Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021461--11789-3036346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 347 Die laute Klage, die einst König David erhob, als er schmerzlich ausrief: jrmT 'nx yby „Wie ist mir so leid und weh' um Dich o Jonathan, mein Bruder!" — dieselbe laute Klage tönt auch heute wehmuthsvoll an Deiner trauerbedeckten Bahre, Herr Rabbiner Dr. Jonathan Wolf! und zwar zweifach tönt dieser laute Schmerzensruf. Vor Allem seitens der schwergeprüften leidtragenden Familie; welche Zunge könnte schildern, welche Feder wäre im Stande zu beschreiben den unsäglichen Gram, das bittere Leid und Weh', das hier die treuen Herzen dieser tiefgebeugten Mutter und ihrer trauernden Kinder erfüllt. Wie einst der heldenmüthige Patriarch in einer langen finsteren Nacht gekämpft und gerungen gegen den mächtigen Dämon, der ihn plötzlich überfiel und mit seinen Eisenarmen umklammert hatte, so heldenhaft kämpfte und rang diese treue Mutter und Gattin für das kostbare Leben des theueren Gatten, vier schreckliche Monate hindurch gegen den furchtbarem Dämon der tückischen Krankheit. Und wie rührend war es zu sehen, wie diese treue Gattin, während innerlich ihr Herz von tiefstem Schmerz erfüllt war, diesen bitteren Gram sofort in sich verschloß, sobald sie an das Schmerzenslager des schwer geprüften Gatten trat, um diesen nicht ahnen zu lassen die Gefahr, in der er schwebte! Doch wie der fromme, gottersüllte Dulder Hiob alles Leid und Weh demuthsvoll ertragend ausrief: „Sollen wir denn nur das Gute von Gott annehmen und nicht auch das Böse?" so hatte auch hier dieser gottergebene Dulder seinen bitteren Kelch geleert, ohne daß eine murrende Klage über seine frommen Lippen kam. bis endlich der sanfte, milde Tod als erbarmender Erlöser an sein Schmerzenslager trat, und nun ruht er hier wie ein stiller Mann in diesem heiligen Hause, darin sein beredtes, lehrreiches Wort so oft in heiliger Begeisterung ertönt ist. Dvch mit der leidtragenden Familie steht zugleich hier auch eine ganze große Gemeinde als eine Leidtragende in tiefster Herzenstrauer da. Ja nv üv pK irn pK Nicht Ein Haus ist in dieser großen Gemeinde, darin nicht um diesem theueren Todten bitterlich getrauert und geweint wird. Denn sie, diese trauerndstGemeinde, hat ihren treuen Lehrer und Führer, ihren milden Wegweiser, der in Lieb' und Friede wie eine Lichtsäule ihr voranzog, verloren, den treuen Lehrer und Führer ihrer Heranwachsenden Kinder, die er in unermüdlicher Berufstreue zu edlen, biedern Menschen und zu innig frommen und kenntnißreichen Israeliten heranzubilden sich die begeisterte Aufgabe gestellt hatte. Darum tönt laut und schmerzlich die Trauerklage um den treuen Lehrer, dem die leuchtende Sonne unterging, da es noch Heller Mittag in seinem Leben war. Doch zu all den Trauerklagen möge nun auch ein tröstendes Wort sich gesellen. Die weisen Lehrer berichten Folgendes aus grauer Vorzeit (Tamid VII, 1). Wenn vormals ein Hohepriester einzog ins Heiligthum, schlossen drei Begleiter sich ihm an. Der Eine zur Rechten, der Andere zur Linken, der Dritte sah auf die Edelsteine, die das Priestergewand schmückten- Und ebenso, da jetzt dieser treue Priester und Lehrer ins höchste Heiligthum hinaufzieht, schließen sich ihm drei Begleiter an, die für ihn am Gottes Thron düs beredte Wort führen. Preist der Eine sein reiches Wissen und der Andere seinen lautern biederen Charakter, so verkündet der Dritte das, was den Priester und Lehrer des Volkes am höchsten ehrt und schmückt -- sein unermüdliches Wirken und Schaffen imDienste und zum Segen der Gemeinde. Und der allbarmherzige Gott, den wir den Vater der Verwaisten und den Schütz:r und Annehmer der edlen verwitweten Mütter nennen, er gedenkt der großen Tugenden des Vaters und läßt sie einen Segen werden für die Seinigen, die er so innig in seinem Herzen getragen — einen reichen Gottessegen für die trauernde Mutter und ihre trauernden Kinder. In der großen Halle des Central-Friedhofes