Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 20 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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f&ette 324 Dr. Bloitz's WochsnschrM Nr. L0 ferner: „—-Bestechlichkeit ist keineswegs die einzige Form der journalistischen Lumperei. Wer sich aus Eitelkeit, Rachsucht oder gar einfach aus Speculation auf das Sensationsbedürfmß der Leser zum Lügen hergibt, ist ebensowenig ein ehrenhafter Journalist. Herr Karl Kraus bildet sich ein, er sei anständig, weil er kein Geld nimmt. Aber eine Gemeinheit, die gratis begangen wird, hört darum noch nicht auf, eine Gemeinheit zu sein." Die Brüder des Herrn Karl Kraus, die Herren Josef Kraus, Dr. Alfred Kraus, Richard Kraus und Rudolf Kraus, leisten sich folgenden Scherz. Jeder einzelne dieser vier Herren sendet uns ein besonderes Schreiben, welches auf Grund des § Id des Preßgesetzes die Berichtigung des Artikels: „Brimanus der Jüngere" mit folgenden Worten verlangt: Es ist unwahr, daß mein Bruder Karl Kraus das Andenken unseres Vaters besudelt; wahr ist, daß Karl Kraus das Andenken unseres Vaters hochhält. Es ist unwahr, daß Karl Kraus die Ehre unserer Familie besudelt; wahr ist, daß die Familie sich durch die schriftstellerischen Erfolge Karl Kraus' geehrt fiihlt. — Wir unserseits überliefern getrost die Qualität dieses Scherzes der öffentlichen Beurthellung. Die „schriftstellerischen Erfolge", in einer Zeit allgemeiner Judenbedrängniß, in der ein blutiger Haß bösartige Justincte wahntrunkener raubgieriger Massen gegen eine wehrlose jüdische Minorität entfesselt und entzündet, wir und unsere Familien, unsere Ehre und das Andenken unserer Väter täglich den giftigsten Insulten und pöbelhaften Schmähungen schutzlos preisgegeben sind, hinter jedem nur aufgreifbaren Juden durch die Straßen der Residenz einherzulaufen und „Hepp hepp" zu schreien, wird man Herrn Chaim Kraus gewiß neidlos zuerkennen. Auch daß er Ende 1899 vor dem Wiener Magistrat seine Lossagung von der jüdischen Gemeinschaft officiell verkünden ließ, damit hat er zweifellos dem Judenthum einen wesentlichen Dienst geleistet und eine dankend anzuerkennende Ehre erwiesen, die auch das Andenken seines Vaters ausgezeichnet. Aron Briman war indeß ungleich „berühmter" als Chaim Kraus, sein Name wurde in wenigen Jahren durch ganz Europa und über Europa hinaus populär. Seine gälizischen und rumänischen Angehörigen haben es verschmäht, in den Strahlen solchen Glanzes sich zu sonnen. Dienstag den 13. Mai erschien in unserem Redactionslocal ein Herr Dr. Victor Kienböck in Begleitung Polizeiücher Organe und überbrachte folgende Zustellung des k. k. Lmrdesgerlchtes in Wien: Das k. k. Landesgericht Wien als Preßgericht hat in Gemäßheit des § 487 St.P.O. über den mit der Privattlage des Karl Kraus, Herausgebers der ^Fackel" durch Dr. Victor Kienböck, Vertheidiger in Strafsachen gegen Dr. Josef Samuel Bloch, Schriftsteller, Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" wegen Vergehens der Ehrenbeleidigung gestellten Antrag die Beschlagnahme der Nr. 18 des XIX. Jahrganges der periodischen Druckschrift mit dem Titel: „Dr. Bloch's Oesterreichische Wochenschrift", Cwtralprgan für die gesammten Interessen des Judenthums ddo. Wien 2. Mai 1902 in dem Redactionslocale IX., Berggasse 39, sowie in der Druckerei von L. Beck & Sohn in Wien, VH, Lerchenfelderstraße 46 ' ungeordnet, weil der Inhalt des Artikels aus Seite 291, 292 „Brimanus der Jüngere" geeignet erscheint, den THatbestaud des in der PrivaÄage bezeichneten Vergehens zu begründen. Um die Vornahme dieser Beschlagnahme als auch «ach ß 139 u. f. St.P.O. um die Durchsuchung des Redactiovslocales IX., Berggasse 39 nach dem Manuscripte dieses Artikels unter