Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 314 Nr. 19 dr. Vloch's WmiMschrtsl unter Hussah und Halloh die arme, gehetzte Creatur bis zur Quelle verfolgte, sie ist in Carlsbad noch immer da, und wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, kann sie beobachten, wie sie je nach der Jahreszeit bald im Stillen, bald mit lautem Gebelfer ihre Hetze betreibt. Zuweilen reißt der Uebereifer dieser Meute zu einer Unbesonnenheit hin. Es war noch im heurigen Winter, als man auf jüdische Eurgäste noch keinerlei Rüäsicht zu nehmen brauchte, da trat der Lehrer der Commuual-Bürgerschule, Herr Josef Hofmann, in der Stadtverordneten-Sitzung mit einer antisemitischen Rede ans, die von Beschimpfungen der Juden und Schmähungen gegen die sogenannte jüdische Moral strotzte. Herr Bürgermeister Schäffler, der so ausgezeichnet zu berichtigen und zu widersprechen weiß, wenn einmal in der deutschen und österreichischen Presse einige Thatsacheu über die antisemitischen Regungen der Karlsbader Bürgerschaft verzeichnet werden, fand kein Wort der Zurückweisung für diese gehässigen Ausfälle, obzwar nicht nur Tausende von Juden alljährlich ihr gutes Geld nach Karlsbad tragen, von dem sich die antisemitischen Herren gründlich mästen, sondern auch 200 jüdische Familienväter in Karlsbad ständig ansässig sind, dort in wirthschaftlicher Beziehung einen sehr gewichtigen Factor bllden und beträchtliche Steuern entrichten. Wir verzeichnen es mit freudiger Genugthuung, daß unsere Glaubensgenossen nunmehr die Energie gefunden haben, den Unwahrheiten eines von ihren Steuergeldern bezahlten antisemitischen Schullehrers gebührend entgegenzntreten Sie unterfertigten eine Protestkundgebung, welche in der am 1. Mai stattgefundenen Stadtverordueten-Sitzuug zur Verlesung gelangte und den Gegenstand einer für die thatsächlichen Gesinnungen der Karlsbader Stadtväter sehr bezeichneten Discussion bildete Nach der Verlesung dieses Schriftstückes gab der Herr Bürgermeister seinem Bedauern Ausdruck, daß in jener Sitzung derartige Worte gefallen sind. Er sei damals derart aufgeregt gewesen, daß er nicht in der Lage war, Herrn Hofmann's Auslassungen gleich in der Weise zu bekämpfen, wie es vielleicht richtig gewesen wäre, und ersucht nunmehr Herrn Hofmann, seinen israelitischen Mitbürger irgend eine Genugthuung zu geben. Herr H o f m a n n erwiderte, es könne ihm gewiß Niemand vorwerfen, daß er je Jemand, ob Jude oder Christ, irgendwie nahegetreten sei, wenn er nicht Gründe dazu gefunden hätte. Er habe sich aber in der Ausübung seines Stadtverordnetenmandates niemals von seinem Parteistandpunkte leiten lassen. Er bestreite übrigens die Richtigkeit des Wortlautes des officiellen Protokolles. Er habe ganz. Anderes gesagt, als dort enthalten sei. Daß in einigen Berufen nach jüdischer Moral gehandelt werde, sei aus den Ereignissen der letzten 10 Jahre zu ersehen; er (Hofmann) würde auch sonst niemals Antisemit geworden sein, er sei es früher nicht gewesen, und er hoffe den Zeitpunkt herbei, wo er es wieder einmal nicht sein werde. Er wende sich gegen die Israeliten deshalb, weil von ihnen in den letzten 10 Jahren die Wahlmache betrieben werde, und er hoffe, daß einmal die Zeit kommt, wo sich diese Unterschiede geradeso ausgeglichen haben werden, wie es vor zwanzig Jahren in Carlsbad der Fall war. Er verweise diesbezüglich nur auf Professor Fournier, der in seinem Werke über Napoleon auch darauf hingewiesen habe, daß es in einem gewissen Theile Frankreichs damals nöthig war, wegen allerlei Uebergriffe der Juden Ausnahmsgesetze gegen diese zu erlassen, und daß diese, nachdem sie eine Zeitlang in Kraft gewesen waren, wieder aufgehoben werden konnten und Alles wieder ins ordentliche Geleise gekommen sei. Eine Gehässigkeit seinerseits gegen die Juden sei wohl noch Niemandem begegnet, wenn man ihm irgend einen Fall nenne, werde er Rechenschaft geben. Herr Bürgermeister Schäffler verwies noch auf Hofmann's Stellung als Lehrer, in welchem Berufe es wohl nicht angezeigt sei, einem solchen Standpunkte zu huldigen. Herr Hermann Jakob bezeichnete das Schriftstück der üOO Israeliten als unnütze Demonstration und verwies auf das Programm seiner Partei, welches gleiches Recht für Alle verspricht. Herr H o f m a n n meint, wenn er gehässig sein wollte, so könnte er ein Schriftstück mit 2000 Unterschriften unterfertigen laffen gegen den Ausdruck „Stiefelputzer" des Herrn Rosenfeld. Dagegen stellten die Herren Bürgermeister Schäffler und Rosenfeld den Wortlaut von Herrn Rosenfeld's damaliger Rede richtig. Herr Hofmann reagirte noch auf die Aeußerung des Herrn Bürgermeisters, daß ihm als Lehrer wohl der Antisemitismus nicht zustehe und bemerkte, er sei nur gegen jene Juden, welche an der Uebervortheilung seiner Volksgcnoffen in