Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 310 Dr. Bloch's Wvchrnschrifi. Nr. 19 begründete Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen seine Thätigkeit eröffnet. Schon nach den bisherigen Ergebniffen dieser Thätigkeit hat sich die durch den Verband centralisirte Hilfsaction als höchst ersprießlich erwiesen. Während vordem die armen Wöchnerinnen Geldunterstützungen erbaten und günstigen Falles geringfügige Gaben erhielten, daher erklärlicherweise möglichst viele Wohlthäter und Wohlthätigkeits-Jnstitute anriefen, wirken jetzt die Frauen-Wohlthätigkeits-Vereine in gemeinsamer, - planmäßiger, von einer Centralstelle aus geleiteten Action zusammen. Die Vorstandsdamen der Frauenvereine theilen sich in die mühevolle Aufgabe, in allen Stadtbezirken arme jüdische Frauen, die ihrer Entbindung entgegensehen, persönlich aufzusuchen, um durch unmittelbare Wahrnehmung deren besondere Verhältnisse und Bedürfniffe zu erforschen, und tragen Sorge, daß der für die armen Frauen doppelt schwere Zeitpunkt größter Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit dieselben nicht ganz unvorbereitet und verlaffen finde. Die Hilfeleistung des Verbandes ist vorwiegend eine Naturalhilfe. Die Wöchnerin erhält eine Geldunterstützung, Wäsche, für sich und das Neugeborene, Wochenbett-Utensilien, Kohle, Milch, weiters den Beistand einer Hebamme und, wenn nöthig, ärztliche Behandlung, eventuell auch Pflege durch eine Warteperson. Durch den präventiven Charakter der Hilfeleistung, sowie durch die den individuellen Verhältnissen angepaßte Obsorge wird in jedem einzelnen Falle jene Unterstützung geboten, welche am rationellsten erscheint. Durch genaue Einhaltung der Vorschriften der Hygiene können die im Gefolge eines Wochenbettes häufig entstehenden langwierigen Leiden oder gar bleibendes Siechthum verhütet werden, so daß die armen Frauen vor Erwerbsunfähigkeit bewahrt und nicht der öffentlichen Mildthätigkeit dauernd anheimgegeben sind. Die Verbandsleitung besteht aus: Baronin Charlotte v. Königswarter, Präsidentin; Berta Kohn, Bicrpräsidentin; Rosa Ziffer er, Bicepräsidentin; Johanna Fröhlich, Schriftführerin. Geneigte Spenden wollen freundlichst an die Cassa des Verbandes zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen (Hauptcaffa der israelitischen Cultusgemeinde Wien) l., Seitenstettengaffe 4, gesendet werden. * * * Gelegentlich der am vergangenen Passah-Feste abgehaltenen Predigten wurde von mehreren Herren Gemeinde-Rabbinern dieser überaus segensreich wirkenden Institution rühmlichst Erwähnung gethan. Im Gemeinde-Tempel der Innern Stadt ließ Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. Güdemaim am ersten Passahtage dem Verbände eine auszeichnende Würdigung zutheil werden, indem er dieses Gebiet des Wohlthuns den Andächtigen in erhebender Weise vor Augen führte und so deren Herzen sür die gute Sache gewann. Eine Reihe von Wohlthätern haben dem Verbände bereits Spenden zugehen lassen. Der Herr Oberrabbiner selbst widmete, Muster gebend, einen namhaften Betrag. Der Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen — eine Vereinigung der Wiener israelitischen Frauen- Wohlthätigkeitsvereine — unter dem Präsidium der Frau Baronin Charlotte von Köuigswarter hat am 2. December 1900 seine Thätigkeit begonnen und bis einschließlich December 1901 700 armen jüdischen Wöchnerinnen in den verschiedenen Stadtbezirken durch Naturalhilfe in ausgedehntem Maße, wie auch durch Geldunterstützungen in erfolgreicher, den normalen Verlauf des Wochenbettes sichernder Weise Beistand geleistet. Die hierdurch insbesondere in hygienischer Hinsicht bewirkte Verbefferung der Wöchnerinnen-Pflege hat sich als von glücklichen Ergebniffen begleitet erwiesen. Es ist sehr zu wünschen, daß dieser höchst zweckdienlichen Institution, der einzigen jüdisch-confessionellkn ihrer Art in Wien, die nachhaltige materielle Förderung weiter Kreise zutheil werde. Verein zur Ansspeisung armer jüdischer Schulkinder in den westlichen Bezirken Wiens. Mittwoch den 30. April fand in Herlinger's Restaurant XIV., Arnsteingaffe 37. die letzte Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder der Bezirke Xll—XV in der heurigen Saison statt. Das alle Erwartungen übertreffende Resultat des ersten Versuches, welcher in diesem Winter nach der Richtung hin in den genannten Bezirken unternommen wurde, verlohnt wohl, einen Rückblick auf die bisherige Leistung dieser wohlthätigen Institution zu werfen. Wie Alles, was in den geHynten