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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Date
1902-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochrnfchrrfk. Seite 385 Nr. 20 hungerig nach Hause gehen lassen, und es sei boshaft, zu sagen, die Veranstaltung diene der politischen Agitation. Kaum aber war durch den Beschluß, eine Auskunftei zu errichten, der wirthschaftliche Aufschwung Niederösterreichs inaugurirt und noch war die duselige Stimmung, welche der gerebelte Nußdorfer und der Gumpoldskirchner Riesling erzeugt hatten, nicht verflogen, als auch schon Herr Dr. Lueger in den antisemitischen Wählerversammlungen diesen curiosen Bürgermeistertag und den animirten Verlauf des Festbanketts als Beweis dafür rühmte, daß die christlich-sociale Partei trotz Bölkl noch immer in Niederösterreich dominire. Wenn die „Auskunftei" einschließlich der auf Kosten der Steuerträger stattgefundenen glänzenden Bewirthung — ungefähr 60 Kronen das Couvert — keine politische Veranstaltung war, sondern ausschließlich einem rein wirthschaftlichen Zwecke diente, wie konnte alsdann Herr Dr. Lueger daraus, daß die Landbürgermeister seiner Einladung folgten, einen Schluß auf ihre politische Gesinnung ziehen? Es war etwas voreilig von Herrn Dr. Lueger, so unvermittelt den politischen Zweck dieser „wirthschaftlichen" Action zu verrathen, und so gestatten wir uns denn, unsere Meinung dahin zu formuliren, daß die ganze Geschichte nichts Anderes war. als ein auf städtische Kosten betriebener Wählerfang zu Gunsten der christlich-socialen Partei, ein wahres Zweckessen, dessen Zweck es nicht heiligen konnte, daß die Mittel den Steuergeldern entnommen werden. Auch die Auskunftei wird, darüber sind wir uns klar, in christlich-socialem Geiste betrieben werden. Den Gesinnungsgenoffen in Wien werden die besten Sommerwohnungen, den Gesinnungsgenossen auf dem Lande die einträglichsten Sommerparteien zugewiesen werden, und diese „Auskunftei" wird nicht blos über die vermiethbaren Billeggiaturen, sondern auch über vermiethbare Gesinnungen Auskunft geben. Herr Dr. Lueger darf sich darüber wahrlich nicht beklagen, daß ihm ein solcher Vorgang zugemuthet wird. Erklärt er doch beispielsweise anläßlich der Verstadtlichung der Neuen Wiener Tramwayzesellschaft. daß die Gemeinde die „christlich gesinnten Arbeiter" übernehmen werde. Die anderen Arbeiter haben also entweder das, was Herr Dr. Lueger unter christlicher Gesinnung versteht, zu heucheln oder sie müssen sich darauf gefaßt machen, brotlos zu werden. Die sogenannte christliche Gesinnung wird durch diese indirecte Drohung erpreßt; schamloser kann wohl eine Verwaltung ihre Macht nicht zu Parteizwecken mißbrauchen, als dies Dr. Lueger am hellichten Tage thut. * * * Eine dunkle Geschichte, die „der Aufklärung bedarf", würde die „Deutsche Zeitung" die neueste überaus lustige Ritualmordgeschichte nennen, und das „Deutsche Bolksblatt" würde seinen Lesern die beruhigende Versicherung ertheilen, daß es jede etwa versuchte „Vertuschung" zu verhindern wiffen werde. Die beiden Ehrenblätter ziehen es aber vor, ihren Lesern lieber nichts davon zu erzählen. An einem christlichen Dienstmädchen soll eine rituelle Blutabzapfung vorgenommen worden sein. Hans Arnold Schwer, wo bist Du? Warum nahmst Du nicht sofort das arme Mädchen unter Deine Fittige? Warum gabst Du ihm nicht das Mittagessen? Warum erfüllten die Detectives nicht ihre Pflicht, das arme Christenkind Herrn Hans Arnold Schwer zu „überstellen"! Ihr Dienstgeber Heißt Schwamberg (!) Aber ach! Noch niemals war ein Äusrufungszeichen so deplacirt, wie bei dem Namen des Herrn Schwamberg, in dessen Familie weit und breit kein jüdischer Stammbaum, nicht einmal ein jüdisches Sträuchlein, zu entdecken ist. Der Advocat Dr. Rabenlechner, ein antisemitisch angehauchter Advocat, ist sein Cousin, und durch diesen hat er gegen den Denuncianten die Verleumdungsanzeige erstatten kaffen, weil solchen Märchen ein Ende bereitet werden müffe. Ein gut katholischer Christ, der des Ritualmordes beschuldigt wird, ist freilich nur in einer Stadt möglich, die einen Ritualnwrdspitzel im Gemeinderath sitzen hat. * * * Herr Dr. Weißkirchner, einer jener antisemitischen Emporkömmlinge, die ihrer Zugehörigkeit zur christlich-socialen Partei eine durch ihre Verdienste nicht zu erklärende rasche Carriöre zu danken haben, wird als der künftige Magistratsdirector genannt. Von welchem Geiste der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit dieser Mensch erfüllt ist, der der Chef des Wiener Magistrats werden soll, geht aus