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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 362 Dr. Vloch's Wochvnschrifl. Nr. 22 verschaffen. Kurz darauf fanden sich in den Reihen der be- .»isterten Freischärler (Lroeiali) schon 235 Juden; bei der Verteidigung Roms im Jahre 1849 waren fünf Juden in den Leihen jener Tapferen, die den Vascello außerhalb der Porta Santa Croce mit Heldenmuth gegen die anstürmenden Feinde o?rtheidigten. Auch in dem Kampf um Venedig waren Juden Commandanten der Nationalgarde; der heldenmüthige Dictator von Venedig in der schlimmsten Bedrängniß, Daniele Manin, war jüdischer Abstammung; in dem Krimkriege kämpften italienische Juden, die es später zu hohen Ehren und Auszeichnungen brachten. Unter den „Tausend von Marsala", die am 11. Mai 1860 in Sicilien. landeten, waren 11 Juden; 260 jüdische Freiwillige kämpften damals um Italiens Freiheit und am Schluffe des Feldzuges befanden sich in den Freischaaren Garibaldi's 127 Juden, von denen Einer den Orden pro Petri sede vom Papste erhielt. Im italienischen Kriege von 1866 waren 280 Juden als Freiwillige unter den Kämpfern; der Commandeur der Batterie, die als die erste 1870 durch die Porta pia in Rom einzog, war ein Jude, Giacomo Segre, der, im Kampfe verwundet, die Tapferkeitsmedaille erhalten hatte. Auch in den Kämpfen Jttliers in Afrika hat eine Reihe jüdischer Officiere und Soldaten sich ausgezeichnet. So wurde Major Blivelta bei Caffala mit der Tapferkeitsmedaille geschmückt und der Capitän Andrian Assel, der dieselbe Auszeichnung bei Argodat sich erworben hatte, fand bei Amba Magi, 30 Jahre alt, seinen Heldentod. Ein einfacher Freiwilliger, Rovighi, wurde Ordonnanzvfficier des Königs Emanuel. Bernhard Lazare in Rumänien. (Die Reife eines Philanthropen.) Der bekannte französische Philanthrop und Pudlicist Bernhard Lazare hat kürzlich eine Reise durch Rumänieu gemacht, um sich persönlich von der Furchtbarkeit des Elends unter der jüdischen Bevölkerung dieses Staates zu überzeugen. Ergreifend ist die Schilderung dieser Reise durch das tiefste Menfchenelcnd, die der französische Philanthrop in einer Unterredung mit einem Mitarbeiter des „Pester Lloyd" entwirft. „Von Czernowitz — erzählt Bernhard Lazare — ging mein Weg nach Rumänien. Ich sollte eigentlich unser Weg sagen, nenn ich hatte bereits Reisegefährten, drei rumänische Geheimpolizisten, mit, die jeden meiner Schritte bewachten. So kam ich in Jassy an. In der Bevölkerung von Antisemitismus keine Spur. Ich konnte meine Erfahrungen sammeln, die Schulen und Hospitäler besuchen, mit jüdischen Arbeitern, die durch dgs Fremdengesetz betroffen werden, mich ruhig ausfprechen, ohne tag die Bevölkerung irgend eine feindselige Kundgebung veranstaltet hätte. Das Elend in Jassy ist unbeschreiblich. Die jüdischen Arbeiter lungern und hungern in der entsetzlichsten Weise. Zi.e sind geschickte Arbeiter, fleißig und tüchtig und können dock siolut keine Verwendung für ihr« Muskelkraft finden. Das Elend spiegelt sich in ihren Zügen, in den bleichen, abgehärmten Gffjchttrn. Ihre Verzweiflung ist unbeschreiblich. Der bloße Umsiand, daß ein Fremder sich für sie iittercfsire, erfüllte sie mit freudigen Hoffnungen, die leider nur sehr wenig Begründung haben konnten. Immerhin war es für mich ein Trost, sie durch mein bloßes Erscheinen beruhigen zu können. Von da fuhr ich nach Bukarest. Dort ging es bereits stürmischer her. Das Hotel, in welchem ich abgestiegen war. wurde bald von Tausenden der durch das Fremdengesetz betroffenen Judkir umringt. Die Menge kam an mich heran, klagte, seufzte und rang die Hände. Der Refrain war immer: „Wir sind arbeitslos; in jedem Augenblick kann uns das furchtbare Schicksal ereilen, mit Kind und Kegel ausgewiesen zu werden. Man läßt uns verhungern, man aibt uns keine Arbeit, man verjagt uns von der Scholle, wo unsere Wiege stand und wo unsere Väter begraben liegen." Am ersten Tage meiner Anwesenheit in Bukarest erzählten mir meine Bekannten, daß auf den Straßen Flugblätter vertheilt werden, deren Inhalt sich gegen meine Person und gegen meine Thätigkcit richtet. Ich habe ein solches Flugblatt mitgebracht. Es ist die niederträchtigste Verhetzung, die jemals Druckerschwärze gesehen hat. Unterschrieben ist das Pamphlet :Die rumänischen Universitätsstudenten. Darin wird die Straße aufgefordert, zu einem Protestmeeting zu erscheinen, und wenn es sein muß, selbst durch Gewalt zu verhindern, daß ich einer für denselben Tag einberufenen Berathung über den Zustand' der rumänischen Juden beiwohne. Augenzeugen haben mir versichert, daß dieses erbärmliche Pamphlet von Polizisten in Uniform verbreitet