Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021461--11794-3036351
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 852 Dr. Bloch's Wochenschrift, Nr. 21 schließen und vielleicht wegschleppen müssen, weil ein Prinz vorbeikommen sollte, weil ein Kaiser Geburtstag hatte, weil die Christen einen Bettag abhalten wollten oder eine Dankstunde. Vielleicht auch wohl einmal, weil der Bürgermeister nicht bei Humor war, denn in besonders freien Landen ist nichts freier ats die Launen der kleinen Herren. Hing nicht auch sehr häufig ihr Handel ab vom Ltraßenrumor der Revolutionen? Wissen wir denn nicht, wie die Steine, die von den großen Männekens du jour in den Ocean der Weltgeschichte geworfen werden, Kreise bilden, rundum weiterwellend bis zum äußersten Rand der Gesellschaft. auch in der Tiefe sich ausbreitend bis zur untersten Schicht, wo sie zuletzt Feigen- und Sauerfrauen erreichen? Viel ist über ihr Haupt hingegangen, Vieles hat sie berührt, bewegt, mitgenommen, erschüttert. Und diese Frau sollte keine Geschichte haben? Ihr, die Ihr dies meint, bekennet lieber, daß Ihr verlernt habt, solche Geschichten zu lesen, und trachtet, dies wieder gut zu machen, und werdet nicht fürder dümmer und dümmer, indem Ihr Euch erhaben wähnet über das Allerkleinste. Und vor Allem, sitzt nicht wie Eulen auf der Lauer nach einem Lichtstrählchen aus den Laternen von den Macaulays und den Mills. Das wabre Studium des Menschen ist: der Mensch. Dies bleibt ewig wahr, verkauft auch so ein Studiumexemplar saure Gurken und verdorbene Feigen an 'nem Pflöckchen. Sie hatte Thränenaugen. das ist wahr, und sah ebenso unappetttlich aus, wie ihre Feigen. Runzeln hatte ihr Gesicht nicht. War es ein Gesicht? Es waren Furchen und Gruben. Wie feuchte, waschlederne Lappen hingen die Falten übereinander hin, und der Zuschauer hatte Mühe, sich vorzustellen, wie all diese Falten der überflüssigen Haut ihren Weg fanden und jedesmal wieder ihren eigenen Platz einzunehmen wußten, nachdem sie so seltsam hin- und hergeworfen waren durch die mummelnde Bewegung ihres Mundes. Hierin wird denn auch wohl mal Verwirrung entstanden sein, aber was war daran zu thun? Niemand führte Buch darüber, und jede Falte hing, wo es ihr paßte.. Kann es verwundern, wenn diese übercompleten Lappen auch mal Mißbrauch übten bei dem vollkommenen Mangel an Zucht und Controle? Das Mütterchen war mit seinem Mittagsmahl beschäftigt. Ein kleiner Junge von etwa vier Jahren hatte ihr in einem mit Fensterkitt geheilten Fruertöpfchen, das eigentlich in eine Feuerkieke gehörte, einen Brei von Kartoffeln und Zwiebeln gebracht, den sie nicht ohne Mühe und Verlust mit einem eisernen Dreizack, entliehen wahrscheinlich dem Magazin ihres Nachbarn, dem Munde zuführte. Unter dem Essen verlor sie keinen Augenblick ihr Geschäft aus dem Auge, und musterte mit kinderkundigem Blick den unmündigen Theil des Publicums, dessen Glieder sich dem Etablissement näherten oder — vorbeigingen. Denn sehr viele Kinder zeigten sich im Besitz der Philosophie, die uns lehrt, daß irdische Güter mit Feigen und Allem nicht durchaus unentbehrlich sind für unser Glück und häufig sogar schädlich. Vielleicht war auch da die Flauheit des Marktes die Folge einer finanziellen Krisis, wie das im Handel manchmal vorkommt. Um sich edel zu rächen, vielleicht auch um die Schlecklust von anderen Kindern zu reizen — wer ergründet doch die Finessen des Handels? — nein, aus herzlicher Neigung zu dem Jüngelchen, dessen Urgroßmutter sie war, gab sie dem Kinde eine Reiste von ihren Feigen. Ich muß dabei sagen, daß sie an ihr Geschenk die lästige Bedingung knüpfte, daß der Begünstigte die Hälfte davon seinem Schwesterchen abgebe. »Und darf ich dann das Stückchen behalten?" fragte der Knabe. »Ganz und gar? Das ganze Stückchen?" »Ja, Lieb, Du darfst das Stückchen behalten, ganz und gar \a Die Augen des Kindes leuchteten von Glück. Da spazierte eine Feige nach drinnen. Die zweite folgte. Danach . . . genau die Hälfte von der dritten. Nach der Amputation wurde die übrigbleibende Hälfte hübsch wieder angereiht, und: »Ich darf daS Stückchen behalten!* jauchzte der Kleine. Wallher hatte dies Alles mit angesehen. Bereits einige Augenblicke vorher nämlich war er in der Nähe der alten Frau stehen geblieben mit der Absicht, s i e nach der Wohnung des Mannes zu fragen, der de» schmierigen Wechsel acceptirt hatte. Sie glich so ungemein wenig einem Straßenräuber, fand er, und das vertrauliche Geständniß, daß er beauftragt war mit einer gewichtigen finanziellen Operation, durfte wohl völlig sicher in ihren Schoß niedergelegt werden. Dennoch zögerte er. Auch im „Glorioso", seinem Räuberroman, kamen sehr alte Frauen vor, die im entscheidenden Moment sich in wohlbewaffnete Männer verwandelten. Zurechtweisung konnte er gleichwohl nicht entbehren. Wohl wußte er nun mit Sicherheit, daß er sich in der Straße befand, wo er „Geschäfte" hatte, aber in welchem Haus. Von den Nummern war nichts zu sehen, oder dann und wann nur eine einzelne, denn von Giebel bis Keller hingen die Fronten voll Lappen und Lumpen. D a in dieser Ruine, just hinter dem Sitzplatz der Feigen- und Sauerfrau mußte nach seiner Berechnung die gesuchte Person wohnen, doch er traute dieser Berechnung nicht. In diesem baufälligen Gebäude konnte kein Sack Gulden sich aufhalten, meinte er, und selbst soviel Deute nicht. Er begann nun etwas besser als früher das unappetitliche Prädicat seines Wechsels zu begreifen. Denn in der ganzen Straße gewahrte er keine Behausung, die danach aussah, als könnte darin je ein Wechsel bezahlt werden. Sinnend blieb er stehen und ließ sich einen Augenblick von seinen Gedanken ableiten durch die kleine Scene mit dem Kind. Bibelfest wie er war, beschwor ihn das Frohlocken des Knaben Nummer XIII. vor den Geist, wo die Kundschafter angelaufen kommen mit Trauben und Granatäpfeln und — Feigen. Auch da wird gesprochen von einem Stock, von einem „Tragstock", dachte Walther, und just lief er Gefahr, sich zu vertiefen in — ganz etwas Anderes wieder als seine Nächstliegende Pflicht, als er das zweijährige Rachelchen straucheln und sollen sah. Flugs bei der Hand, richtete er das Kind auf und wischte ihm die Thränen ab, und trug es nach der alten Frau, die ihm sehr freundlich dankte. »Gott soll Se hundertmal secchnen, junger Herr!" sagte sie. . Nun weiß ich wohl, daß wenig Dinge wohlfeiler sind, als die Zuwünschung von Gottes Segen. Auch daß diese alte Frau keinen Grund hatte, besonderes Gewicht zu legen auf Walther's unbedeutende Diensterweisung. Das Kind würde wohl von selbst aufgestanden und zu der Urgroßmutter gekommen sein. Aber dennoch that ihre herzliche Danksagung ihm wohl. Weder Motto, noch Mynheer Wilkens, die praktischen Herren, die so urprincipiell alle Bemühung um die Angelegenheiten von Anderen verabscheuten, hatten eine Ahnung von dem Genuß der Empfindung, die die Deutschen „Menschenfreundlichkeit" nennen und wofür wir Holländer, meine ich, kein Wort haben. Es ist so etwas wie die Übertragung der hochtrabenden „Menschenliebe" ins Alltägliche, jener „Menschenliebe", die ja nur eine Tugend für außerordentliche Festtage ist, für Theaterstücke, Lebensbeschreibungen und Grabschriften. Walther war gerne freundlich und niemals fühlte er sich so befreit von der peinlichen Schüchternheit, die ihn gewöhnlich bedrückte,. als wenn sich eine Gelegenheit bot, sich recht wohlwollend zu zeigen. Auch jetzt schöpfte er aus diesem kleinen Vorfall den Muth, das alte Frauchen nach der Wohnung von Rubens zu fragen, dem Manne, den er suchte. „Mein eichner Enkelsohn, Junglieb! Haben Se Geschäfte mit ihm? Chottes Segen dazu! Hier wohnt er, g'rad hinter mir. Schau, da die Treppe hinauf. Geh'n Se ruhig nach oben uni) laufen Se nur rauf bis zum dritten Flur oben, wo Se Decken sehn hängen, und all das Bettzeug, und ein Schabbes-Engelshemd. Und Se thun klopfen an die Thür neben dem Ausguß, und Se rufen: »Rübe, Rüben!" Denn Rüben Rubens heißt er. Und er is Kemißjeneer in Lumpen, und mein eichner Enkelsohn, und Rachelche's Vater, wahrhaftig wie Chott!" Diese feierliche Bekräftigung ihrer Berichte bezüglich des gesellschaftlichen Standpunktes und der Familienbeziehungen des Rubens war weniger überflüssig, als es scheint, Walther hatte bereits Mühe, zu begreifen, wie Jemand, der da wohnte, Hunderte Gulden sollte bezahlen können. Doch dies letztere nun einmal als möglich annehmend, kam es ihm sonderbar vor, daß der Mann, der über eine Summe verfügte, die ihm so ansehnlich erschien, der Enkel einer armen Sauerfrau sein sollte und Rachelchens Vater. Er kannte die Eigenthümlichkeit nicht, die die Juden, wie viele Asiaten, noch immer von abendländischen Völkern unterscheidet, daß sie nämlich sehr häufig einen ziemlichen Wohlstand verbergen hinter scheinbarer Armuth. Es herrscht, wenn, auch nicht ohne Ausnahme, so aber besonders in den niederen Ständen etwas, das man das Entgegengesetzte von Großthuerei oder Reclame würde nennen können. Daß der Commiffionär in Lumpen, eines der Glieder zwischen den Papierfabrikanten und den Lumpensammlern, seine Großmutter da auf der Straße sitzen ließ — lieber Gott, sie wollte es nicht anders! Sie war großgezogen beim Handel, bei diesem Handel, und dabei wollte sie sterben. Auch war „Sauer" und verdorbene Krämerwaare ihre Specialität.' In jedem anderen „Fach" würde sie mit Hand und Hirn verkehrt gestanden haben nnd selbst mit ihrer Nase. Denn sie roch den Grad von Auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.