widmete Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann dem Verstorbenen einen warmen Nachruf. Er zeichnete den segensreichen Lebensinhalt des Heimgegangenen als Lehrer der Jugend, der es verstanden hat, in den Herzen der jungen Generation die Liebe zum Judenthum zu entzünden, er pries seinen Charakter, seine Pflichttreue, seine Bescheidenheit, seine Liebe und Hingebung für den Beruf und gedachte schließlich der edlen und heldenmüthigen Gattin, welche ihm als Helferin und Theilnehmerin zur Seite stand, bei allen seinen idealen Unternehmungen. Redner schloß mit der Constatirung, daß nicht blos bei der Judenschaft im Bezirke Fünfhaus, sondern auch in der gesammten israelitischen Cultusgemeinde Wien, deren Präsidenten und Vorsteher persönlich zur Ehrung des Verstorbenen erschienen find, das Andenken des Rabbiners Jonathan Wolf gesegnet bleiben werde. Nun trugen die Vorstandsmitglieder der Chewra-Kadischa in Fünfhaus, die Herren Dr. Bars, Heinrich N e u f e l d, Jacob D u s ch i n s k y, Leopold L a n d e i s, Alois Schick den Sarg von der Estrade herunter und Herr Dr. Leopold Langfelder hielt im Namen der israelitischen Religionslehrer dem Heimgegangenen Jnspector einen Nachruf. Am offenen Grabe nahm der Obmann des israelitischen Bethauses in der Turnergaffe, Herr I. S t e i n e r, im Namen der Tempelbesucher dieses Bezirkes mit Worten rührenden Dankes herzlichen Abschied vom verstorbenen Seelsorger. Endlich sprachen Herr Rabbiner S o r und Herr Lehrer W i e s n e r im Namen der Talmud-Thoraschule und der anderen jüdischen Institute des Bezirkes, die der Verstorbene außerordentlich förderte, worauf Herr Cantor Schleifer das LI mote rachamim recitirte. Der trauernden Familie find aus den weitesten Kreisen zahlreiche Zeichen der Sympathie und Theiluahme zugekommen. Wien. (Zur Verhaftung des Steueramt s- O f f i c i a l s G o l d st e i n e r.) Der wegen Amtsveruntreuung, verfolgte städtische Steueramts-Official Anton Gold st einer wurde in Pilsen festgenommen. Das „Deutsche Volksblatt" nimmt die Verhaftung Goldsteiner's zum Anlaß, den Defraudanten für das Judenthum zu reelamiren. Dem gegenüber sei festgestellt, daß Goldsteiner, den das genannte Blatt einen „jüdischen Defraudanten" nennt, seinerzeit einer der eifrigsten Agitatoren der christlich-socialen Partei war, so geschätzt, daß er vor zwei Jahren sogar in seiner amtlichen Stellung avancirte. Der „confeffionelle Klang" des Namens, den der städtische Steueramts-Official führt, hat übrigens auch schon den Freunden des Herrn Goldsteiner Anlaß zu schwerem Verdachte gegen diesen Herrn gegeben. Doch hat der Defraudant seinerzeit alle Zweifel seiner Freunde zerstreut, indem er seinen Taufschein producirte und an der Hand eines weit zurückreichenden Stammbaumes die befriedigendsten Nachweise über seine rein arische Abstammung erbrachte. Wien. Der ausgezeichnete Pianist Professor Julius Epstein feierte am 12. d. M. seinen 70. Geburtstag. Dem Künstler wurde aus diesem Anlasse das Ritterkreuz des Franz Josephs- Ordens verliehen. Eine Deputation, an deren Spitze Hofrath v. Weckbecker, Profeffor Dr. Gänsbacher und Profeffor Josef Grün standen, überreichte eine Adreffe und eine Ehrengabe. Es wurden hiebei an den Künstler Ansprachen gehalten, in denen die hervorragende Bedeutung Epstein's als Musiker und Lehrer gewürdigt wurde. Auch die Adresse, die mit 250 Unterschriften von Musikern des In- und Auslandes versehen ist, rühmt in warmen Worten die Lehrthätigkeit und den Werth Epstein's für die Musikwelt. Bon tiefer Rührung ergriffen, dankte der Meister in schlichten Worten für die Ehrung. Professor Epstein erhielt überdies noch als Ehrengabe ein Album mit Manuscripten von Original-Compositionen seiner Schüler und Freunde. Das Album enthält Tondichtungen von Goldmark, Brüll, Director Mahler, Baron Savenau re. Im Laufe des Tages hatte sich eine große Zahl ehemaliger Schüler und Schülerinnen und Freunde Epstein's eingefunden. Baron Bezecny hat an den Jubilar einen sehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.