wurde. Doch es kam noch schlimmer. Ich dejeunirte bei einem Freunde, als dort zwei Abgesandte der höchsten Behörde erschienen, die im Namen der letzteren den Wunsch äußerten, daß ich der für diesen Tag einberufenen Versammlung nicht anwohnen solle. Die Studenten hatten inzwischen ein Protestmeeting gehalten. Dort wurde gegen mich haranguirt, zündende Schlagworte wurden in die Menge geworfen, der Straßenplebs wurde aufgereizt, sich gegen mein Hotel zu wenden. So weit wollte es die Polizei denn doch nicht kommen lassen. So wurde denn die Straße zu meinem Hotel von der Gendarmerie abgesperrt, und die johlenden Knäuel mußten unverrichteter Dinge abziehen. Um doch etwas für die heilige Sache gethan zu haben, wendeten sich die Herren Studenten gegen das Judenviertel, zogen die Menge mit sich, und man plünderte jüdische Geschäftsläden, damit der Tag doch nicht ganz verloren gehe. Diese Sachlage erkennend, und wohl begreifend, daß meine Studienreise den ohnedies gehetzten und verfolgten Juden nur noch mehr Schmerzen und Bedrückung verursachen könnte, beschloß ich denn, abzureisen. Auf die Nachricht von meiner Abreise stand die hilflose Menge der Juden in den Straßen. Die Menge zählte nach Zehntausenden. Thränenden Auges winkten mir diese Aermsten der Armen Abschied zu. Ich reiste ab. In den Stationen, wo der Expreßzug anhält, kommen immer wieder Menschenmengen. Vergebens hatten die jüdischen Notabeln aus Bukarest nach diesen Orten telegraphirt, daß die jüdische Bevölkerung im eigenen Interesse sich bei meiner Durchfahrt nicht zeigen möge. In Pitesti und in Crajova, -wo der Zug anhielt, waren die Bahnhöfe von unabsehbaren Mengen dicht gefüllt, die mir durch ihren bloßen Anblick ihr furchtbares Elend bekunden wollten. Nun bin ich seit einigen Stunden in Budapest, in der Hauptstadt eines freien und herrlichen Landes, und mit Schaudern denke ich an die Erlebnisse zurück, die mich unvermuthet in Rumänien überrascht haben. Selbstverständlich lasse °ch die Sache nicht auf sich beruhen und werde in Paris meine Rechte und Pflichten als französischer Bürger wahrzunehmen wissen. Unser Minister des Aeußern Herr D e l c a s s 6 wird von mir benachrichtigt werden, wie man im Königreiche Rumänien euren Fremden, in dessen Vaterland die Rumänen allen gesetzl chen Schutz genießen, behandelt, wie im Königreiche Rumänien rie Behörden das internationale Recht zu handhaben sich unterstehen." Antisemitische Protestantenhetze. Die Protestautenhetze der verbündeten Antisemiten und Nationalisten hat in den Sevennen während der Wahlperiode zu Ausbrüchen des Fanatismus geführt. Die Gerichtsbehörden von Tournon haben eine Untersuchung über sehr gefährliche Zwischenfälle eingeleitet, die sich in dem District von Saint- Agröve in der Berggegend, die dem Nordtheil des Departements Ardöche von der Haute-Loire trennt, abgespielt haben. Der religiöse Fanatismus, der während der Wahlperiode geschürt worden mar, ist nach der Abstimmung in der Umgebung der 3000 Einivohner zählenden Gemeinde Agreve, die 54 Kilometer von Tournon entfernt liegt, zum Ausbruch gelangt. In Rochepaule, einer ziemlich bedeutenden Ortschaft, sammelten sich zweihundert mit Flinten, Aexten und Messern bewaffnete Katholiken vor dem Pfarrhause an und verlangten stürmisch-von dem Pfarrer, er solle die Vernichtung der Ketzer anordnen. Die Gendarmeriedrigade von Saint-Agreve wurde in aller Eile herbeigeholt und mußte zwei Tage in der Gemeinde bleiben, um die Protestanten gegen den Fanatismus der haßerfüllten Menge zu schützen. In zwei anderen Gemeinden, Sainte-Jeure-d'Andaure und Saint- Romain-le-Desert, spielten sich ähnliche Auftritte ab. Die Menge batte Ziegen auf die Plätze getrieben, die sie mit Petroleum übcrqoß und lebendig auf Scheiterhaufen verbrannte, während di« Fanatiker um die Brandherde herumtanzten und die Rufe ausstießen : „Verbrennt die Ketzer! Tod den Hugenotten!" Nach knesem scheußlichen Intermezzo wurde eine Gliederpuppe, die die Republik darstellte, durch die Straßen geschleppt und verhönt und angespieen. Aus mehreren anderen Ortschaften werden gleiche Zwischenfälle gemeldet. Es ist ein wahres Wunder, daß kein Blut dabei geflossen ist. Im Verlauf der eingeleiteten Untersuchung ist es den Gerichtsbehörden gelungen, sehr schwerwiegende Thatsachen gegen einige Persönlichkeiten, die in diesen Bezirken eine angefthene Stellung einnehmen, zu ermitteln. Trotz der Anwesenheit der Gerichtsbehörden und der Gendarmen bleibt die Lage sehr gespannt, und der geringste Anlaß würde genügen, um einen furchtbaren Ausbruch des religiösen Haffes hervorzu-

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