Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wvchenschrifl. Sette 349 jüdische Armuth in Odessa" betitelt, auch nur oberflächlich durchblättert. *) Unter den 150.000 Juden der Stadt Odessa gibt es 18 Millionäre, welche, obenauf schwimmend, Jedermann aussallen und daher wohl geeignet sind, der Fabel vom jüdischen Reichthum neue Nahrung zuzuführen. In weitem Abstand , von dieser Creme des Odessaer Judenthums folgen einige Hundert Personen, welche wohl das Prädicat „gulsituirt" verdienen, da sie entweder Hauseigenthümer sind oder ein sehr flottgehendes Geschäft betreiben. Es kommen dann einige Tausend „Wohlhabende", welche, ihr gutes Einkommen haben und nichts zu entbehren brauchen. Eine vierte Kategorie umfaßt 20.000 jüdische „Balebatim", d. h. solche Leute, die als Geschäftsangestcllte, beflere Handwerker u. s. w. zwar von der Hand in den Mund leben und den Groschen, bevor sie ihn ausgeben, dreimal umdrehen müssen, dennoch aber ohne große Schwierigkeiten sich selber erhalten und niemals fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen brauchen. Dann aber folgen schon 30 000 Juden, die tagaus tagein einen schweren Kampf ums Dasein kämpfen müflen, die heute absolut nicht wiflen, wovon sie leben sollen und die bei aller Anstrengung doch täglich kaum das Allernothwendigste ins Haus schaffen können. Dann nnd wann gelingt ihnen das auch nicht einmal, und dann sind sie genöthigt, sich nach fremder Hilfe umzusehen. Bon diesen Halbarmen bis zu den Ganzarmen ist der Weg nicht mehr so weit. Solche völlig Arme gibt es unter den Juden der Stadt Odessa nicht weniger als 50.000. Mit anderen Worten: Ueber 33 Percent der gesammten jüdischen Bevölkerung von Odeffa leiden bitterste Noth, sind nicht im Stande, sich und den Angehörigen das Allernothwendigste zu verschaffen und sind dazu verurtheilt, jeden Tag ein wenig zu hungern, bis sie nach einer Anzahl von Jahren an chronischem Hunger oder, wie die Aerzte sagen würden, an Entkräftung vorzeitig zu Grunde gehen. Dies geschieht schon in Odessa mit seinem weitverzweigten Handel, seiner wachsenden Industrie und seinen mannigfaltigen Hilfsquellen. Wie muß es erst in Wilna, Warschau, Berditschew, Kowno und den andern Städten und Städtchen des Ansiedelungsrayons aussehen! Und wie mögen wohl die Zustände in Rumänien, Galizien und unter den Hunderttausenden von Juden in Nvrdafrika, der Türkei und Persien sein! Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß die weit größere Hälfte des überall vom Antisemitismus gehetzten und in seiner Bewegungs- und Erwerbsfreiheit gehemmten jüdischen Volkes buchstäblich Hunger leidet. Statt vom jüdischen Reichthum könnte man mit weit größerem Recht von der jüdischen Armuth sprechen. Charkow. (Rückkehr zum Judenthum.) Großes Aufsehen erregt in Charkow ein Proceß, den ein alter jüdischer Veteran, Namens Jüdel F., gegen die dortige Polizei beim Senat angestrengt hat. Der jetzt in seinem 62. Lebensjahre stehende Soldat wurde als 6jähriges Kind seinen Eltern entrissen und in eine militärische Erziehungsanstalt im Innern Rußlands unterqebracht. Hier wurde das Kind ohne Umschweife getauft und 10 Jahre darauf unter die Soldaten gesteckt. Nach Absolvirung seiner Dienstzeit, die in den Sechziger-Jahren nicht mehr wie unter dem Czaren Nikolaus I. 25, sondern nur noch 6 Jahre währte, ließ sich F. in einer Stadt Centralrußlands nieder und fing da an, ganz öffentlich die jüdischen Gesetze zu beobachten. Einer Klage, welche die Polizeibehörde gegen ihn erhoben hatte, konnte keine Folge gegeben werden, da solche Klagen nicht von den weltlichen Behörden, sondern von der Synode erhoben werden müssen. Es währte aber nicht lange und die Synode nahm die Anklage auf und stellte ihn vor das Kreisgericht. Allein dieses sprach den Angeklagten frei, da die an einem 6jährigen Kinde vorgenommene Taufe ohne Zustimmung der Eltern ungiltig ist. Inzwischen hat sich F. eine jüdische Frau genommen, mit der er 4 Söhne erzeugte. Nun sucht ihn jetzt die Polizei der Stadt Charkow, wo er sich 1897 niedergelaffen hat, dadurch zu chikaniren, daß sie die von ihm geschlossene Ehe als nach dem jüdischen Gesetze ungiltig erklärte und seine Familie infolge deffen von Charkow auswies. F. hat dagegen protestirt und in einer Eingabe beim Senat diesen gebeten, seine Ehe für gesetzlich zu erklären. Fleischkrawalle in