Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021461--11793-3036350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 21 Dr. Bloches Wochsnfchvifk. Seite 381 das Sommerwetter die Täuschung erlaubte, daß man sich aufs Neue in den vorväterlichen Erdstrichen befinde, nahm das sonderbare Völkchen dies als ein Signal, daß die Zeit wieder angebrochen sei des Lebens an offener Luft und der Rückkehr zu vorkananäischen Sitten, mit Ausschließung gleichwohl der seit Langem verjährten Streitbarkeit. Sie verbrachten den größten Theil des Tages zwischen den Reihen der Zelte. Da saßen fie, da lagen sie, da schliefen sie. Da wurde gegessen, getrunken und gearbeitet, das ist Handel getrieben. Da lebten sie. Aber dieses Leben war sonderbar, und es entging in seinen Hauptmomenten der Wahrnehmung ihrer Mitbürger von anderem Ursprung und Glauben. Wer diese Gegend betrat und mit vornehm dummer Achtlosigkeit sein Auge hingleiten ließ über diese seltsamen Gestalten, sah nur die sehr bekannte Außenseite. Alles war da, um Handel zu treiben, oder besser, um, wenn möglich, etwas zu verkaufen, denn wer eigentlich auf diefim sonderbaren Markte die Käufer waren, blieb ein Mysterium. Kauften diese Straßenkrämer von einander? Trieben sie Tauschhandel in Scharteken, Lumpen und verrosteten Nägeln? Wenn ja, was aßen sie? Oder besser: welche Production lieferte den Capitalsüberschuß, aus dem die Lebensmittel bestritten wurden? Und die Hausmiethe? Und die Kleider, doch durchaus nicht ärmlich auf Fest- und Feiertag? Diese Geschichte datirt vor der Entdeckung der Nationalöconomie. Dem ist gewiß zuzuschreiben, daß sich zu Walther's Zeit Niemand die Frage vorlegte, wer wohl die Waaren consumirte, die hier in unabsehbaren Reihen von kleinen Buden zur Schau gestellt wurden. Die Wörter .Reihe" und „Bude" sind wohl etwas pompös. Ordnung und Regel gab's nicht: Alles stand und lag voll. Und was die Buden angeht, die meisten Kaufleute hatten diesen Luxus unterdrückt und breiteten ihre Waaren auf einem alten Segeltuch aus. Andere verschmähten auch diese Umständlichkeit und benützten das schmutzige Straßenpflaster als Auslagekasten. Und was man da Alles fand! Da lag Eisenwerk ... So hoch betitelte der aufrichtige Kaufmann seine Waaren nicht, er nannte sich: Händler in Alt-Rost. Der Mann behauptete, nicht Eisen zu verkaufen, er verkaufte Rost von Eisen. Und selbst keinen frischen Rost. Er verkaufte Alt Rost oder Alt-Gerostetes oder Dinge, die alt und verrostet waren, gewesene Gegenstände, zerfressen von Rost alten Dalums. Und auch noch niedrigere Staffel stellte sich unser Kaufmann. Er nahm den Namen an von den Waaren, „worin er machte", und fand nichts besonderes darin, wenn man ihn selbst ansprach als das hochbejahrte Oxyd eines vormaligen Nagels: er hieß Alt-Rost. Ist mehr Bescheidenheit denkbar? — Da lagen also Oefen, halbe Oefen, Fragmente von Oefen. Da lagen zweibeinige Dreifüße, gegen ihre Amputation protestirend durch eine Berufung auf die claffische Bedeutung ihres Namens. Da lagen Roste ohne Stäbe, Mutter an Mutter ohne Nachkommenschaft, Schrauben ohne Mutter, Niobes und Waisen. Da lagen einsame Klauen von Zangen, und Lametten von Scheeren, grausam geschieden von ihren Zwillingsgeschwistern. Da lagen enthauptete Nägel, zahnlose Sägen, Meißel ohne Schneide, Schlöffer ohne Feder, Schlüssel ohne Schloß, Haken ohne Oese, Oesen ohne Haken, Schnallen ohne Zungen. Da lagen Schaniere. Faßreifen, Stifte, Krampen, Ringe, Thürklinken. Fensterriegel, Schiebriegel, Säbel. Bajonnette, Beile, Hämmer, Feuerhaken, Kohlenschippen, Töpfe, Pfannen, Kessel, Deckel. Da lag Alles, was n^r jemals aus Eisen verfertigt werden konnte, doch unbrauchbar jetzt, verdreht, geborsten, gespalten, verrenkt, incomplet, und vor Allem: verrostet! Dies schien Erforderniß bei diesem Handel. Vielleicht war der Kaufmann an diese Eigenthümlichkeit gebunden durch die Gewerbesteuer, indem er wohl für Rost, doch nicht für Eisen eingetragen war. Und nun sprach ich nur erst von Dingen, die einen Namen haben, oder vielleicht einmal einen Namen gehabt haben konnten. Und wir standen nur erst einen Augenblick still, allein vor der Auslage von Alt-Rost. Die Beschreibung des übrigen Theiles des „Marktes" übersteigt mein Talent noch mehr, als die Inventur dieser gewesenen Eisenwaaren. Man konnte dort kaufen — doch wer kaufte nur etwas? — Da waren zu haben: saure Gurken, Rinderbraten, Nieren und Lunge, nüchternes Kalbfleisch und andere Speisen, gekocht und ungekocht, mit oder ohne Sauce. Da wurden alte Lappen und Lumpen verschleißt, und Stücke Leder, und Knochen, pensionirte Hüte, und Streifen Filz und Gemälde ohne Rahmen, und Rahmen ohne Gemälde, und Bilder und Bücher. Und Bucheinbände ohne Blätter, Blätter ohne Einband