Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-05-09 · 19 (9.5.1902) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
19 (9.5.1902)
Date
1902-05-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021459--11749-3036304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 19 Dr. BLoch's Wochenschrift. Sette 309 Pfarrer von Wojnicz nächst Tarnow Unterricht in der christlichen Glaubenslehre zu nehmen, um sich dann taufen zu lassen. Der Pfarrer nahm den jungen Mann freundlich auf und wendete sich zugleich an die Bezirkshauptmannschaft in Dombrowa um Ausfertigung eines Taufscheines. Als der Vater Schulims, Namens Schmul Leib Schnur, von der Absicht seines Sohnes hörte, eilte er zu dem Geistlichen und bat denselben fußfällig, er möge ihm den Jungen ausliefern — das Christenthum hätte aus dessen Uebertritt keinen Gewinn, da er dann weder Jude, noch Christ sein werde. Der Pfarrer hatte Mitleid mit dem Vater und ließ den Sohn mit den Worten; „Niecli idzie do diabla“ ziehe/i. Zuhause nun erklärte Schulim seinem Vater, daß er sich in Luszowice und in der Umgebung nicht mehr blicke» lasten könne, er wolle daher nach Amerika auswandern. Schmul Leib Schnur nahm 200 Kronen -auf und schickte den Sohn seinem Wunsche gemäß nach Amerika. Als derselbe bereits auf der Reise war, langte aus Luszowice eine Anfrage des Wojniczer Pfarrers ein, was mit dem Jungen geschehen sei. Der Geistliche forschte unter den Bauern nach dem Verbleibe Schulims, und so verbreitete sich im Dorfe das Gerücht, daß der Junge von seinem eigenen Vater ermordet worden sei^ Ja, mehrere Bauern erklärten sogar, gesehen zu haben, wie die Leiche des Ermordeten auf einem Wagen, in Stroh verpackt, nach Radomysl geführt worden sei. Auf Grund dieses falschen Gerüchtes machte der Ortsgeistliche von Luszowice eine Anzeige bei der Bezirkshauptmannschaft von Dombrowa, worauf dieselbe einen Commissär und mehrere Gendarmen nach Luszowice entsendete. Es wurden fünf Juden festgenommen, gefesselt, in einer offenen Kammer bei strenger Kälte eingesperrt und sodann von den Gendarmen nach Dombrowa escortirt. Als die Escorte während des Transportes in einem Wirthshause einkehrte, mußten die Gefangenen auf der Straße bei starkem Frost, aneinandergefesselt, warten. Im Arrest des Bezirksgerichtes Dombrowa wurde ihnen angeblich drei Tage lang jede Nahrung vorenthalten. Die Angehörigen der Verhafteten wendeten sich nun durch den Bruder Schulims, der schon mehrere Jahre in New-Iork wohnt, an das österreichisch-ungarische Consulat mit der Bitte, Schulim nach seiner Ankunft sofort photographiren zu lassen und t as Porträt mit einem authentischen Atteste nach Dombrowa zu schicken. In New-Iork machte die Sache großes Aufsehen. Es fand ein von 3000 Personen besuchtes Massenmeeting statt, und hervorragende dortige Glaubensgenossen wendeten sich telegraphisch an Dr. Bloch in Wien mit der Anfrage, ob die Nachricht von der Verhaftung Schmul Leib Schnur's und vier anderer Juden wegen Mordetz auf Wahrheit beruhe. Auf die telegraphische Antwort, daß es mit der Verhaftung seine Richtigkeit habe, beschlossen die Herren Neustädter, Dr. Pereir a-Mendez, Dr. Philipp Klein und Dr. Bl au st ein, die Repräsentanten der New-Aorker „Educational Alliance“, Schulim Schnur mit dem am 9. April nach Europa abgehenden Dampfer „Kronpinz Wilhelm" zurückzusenden, damit derselbe leibhaftig Zeugniß gebe von der Unwahrheit des Mordgerüchtes. Mittlerweile hatte Herr Dr. Elias Goldhammer in Tarnow die Vertretung der verhafteten Juden beim dortigen Kreisgerichte übernommen und demselben folgende Dokumente vorgelegt: 1. Die genaue New-Iorker Adreffe und die Photographie des angeblich Ermordeten. 