Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 358 Nr. 22 Dr Bloch's Wochenschrift. nur ein Thor vertrauen, nur ein Lügner kann sie in Aussicht stellen. Und deshalb wissen es die rumänischen Juden besser als die „Kölnische Zeitung", daß sie kein anderes Heil finden können, als auszuwandern. So groß die Opfer, so schwer die Trennung von der Heimat — die ihnen Stiefmutter war — es bleibt kein anderer Ausweg, da keine europäische Macht sich ihrer beschworenen Pflicht bewußt ist. da die civilisirten Nationen die Civilisation mit Füßen treten lassen, da die Menschlichkeit in der Politik keine Rolle spielt! In der „Kölnischen Zeitung" wird nicht nur die Auswanderung als eine periodische, regelmäßig wiederkehrende Erscheinung, sondern zugleich als eine Wirkung der Organisation der jüdischen Gesellschaften hingestellt. Absichtlich werden Ursache und Wirkung verschoben Die Auswanderung kommt wahrlich den „Gesellschaften" nicht gelegen, sondern sie zwingt sie vielmehr, sich der armen, von der Heimat Vertriebenen anzunehmen und aus Humanität die größten Opfer zu bringen. Ihnen wäre es gewiß erwünschter, wenn die rumänischen Juden auf der heimatlichen Scholle verbleiben könnten. Allein weil dies eben durch die rumänische Regierung und Bevölkerung unmöglich gemacht, die Auswanderung vielmehr erzwungen wird, müssen die Gesellschaften aus Nächstenliebe sich der Vertriebenen annehmen. Das ist die Wahrheit, welche die „Kölnische Zeitung" verdrehr. So liegen die Dinge in Wirklichkeit, die die „Kölnische Zeitung" unter falschem Gesichtswinkel darstellt. Den armen Auswanderern wirft dies „gesinnungstüchtige Blatt" auch noch den Hohn nach, indem es schreibt: „Sie nahmen — da sie zu Ostern noch im Lande blieben — den Osterverdienst gern noch mit, um dann vor dem Georgsfeste zu verschwinden." Dem schamlosen Schreiber solcher Verdächtigung brauchen wir wohl nichts Anderes zu erwidern, als „wie der Lump ist, so denkt er von Anderen". Er sieht die Verhältnisse in Rumänien in der That nur durch die Regieruugsbrille au, wenn er davon spricht, daß die Judenauswanderung überhaupt mit einem so kleinlichen Motive nur in Verbindung zu bringen ist, und es muß als tief bedauerlich bezeichnet werden, daß ein Blatt von dem Range der „Kölnischen Zeitung" so gesunken ist, um einer Nothlage von 270.000 Menschen gegenüber solch crasse Unbarmherzigkeit zum Ausdruck gelangen zu lassen. * * * Unter dem Titel „Die.rumänischen Finanzen, Zahlen und Thatsachen für die Besitzer rumänischer Papiere^ ist eine Broschüre (Berlin, H. S. Herrmann) erschienen, aus der wir folgende Schlußsätze wiedergeben: Daß die Finanzlage Rumäniens eine sehr ernste ist, wird selbst ein Beurtheiler zugeben müffen, der den Verhältnissen des Königreichs keineswegs in principieller Feindschaft gegenübersteht. Unter diesen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, daß^ie gesammte ernste und sachkundige Presse Westeuropas, sowohl Deutschlands wie Belgiens, Frankreichs und Englands in ihrem Urtheil über die rumänischen Verhältnisse zu dem gleichen Ergebnisse kommt. Von wie verschiedenen Punkten die Betrachtungen auch ausgehen, sie kommen alle zu demselben Ergebniß: Rumänien hat seinen Credit im Auslande schon auf das Aeußerste in Anspruch genommen; eine Katastrophe wird nur abgewendet werden können, wenn Rumänien noch weiter die Hilfe des Auslandes in Anspruch nimmt. Zweifellos kann diese Hilfe nur gewährt werden, wenn das Land eine Garantie dafür bietet, daß in Zukunft die rumänische Politik besonnen und daß die rumänische Finanzverwaltung sparsam und ebrlich geleitet wird. In dieser Beziehung wüsten Garantien und Controlen geschaffen werden, die wirthschaftliche Politik des Landes muß nach Möglichkeit dem demagogischen Parteigetriebe entrückt werden, und stockt den ausländischen Unternehmungsgeist, der sich in Rumänien bethätigen will, zurückzuschrecken, und statt die Arbeitskräfte des Landes in Festeln zu schlagen, muß durch eine moderne Wirthschaftspolitik die Productivität des Königreiches systematisch zu steigern versucht werden. Das ist eine sehr schwierige und nur in Jahrzehnten zu vollbringende Arbeit, aber keine ganz unmögliche Leistung, vorausgesetzt, daß es gelingt, den rumänischen nationalen Chauvinismus und den rumänischen nationalen Größenwahn mit Hilfe der wahren Patrioten des Landes in gebührende Schranken zurückzuweisen. In dieser Beziehung fällt das wahre Interesse Rumäniens durchaus mit den Interessen der ausländischen Gläubiger und der politischen Freunde des Landes zusammen. Durch ein Zusammenwirken der öffentlichen Meinung Westeuropas mit den großen Finanzgruppen, die für die Creditoperationen Rumäniens in Betracht kommen würden, kann sich ein solches Resultat herbeiführen lassen. Sollte diese Hoffnung getäuscht werden, dann freilich wird sich das gelodarlerhende Publicum Westeuropas von Rumänien abwenden müssen. Durch budgetäre Voranschläge, durch künstliche Zurechtstutzung der Einnahmen und Ausgaben, auch durch vorübergehende Steigerungen der Staatseinnahmen, wie sie sich künstlich herbeiführen lassen oder wie sie sich auch aus der natürlichen Entwicklung zeitweise ergeben können, dürfen sich die Capitalisten nicht mehr blenden lassen. Das alles ändert natürlich nichts an den tief wurzelnden liebeln. Was bei der aus alten, jahrzehntelangen Sünden entstandenen, sehr ernsten Finanzlage Rumäniens verlangt werden muß, das sind keine Zaylengruppirungen, die außerordentlich wohlfeil sind und die nichts bedeuten, sondern reale Garantien für - eine Wirthschafts- und Finanzpolitik, die das Land wenigstens allmälig zur Gesundung führt. Nur wenn es Rumänien gelingt, durch seine Politik das Vertrauen seiner Geldgeber wiederzugewinnen und einen Umschwung in der öffentlich .'n Meinung Westeuropas zu erzielen, kann das Land vor sehr schweren Erschütterungen und die Besitzer rumänischer Papiere vor sehr schweren Verlusten bewahrt bleiben. Das sind Ausführungen, wie sie. zum Theil bis aufs Wort, auch unser Blatt enthalten hat. Eine solche Beurtheilung der rumänischen Verhältnisse hat aber nicht blos die Uebereinstimmung aller objectiven Kreise außerhalb Rumäniens für sich, sondern wir haben wiederholt auch aus Rumänien selber Aeußerungen maßgebender Persönlichkeiten citiren können, die ebenfalls eine wahre Gesundung der rumänischen Finanzen nur dann erwarten, wenn Rumänien sich von der in manchen Beziehungen bekundeten Culturfeindlichkeit lossagt. Die den rumänischen Finanzen nahestehenden Bankkreise könnten, wie wir meinen, dazu beitragen, einen solchen Einfluß auf Rumänien auszuüben. Sie müßten das auch thun, wenn sie die dauernden Interessen der Gläubiger Rumäniens im Auge hätten. Bisher haben sie leider mehr im Interesse von augenblicklichen Erfolgen auf dem Gebiete der rumänischen Finanzgeschäfte und der rumänischen Papiere eine Politik der Beschönigungen betrieben, die uns überaus verhängnisvoll erscheint. * * * Für die Jncorrectheiten in rumänischen Budgets ist eine Thatsache charakteristisch, die der frühere rumänische Finanzminister Take Jonesco inseiner kürzlich erschienenen Schrift „Oeux ans <le tinaness roumaines 1899—1901“ mittheilt. Danach sind für zwei Eisenbahnlinien Millionen ausgegeben worden ohne jede Bewilligung der Kammer. Sturdza hat einen Fonds von 150.000 Frcs. jährlich für geheime Zwecke verausgabt und ließ eine Million ungedeckt als Fehlbetrag seiner vorausgegangenen Ministerlaufbahn zurück. Auch dieser Betrag ist niemals durch die Kammer genehmigt worden und hat sich niemals in einem Budget gefunden. In einem officiellen Bericht heißt es: . . . Dieses Resultat konnte nur durch die in diesem Jahre erfolgte Auflösung des Reservefonds der Eisenbahnen und durch die Nichtzahlung der Militärtransporte erzielt werden, obgleich die den Eisenbahnen schuldige Summe bei dem. Einkommen der Eisenbahnen als eincaffirt eingetragen wurde. — Weiter heißt es daselbst: ... Ueberdies wurde die Dotation verschiedener Capi>el in den Ausgaben des Kriegsministeriums reducirt und zum Beispiel Bekleidung für die Mannschaft im Betrage von 2,881.139 Lei aus d^r Knegsgaruitur entnommen, und wurden in dieser Weise die Kriegsvorrälhe geschwächt. * * * Gegenüber der Darstellung antisemitischer Blätter, daß die fremden feindliche Bewegung in Rumänien sich nur gegen die Juden richte, erhält das „Berliner Tageblatt" von einem. Deutschen christlicher Confession, der kürzlich aus Rumänien zurückgekehrt ist, folgende Zuschrift: