Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ilt*. 21 Vr- V loch's Wochsnschrifl. Seite 353 lösnng, darin sich ihre Maaren befinden mußten, um zu passen ins Kadre ihrer Unternehmungen. Der achtzigjährige Krieg, den sie geführt hatte gegen flaue Kauflust, schlechtes Wetter, lästige Polizei — einmal nämlich batte ein unwürdig-r Magistrat das Feilbieten von verdorbener Maare verboten — es ist lange her! — die Schule, die sie durchlaufen hatte mit zäher Geduld, das Alles konnte sie nicht wieder von vorn beginnen. Ihre Kunst war so lang gewesen wie ihr Leben, und was von diesem Leben noch übrigbleiben konnte, war gewiß zu kurz zum Lernen von neuer Kunst Ich behaupte hiemit keineswegs, daß die von ihr gewählte Specialität in allen Theilen den Illusionen ihrer Jugend entgegengekommen war. Einmal sollte ihr der Seufzer entfahren sein — so wird von wohlunterrichteten, doch unbescheidenen Zungen versichert: „Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, ginge ich ins Knochenfach!" Doch sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß auch wohl diese Laufbahn ihre unangenehme Seite haben würde, mochte es auch anders scheinen dem, der draußen stand. Und in jedem Falle, es war keine Rede davon, daß sie ihr Leben noch einmal machen würde. Einmal gewählt, bleibt gewählt. Die Sache lag nun so, und Jehovah selbst konnte es nicht ungethan machen, daß Frau Rubens ihre ganze Seele sauren Gurken und verrotteten Feigen gewidmet hatte. Was da im Himmel angefangen werden soll mit solchen Seelen .... ei, und der junge Herr Pompile dann mit seinem Weißgrunddreifarb und seinen Krünkelchen? Und Minheer Wilkens mit seinen Barchents? Welche Entwicklung bringt ihrereins mit in den Himmel? Und daß sie einmal da anlanden, ist doch sicher. Denn Pompile war von der Wallonischen Kirche, also französisch-reformirt, und Wilkens holländisch-geriffermirt. Zwei sehr gute Glauben, wie Jedermann weiß. Walther bedankte sich recht höflich für .die angegebene Aufklärung und kletterte nach oben. Schade, daß keine Räuber waren auf diesen ausgetretenen Treppen, denn es war so dunkel da, daß man wahrhaftig Lust kriegte, sich selbst zu bestehlen. Das Steigen unseres jüngsten Angestellten erforderte eine sehr eigenartige Gymnastik. Ganz unten hatte seine Hand sich eines Taues zu bemächtigen gewußt. Nachdem er einige Stufen gestiegen, war er zwar genöthigt, seine Augen allen Dienstes zu entbinden, aber das Gewicht der Expedition legte sich desto schwerer auf seine Hände, die nur von Zeit zu Zeit einen Augenblick Ruhe kriegten, wenn er etwas festen Grund unter den Füßen zu haben meinte. Die Zeit zwischen diesen Tempi wurde ausgefüllt durch ein gewisses Hinundherschlingern, ein Exercitium, für das Historie und Industrie uns drei erklärende Vorbilder darbieten. Walther hing da — aber im Dunkeln — wie die „Pflücker" von Vogelnestern an der javanischen Südküste oder: wie die Sammler von Eiderdunen im hohen Norden oder: wie die Kriegsleute von Herodes, die in schwebenden Behältern die Räuber in den Höhlen bekämpften, wie im vierzehnten Buch Josephus zu lesen steht. Walther kannte den Kupfer, der in der französisch-holländischen Uebersetzung dieses Werkes zur Erläuterung beigegeben ist, und nicht ohne Angst berechnete er, was sein Los sein würde, wenn das Tau bräche. Da er absolut nichts sehen konnte, sah er ganz deutlich die- Felsenspitzen und Felsenspalten, worauf und worin er landen mußte. Golt sei Dank, das erste Stockwerk war endlich erreicht und er konnte etwas ausruhen. Der Zugang zum zweiten war enger, und das Tau, an dem er sich hinaufwinden mußte, etwas glatter und dünner. Mit Muth trat er auch diesen Zug an und arbeitete sich tapfer zu einem Flur höher hinauf. Ec hoffte, daß er sich in einem Stock verzählt haben mochte, aber o weh. die Wirklichkeit läßt mit sich nicht handeln. Wer nur zwei Stockwerke steigt, steht nicht höher als zwei Stockwerke. Dies ist nun einmal so; vil sine labore, auf deutsch: nichts ist ohne Mühe, oder umsonst ist der Tod, und auch der nicht einmal. Walther tastete umher nach dem thürflankirenden Ausguß, aber ach! Er sah eiu, daß noch immer seine Nächstliegende Pflicht im Steigen bestand, und dies wurde ihm umso deutlicher, als er nach einigem Suchen auf dem gebuchteten Flur einen Spalt in der Vorderfront bemerkte, der ihm erlaubte, ein Auge auf die außenhängende Garnirung von den Fenstern zu werfen. Da war nichts, nichts zu sehen von einem „Schabbes-Engelshemd". Es hingen Strümpfe und Mützen und alte