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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 342 Dr. Bloch's Wortzrnfchrist. Nr 21 Aber die jüdische Wissenschaft kann nur in Verbindung mit dem Volksleben erziehlich wirken. Wir haben noch nicht einmal eine richtige jüdische Geschichte, d. h. ein Geschichtswerk, das nicht nur volksthümlich geschrieben, sondern auch eine Geschichte unseres Volkes wäre. Daß die Bücher, die sich mit der jüdischen Geschichte befassen, nicht in das Volk gedrungen sind, wird Niemand in Abrede stellen wollen. Aber dies liegt nicht nur, wie vielfach angenommen wird, in der nicht populären Darstellungsweise, sondern auch an dem Inhalt. Wir haben eine Gelehrtengeschichte, eine Geschichte der jüdischen Leiden und der schweren Verfolgungen, aber keine Geschichte des jüdischen Volkes. Wenn uns mit großer Ausführlichkeit beispielsweise die Geschichte der maimonidischen Epoche beschrieben wird, erfahren wir von einem religionsphilosophischen System und von den Kämpfen, die seinetwegen von den Gelehrten ausgefochten wurden. Aber ich glaube es nie und nimmer, daß das ganze jüdische Volk damals sich um weiter nichts als um den Kampf für und wider Maimouides interessirt hat. Wo ist also die Geschichte des Volkes? Das soll unser Volk jetzt inreressiren? Diese Lectüre soll es für das Judenthum begeistern? Unser Volk muß seine C u l t u rge schichte kennen! Güdemann hat seinerzeit einen schönen Anlauf genommen in der Bearbeitung der jüdischen Culturgeschichte; er hat werthvolle Beiträge zur Kenntniß des Volkslebens im Mittelalter geliefert; Einiges haben wir auch von Berliner und Abrahams. Aber dies ist ein schöner Anfang und das wäre die wahre jüdische Wissenschaft, die aber so wenige Mitarbeiter gefunden hat. Man müßte einfürallemal die Einseitigkeit aufgeben, das Judenthum nur iu den Büchern zu suchen und die gesammte Judenheit als bloße Staffage für die großen Männer der Zeit zu betrachten. Waren die Männer groß, so waren sie es durch das Volk, und, dann müssen wir erst recht bestrebt sein, es zu kennen. Aber noch mehr muß mit der Chimäre aufgeräumt werden, Gelehrsamkeit für Wissenschaft auszugeben. Die Gelehrsamkeit, die bei uns als Wissenschaft gilt, ist weiter nichts als Archäologie, oft nicht einmal dies, sondern ein öder Citatenkram, ein Schwelgen iu Buchstaben, ein Zusammenhäufen von todten und vermoderten Namen und Büchertiteln, das Ausgraben von Büchern, die mit Recht verschollen waren. Die Wissenschaft aber muß dem Leben angehören. Warum gibt sich Niemand Mühe, den Juden von heute zu verstehen? Wie kommt es, daß die Wissenschaft kein System schafft, das Judenthum im Licht der modernen Anschauungen zu verstehen? Ist das Judenthum weiter nichts als Alterthumsforschung, so haben Jene Recht, die der Meinung sind, die jüdischen Alterthümer werden von den christlichen Gelehrten ebensogut und vielleicht noch besser erforscht; ihretwegen braucht man nicht Jude zu sein. Unsere Wissenschaft muß umkehren, und zwar vom Bücherstaub in das Leben. Das Judenthuni bedarf neuer Gedanken. Es ist traurig, daß ein und dasselbe Wort seit Jahrzehnten wiederholt wird. Und das Schlimmste dabei ist, daß man Alles auf einen Punkt stellt, ohne einsehen zu wollen, daß sich mittlerweile Alles geändert hat, daß der moderne Mensch andere Anschauungen und Empfindungen hat. Wie kühn seinerzeit das maimonidische System war, jedenfalls hat es eine Bewegung in der Judenheit hervorgerufen. Wir durchforschen wohl dieses System, weil es etwa siebenhundert Jahre alt ist, wir haben eine umfangreiche Literatur darüber, aber ist Keiner in unserem Zeitalter im Stande, Derartiges für uns zu schaffen? Wir sagen nicht das Judenthum ist die Religion, aber wir sagen stolz: das Judenthum ist nicht nur Religion. Es kann auch solchen werthvoll erscheinen, die der Religion fremd geworden sind. Die Wissenschaft des Judenthums sollte sich gerade damit befassen, den vollen Umfang dieser Erscheinung nach allen Richtungen hin zu erforschen; es soll nachgewiesen werden, was das Judenthum auch außerhalb des religiösen Lebens geleistet hat und noch leisten kann. Mit anderen Worten: Wir bedürfen nicht nur als Gegenschrift auf Haniack's „Wesen des Christenthums", sondern