Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blmh's Wochsnschrift. Seite 315 wuchern oder sonst zu schädigen, so wäre vielleicht nicht allzuviel dagegen einzuwenden gewesen. Das war aber nicht die Absicht der christlich-socialen Partei, welche dem wahren Christenthum solcherart brutal ins Gesicht schlug, denn die nachfolgende Erklärung, in welcher das Einkäufen von Firmungsgeschenken in jüdischen Geschäften als eine Schmach und Schande hingestellt wurde, sagt klar und deutlich, was die Christlich-Socialen unter der Bezeichnung Christ verstanden wissen wollen. In ihren Augen ist der Wucherer, wofern er nur getauft ist oder gar von christlichen Eltern herstammt, ein Christ und zwar ein umso besserer, je ärger er den Anhänger jeder anderen Religion, vornehmlich aber jeden Juden, seiner Herkunft wegen haßt und verfolgt. Diese edle Partei, die sich erfrecht, sich als eine christliche zu bezeichnen, bedenkt nicht, daß die ersten wahren Christen und Christus selber Juden waren und blieben. Sie vergessen, daß Christus seine Lehre von der Nächstenliebe schon in der jüdischen oder mosaischen Religion, die wieder der egyptischen entnommen war, vorfand und eigentlich nicht mehr gethan hat, als daß er sie vom rein äußeren, pfäffischen Formenkram, der sie nach berühmten Mustern überwucherte, befreite und aufs Neue der Welt verkündete. Völlig neu ist in dieser seiner Lehre von der natürlichen Pflicht zur Nächstenliebe nur, daß er die ehemals nothwendigen, aber schon damals überflüssigen Schranken, welche die Juden als das auserwählte Volk Gottes von den Anderen trennte, durch seine Erklärung von der Gleichheit aller Menschen niederriß und die ganze Menschheit als Kinder Gottes und folglich als Brüder und Schwestern aneinanderschloß. Der von den Christlich-Socialen gepredigte principielle Haß gegen alle Juden ohne Ansehung der Person versucht daher die Schranken, die Christus in seiner echten Menschlichkeit niedergerissen, ihm zum Trotz wieder aufzurichten, und dennoch erkühnt sich diese Partei, sich christlich und social zugleich zu nennen, eine Frechheit, die Christus weit mehr schmerzen müßte, als der Schlag jenes Menschen, dessen brutale That die ganze Menschheit verabscheut. Die frechen, gesetzwidrigen Maueranschläge, deren impertinent grellrothe Farbe die Augen der vom Staat bestellten Hüter der gesetzlich festgelegten Rechte aller Bürger zu blenden schien, sind aber nicht nur vom rein christlichen Standpunkte, sondern auch von dem der Billigkeit und Gerechtigkeit zu verwerfen. Unsere jüdische Kaufmannschaft ist, gering geredet, um kein Haar schlechter als die übrige, denn abgesehen davon, daß das hiesige christlich-sociale Blatt, das ganz eigens zur Aufdeckung der jüdischen Niedertracht gegründet worden war, nicht einen einzigen Fall aufzudecken vermochte und eben darum nach kaum zweijährigem Bestand eingehen mußte, ist es eine bekannte Thatsache, daß gerade die jüdischen Geschäfte immer mehr aufblühen, was bei der fortgesetzten Verdächtigung der Juden ein Ding der Unmöglichkeit wäre, wenn ihre Geschäftsgebahrung nicht mindestens so reell wäre, wie die der übrigen Kaufleute. Wer gerecht sein will, muß zugestehen, daß in der That kein Grund vorliegt, unsere jüdischen Mitbürger solchermaßen zu bekämpfen, denn ihre Geschäfte werden nicht nur von solchen Menschen besucht, die in ihrer arischen Abkunft keinen besonderen Vorzug erblicken, sondern auch, und zwar ganz regelmäßig, von antisemitischen Führern aller Schattirungen. Angesichts all dieser Thatsachen, die ich jederzeit klipp und klar beweisen kann, kann man den erwähnten Maueranschlag der christlich-socialen Partei nicht anders als einen Act unverschämter, auf blankem Geschäftsneid beruhender Rohheit bezeichnen, der um so widerwärtiger ist, als unsere jüdischen Mitbürger für alle Sammler milder Gaben für Glückstöpfe und C'aristbaumfeierlichkeiten, für gemeinnützige Zwecke, sowie für Nothleidende aller Art nicht nur eine offene Hand, sondern auch ein freundliches Wort haben. Die schmutzigen Maueranschläge der christlich-socialen Partei müssen daher als ein Act ganz besonderer Rohheit und Niedertracht bezeichnet werden. Da dies aber aus Furcht vor dem Namen Judenknecht Niemand wagt, so gern es auch mancher sähe, so wage ich es, der viel geschmähte, aber noch mehr gelesene Wastl, und so lange Beides so bleibt, ist immerhin noch einige Aussicht vorhanden, daß das Christenthum, das heißt der wahrhaft liberale Gedanke, im dreimal heiligen Land Tirol nicht ganz ausstirbt. Gleichzeitig gestehe ich aber sehr gern zu. daß es in der That