemeinheiten von dem Lehrer hört, so darfst Du nicht gar streng mit ihm in's Gericht gehen, wenn er darüber lacht und Aehnliches tratscht." »Das habe ich auch gesagt," stimmte Frau Meier bei, »was die Kinder von dem Lehrer hören —" »Was sprichst Du von Kindern!" schrie ihr Mann, »der Poldi ist sechzehn Jahre alt, da ist er kein Kind mehr. Und wenn der Lehrer ein gemeiner Hund ist und solche infame Witze macht, so hätte der Poldi aufstehen müssen und sagen, daß das alles lauter Lügen sind —" »Das ist nun wieder zu viel verlangt, der Schüler kann den Lehrer nicht Lügen strafen." »Der Poldi hätte es können und müssen, er hätte nur zu sagen brauchen, und das hätte er sagen müssen, was die Kohns au uns thun. Aber nicht nur, daß er das nicht gethan hat, seinen eigenen Reden nach ist er der Aergste gewesen, als die ganze Elaste nach der Schule den armen jungen Herrn gehänselt hat. Die Lisi hat ihn gefragt, ob der Kohn geweint hat, als der Lehrer so gesprochen hat. Da hat er gesagt nein, geweint hat er nicht, aber ganz weiß ist er im Gesicht geworden und Augen hat er gemacht, als ob er die ganze Elaste vergiften möchte, und nach der Schule, da scheint es ihm nicht gut geworden zu sein, denn er hat sich so gegen die Mauer gelehnt. Da hat das mitleidige Kind, die Lisi, zu ihm gesagt, da hättest Du aber den Herrn Alfred nach Hause führen sollen, er ist ja so gut, im vorigen Jahr, als ich mal auf der Straße gefallen bin, da hat er mir auch aufgeholfen und hat mich nach Hause geführt. Da hat der Poldi wieder gelacht und hat gesagt, er möchte keinem Juden helfen, nicht um die Welt, und er hätte sogar dem Kohn von der Seite einen Stoß gegeben, daß er in den Schnee gefallen ist, und da wäre die ganze Elaste über ihn her und das wäre die eigentliche Hetze gewesen. Nun bitte ich Dich um Gotteswillen, Franz, wenn der Kohn das seinem Vater erzählt und der mir darauf hin kündigt. — Was fange ich da an? — von was leben mit Frau und Kindern? — So rasch finde ich keinen andern Posten. —" »Um Himmelswillen, Paul, rege Dich doch nicht in einemfort auf", bat seine Frau, »die Kohns sind gar nicht so, daß sie Einen, der zehn Jahre lang bei ihnen gearbeitet hat, so Knall und Fall kündigen — und überdies ist es noch nicht einmal ausgemacht, daß der junge Herr die Geschichte zu Hause erzählt hat »Deine Frau hat recht, man muß nicht gleich das Aergste glauben." »Aber wenn das Aergste das Wahrscheinlichste ist? — Ich bitte —" »Du siehst zu schwarz, Paul, ich versichere Dich, Du siehst zu schwarz. Die Sache an sich will ich keineswegs beschönigen, ich hätte Deinem Poldi weder so viel Gemeinheit, noch solch' horrende Dummheit zugetraut."' — »Das ist's ja, was ich sage." »Aber für Dich wird das keine Folgen haben, glaube mir, in dieser Beziehung kannst Du unbesorgt sein. Und wie wäre es, Frau Meier, wenn Sie zu Herrn Kohn gehen würden und ihm Ihr eigenes und Ihres Mannes Bedauern aussprechen würden wegen der Ungezogenheit Ihres Buben —" »Daran habe ich auch schon gedacht, aber wie gesagt, es ist die Frage, ob der junge Herr es zu Hause erzählt hat. — Wenn er geschwiegen hätte, möchte ich doch auch nicht gern damit angefangen haben —" »Freilich nicht. Aber ich wüßte doch nicht, weshalb der so schwer beleidigte, mißhandelte Knabe zu Hause nichts davon erzählt haben sollte? — Den Eltern gegenüber hat er sich doch nicht zu schämen."

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