überhaupt zur Belehrung und zu unserer eigenen Stärkung einen neuen „Führer der Irrenden", geschrieben im Geiste des Judenthums und in Harmonie gebracht mit dem Geiste unserer Zeit. Berlin. Dr. S. Bernfeld. Vom Jahrmarkt des Levens. Gloffen zur Tagesgefchichte. (Lchalk und Wolf. - Ein Match Wolf- Berg ani. - Unser Favorit ist Bergani. — Die Blüthe des Edelvolkes. — H e r m a n n' s S t a m m b a u m s ch u l e.) Bestechlichkeit, Wechselfäljchur.geu, Nothzucht und Ehebruch, Berrath der eigenen Partei, Unterhandlungen über die Auslieferung der „Ostdeutschen Rundschau" an die russische Regierung, das ist die kleine Blumenlese aus dem Bouquet von Anschuldigungen, die der Abgeordnete Schalk gegen K. H. W o l f erhebt. Aus den Verhandlungen des Jmmunitätsausschuffes erfahren wir, daß Abgeordneter Schalk bereits im März d. I. in Linz von K. H. Wolf erzählt habe, daß dieser das Geld mit vollen Hänoen zum Fenster hinauswerfe, seiner Gattin dagegen verlangres Geld nur in Guldenstücken vor die Füße werfe und sie schlage, daß er zwei Mädchen vergewaltigt und Wechsel gefälscht habe. Auch hat Dr. Schalk den K. H. Wolf im Laufe dreier angenehmen Auseinanderfetzung einen Denuncianten genannt. Zur Gerichtsverhandlung üoer diese mündlichen Aeußerungen Schalt's dürfte es nicht kommen, allein diese Verhandlung ist auch überflüssig, weil ja Herrn ft'. H. Wolf durch die nunmehr vorliegeuoe Schalk'sche Broschüre Gelegenheit geboten ist, den Verfasser vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Was rn der Broschüre zunächst auffällt, ist der ruhige Ton, in welchem sie gehalten ist, und die subjectwe Sicherheit, mit welcher der Verfasser erklärt, er stehe mit seiner Person für dre erhobenen Anschuldigungen ein und sei erbötig, ihre Wahrheit in öffentlicher Schwurgerichtsverhandlung vor Gericht zu beweisen. Das sagt und schreibt nur Jemand, der sich des Ernstes und der Tragweite dessen, was er behauptet, und der Schwere der Verantwortung, in die er sich begibt, vollständig bewußt ist. Ob Alles das wahr und nachweisbar ist, was Herr Schalk dem Herausgeber der „Ostdeutschen" nachsagt, bleibt vorläufig dahingestellt; sicher ist, daß die Ausführungen der Schalk'schen Broschüre den Eindruck vollkommener Glaubwürdigkeit machen. Wenn nur ein geringer Theil von dem sich als wahr Herausstellen sollte, was Schalk behauptet, dann könnte K. H. Wolf mit Ernst V e r g a n i eine Wette abschlicßen, wer von ihnen Beiden in seinem Leben schmutzigere Handlungen und größere Lumpereien begangen hat, wer von ihnen Beiden der verächtlichere Charakter ist. Für die politische Sportwelt wäre ein Match Vergani- W o t s auf der Bahn der Ehrlosigkeit ein interessantes Ereigniß. Wem der Handicaper größeres Gewicht zuerkennen würde, ist zweifelhaft, wo es sich um zwei anscheinend gleich schwere Gesellen handelt. Unser Favorit ist vorläufig nach bisherigen Leistungen noch immer der Ernst Vergani. Die Papiersorm, nämlich die Form jener Papiere, die der Ernst Vergani defraudirt, und jener, auf welchen das „Deutsche Volksblatt" empfangene Bestechungen, Schweiggelder und erpreßte Pauschalien bestätigt hat, spricht noch immer für Ernst Vergani, welchem wir die Anerkennung, daß er einer der größten Lumpen in Europa ist. nicht gerne streitig machen lassen wollen. Beide Herren, der Karl Hermann und der Ernst, sind uns gleich interessant als publicisttsche Anwälte und Führer der antisemitischen Bewegung in Oesterreich. Aus ihrem Charakter und aus ihren Handlungen ist ein lehrreicher Rückschluß zu ziehen aus den Charakter der Parteien, die sich ihrer als Sprachrohr und Werkzeug bedienen. Der Alois Liechtenstein und der dermalige Bürgermeister von Wien haben oen Ehrenbürger von Mühldorf ihre Hochachtung öffentlich zu einer Zeit ausgesprochen, als sie von seiner Unehrllchkeit und Bestechlichkeit bereits längst überzeugt waren und die deutschnattonalen Antisemiten haben dem K. H. Wolf zu einer Zeit, da sie über seine Qualitäten bereits längst im Klaren sein mußten, durch weißgekleidete deutsche Jungfrauen und solche, die es nicht länger bleiben wollten, Blumen auf den Pfad streuen lassen. Man halte sich doch gegenwärtig, mit welcher lächerlichen An-

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