Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 21 Dl*■ BIOCH’S Iahr-a«g XIX Centrslorgan für die gesammlen Interessen des Iudenthums. Wir«, 33. Mm 1903. Erscheint jeden Freitag. -«<•- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m —- m 1%. ft. Postsparrassrn-Arnk Clraring-VerKrtzr Nr. 810.976. RedarUon und AdministrsUm» Wien IX/1, Brrggalse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. N ■ ■ vezugsprris für Oesterreich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Vetitzeile 24 Heller. 3k- =* Inhalt: Leitartikel: Die Wissenschaft des Judenthums. — Vom Jahrmarkt des Lebens:Z Glossen zur Tagesgeschichte. 'Karlsbad und der Antisemitismus. Eine irrthümlich adressirte Ritualmordaffaire. Jüdische Generale im italienischen Heere. Von der englischen Judenmission. Eine Wasserleitung aus der Zeit des Königs Salomou. Aus den Zeiten Abrahams. Kaiser Wilhelm I. und Heinrich Gelzer. — Correspondenzen: Wien, Salzburg, Bönnsch-Leipa. Budapest, Myslowitz, Könitz, Paris, Odessa, Charkow. Fleischkrawalle in New-Zsork. New-Iork, Washington. — Vermischtes: Kranzablösnngsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Raab, Sarajewo, Posen, Washington. — Feuilleton: Der kleine Walther mit dem „schmierigen Papierck en" im Amsterdamer Jndenviertel. — Literarische Umschau. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Me Wissenschaft des Judenthums. In der deutschen Iudenheit ist zur Zeit eine eigenartige Bewegung zu beobachten. Soweit noch nicht Gleichgiltigkeit und Abfall ihre verheerende Wirkung ausgeübt haben, ist man sich darüber klar geworden, daß es weiter nicht so gehen kann. Die nächste Generation ist uns schon unsicher und die auf sie folgende — ist wohl sicher für das andere Lager. Ein kluger Mann äußerte unlängst: Ueber mich und meinem Enkel hege ich keinen Zweifel; ich bin Jude und mein Enkel wird gewiß Christ sein. Nur hinsichtlich meines Sohnes ist mir die Sache nicht klar. Um diesen sichtbaren Verfall zu verhindern, geschieht nicht viel, aber wohl möchte man etwas thun. Nur weiß man nicht, womit anzufangen und tbatsüchlich herrscht jetzt eine Rathlosigkeit, wie sie nicht schlimmer gegen Anfang des 19. Jahrhunderts war, als in Preußen die Massentaufen vorkamen. Was soll geschehen? Von verschiedenen Seiten ist angeregt worden, die Kenntniß des Judenthums in Haus und Schule besser zu pflegen; unsere Jugend müsse die Bedeutung des Judenthums als Religion und als Cultnrerscheinung kennen. Man ist der Ansicht, daß in vielen Fällen die Entfremdung durch Unkenntniß und Unwissenheit entstanden sei, und diese haben dann zum Abfall geführt. Ja der That hat wohl diese crasse Unwissenheit, wenn auch nicht in allen Fällen, doch sehr oft die Brücke zum Ueberlaufen in das andere Lager gebildet. Gerade in der letzten Zeit ist der Wunsch nach Verbreitung der Kenntniß des Judenthums sehr rege geworden, weil das Judenthum von Männern der Wissenschaft starke Anfechtung erfahren hat. Zuerst kamen die antisemitischen Aeußerungen des Philosophen Paulsen in seiner Ethik; nachher Harnack's „Wesen des Christenthums" und zu „guter" Letzt die neueste Leistung von Friedrich Delitzsch: „Babel und Bibel", in welchem Schriftchen die geschichtliche Bedeutung des Judenthums in Frage gestellt wird. — Nirgends haben diese Angriffe auf die jüdische Lehre solchen Anklang gefunden, wie gerade unter den Juden selbst. Harnack's Schrift wird von den gebildeten und wohlhabenden Juden förmlich verschlungen, und die meisten jüdischen Referendare, die schon um ihrer Carriore willen die Taufe für das beste Ansknnftsmittel halten, citiren das Wort Harnacks: „Das Christenthum ist nicht eine Religion, sondern d i e Religion." Dagegen müßte was geschehen! Dies Wort hört man seit Monaten in den officiellen jüdischen Kreisen. Aber von wem soll die Initiative ausgeheu? Es dürfte den Lesern dieses Blattes bekannt sein, daß von einem hiesigen Verein, der bei den letzten Gemeiudewahleu eine beschämende Niederlage erlitten hat, ein Preis auf die beste Schrift ausgeschrieben worden ist, die Harnack's Ausführungen am gründlichsten widerlegen würde. Die Herren meinten es entschieden gut, und die bereits ernannten Preisrichter werden zweifellos ihres Amtes nach bestem Wissen und Gewissen walten. Nichtsdestoweniger bin ich schon jetzt von der Erfolglosigkeit dieses Schrittes überzeugt. Eine solche Schrift ist keine Preisaufgabe; sie muß dem innersten Wesen eines für das Judenthum begeisterten Mannes entstammen, eines Mannes, der mit vielem Wissen ausgerüstet ist, aber auch Herz und Gemüth hat, außerdem die Gabe besitzt, seine Gedanken in warmer und überzeugender Sprache auszudrücken. Preisrichter dürfen nicht drei Männer sein, selbst die gelehrtesten und tüchtigsten nicht, sondern die Iudenheit. Was eben den Weg zum Herzen des Volkes finden würde, das wäre die geeignetste Vertheidigungsschrift für das angefeindete Judenthum. Im Großen und Ganzen herrscht die Ansicht vor, die Wissenschaft des Judenthunis müßte jetzt zeigen, was sie vermag, freilich soll sie zuerst volksthümlich gemacht werden. Auf die Gefahr hin — natürlich nur bildlich — gesteinigt zu werden, wage ich die Behauptung: Wir haben nur eine jüdische Gelehrsamkeit, aber keine jüdische Wissenschaft. Keine von den gelehrten Schriften unserer großen Gelehrten kann für das Volk nützlich gemacht werden, auch wenn wir sie ins Deutsche, ich meine in ein allgemein verständliches Deutsch übersetzen wollten. Die Sache an sich ist dem Volke fremd, weil sie nicht dem Leben gehört. Ich will natürlich keineswegs die gelehrten Arbeiten unserer Forscher herabsetzen; sie find der Gelehrsamkeit voll und können für die wahre Wissenschaft ungemeinviel leisten.