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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Date
1902-05-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 336 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 20 strafendem Selbstverweis im Tone und versetzte sich mit flacher Hand einen unwilligen Schlag gegen die Stirn. Aber er mochte thun, was er wollte, er fühlte, wie sich in sein Sinnen immer wieder der Gedanke an diese fünfhundert Gulden drängte, und wie dieser Gedanke eine Empfindung des Unwillens in seiner Brust verbreitete, und daß dieser Unwille, wenn er ihn ehrlich c.ussprechen sollte, lauten müßte: Die fünfhundert Gulden thun mir weh! Grünberg ließ eiligst anspannen; er fühlte das Bedürfniß, an die Luft zu kommen', in rasender Eile über die Landstraße dahinzufliegen. Bielleicht blieben diese entsetzlichen gotteslästerlichen Gedanken, die den Zorn des Allmächtigen neuerdings gegen , ihn bewaffnen mußten, hinter ihm zurück. Von Mosche Leb, dem Wirth, hatte er sich einen Psalter geben lassen. Und wie er nun auf der Landstraße nach Bösing dahinflog, las er Psalmen. Er las sie mit lauter Stimme, im Tone der Recitationen in der Synagoge, wenn Vorbeter und Gemeinde mit ihnen Gott bestürmen, ein gefährdetes Leben den Krallen des Todes zu entreißen oder eine Seuche vom Lande abzuwehren. Aber er mochte schreien, so sehr er wollte, die Stimme in seinem Innern, die die Einbuße der fünfhundert Gulden bejammerte, wie ein bös veranlagtes Kind über eine heilsame Strafe von väterlicher Hand in trotziger Anmaßung zetert, liefe sich nicht überschreien. Ein heftiger Kampf entspann sich zwischen seinem Willen und dem Dämon in seiner Brust, der entschlossen schien, sein ganzes Bewußtsein auszusüllcn und jedes Gefühl zu unterdrücken bis auf das eine zur Empörung aufreizende, daß sein Vermögen um einen Halden Tausender abgenommen habe. Er hatte drei, vier Blätter des Psalters in schreiendem Ton und mit heftigem Neigen des Oberleibs heruntergelesen, allein er mußte sich eingestehen, daß sein Bewußtsein an dieser frommen Handlung gar nicht theilnahm. Hatte wirklich e r umgeblättert? Hatte e r gelesen? Er wußte nichts davon, in seiner Seele war nichts zu finden als die unverscheuchbare Erinnerung an die verlorenen fünfhundert Gulden und die schauderhafte Empfindung, daß er wohl in seinem ganzen Leben das Geld nicht werde verschmerzen können. Er ließ das Buch in den Wagenkorb gleiten, schlug die Hände vor das Gesicht und versuchte, um gleichsam die rebellischen und verruchten Vorgänge in seiner Brust Lügen zu strafen, ein Dankgebet zu Gott für die gnädige Annahme seines Opfers und für die ihm gewährte Verzeihung. Aber er fühlte schaudernd, daß es ein vergebliches Bemühen war. Mit dem Dankgefühl, das er so seinem Innern gewaltsam einflößen wollte, war es wie mit einem Kork, den man ins Wasser drückt und der immer wieder an die Oberfläche schnellt. Kraftlos sank Grünberg an die Sitzlehne zurück. Die schwere Gewissensangst, die fürchterliche, die er überstanden zu haben glaubte, meinte er zu sehen, wie sie mit steinernem Gesicht dort zwanzig, dreißig Schritte vor ihm auf der Landstraße ihn erwarte und sich alsbald zu ihm in den Wagen setzen werde. Der Fuhrmann, über das eigenthümliche Gebühren seines Wageninsaffen schon lange erstaunt und beunruhigt, hatte nichts dagegen, als dieser ihn plötzlich aufforderte, umzukehren und die nächsten Wege nach der Heimat auszusuchen. Ein klarer Winterhimmel mit hellem Mondschein und funkelnden Sternen war über das Dorf gespannt, als sie an seinem Hause hielten. An den Gaffenfenstern sah Grünberg kein Licht. In der Thür des Hinterzimmers traf er aus seine Frau, die das Halten des Wagens vor dem Thore gehört hatte. Sie nahm rhm den Pelz ab und antwortete auf feine Frage, daß die Kinder schon schliefen. Ob sie gesund seien? „Regele liegt seit Nachmittag. Nun, nun, nun", schrie sie mit einem entsetzten Blick auf sem verstörtes Mrenenspiel „sei nicht gleich so außer Dir, die Zähn' schöppern Dir ja förmlich. Es ist nicht so viel los. Ein bischen Halsweh hat sie bekommen." Grünberg stand schon am Kinderbett in der Ecke und hatte den Vorhang zur Seite geschoben. Das Kind, einen Umschlag um den Hals, lag mit dem Ausdruck von Abgeschlagenheit in einem vom Fieber beunruhigten Halbschlaf, die Wange auf dem Polster, die Arme von sich gestreckt. Er hatte sagen wollen: „Mali, Du weißt nicht, was ich weiß." Aber nunmehr brachte er kein Wort über die Lippen. Hinter seinem Weibe her, das