sehr traurig ist, daß das Chriftenthum in Tirol just auf den „gottlosen" Wastl angewiesen ist. Allen Mittrauernden sei es aber zum Tröste gesagt, daß dem wahren Christenthum eine so unbändige Kraft innewohnt, daß es selbst vom Boden des Wastl aus sich wieder das ganze Land erobern wird, denn der christliche Gedanke ist thatsächlich ein Fels, den nicht einmal Rom, geschweige denn das jämmerliche Häuflein christlich-socialer Luegertrabanten zu überwinden vermag. Zum 50jährigen Regierungs-Jubiläum des Großherzogs von Baden. Karlsruhe, 25. April. Bei den Ordensverleihungen aus Anlaß des Jubiläums wurden auch viele Israeliten bedacht. Es erhielten die Jubiläumsmedaille die Mitglieder des Oherrathes der Israeliten und die Inhaber der Bezirksrabbinate, den Titel Geheimer Hofrath Professor Dr. Cantor in Heidelberg, den Titel Hofrath Professor Dr. Jellinek in Heidelberg, den Titel Baurath Professor Levy in Karlsruhe, den Titel Medicinalrath Dr. Jacob' Kusel in Bruchsal, das Ritterkreuz erster Classe mit Eichenlaub Hofrath Dr. Rosin-Freiburg und Geh. Regierungsrath Dr. David Hugo Maier, das Ritterkreuz erster Classe Dr. Sally Maas in Karlsruhe, Dr. Max Hachenberg in Mannheim, Professor Dr. Lefmann in Heidelberg, Rabbiner Pikard in Randegg und Bezirksrabbiner Dr. Schlesinger in Bretten, das Ritterkreuz zweiter Classe Bankier Maier L-trauß in Karlsruhe, das Berdienstkreuz vom Zähringer Löwen Heinrich Eppstein in Eichstetten, Emanuel Rothschild in Konstanz, Director Drieser-Karlsruhe, die kleine goldene Verdienstmedaille Cantor Wolf Schuster in Mannheim, Elias Eichstetter in Eppingen, Cantor Sommer in Freiburg, Cultusbeamter Leopold Mayer in Mannheim, die silberne Verdienstmedaille Synagogendiener Heinrich Hirsch in Karlsruhe. Das 50jährige Regierungs-Jubiläum des Großherzogs Friedrich von Baden hat weit über den Kreis des Großherzogthums Baden hinaus Bedeutung, weil dieser Fürst, selbst in kritischen Zeiten, stets das Banner der Humanität hochgehalten hat. Hatte er doch den Muth, trotz aller Angriffe einen Juden zum Finanzminister zu berufen und diesen Jahrzehnte hindurch zu behalten. Auch daß die Universitäten des „Musterländle" Baden die Geistesfreiheit gegenüber dem Ansturm der Dunkelmänner mit Erfolg vertherdigten, ist dem Großherzog zu verdanken. Heidelberg und Freiburg i. B. sind die einzigen Universitäten, an denen auch im letzten Jahrzehnt Juden in ordentliche Professuren berufen worden sind. In jüngeren Jahren stand der Großherzog, wie Berthold Auerbach berichtet, im Vordergründe des Kampfes gegen den Antisemitismus. Er kannte im Umgang mit Dichtern und Gelehrten kein Hofceremoniell. Es liest sich interessant bei Auerbach, wie der Großherzog bei einem Besuche dem leidend auf dem Sopha liegenden Dichter Muth zuspricht. Eine Berliner Begegnung zwischen dem Großherzog und Auerbach schildert der nachfolgende Brief des Letzteren an seinen Vetter Jakob Auerbach in Frankfurt a. M., der vom 26. März 1881 datirt ist: „Ich lege Dir einen Brief des Großherzogs von Baden bei, den er mir gestern durch einen Lakaien schickte, der auf Antwort wartete. Das ist ganz gegen Hofform, fragen, ob man kommen kann und selbst schreiben. . . . Wir sprachen von dem Ungeheuerlichen, der Ermordung des Kaisers Alexander. Ich sagte, daß die Art. wie die Judenhetze fort und fort inscenirt wird, auch ein Werfen von Dynamitbomben ist. Aber der Großherzog hofft, daß das bald wieder vorüber sei, obgleich er die tiefen Schädigungen, die das Volk damit erleide, vollkommen erkenne. Die Stunde verstrich und nach seiner lieben, wahrhaft innigen Art, mich als den alten Herrn betrachtend, ging er mit in das Vorzimmer. . . . Dort traf ich die Großherzogin. Als wir uns eben gesetzt hatten, kam die Kaiserin. ... Ich legte nun dar, wie tief ich im Gemüth gestört sei durch die Judenhetze. Die Großherzogin sagte: „Glauben Sie mir, diese häßliche Sache ist nur in Berlin." „Und auch hier ist sie nur vorübergehend", fiel die Kaiserin ein, „Berlin treibt über Nacht, man weiß nicht woher, eine Pflanze auf, am anderen Tage ist sie wieder vergangen und sie hat keine Wurzel." Die Kaiserin wiederholte, wie unablässig wohlthuend die Juden sich bewähren und wie sie selbst vor Kurzem das jüdische Altersversorgungshaus besucht habe, wie sie nächstens das jüdische Krankenhaus besuchen wolle." Großes hat der Großherzog von Baden in großer Zeit geleistet. Ein frohes Alter möge sein Lohn sein! Die Kölner Centrale der zionistischen Bereinigung für Deutschland hat anläßlich des Regierungs-Jubiläums folgendes Telegramm an den Großherzog gerichtet: