Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 360 Dr. Bloch's Woärrnschrifr. Str 22 Noch wollte ich von der Wirkung der Predigten sprechen. Aber das kann ich mit wenigen Worten thun. Nur e i n Rabbiner hat mich einst in einer Stunde des Mißbehagens, wo ich das Judenthum für immer toDt und begraben glaubte, getröstet und aufgerichtet. Den Namen verrathe ich nicht. Jetzt werden mir alle Rabbiner von Berlin und Umgebung, soweit der Vorortverkehr reicht, die besten Freunde werden. Und wenn diese mir wohl wollen, so kann es mir gewiß nicht fehlen. Demnächst aber schreibe ich über unser Salonjudenthum! Berlin. Dr. S. Bernfeld. Vom Jahrmarkt de» Levens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Dr. Lueger an die Fürstin Metternich. — Marsfest und Elektricitätswerk. — Wie reimt sich das zusammen? — Madame Humbert und Bergani. — PauschalienzuWasserundzuLande. —Gräfin Kielmansegg im Processe Pajarola. — K. H. Wolf über die Würde des Parlaments.) Fürstin Pauline Metternich ist eine der sympathischesten Frauen Wiens, unermüdlich in dem Ersinnen festlicher Veranstaltungen, deren Ertrag wohlthätigen Zwecken gewidmet ist. Ihr war es wiederholt zu verdanken, daß das gesellschaftliche Leben Wiens Anregungen erhielt und daß hiebei zahlreiche Gewerbetreibende Verdienst fanden, der ihnen sonst nicht zugeflofsen wäre. Mein die vornehme Dame hat einen unverzeihlichen Fehler, der ihr in den Augen des Dr. Lueger schadet. Sie gehört nicht seiner Amazonengarde an, sie ist keine Affiliirte der Jesuiten, sie ist nicht clerical und nicht antisemitisch. Fürstin Metternich steht überhaupt dem politischen Leben vollständig ferne, sie ist gegenüber dem Zwiespalt, den die christlich-sociale Partei in der Wiener Bevölkerung geschaffen hat, durchaus indifferent. Kein Wunder, daß Fürstin Metternich mit der Frau Ruziczka und der Frau Platter in der Gunst unseres Herrn Bürgermeisters nicht concurriren kann. Der Blumencorso und das Fest auf dem Mars find deshalb nicht nach dem Geschmacke des Dr. Lueger und die Einweihung des städtischen Elektricitätswerkes betrachtete er als einen passenden Anlaß, um seiner Abneigung vor den Veranstaltungen der Fürstin Metternich Ausdruck zu geben, indem er sagte: „Wenn auch für das Elektricitätswerk nicht so marktschreierische Reclame gemacht wurde wie jüngst, als ein Fest auf dem Mars arrangirt wurde, so loben sich doch die Werke der Gemeinde selbst und die Stadt kann stolz auf das Gas- und Elektricitätswerk sein/ Der Vergleich zwischen einem Wohlthätigkeitsfest und einem monumentalen Bauwerk ist so bei den Haaren herbeigezogen, daß er nur durch den dringenden Wunsch, der Fürstin Metternich ein „Klampsel" anzuhängen, erklärlich ist. Dieses Vorgehen des Herrn Dr. Lueger ist nicht genügend charakterisirt, wenn man es als geschmacklos bezeichnet. Dieser Herr ist nämlich kein Privatmann, dem es freisteht, die Fürstin Metternich zu verehren oder nicht und ein Fest schön oder langweilig zu finden. Seine persönlichen Ansichten hierüber mag Herr Dr. Lueger als Privatmann äußern, aber nicht, wenn er als Bürgermeister spricht. Daß der Bürgermeister der Hauptstadt über eine zu wohtthätigen Zwecken unternommene Veranstaltung, die nicht blos den zu unterstützenden Anstalten zugute kommt, sondern auch das großstädtische Leben auffrischt, den Zuzug Fremder begünstigt, vielen Geschäftsleuten Nutzen und Tau; enden von Theilnehmern Vergnügen bietet, eine direct feindselige Aeußerung abgibt, das dürste in keiner Weltstadt jemals vorgekommen sein. Ja, wenn für irgend eine Congregation oder für eine Klosterschule ein Fest veranstaltet wird, da wetteifert die Preßgarde Lueger's in der Bekanntmachung, die das Publicum zur Theilnahme einladet. Da es sich aber nicht um elericale Zwecke handelt, so nennt Herr Dr. Lueger die wiederholte Ankündigung eines Wohlthätigkeitsfestes eine marktschreierische Reclame, als hätte die Fürstin Metternich oder das Festcomitä ein Geschäft gemacht. Die Reden, die Herr Dr. Lueger bei festlichen Anlässen hält, haben sich noch immer durch ihre Banalität ausgezeichnet; von einem tieferen Gedankengange ist darin niemals irgend eine Spur zu finden. Diesmal ist er über die gewöhnliche Banalität hinaus fast bis zum Unsinn gelangt, weil nicht einzusehen ist, in welchem Zusammenhang das städtische Elektricitätswerk mit dem Marsfest stehen soll, und weil eine ausgiebige Reclame für eine wohlthätige Veranstaltung sehr nützlich ist, während ein der Stadt Wien gehöriges industrielles Unternehmen eine solche Reclame nicht nöthig hat. Herr Doctor Lueger geberdet sich in