geschäftlicher Beziehung sowie bei Wahlen theilnehmen. Da Schulkinder dies nicht im Stande seien, so sei es auch ausgeschloffen, daß diese von dem Antisemitismus etwas empfinden, den er (Hofuiann) hege. Herr Dr. F l e i s ch n e r erinnerte daran, daß bei dem Festabende für Herrn Hermann Jakob der Boycott gegen die Juden gepredigt wurde und daß, wenn sie von dergleichen und von Reden Hofmann's hören oder in den Zeitungen lesen, sie den Glauben an Hofmann's Unparteilichkeit verlieren. Sodann wurde die Discussion über diese Angelegenheit geschlossen. Der aufgeregte Herr Bürgermeister, dem die nöthige Fassung fehlt, um im richtigen Moment die richtigen Worte zur Vertheidigung seiner angegriffenen jüdischen Mitbürger zu finden, ist nicht minder belustigend als die Thatsache, daß der alldeutsch-antisemitische Hofmann in einem Augenblicke, wo der Gestank der alldeutschen Moralganz Oesterreich erfüllt, abträglich die jüdische Moral angreift. Wollte der ehrsame Schulmeister dadurch die Aufmerksamkeit von den Scandalgeschichten der Herren Wolf, Schönerer, Jro und Herzog ablenken? Wie dem auch immer sei, man wird sich die Vorgänge in der Carlsbader Stadtverordneten-Versammlung gut merken und man wird sich insbesondere die Vergeßlichkeit des Bürgermeisters merken, der 31/, Monate brauchte, um seinem Bedauern über die „Auslassungen" eines Communal-Bürgerschullehrers Ausdruck zu geben. Lemberg. Der hiesige Verein Schomer Israel hat, wie bereits gemeldet, an alle israelitischen Cultusgemeinden ein Circular versandt, in welchem dieselben aufgefordert werden, sich der Petition an den Abgeordneten Dr. Byk anzuschließen und eine Interpellation im Interesse der rumänischen Juden in den Delegationen zu verlangen. Im Anhänge zu der Petition hat.der Vicepräsident des Vereines Schomer Israel, Herr Julius Hochseld, Herrn Dr. Byk ein Exposs überreicht, welches folgende wichtige Momente besonders betont: „Als es infolge der Unruhen in Armenien zu einer diplomatischen internationalen Intervention kommen sollte, schrieb der Secretär der Anglo Jewish Association aus London, der englische Delegirte würde auch die rumänische Judenfrage zur Sprache bringen und dieselbe wie nachstehend formuliren: „Nach der europäischen Rechtsanschauung darf es keinen Menschen geben, der nicht irgend einem Staatsverbande angehört. Lebt Jemand als Fremder in einem Lande, so muß er nothwendig Bürger in einem anderen Lande sein, als das, welches er bewohnt und welches sein Geburts- und Heimatsland. Was sagt Se. Excellenz der Herr Minister Graf Goluchowski zu einer Biertelmillion rumänischer Juden, die thatsächlich keinem Staatsverbande angehören? Erklärt die rumänische Regierung, ihre jüdischen Unterthanen seien fremd in Rumänien, so soll sie auch zugleich das eigentliche Heimatsland dieser Juden angeben. Andernfalls entspricht ihr Vorgehen weder den europäischen Rechtsbegriffen noch dem Berliner Vertrag. Graf Andrassy hat dem Worte der rumänischen Regierung getraut, als er die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannte, ohne erst die Erfüllung des Berliner Vertrages, der auch die Emancipation der Juden verlangt, abzuwarten. Dieses Wort ist schändlich gebrochen worden und Se. Excellenz Graf Goluchowski möge die Einlösung des seinem Vorgänger gegebenen Versprechens endlich verlangen." Innsbruck. Der wackere „Tiroler Wastl". herausgegeben von dem Schriftsteller und Dichter Rudolf Christoph Jenny bringt in Nummer 114 vom 4. Mai d. I. folgenden Leitartikel: Wer ist ein Christ? Offenbar derjenige, der ein Anhänger der Lehre Christi ist, aber nicht blos in Worten, sondern in Werken, denn nur an diesen wollte Christus seine wahren Anhänger erkennen. Da nun Christus alle Menschen sür Kinder Gottes, somit für Brüder und Schwestern erklärte und seine höchst einfache Lehre selbst wiederholt in den einen Satz zusammenfaßte „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, und was Du nicht willst, daß Dir geschehe, das thu' auch keinem Anderen." so kann keinen Augenblick ein Zweifel sein, wer ein Christ ist und wer nicht. Das zu wissen ist im gegenwärtigen Augenblick in Innsbruck sehr nützlich, weil knapp vor Pfingsten an allen Ecken und Enden der Stadt Maueranschläge zu sehen waren, die dem wahren Christenthum so frech und brutal ins Gesicht schlugen, wie iener unverschämte Mensch, der eine weise Antwort Christi mit einem feigen Schlag in dessen Antlitz quittirte. Die christlich-socialen, impertinent rothen Maueranschläge trugen nämlich die Aufschrift „Christen, kauft bei Christen". Wenn diese Aufforderung so gedeutet worden wäre, daß das Publicum seinen Bedarf an Firmungsgeschenken nur bei solchen Kaufleuten decken möge, welche für ihre Mitmenschen ein Herz haben und ihren Gewinn nicht ausnutzen, um Andere zu be-