New-Iork. New-Iork, 17. Mai. In einigen jüdischen Stadttheilen der New-Iorker Ostseite sind seit Mittwoch Fleischkrawalle an der Tagesordnung, weil *) Das Merkchen ist voller Zahlen, Tabellen und Rubriken, die aber besser als alle glänzenden Worte uns die entsetzliche Noth unter den Juden der reichen Stadt Odessa schildern. koscheres Fleisch eine unerschwingliche Preisböhe erreichte. Besonders die Frauen excediren und leisten der Polizei passiven Widerstand. Trotz eines Aufgebots von 1000 Polizisten können die boycottirten Schlächter ihre Geschäft? nicht weiterführen, weil das eingekaufte Fleisch allen Kunden unfehlbar abgenommen und mit Petroleum begoffen wird. Das Publicum sympathisirt mit den Unruhestiftern, auch ist die Polizei wenig energisch. Die Arrestanten werden von den Gerichten meist nur mit leichten Geldstrafen belegt, welche wenig abschreckend wirken. Das jüdische Proletariat ist als äußerst friedfertig bekannt und demonstrirt gegen den allgemein als unerträglich empfundenen Lebensmittelwucher. Die Anarchisten sind nicht betheiligt. Newyork. (Neue Synagoge.) An der Baustelle No. 117—127 Ost 85. Str. ist am 4. Mai in Anwesenheit vieler prominenter Israeliten der Grundstein für die neue Synagoge der Gemeinde Kehilath Jeshuru gelegt worden. Man hofft, das Gotteshaus bis zum jüdischen Neujahr im nächsten September fertiggestellt zu haben. Die Kapelle der Hebrew Sheltering Guardin Society eröffnete die Feierlichkeit mit einem musikalischen Bortrag. Rabbiner M. I. Reikus sprach ein Gebet, worauf Supreme Court-Richter Samuel Greenbaum die Festrede hielt. Ihm folgte Rev. Joseph M. Ascher mit einer kurzen Ansprache, worauf Bankier Jacob H. Schiff die Grundsteinlegung vornahm. Dann hielten noch Rev. H. P. Mendes, Jefferson M. und Samuel D. Levy Reden. Rev. Dr. B. Drachman sagte das Schlußgebet. Prof. Salomon Schechter, der berühmte Gelehrte in orientalischen Sprachen, war zu krank, um anwesend sein zu können. Die Synagoge wird ein Prachtbau im Stile der französischen Renaissance und feuersicher werden. Unter denen, welche an der Feier theilnahmen, waren: S. Bachnach, Vorsitzender des Baucomites; Richter Alfred Steckler, Coroner M. I. I. Jackson, Jacob Hecht, David Berg, Meyer S. Jsaacs, Deputy- Comptroller M. Taylor-Phillips, Simon Roeder u. A. m. Washington, 5. Mai. Dem Repräsenlantenhause ging heute die Antwort des Staatssecretärs Hay auf die vom Repräsentant Goldfogle (N Y.) veranlaßte Interpellation zu, ob amerikanische Bürger jüdischen Glaubens in Rußland in ihren Rechten verkürzt werden. Hay sagt, die angestellte Untersuchung habe sich über zwei Punkte erstreckt: 1. Ob amerikanische Israeliten, die mit amerikanischen Püffen versehen find, aus Rußland ausgeschlossen sind; 2. Ob in Rußland amerikanische Israeliten schlechter behandelt werden als Israeliten aus anderen Ländern. Ec beantwortet die letztere Frage verneinend und fügt hinzu: „Eine derartige Discrimination würde einen sofortigen Protest der Regierung der Bereinigten Staaten zur Folge haben. Im Uebrigen würden die vom Staatssecretär Olney seinerzeit begonnenen Bemühungen, eine gleichmäßige Behandlung aller amerikanischen Bürger in Rußland herbeizuführen, fortgesetzt, hätten aber bis jetzt keinen großen Erfolg gehabt. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien, I., Seitenstertengaffe 4. für arme kranke Glaubensgenoffen. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Max Böhm: Bon Herrn Siegfried Schleißner in Prag, X 10'—. Anläßlich des Ablebens der seligen Frau Josefine Glück: Bon Herrn Julius und Frau Katharina Stern, II., Obere Donaustraße 73, X 30'—; Herrn Dr. Josef Stern, II.. Obere Donaustraße 73, X 20'—; von einem ungenannt sein Wollenden durch S. Heit, X 4'—. Zusammen X 54°—. Wien. (Trauung.) Sonntag den 25. Mai l. I. um 2*/4 Uhr Nachmittags findet im Tempel. I.. Seitenstettengaffe die Trauung des Fräulein Leonie S e l i n k o, Tochter des Großindustriellen Herrn Ignaz S e l i n k o, mit Herrn Dr. Julius Elias statt. Wien. (SilberneHochzeit.) Sonntag den 25. d. M. feiert Herr Jacob Offenberg mit seiner Gattin Pa ul ine geb. Tandler das Fest der silbernen Hochzeit. Wie». Herr Benno Reitlinger, Ingenieur in Paris, der ein Mitglied der ungarischen Commission der Pariser Weltausstellung war, wurde vom Kaiser mit dem Orden der Eisernen Krone dritter Claffe ausgezeichnet.