Zuziehung des Vertreters des Privatklägers wird die k. k. Polizei-Direction in Wien (preßpol. Abtheilung) ersucht. Wien am 13. Mai 1902. Der k. k. Präsident. Bei der Durchsuchung des Redactionslocales fand sich das Manuskript des Artikels. Gegen 180 Exemplare der „Oesterreichischen Wochenschrift" mit dem geklagten Artikel „Brimanus der Jüngere" verfielen vorläufig der Beschlagnahme. Der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch, hat im Laufe der Jahre die lauten und vorlauten Apostel der Blutlüge, Canonicus Pros August Rohling, Pfarrer D e ck e r t, Doctor Aron Briman und Paulus Meyer nacheinander zu Gericht geführt und ihrem Schicksal überliefert. Es ist gewiß mehr als ein bloßer Zufall, es offenbart sich darin eine Art Logik der Geschichte, daß die Ereignisse ihn dazu noch ausersehen haben, auch mit „Brimanus dem Jüngeren", als voll worden sein Maß, vor die Schranken des Wiener Schwurgerichtes zu treten und Abrechnung zu halten. Wenn es also sein muß, soll die Abrechnung gründlich vorgenommen werden. . . . „Auch Patroklus ist gestorben Und war mehr als Du." Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichtc. (Festbankett zu Agitationszwecken. — Das Couvert zu sechzig Kronen. — Ein christlicher Ritualmörder. — Vom zukünftigen Magistratsdirector. — Freud und Leid im Antisemitismus.) Das Bankett kostete blos 30.000 Kronen, einen wahren Pappenstiel im Millionenbudget der Gemeinde Wien, aber der Betrag wird den Steuergeldern entnommen, die nur für die Zwecke der Wiener Gemeindeverwaltung verwendet werden dürfen. Es ist wahr, daß sehr viele Wiener Familien das Bedürfniß haben, im Sommer aufs Land zu gehen und eine „Auskunftei^, welche die zu vermiethenden Sommerwohnungen in Evidenz hält, erleichtert die unbequeme und zeitraubende Suche nach einer paffenden Billeggiatur. Wir wollen auch gar nicht darauf eingehen, ob es Sache der Wiener Gemeinde ist, dafür zu sorgen und dafür zu zahlen, daß nos bons gens de province ihre Wohnungen gut anbringen, allein wir können uns ganz gut vorstellen, daß diese „Auskunftei" hätte errichtet werden können, ohne daß zu dieser so überaus einfachen und leicht einzurichtenden Veranstaltung sämmtliche Landbürgermeister nach Wien ins Rathhaus citirt werden, und wenn es schon durchaus überflüssiger Weise geschieht, so war dies doch kein Anlaß zur Veranstaltung eines großen Festbanketts. Herr Dr. Lueger kann es auch nicht hindern, wenn man es als höchst auffällig bezeichnet, daß gerade vor den Landtagswahlen der Wunsch nach Errichtung von Auskunfteien gar so actuell geworden ist. Ein Circular an die Landbürgermeister hätte genau dasselbe geleistet wie die große Versammlung, nur wäre es um 30.000 Kronen billiger geworden. Freilich hätte sich damit Herrn Dr. Lueger nicht die Gelegenheit geboten, den biederen Dorf- und Marktvorstehern die Hände zu schütteln, sie durch persönliche Liebenswürdigkeit zu bezaubern, sie glauben zu machen, daß der Bürgermeister von Wien Tag und Nacht sich mit der Frage beschäftige, wie er den Landgemeinden nützen könne. Nach einer kurzen Berathung ein vierstündiges Bankett mit vorzüglichen Speisen und Getränken — das macht einen guten Eindruck, und die schlichten Bürgermeister aus den Marktflecken und den Dörfern waren entzückt von dem prächtigen Wiener Bürgermeister, und wenn sie heimkehren, werden sie viel zu erzählen haben von dem herrlichen Wien des Dr. L u e g e r, von seiner Metropole mit den stolzen Palästen und Monumenten, von seinem imposanten Rathhausbau, von seinem Festsaale, von seinem Hochquellwaffer, von seiner Gasbeleuchtung mit seinem Auerlicht, denn Alles, was Wien geworden, haben wir ja bekanntlich ihm, dem Einzigen, zu danken. Er könne doch, sagte er, seine Gäste nicht