Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 20 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dr. Bloches Wochrnsthrrfi. Seite 326 Harnacks Gelehrsamkeit und Wahrheitsliebe.*) Die Gedichtesammlung »Im Eruw" von B. Placzek (Landesrabbiner Dr. B. Placzek), Wien 1867, Herzfeld & Bauer, eachatt S. 120 die Verse: „Bewachet auch die Vorsehung Ein jedes Einzelwesen? O könnte ich die Antwort drauf, An mir erprobend lesen! Daß fühllos nicht der Zufall blos Die Schicksalsfäden webe. Daß leitend jene Weisheit auch Den Einzelnen umschwebe. Und allenthalben dafür sorgt, Daß ohne Recht zu schlichten. Die eherne Nothwendigkeit Kein Wesen darf vernichten! - Wo wunderbar Erlebnisse Sich in einander flechten. Als sie Geisteshände gar Zusammenfügen möchten. O, daß ein leises Zeichen da Mir Zweifelndem wollt' gönnen, Auch als den GottdesEinzelnen Den Ew'gen zu erkennen!" Hiezu die Anmerkung S. 210: „Der Vorstellung von einer solchen Vorsehung, wie sie Menschen und Verhältnisie individualisirend berücksichtigt, begegnen wir besonders in der metaphorischen Auslegung zum ersten der zehn Worte (Jalkut Schimeoni zur Stelle): „Der Herr erschien ihnen bei der Offenbarung, einem Bilde vergleichbar, das nach allen Seiten ein Angesicht zeigt. Tausend Menschen schauen es an und glauben, es sehe auf Jeden von ihnen. So erschien auch Gott den Kindern Israels. Als er zu ihnen redete, glaubte jeder Einzelne, mit mir spricht er. Darum heißt es nicht: „Ich, der Herr, Euer Gott — sondern: Ich, der Herr, Dein Gott." Aehnlich wird der Psalmvers C. 50—7, Gott — Dein Gott bin ich — gedeutet. Jalk Sch. z. St. Ferner wird der erste Satz des Decalogs interpretirt: „Obgleich Gott eins ist und sein Wort eins, so erging doch sein Wort an jeden Einzelnen in einer der besonderen Anschauung und dem Fassungsvermögen eines Jeglichen angemessenen Weise; anders zum Kinde, anders zum Jüngling und anders zum Greise, zu jedem nach seiner geistigen Kraft und eigenthümlichen Fähigkeit". „Die partikularifireude Providenz, wie sie aus dieser Anschauungsweise sich ergibt, stuft sich nicht nur nach Personen ab, sie sondert sich auch nach Zeitverhältniffen und unterschiedlichen Ereignissen: „Gott, der ewig sich gleichbleibende Einzige, bäuchte ihnen nach dem Erforderniß momentaner Lage und Begebenheit in wechselnder Erscheinung sich zu offenbaren: am Schilfmeere als Kriegsheld, am Sinaj als schriftkundiger Lehrer, beim Tempelbau zu Salomo's Zeit erhaben, wie der cederngekrönte Libanon, zu Daniel's Zeit wie ein ehrwürdiger Greis, erfahrungstiefe Lebenslehren kündend. Darum sprach Gott zu ihnen: Ich bin dennoch überall derselbe Einigeinzige." „Vielleicht ließe sich in diesem Sinne auch Jsrael's Losung, das Schema, .auffaffen, das dann in der Uebertragung lauten würde: „Höre Jsrael! Der Ewige, unser Gott, ist der Gott eines jeden Einzelnen." Eine Vorstellung allenfalls, die die Würde des Individuums als Basis menschenwürdiger Entfaltung gewahrt wissen will, gegenüber der das Alterthum charakterisirenden Weltansicht vom gänzlichen Aufgehen der Individualität in der Gesammtheit." Der Glaube an eine individualisirende Vorsehung zieht sich wie ein goldener Faden durch das biblisch-talmudisch-agadistische Schriftthum und hat sich schon in ältester Zeit durch den Gedanken an Jsrael's Mission und Auserwählthett zu einem unverwüstlichen Ueberzeugungskern krystallifirt. Wenn dessen ungeachtet Professor Harnack, „Das Wesen des Christenthums", 5. Auflage, <§>. 44/ behauptet: „Aber erst durch Jesus Christus ist der Werth jeder einzelnen Menschenseele in die Erscheinung getreten und das kann Niemand mehr ungeschehen machen" — so beweist er damit nur, daß er zu jenen Forschern gehört, *) Vergl. Dr. Bloch's „Oesterreichische Wochenschrift", Nr. 19, 2. 