sich in die Küche begab, eilte er in die Kammer. Er nahm die Holzaxt, die dort in einem Winkel lehnte, und hastete in den Hof hinunter. Hier stand unter einem weitausgreifenden Vordach, einer Art von offenem Schuppen, der Hackklotz, auf dem das Küchenholz gespalten wurde. Grünberg bedeckte sich die Augen. „Allmächtiger", murmelte er, „ich will büßen, aber mein Kind laß mir leben!" Hierauf legte er die linke Hand auf den Klotz — und die Axt blitzte auf im Mondlicht. * * * * Siegmund Grünberg war an Verblutung gestorben, nachdem er sich drei Finger der linken Hand abgehackt hatte. Kein Mensch vermochte sich auszudenken, was er denn in finsterer Nacht mit der Axt im Schuppen habe anfangen wollen. Sein Weib Mali sprach unter Thränen die Ueberzeugung aus, er müsse einen Anfall von Wahnsinn gehabt haben und mit diesem Wahnsinn behaftet damals schon nach Hause gekommen sein. Denn so ein Gesicht, wie er gemacht habe, als sie ihm sagte, Regele liegt — und sie hatte doch nur ein leichtes Halsweh, und Tags darauf war ihr schon wieder gut — so em Gesicht könne sie nicht beschreiben, und um alles Gold der Welt möchte sie kein zweitesmal ein solches sehen. Wizene, der Fuhrmann, wurde wochenlang nicht müde, die Seltsamkeiten zu schildern, die Grünberg damals nach der Abreise aus Malaczka im Wagen aufführte. Schlesinger, der, wenn er nichts Geschäftliches zu thun hatte, zu Hause in den heiligen Büchern studirte, saß gerade über seine Folianten gebeugt, als die Nachricht von dem sonderbaren Unfall Grünberg's nach Hochstetten kam. Er war eine Weile keines Wortes mächtig. Dann erhob er sich und murmelte mit verzweifeltem Kopfschütteln: „So hat er also doch damals falsch geschworen." Nach der Bestattung, bei der Schlesinger allein mit einer Miene umherging, die zu sagen schien, er sei über die ganze Sache im Reluen, versammelte sich das Minjan im Sterbezimmer. Schlesinger schien eine Weile einen stillen Kampf mit sich auszufechten. Hierauf wandte er sich an die Versammlung und sprach folgende, mit großer Spannung entgegengenommene Worte: „Herren! Gestorbenen soll man nichts nachtragen, und der Allmächtige möge mir so Glück geben, wie ich Siegmund Grünberg nichts nachtrage. Aber auch die Wahrheit soll man Todten nachsagen. Ich will Euch also die Wahrheit mittheilen. Zwar weiß ich nicht, ob Grünberg bei Verstand war oder nicht, als er das gethan hat, ob er vielleicht doch etwas beim Mondschein hat zerhacken wollen oder nicht — kurz, wie die Sachen vor sich gegangen sind, weiß ich nicht. Aber ich weiß, warum es zu diesem Ende gekommen ist. Und ich muß es sagen, Herren, im Namen des Allmächtigen — gelobt sei er — muß ich's sagen. Denn es gibt noch mehr als einen, der den, dessen Name gelobt sei, noch immer nicht kennt; er soll ihn kennen lernen. Grünberg hat so ein Ende genommen, weil er falsch geschworen hat. Vier Wochen sind es auf den Tag, daß er sich leider so vergangen hat. Er hat falsch geschworen. Und wie hat er geschworen? — Bechaj Adoschem!" Durch die Versammelten ging eine heftige Bewegung, die lange nicht zur Ruhe kam. Der Rabbiner, der die Arme hoch gegen die Zimmerdecke gehoben hatte, näherte sich dem Redner, beglückwünschte ihn und drückte ihm lange die Hand. Literatur. Die jüngsten Urtheile über das Judenlhum. Kritisch untersucht von Martin Schreiner. Berlin. Verlag Siegfried Cronbach. 1902. In der neueren jüdisch-apologetischen Literatur dürfte es wohl.kaum ein Werk geben, welches an Profunder Gelehrsamkeit, an gründlicher Sachlichkeit, an treffender Schlagfertigkeit und nicht zuletzt, an elegantem Tact und Ton dem vorliegenden angereiht werden könnte. Ohne Aufdringlichkeit, sondern, wie schon der Titel besagt, durch die „jüngsten Urtheile über das Judenthum" hervorgerufen, gibt das Buch in 3 Abschnitten eine glänzende Darstellung der sittlich-religiösen Lehre des Judenthums. Man kann dieselben auch als eine Abwehr der jüngsten Angriffe gegen die Ethik, die Cultur und den Charakter des Judenthums betrachten. Der erste Theil beschäftigt sich nebst Lemme, Holtzmann, Deuffen, Smend vornehmlich mit dem vielgenannten Buche Adolf Harnack's: „Das Wesen des Christenthums". Gegenüber dem berüchtigten Destillationsapparat der Rabbinen, den Harnack, und dem „chaotischen Wust", welchen Wellhausen im sogenannten Spätjudenthum unter „Schutt und Staub" entdeckte, citirt der Verfasser die schönsten, ergreifendsten Grundsätze der rabbinischen Ethik über Nächsten-, ja Feindes-

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