seinem Eigendünkel, als wäre er der Schöpfer aller dieser Werke, und es ist deshalb nicht überflüffig, daran zu erinnern, daß das städtische Elektricitätswerk genau so wie das Gaswerk, bei dessen Errichtung ungefähr 50 Millionen Gulden verschleudert worden sind, ausdenSteuergeldern errichtet wurde. Für das Geld Anderer stolz zu sein, ist ein wohlfeiles Vergnügen. Richtig ist hingegen, daß jeder Wiener, und selbstverständlich auch jeder Wiener Jude oder jüdische Wiener seine Freude daran hat, wenn das auf Kosten der Steuerträger errichtete Werk gelungen ist, und daß er vom Herzen wünscht, es möge gedeihen und der Stadt reichen Ertrag liefern. Wenn diese frohe Erwartung sich erfüllen sollte, und es wird das hoffentlich der Fall sein, so bleibt die Anerkennung dafür dem Bürgermeister unbenommen. Aber eine bewußte Fälschung, die hiebei wie immer seitens der Christlich-Solialen begangen wird, muß stigmatisirt werden. Diese Leute stellen nämlich regelmäßig folgenden Trugschluß auf: Dr. Lueger ist ein Antisemit. Dr. Lueger hat das oder jenes Werk geschaffen. Folglich hat der Antisemitismus das oder jenes Werk geschaffen. Daraus folgt die Vortrefflichkeit und Berechtigung des Antisemitismus. Diese Folgerungsreihe wäre selbstverständlich auch dann ein Trugschluß, wenn die antisemitische Gemeinderathsmajorität alle Bauten aus eigener Tasche bezahlen würde und nicht aus den Steuergeldern aller Bürger ohne Unterschied der Confession. * * * Schade, daß Madame Humbert keine Jüdin ist; welches Vergnügen für das „Deutsche Volksblatt", hätte es entdecken oder wenigstens behaupten können, daß die Daurignac's aus Klein-Sichem stammen und daß ihr Ahne richtig Dori Ignaz (Jtzig) geheißen hat. Verbrechern, von denen man nichts Näheres weiß, kann man ohneweiters durch das bekannte Ausrufungszeichen den Juden zuschanzen, wie dies beispielsweise in dieser Woche mit einem verhafteten persischen Gauner geschehen ist. Nicht alle ähnlichen Typen laffen sich dazu verwenden. „Vergani (1)" — den Namen so im „Deutschen Volksblatt" abzudrucken, wäre ebenso unsinnig wie „Madame Humbert (!)*. Wenn aber auch mit der Gestalt dieser Millionenschwindlerin an sich fürs antisemitische Geschäft nichts Rechtes anzufangen ist, so kann man sie wenistens indirect für das Judenthum reclamiren, und diesen ergötzlichen Versuch haben die Schriftleiter in der Josefsgaffe auch pünktlich unternommen. Das „Deutsche Bolksblatt" bezeichnet den Fall Humbert als ein „wesentliches Stück des judenliberalen Regimes in Frankreich" und findet es sehr begreiflich, daß die „Judenregierung" bei Madame Humbert gespeist hat. Gönnen wir Herrn Vergani die Freude daran, daß Frankreich eine Judenregierung hat. Dagegen können wir es nicht zulassen, daß den clericalen und antisemitischen Kreisen Frankreichs eine Parteigenossin, die stets so treu zu ihnen hielt, wie Madame Humbert, durch Vergani abgestritten wird. Madame war eine eifrige Kirchengängerin, spendete 50.000 Francs für den Peterspfennig und erhielt den päpstlichen Segen für sich und die Keule viaZere, sie unterstützte elericale und antisemitische Zeitungen gar reichlich mit einem Theile der erschwindelten Gelder. Hätte Madame Humbert in Wien gelebt und gewirkt, so hätte Vergani's rechte Hand genau gewußt, was die linke zu thun hat. Alle beide Hände hätten genommen. Mit einer auf hoher See schwimmenden Aacht kann man leider nicht mehr in „Geschäftsverbindung" treten. Von den so begehreuswerthen Pauschalien zu Waffer und zu Lande sind bisher blos di^ letzteren in die Erscheinung getreten. Sein Ingrimm darüber, daß Frau Humbert blos die französischen Antisemitenblätter für ihr Geschäft verwendet hat, sollte den Vergani doch nicht so weit hinreißen lassen, seine Parteigenossin zu verleugnen, deren Gläubiger ja ebenfalls ausschließlich der clericalen Partei angehören. Die Madame Humbert gehört also neben Langrand, Drumont, Bontoux, Adele Spitzeder und vielen Anderen in den großen antisemitischen Gaunerkatalog^ * * * Das Auftreten der Frau Gräfin Kielmansegg in dem Processe der Wechselfälscherin Pajarola hat zu verschiedenartigen Bemerkungen Anlaß gegeben. Es wurde dem Präsidenten verübelt, daß er der Gräfin Gelegenheit gegeben hat, vor Gericht über ihre eigenen Bermögensverhältnisse Erklärungen abzugeben, und sogar die besonders höfliche Behandlung wurde gerügt, die ihr zutheil geworden. Wir erlauben uns, unsere Ansicht darüber wie folgt auszusprechen. Die antisemitische Presse und antisemitische Agitatoren haben gegen den Statthalter, solange er nicht mit ihrer Partei kokettirte, mit allen