310. Nr. 20 welche nicht aus gehen, um die Wahrheit zu suchen, sondern um das zu finden, was sie finden wollen und die in ihrer Vorein-, genommenheit und Parteilichkeit nicht sehen und hören wollen, was in ihre Beweisführung nicht paßt oder ihrer Denkweise unbequem erscheint. Alle Schärfe der Dialektik, die fesselnde Form, der glänzende Stil, die stutzende Belesenheit schützt die Antimosaiker nicht vor dem Verdachte, daß auch auf sie zu ^beziehen sei der Zornesruf des Propheten (Jesaias 5, 20): „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse, die Finsterniß machen zu Licht und Licht zu Finsterniß, die Bitteres machen zu Süßem und Süßes zu Bitterem." Der Nitualmord-Schwindcl im Peklothal bei Nachod. Aus Königgrätz, 9. Mai, wird berichtet: Am 26. d. M. beginnt vor dem hiesigen Schwurgerichte die Verhandlung gegen den 46 Jahre alten, nach Barowa bei Nachod zuständigen Weber Johann JaroZ, welcher bekanntlich beschuldigt ist, am 21. Septtember v. I. die 15jährige Näherin Marie Suchanek im Peklogrunde auf bestialische Weise ermordet und beraubt zu haben. Der Mord verursachte seinerzeit ungeheures Aufsehen, dies umsomehr, als man des Thäters lange nicht habhaft werden konnte und die Sache von antisemitischer Seite zu einem Ritualmord gestempelt wurde. Die christlich-socialen Abgeordneten Axmann, Dr. Weiskirchner und Genossen brachten in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 20. October 1901 eine den Mord betreffende und gegen die Juden gerichtete Interpellation ein. Es sei hier auf Grund' der seinerzeitigen Mittheilungen nochmals der furchtbaren Blutthat kurz Erwähnung gethan: Samstag den 21. September v. I. begab sich die 15jährige Näherin Marie Suchanek aus dem bei Nachod gelegenen Dorfe Lipi zu ihren Eltern nach Meziles. Am folgenden Tage sollte in Lipi Kirchweih gefeiert werden und das Mädchen erhielt einige Kuchen, welche es in einem Körbchen nach Hause trug. Da das Mädchen bei den Eltern nicht ankam, erstatteten diese nach erfolglosem Suchen die Anzeige bei der Gendarmerie. Am 23. September fand der herrschaftliche Heger Valas?k im Gestrüpp des „Peklogrundes" eine Brandstelle, auf der sich die verkohlten Reste eines menschlichen Körpers befanden. Die am Thatorte erschienene Commission stellte fest, daß die Vorgefundenen Körpertheile die einer weiblichen Leiche waren. Unweit des Thatortes fand man das Herz der Ermordeteu, ihr Körbchen, einen Männerhut und einen Stock. Nach einem krummen Finger, nach den Kleiderresten und nach dem Körbchen konnte in der Ermordeten die verschwundene Marie Suchanek agnoscirt werden. Nach anstrengendem Suchen wurden aus dem Wasser der vorüberfließenden Mettau auch der abgebrannte Rumpf, sowie andere Körpertheile herausgezogen. Anfangs glaubte man, daß ein Irrsinniger, Namens Smröek, das Mädchen ermordet und verbrannt habe. Später zeigte sich, daß Smroek schon etliche Tage vor dem Morde durch Selbstmord geendet hatte und daher nicht der Mörder war. Endlich gelang es der Gendarmerie, den ledigen Johann Jaros aus Barowa als der That dringend verdächtig festzunebmen. Die Verhandlung dürfte 10 Tage dauern, da mehr als 100 Zeugen vorgeladen sind. Mißgeschick der Täuflinge. Der Budapester getaufte Jude Karl L e g r a d y, Herausgeber des Tagblattes. „Pesti Hirlap" und mehrfacher Hausbesitzer, hat binnen wenigen Monaten zum zweiten Mal die bittere Erfahrung machen müssen, wie wenig ihn das bischen Taufwaffer vor schmählichen Niederlagen bei seinen christlichen Mitbürgern zu schützen vermag. Er war früher Reichstagsabgeordneter, was ihm schon so viel Hochmuth verliehen hatte, daß er unter seiner zahlreichen Dienerschaft keinen Juden mehr dulden wollte, damit er nicht an seine jüdische Abstammung erinnert werde. Bei den Neuwahlen im vergangenen Herbste ist er jedoch einem ganz gewöhnlichen Bauern unterlegen, der an seiner Stelle als Deputirter gewählt wurde. Mit dem Tröste, daß der Gewählte doch ein geborener, er aber blos ein gewordener Christ s?i. mochte Legrady eine bessere Gelegenheit abwarten wollen. Bald schien sie auch gekommen zu sein, denn im Bezirke Abrudberiiya war durch das Ableben Koloman T'ßa's das Reichstagsmai'.dat vacant geworden, auf welches der jüdische Advocat Dr. Julius Rosenberg reflectirte. „Einem Juden gegenüber werde ich doch bestimmt siegen!" mochte Legrady denken und meldete seine Gegencandidatur an. Er war seines Sieges umso gewisser, als Dr. Rosenberg in „gut christlichen Kreisen" nicht sehr gut angeschrieben ist, weil er vor Jahren in einem Duell einen Grafen Batthyanyi erschossen hatte. Und das Resultat der Wahl?