Aeußerungen hervor, die er in einer antisemitischen Wählerversammlung des IX. Bezirkes gehalten hat. „Es geht nicht an", ^agtr er, „daß die Juden weiter die Straßen versauen mit ihren ausgehängten Maaren". Die Pöbelhaftigkeit der Ausdrucksweise überrascht uns bei einem antisemitischen Parteiführer nicht, und wenn Herr Weißkirchner so frech ist, über jüdische Geschäftsleute in einem solchen Tone zu reden, so könnte das den jüdischen Geschäftsleuten gleichgittig sein, wenn dieser Herr eben nicht in die Lage käme, ihnen durch die Bethätigung seines Judenhasses in seinem amtlichen Wirkungskreise in ihrem Erwerbe und in ihrer Wstenz Schaden zuzufügen. Unseres Wiffens haftet einer ausgehängten Waare kein confeffionelles Merkmal an; für die Arrangirung von Auslagen können die gesetzlichen und gewerblichen Vorschriften keinen Unterschied darin machen, ob der betreffende Kaufmann ein Christ oder ein Jude ist. Herr Weißkirchner sagt weiter: „Besonders auf den Huthändler Schick muß ein Augenmerk gerichtet werden. Wenn auch Hock jedes Mal die Strafen, die über Schick verhängt werden, aufhebt, Schick wird solange bestraft, bis es ihm zuwider wird und er den Bezirk verläßt." (Stürmischer Beifall.) Zum Verständniß dieser Ankündigung, welche nicht mehr und nicht weniger enthält als die Erklärung des Magistrats- Vicedireciors. daß er das Verbrechen des Mißbrauches der Amtsgewalt begehen werde, um einen jüdischen Geschäftsmann aus einem Bezirke hinauszuekeln , muß bemerkt werden, daß der von dem W eißkir ch ner so genannte ,,Hock" der k. k. Statthaltereirath Freiherr von Hock ist und in der Statthalterei das Referat für gewerbliche Angelegenheiten leitet. Nach der eigenen Darstellung des „Weißkirchner" hebt die Statthalterei die Strafen, die über den Huthändler Schick verhängt werden, jedesmal auf. Daraus ergibt sich, daß die Strafen ungerecht sind. Das genirt aber Ehrenmänner vom Kaliber Weißkirchner nicht. Schick wird dennoch weiter gestraft werden, und zwar so lange, bis es ihm „zuwider wird" und er den Bezirk verläßt. Der künftige Magistratsdireetor von Wien kündigt also an, er werde einem Geschäftsmann« durch Chieanen die Existenz in einem Bezirke unmöglich machen, und wenn dieser selbe Herr erklärt, es müffe auch der Armenrath im neunte» Bezirke antisemitisch werden, so können wir aus den citirtr» Aeußerungen uns ein Urtheil darüber bilden, in welchem Geiste Herr Weißkirchner die Armenpflege in Wien verwaltet zu sehen wünscht. * * * Den Antisemitenblättern verursacht es Leibschmerzen, daß der italienische Generallieutenant Ottolenghi zum Kriegsminister ernannt werden soll. Ottolenghi ist nämlich ein Jude, und wenn schon ein Jude Kriegsminister werden kann, so sei das ein Zeichen, wie die „jüdische Weltherrschaft" um sich greife. So lange die jüdische Weltherrschaft noch nicht so weit gediehen ist, um den Juden die Erlangung einer Unterlehrerstelle in Wien zu ermöglichen, brauchen unsere Herren Antisemiten darüber, daß in Italien ein Jude Kriegsminister werden soll, sich nicht allzusehr aufzuregen. Wir werden uns auch bescheiden, falls Ottolenghi das Kriegsportefeuille nicht erhalten sollte; wir sind damit zufrieden, daß er Commandant des Armeecorps von Genua und Generallieutenant geworden ist, weil das allein genügt, um zu zeigen, daß nicht in allen Ländern das Judenthum als ein Makel betrachtet wird, der alle Tüchtigkeit und Pflichttreue werthlos macht. Aus diesem Grunde, und weil nicht überall die Bornirtheit maßgebend ist, sehen wir dem antisemitischen Treiben bei uns zu Lande mit jener Ruhe zu. die uns deffen Nichtigkeit und Vergänglichkeit einflößt. Wir werden es sogar zu ertragen wiffen, wenn es deu Juden nicht gegönnt sein sollte, dem „Bund der Nordmährer" anzugehören, deffen antisemitische Agitation in den letzten Tagen so viel besprochen worden. Es gibt einige Millionen Juden, die sich ganz wohl befinden, ohne beim „Nordmährer-Bund" dabei zu sein, der in den letzten Tagen auch noch dadurch in seinem guten Rufe geschädigt wurde, daß die'„Ostdeutsche Rundschau" des Herrn K. H. Wolf sich als sein Organ gerirt. Die maßgebendsten Leiter des Bundes wollen allerdings von der Ausschließung der Juden nichts wiffen, und der K. H. Wolf, der kategorisch die vollständigste Judenreinheit fordert, ist darob sehr gekränkt. Schade, daß der „Nordmährer-Bund" nicht über einen Bestechungsfond verfügt; in diesem Falle hätte sich durch Intervention des Herrn Gutmann vielleicht mit Herrn K. H. Wolf eine Verständigung erzielen kaffen. Isegrim.

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