Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 359 Es ist durchaus unrichtig, 'daß sich die fremdenfeindliche Bewegung in Rumänien nur gegen die Juden richte. Sic richtet sich eben so sehr gegen alle Ausländer, auch diejenigen, die der christlichen C ou f e s s i o n a n g e h ö r e n. Mein Sohn, der Bauunternehmer und Zimmermeister ist, hatte beim Bau der Centralwerkstätten der Eisenbahn in Bukarest die Zimmerarbeiten übernommen. An demselben Bau war auch ein rumänischer Jude beschäftigt, der den Anstrich der Eisenconsiructionen übernommen hatte. Seine Arbeiter, unter denen sich ebenfalls Juden befanden, wurden von der rumänischen Bevölkerung bei der Rückkehr von der Arbeit überfallen und schwer mißhandelt. Als mein Sohn einige Tage später seine Arbeiten begann, kam ebenfalls ein Volkshaufe und bedrohte ihn und seine Leute mit Thätlichkeiten, obwohl sie wußten, daß mein Sohn Deutscher und C h r i st war. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich im vorigen Jahre, als mein Sohn die Zimmerarbeiten für die italienische Schule in Bukarest übernehmen wollte. Auch hier bedrohte die rumänische Bevölkerung meinen Sohn mit Todtschlag, falls er die Arbeit übernähme, so daß 'Mein Sohn von der Uebernahme Abstand nahm. Wir haben schließlich Rumänien verlassen müssen, weil wir angesichts der fortdauernden Feindseligkeit der rumänischen Bevölkerung gegen alle Fremden, besonders gegen Deutsche, auch christlicher Confessiion, in Rumänien kein Fortkommen mehr sahen. Die Rumänen zahlten auch ihre Schulden nicht, und bei den rumänischen Gerichten war für uns Fremde kein Recht zu bekommen. Auch Beschwerden beim deutschen E o n s u l a t hatten keinen Erfolg. Unser Schaden beläuft sich ans circa 25.000 Franken. Diese Zustände sind erst so unerträglich geworden unter dem jetzigen sogenannten „liberalen" Ministerium S t u r d z a." Laisser faire, laisser passer! Berliner Briefe. In allen religiösen Fragen herrscht jetzt bei uns das reinste Manchesterthum, die Politik des „Nichtsthuns". Ende des Jahres 1901 haben die Berliner Gemeindewahlen unter der Parole: „Hie Sabbath, hie Sonntag!" oder wie ein anderer Redner der Conservativen sich damals ausdrückte, unter der Parole: „Jüdisch oder nicht jüdisch!" stattgefunden. Mit imposanter Mehrheit haben die Gegner des Sonntags-Gottesdienstes gesiegt. Bei der großen Betheiligung der Wähler kann auch nicht von einer Zufallsmehrheit die Rede sein. Mag man sich zu der Sache stellen, wie man will, die jüdische Gemeinde von Berlin hat sich mit großer Mehrheit gegen die Einrichtung eines öffentlichen, feiertäglichen Gottesdienstes ausgesprochen. Ich sage eines „öffentlichen und feiertäglichen Sonntags-Gottesdienstes", weil natürlich sonst in allen Berliner Synagogen auch Sonntags ein öffentlicher Gottesdienst stattfindet.'i Di? Sache war recht verquickt. Die sogenannten Liberalen schwuren diesmal zu der Fahne des Talmuds, von dem sie doch sonst nichts wissen wollen — und natürlich auch nichts wissen, was übrigens auch von der anderen Seite zutrifft. Sie verlangten einen öffentlichen Gottesdienst in deutscher Sprache und mit Predigt am Sonntag. Nun begann ein reizendes Frage- und Antwortspiel: „Darf man-in deutscher Sprache beten?" — „Natürlich ja, die Mischnah gestattet dies, und die Mischnaherklärer sagen ausdrücklich, daß es beim öffentlichen Gottesdienst erlaubt sei." — „Darf man Sonntags einen öffentlichen Gottesdienst abhalten?" — „Aber ja doch, man soll es sogar!" — „Darf man dabei einen gottesdienstlichen Vortrag halten?" — „Gewiß, warum denn nicht? Wenigstens ist uns keine jüdische Autorität bekannt, die es verbietet". Also warum doch nicht? Weil die Judenheit instinctiv fühlte (man verzeihe mir diesen Ausdruck, der doch richtig ist!), daß es sich um die Entjudaisirung des Judenthums handelte — nicht mehr und nicht weniger. Es hieß damals im Wahlkampf, die Leute wollen langsam die nächste Generation in das Lager des Christenthums überführen. Das ist nicht wahr! Zum Theil thun sie's, aber nicht langsam, sondern mit einem kräftigen Ruck, zum Theil aber wollen sie das Judenthum wirklich erhalten, fragt mich nur nicht, wie? Es gibt bei uns Männer, die in den Idealen der Siebziger-Jahre ausgewachsen sind; sie haben seitdem nichts gelernt und nichts vergessen. Man wollte damals ein Judenthum — wie Waffer ohne Farbe, ohne Geruch und auch ohne Geschmack; der alte Hegel würde sagen: „Allgemeines Obst." Es solle nicht am Sabbath, sondern an dem „bürgerlichen Ruhetage" der öffentliche Gottesdienst abgehalten werden; Rosch-ha-Schanah feiert man am besten am 1. Jänner, und das Versöhnungsfest am Bet- und Bußtag. (Wisset Ihr in Oesterreich, was das ist? Wenn nicht, will ich es Euch unentgeltlich mittheilen.) Was bleibt aber vom Judenthum? Ein gewisses Etwas, vor Allen: aber, daß der Gottesdienst in der Synagoge und nicht in oer Kirche stattfindet, und der „einig-einzige Gott" besonders hervorgehoben wird, d. h. für zwei bis drei Generationen. Für dieses Wafferjudenthum kann sich die jetzige Generation nicht begeistern. Entweder — oder! Entweder Wasser, aber das der Taufe, oder das Judenthum muß Farbe haben. Aus diefim Empfinden heraus eilten Männer an die Wahlurne, die sich sonst um jüdische Angelegenheiten niemals kümmern wollten, und das Ergebniß ist deutlich genug ausgefallen. Dagegen ist nichts zu sagen, die Frage ist aber: Was nun? Das Judenthum hat nicht viel gewonnen, wenn ein Angriff zurückgewiesen wurde, zumal die Gegner doch im Vortheil sind. Die langsame Abbröckelung vollzieht sich weiter, und was die Herren nicht mit einemmale erreicht haben, wird nach und nach doch geschehen. Mit anderen Worten: Es muß etwas Positives geschehen, um das Judenthum widerstandsfähig zu machen. Gewiß, am Sonntag soll kein öffentlicher und feiertäglicher Gottesdienst stattfinden, aber deshalb ist er am Sabbath nicht besser besucht und auch nicht wirkungsvoller. Die Entfremdung macht reißend Fortschritte, und diese fuhrt zum „erwünschten" Zlele. An drei Stellen muß angesetzt werden, um diesen gräulichen Verfall aufzuhalten: In der Familie, in der Schule und im Gotteshaus. Vielleicht war es das Verhängniß, daß man im vorigen Jahrhundert in umgekehrter Reihenfolge angefangen har Man sorgte für eine „würdige Ausstattung" des öffentlichen Gottesdienstes, kümmerte sich aber blutwenig um Haus und Schule. Das Ergebniß ist nun, daß der Gottesdienst würdevoll eingerichtet ist, die Synagogen aber leer sind. Es läßt sich bei den Unterhaltungskosten unserer Gotteshäuser ausrechnen, daß jeder „fromme" Beter die Gemeinde ein hübsches Sümmchen kostet, und ich bin überzeugt, daß besagter Beter, trotz seiner gar nicht bezweifelten Frömmigkeit, diese Summe lieber in Baar annehmen würde. Was frommt aber dies dem Judenthum? Daß unser Volk keine Belehrungslectüre hat, darüber habe ich bereits geklagt; daß es je nützen würde — nun, ich bin doch schon zu alt, um mich solchen angenehmen Illusionen hinzugeben. Es sei denn, es müßte ein Wunder geschehen. Es müßten sich nämlich schöne und vornehme Damen aus der nichljüdischen Welt für das Judenthum interessiren — dann käme es in die Mode, und unsere lieben Glaubensgenossen hätten natürlich nichts Eiligeres zu thun, als ebenfalls für das Judenthum begeistert zu sein. Mitunter baue ich Luftschlösser — warum nicht? da sie nichts kosten und dies sogar am Sabbath gestattet ist: Miß Alice Roosevelt hätte den capriciöseu Einfall, hebräisch zu lernen. Was wäre mit einem Mal für eine Nachfrage nach hebräischen Lehrbüchern! Meine neue Lehrmethode, deren Erscheinen bereits angekündigt ist. die ich aber noch nicht geschrieben habe — so dumm bin ich nicht — würde monatlich in einer neuen Auflage von 5000 Exemplaren erscheinen. Dies viele Geld, das ich dabe: verdienen würde! Vielleicht borgt mir Jemand was darauf? Die Redaction dieses Blattes ist berechtigt, solches für mich in Empfang zu nehmen und darüber zu quittiren. Natürlich hat Miß Alice Roosevelt andere Launen, und unsere Juden interessiren sich für Alles, nur für Schriften nicht, die vom Judenthum handeln. Dies kennen sie höchstens aus judenfeindlichen Schriften. Aber was geschieht für die Schuljugend? Da wird mit Absicht gesündigt! Der jüdische Religionsunterrich'. ist fast in allen Staaten obligatorisch eingeführt, und bei einigem guten Willen könnte nach dieser Richtung doch manches Ersprießliche geleistet werden. Aber die jüdischen Gemeinden betrachten die Sache als eine Pflicht — oft sogar als eine lästige — der genügt werden muß. Ohne Liebe, ohne Begeisterung, ohne Interesse — von Berständniß schon gar nicht zu reden — wird dies geleitet, und das Resultat ist ja auch darnach. Wenn ich einst ein reicher Mann werde (bei der hundertsten Auflage meiner neuen hebräischen Lehrmethode, die ich noch nicht geschrieben habe), so schreibe ich einen sehr hohen Preis für denjenigen Religionsschüler oder für diejenige Religionsschülerin aus, die in der „Confirmationsstunde" vom Judenthum etwas gelernt haben. Wozu täuscht Ihr Andere und Euch selbst? Seit Jahrzehnten derselbe Mumpitz, wie sie in Berlin sagen, und noch immer wollen sie es nicht wahr haben, daß das Judenthum dabei allgemach zu Grunde geht. Sie wissen es ebenso gut wie ich, aber ihr Wahlspruch heißt: Raisser kaire, laisser passer! So werden wir das Judenthum am gründlichsten los, ohne uns dabei sonderlich aufzuregen.