Bezirken in den letzten Jahren Gutes, Edles und Wohlthätiges geleistet wurde, verdankt auch der „Verein zur Ausspeisung armer Schulkinder für die west- - che» Bezirke Wiens" seine Entstehung Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Jonathan Wolf. Am letzten Tage des Laubhüttenfestes wurde die Idee der Gründung dieses den Aermsten der Armen in den westlichen Bezirken zu Gute kommenden Werkes von Gr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Jonathan Wolf von der Kanzel herab in einer begeisternden Rede angeregt und von der rührigen Chewra- Kadischa im XV. Bezirke auch sofort aufgegriffen. Schon in den letzten Herbstwochen des verflossenen Jahres konnten die ersten Kinder ausgefpeist werden. Ein Damencomitä, mit Frau Regine L a n d e i s an der Spitze, wußte es durch unermüdliche Thätigkeit dahin zu bringen, daß im abgelaufenen Winter circa 50 Kinder täglich mit guter Mittagskost betheilt werden konnten. Das Mittagsbrot wurde von den Kleinen gemeinschaftlich in Herlinger's Restaurant eingenommen und wurden im genannten Zeiträume ungefähr 4000 Portionen verabreicht. Eine große Anzahl Kinder konnte überdies privat untergebracht werden. Wie erwähnt, fand am 30. April l. I. die letzte Ausspeisung statt. Die Vorstandsdamen waren vollzählig erschienen und wurde ihnen bei diesem kleinen Festmahle der Dank seitens der kleinen Schützlinge ausgedrückt. Für den kommenden Winter gedenkt sich das Damencomite als selbstständiger „Verein zur Ausspeisung armer Schulkinder für die westlichen Bezirke Wiens" zu constituiren und machen wir unsere Glaubensgenossen schon heute auf dieses Unternehmen aufmerksam. Der humane Zweck verdient wirklich, wenn er auch nur den Aermsten einiger weniger Bezirke unserer großen Kaiserstadt zu Gute kommen kann, allseitige Förderung. Harnack und Cornill Harnack: „Das Wesen des Christenthums", 5. Auflage 1901, Seite 44 heißt es: „Aber erst durch Jesus Christus ist der Werth jeder.einzelnen Menschenseele in die Erscheinung getreten und das kann Niemand mehr ungeschehen machen". Cornill: „Der israelitische Prophetismus". HI. verbesserte Auflage 1900, Seite 120 heißt es wieder: „Und hier ist der Punkt, wo Ezechiel schöpferisch einsetzt. Ist die religiöse Persönlichkeit das wahre Subject der Religion, so ergibt sich daraus der u nendlicheWerth einer jedereinzelnenMenschens e e l e: Hier muß der Hebel angesetzt werden und so gestaltet sich in Ezechiel die Prophetie zur Seelsorge um." Ein Charakteristik»!, mehr für die Thatsache, wie ungerecht Professor Harnack über das Alte Testament und das Judenthum urtheilt. Dr. I. B. Der jüdische Arzt und der arische Patient. Vom 17. v. M. berichtet das „Wiener Jllustrirte Extrablatt": Der Gastwirth Michael Koblinger stand vor einigen Monaten wegen einer schweren Krankheit in der Behandlung des Arztes Dr. M. Steiner. Obwohl Koblinger schon dem Tode nahe und mit den Sterbesacramenten versehen worden war, gelang es dem Arzte, die Genesung des Kranken herbeizuführen. Als jedoch Dr. Steiner dem geheilten Patienten die Rechnung schickte, erschien Koblinger bei ihm und provocirte einen großen Scandal. Die Frau des Dr. Steiner flüchtete vor Angst mit den Kindern zu einer Nachbarin und der Arzt sah sich gezwungen, einen Wachmann holen zu lassen. Unterdessen drohte ihm Koblinger mit Mißhandlungen und schimpfte ihn: „Saujud!" Doctor Steiner sah sich veranlaßt, die Ehrenbeleidigungsklage zu erheben, über welche gestern das Bezirksgericht der Leopoldstadt verhandelte. Der Angeklagte gab zu, das Wort „Jude" gebraucht zu haben, da er über die Höhe der Rechnung in Aufregung gerathen war. Richter: „Schickt sich das, den Arzt, der Sie gerettet hat, zu beschimpfen?" Angekl.: „Der Herr Doctor hat mir das Leben gerettet und ich bin ihm ja dankbar dafür. Er weiß aber, daß ich aufgeregt bin und daß ich nichts dafür kann. Wie ich krank war, Hab' ich ihn ja auch im Delirium „Saujud" geheißen und Hab' ihn nachträglich um Verzeihung gebeten. Ich bin ja kein Antisemit, nur wenn ich nicht bei mir bin, sag' ich so was." Dr. Steiner: „Herr Richter, er ist vor meinen Augen mit der letzten Oelung versehen worden, und nur meiner Aufopferung hat er es zu danken, daß er in jener Nacht nicht starb. Ich blieb die ganze Nacht bei ihm, bis ich am Morgen sagen konnte, er ist gerettet. Für diese ganze Nacht, Herr Richter, Hab' ich fünf Gulden gerechnet, und ich glaube, das war nicht zu viel. Und dafür kam Herr Koblinger dann zu mir, um mir einen Scandal zu machen. Das warmein Dank."