Lappen zum Trocknen aus, aber noch immer wehre da die Flagge nicht, auf die sich sein Cours richten mußte. Höher also, höher! Was so ein jüngster Angestellter auf einem Kaufmannscontor nur für sonderbare Nächstliegende Pflichten zu erfüllen hat! Diese Soldaten von Herodes — halt, davon ,st die Rede nicht! Die dritte Treppe hinauf! Sicher war er auf dem rechten Wege, denn der Zwiebelgestank wurde stärker und stärker. Noch ein bischen Beharrlichkeit und er mußte landen in der Gegend, wo die Speise bereitet war, die er unten in der bekannten Feuerterrine zu sehen gekriegt hatte. Wahrhaftig, das Tau war zu Ende! Vorsichtig schob er den Fuß vorwärts und fühlte auch da Grund, wohl eine halbe Spanne im Umkreis. Und noch eine Probe, die gut ablief, und noch eine, er hatte etwas unter sich, das doch gewissermaßen festem Boden glich. Um sich hintastend, entdeckte er den Ausguß, und war auch nichts zu sehen von dem Festhemd, hier mußte es sein! Ec klopfte aufs Gerathewohl gegen die Wand und ries. „M'nheer Rubens, M'nheer Rubens!" „Nun komm herein", antwortete eine Frauenstimme, „was f'rn Scandaal im Haus? Was kann sein? Wechsels? Nur herein und mach' so viel Leben nicht. Mein Mann ist krank." Da eine Thür geöffnet wurde, konnte Walther nun endlich sehen. Die Frau, die sich zeigte, beantwortete seine Frage, ob da „M'nheer" Rubens wohne, bejahend. Und er trat ein. „Von den Herren Oldetied u. Kopperlith", stammelte Walther mit mißglücktem Streben, etwas Officielles in Stimme und Haltung zu bringen. Und er brachte das schmierige Papierchen zum Vorschein. „Vater", sagte die noch junge Frau, „da sein se schon mit ein von de Wechselches ... och Chott, das arme Leben, hat D'r davon zu phantasiren gelegen heit Nacht!" Walther fand es seltsam, daß sie zu Jemandem zu sprechen schien, denn außer ihr sah er Niemand im Zimmer. Dies wurde gleichwohl sofort aufgeklärt. Es ertönte Antwort hinter den Gardinen einer Bettstelle. „Se haben ihn wach gemacht!" sagte die Frau in vorwurfsvollem Ton. „Ach, wie thut mir das leid", antwortete Walther mit mehr freundlicher Theilnahme, als seine Function mit sich brachte oder zuließ. Sicher, wenn das Wechselchen ihm gehört hätte, würde er sich erboten haben, ein andermal wiederzukommen. „Was soll ich Se sagen", rief der Kranke, „ich hab's Fieber. Und von wem kommt es?" „Von den Herren Oldetied und Kopperlith . . ." „Das kann m'c egaal sein. Lasten Se sich es gesaacht sein, es kann m'c egaal sein! Ich frag' Se, wer ist der Zieher! Schau Du mal, Rebekkche, ob es is 'n Wechselche vom Schomele oder 'n Wechselche von Büchsenmachers oder 'n Wechselche vom Bebbel Ruls zu Köln. Denn es verfallen heut drei am Tag, einer von siebenunddreißig, sechzehn, acht, und einer von dreihundertdrei, und einer von siebzehnhundertdreizehn, sechs, zwölf. Und gib m'c noch e biffelche Effigwaffer, Rebekkche, denn ich Hab' so 'n Durst von dem Fieber." Rebekka gab ihrem Gemahl zu trinken. Als sie darauf Walther ersuchte, ihr dem Wechsel zu zeigen, hielt er ihr denselben vor, ohne ihn loszulaffen. Die Frau fühlte sich dmch dieses komische Mißtauen gar nicht beleidigt. Sie schien es nichr merkwürdig zu finden, so wenig selbst, daß sie nicht einmal darauf achtete. „'s is vom Schomele, Vater." „Siebenhundertdreizehn, sechs, zwölf, gut! Und hier iffes Geld." Der Kranke schien dabei etwas unter seiner Matratze hervorzugraben. Man hörte ihn wühlen und keuchen, und alsbald vernahm er die Musik von gefüllten Geldsäcken, die gegen einander stoßen. Rebekka wies ihm eine Kommode an, worauf ein Fleckchen leer war. Da würde wohl eine Feder liegen, sagte sie. Und auch brachte sie ihm nach einigem Suchen ein Apothekerfläschchen mit etwas Tinte. „Ja . . . aber . . . Frau . . ." „Rebekkche, ich Hab' wieder so'n Durst", klagte der Kranke. Dies freut mich Walther's wegen. Dieser Durst bewahrte ihn vor allzurascher Aeußerung beleidigender Vorsichtigkeit. Mit Rebekka, die aufs Neue ihrem Mann zu trinken reichte, trat er auf das Bett des Kranken zu. Sie schien zu befürchten, daß Kälte oder Zug beim Oeffnen der Gardinen . . . „Ich will Ihnen helfen, Frau Rubens", rief Walther, mitsorgend, daß die Oeffnung nicht größer wurde, als just nöthig war, um das Verlangte durchzulaffen. Nachdem Rubens getrunken hatte, reichte er zwei Säcke Geld her. „Aber", sagte Walter zögernd, „man hatte mir gesagt, daß das Geld mir vorgezählt werden würde." „Wenn ich Se saach, daß ich 'es Fieber habe und krank bin wie e geschlagener Mann, was woll'n Se? Wenn ich Hab'