und Titel. Und Landkarten, nicht ohne Jagd auf Synmletrie, recht hüsch zu Vieren oder Sechsen, zerschnitten, um en detail an den Mann gebracht zu werden für den möglichen Fall, daß ein ganzes Land oder ein Welttheil den Etat des Käufers überschreiten möchte. Und verschlissene Kleidungsstücke. Und geflicktes Schuhzeug, nicht zu reden von den ungeflickten. Da lag Kinderspielzeug. das viel erlebt hatte, zwischen einem Tumulus von Sauerkohl und einer Trophäe von Hufen und Hörnern. Da drüben stand ein Handelskarren, beladen mit Töpfchen Pomade und lateinischen Dissertationen, mit Almanachen und Silhouetten von vergangenen Jahren und Predigern. Auch Möbel waren da. Und Porzellan und Glaswerk, und Töpferwaare, und Hausgeräthschaften ... Ja, was gab's da nicht! Und das Alles war gebrechlich, geleimt, verklammert, unansehnlich, unvollständig, scheinbar zu nichts dienlich und für Niemanden brauchbar, was doch nicht der Fall gewesen sein kann, denn das Völkchen lebte von dem Handel in diesen Trödelwaaren, und dies beweist das schier Unglaubliche. Doch, ich sagte es bereits, dieses Leben war sonderbar. Auch sprach ich von der dummen Vornehmheit, die in diesem Allen keine Anleitung zum Nachdenken findet. Schon das, was man fieht, würde hiezu herausfordern können, und um dies darzuthun, genügt das Wenige, das ich davon nannte. Doch wie würde es sein, wenn wir mit dem Auge des Geistes etwas tiefer eindrängen. Die Bewohner dieses Ameisenhaufen find. . . Menschen. Das „nil humani alienum“ möge nun nicht just in philosophischem Sinne ein Artikel in ihrem alltäglichen Katechismus sein, dennoch ist das Wort vollgiltig auf sie anzuwenden in seiner physischen und gesellschaftlichen Bedeutung. Und, auch psychologisch gesprochen, es würde ein widersinniges Wagestück sein, ihnen all' die Empfindungen abzusprechen, die der halb und verkehrt Gebildete so gern als das ausschließliche Eigenthum der „vornehmen Claffe" erscheinen lassen will. Diese Straßenhändler haben Wünsche und Kummer. Sie kennen Freude, Hoffnung, Enttäuschung, Ehrgeiz vielleicht. Sie wissen — so gut wie Andere doch und warum nicht? — was Liebe ist. Wahrlicy, es ist etwas Menschliches in solchem Alt-Rost und in dem alten Großmütterchen da drüben an dem Karren mit „Sauer". Feigen verkauft sie auch. Sieh, wie hübsch halbdecimal sie sie zu je fünsen auf Stückchen gespießt hat. Solch Stückchen kauft die Jugend für einen Deut. Der Gewinn ist groß, denn das ganze Gebinde ist ein unfreiwilliges Geschenk vom Krämer, der das Ding zum Laden hinauswarf, weil der Zucker nach zwanzigjährigem Lagern sich in etwas wie Alkohol und stark riechende Hefe umzusetzen begann. Ja, der Gewinn ist enorm, wenn die Jugend diese Pflöckchen kauft. Wenn! Denn — und da sehe man die Ursache meiner nationalökonomischen Bekümmerung — woher kommt dieser Deut? Die Väter und Mütter, die ihn hergeben müffen, handeln dicht neben der Feigen- und Sauerfrau in ranziger Kokosnuß und curatzaoschen Oelnüßchen. Muß das Geld, das ihr Kind an diese Feigen wendet, nicht erst — und zwar über das streng Notwendige für Lebensunterhalt — über verdient sein an ihrer eigenen Waare? Und wer kaust diese Waare? Wie viel Brocken Kokosnuß, wieviel von diesen westindischen Böhnchen müffen die Enkelkinder von der Sauerfrau bei Nachbar sich geleistet haben, um ihn in Stand zu setzen, sein kleines Volk mit ihren Feigen zu traktiren? Wie viel Feigen muß s i e verschleißt haben an seine Kinder, ehe sie den Deut über hat, womit ihre Naschmäulchen den Kaufpreis seiner Oelnüßchen entrichten? O Tiefe der Verborgenheit beider, der Kenntniß sowohl wie des rechten Begreifens dieses Amsterdamer Judenviertels! Bleiben wir bei der guten alten Frau mit den Feigen, deren Seelengeschichte ich im Augenblicke suche. Denn eine Seele hat sie. Und eine Geschichte auch. Sie ist Säugling gewesen. Sie ist Kind, Jungfrau, Braut, Eheweib, Mutter geworden. Und nun ist sie Großmutter. Vielleicht schon mehr als das. Niemand durchläuft eine so lange Bahn, ohne zum mindesten etwas aufzufangen von den Eindrücken, denen er unterworfen wird. Sie hat Viele gekannt. Einzelne gehaßt. Einige lieb gehabt, mehr vielleicht als Einige oder Viele: Einen! Und es waren welche, die sie liebten. Wer, wie, warum? Was geht uns dies an? Es muß so gewesen sein. Sie ist Mutter geworden, und wurde also einmal auserkoren, war es denn auch nur mit der Ausrkorenheit eines Augenblicks. Viele von ihren Beziehungen hat sie überlebt, und also am Todtenbette gestanden von Bekannten, Freunden, Verwandten. Lieblingen. Auch mit Politik ist fie in Berührung gekommen, fintemal Niemand gänzlich dem Einfluß entgehen kann, die diese ausübt auf Jedermann. Da, da und da hat fie ihr Krämche zur Seite rücken müffen oder gar gänzl'ch