2. Die amtliche Bescheinigung, wann und mit welchem Schiffe Schulim Schnur in New-Aork angelangt sei. 3. Die eidliche Bestätigung, daß er mit dem angeblich Ermordeten identisch sei. Dr. Goldhammer bot ferner eine Caution an, um die Stellung der Verhafteten auf freien Fuß zu erwirken. Die Tarnvwer Rathskammer hat jedoch dieses Ansuchen abgelehnt, wogegen Dr. Goldhammer die Beschwerde an das Krakauer Oberlandesgericht überreicht hat. Die Abreise Schulim Schnur's verzögerte sich, da er einen anderen Dampfer benützen mußte, und erst am 26. April langte derselbe in Begleitung des Herrn Zeltner aus New-Iork mit Briefen an den Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift", den Präsidenten der »O österreichisch - Israelitischen Union", Herrn Paul-Schiff, in Wien an. Das Rechtsschutzbureau der „Union“ beförderte Beide unter Führung des Administrators der „Oesterr. Wochenschrift" Herrn Max Schwager nach Dombrowa, wo Schulim Schnur sofort einem Verhöre unterzogen wurde. Am 1. Mai erhielten wir die telegraphische Meldung, daß die fünf Beschuldigten gegen Caution auf freien Fuß gesetzt, dagegen Schulim Schnur vom Untersuchungsrichter in Haft genommen wurde. Grund und Anlaß der Verhaftung konnte man nicht erfahren! Am 5. Mai endlich erhielt die „Oesterr. Wochenschrift" folgende telegraphische Meldung: »Der junge Schnur wurde verhaftet wegen ..Verdacht eines Diebstahls." Er wurde verhaftet sofort bei seiner Ankunft aus Amerika. Daß er in Amerika gestohlen hätte, ist Niemandem bekannt. Daß er vor seinem Verschwinden einen Diebstahl begangen hat, wurde bis nun nicht behauptet. Es würde sich empfehlen, daß der Herr Justizminister diese Proceßacten sich näher ansieht. Die Urtheile, welche die amerikanische Presse aus diesem Anlässe über die galizische Justiz ausspricht, wagen wir nicht zu wiederholen. Zweifellos hat die „New-Iarker Staatszeitung" darin Recht, wenn sie erklärt, die Polen haben angesichts der Vorgänge inDombrowa keinenAnlaß, über dieVorgänge in Wreschen sich zu entrüsten. Der Antisemitismus im Fahrplan. Die Judenhetze treibt immer schönere Blüthen. Nun ist der Antisemitismus auch schon im Fahrplan der »Elektrischen" zum Ausdruck gelangt. Es ist wohl die Frage zu gewärtigen, wieso es möglich wäre, den Antisemitismus mit einem Fahrplane zu verquicken. Es ist dem einfach so: Die Stadt Wien ist derzeit Besitzerin der ehemaligen Tramway — jetzt „Bau- und Betriebsgesellschaft für die städtischen Bahnen" genannt. Nun wird der Betrieb allerdings noch nicht von der Stadtgemeinde in eigener Regie geführt, allein sie besitzt immerhin die Machtbefugniß, die Fahrpläne zu verfassen, respective zu approbiren. Der Leser wird sich noch immer nicht über den sachlichen Zusammenhang des Antisemitismus mit einem Fahrplan zu orientiren vermögen. Wir wollen daher bereitwilligst zu Hilfe kommen, indem wir darauf Hinweisen, daß es in Wien Bezirke gibt, die sprcifiich „verjudet" sind, und wieder andere, die sprcifisch als antisemitisch gelten. Am 1. Mai ist der Sommerfahrplan für die Wiener elektrische Straßenbahn inaugurirt worden, und da hat man einfach die Jnstradirung der elektrischen Wagen tendenziös, d. b. antisemitisch bewerkstelligt. Die elektrischen Wagen, welche in die Bezirke, respective Stadttheile verkehren, die dichter von Juden bevölkert find, fahren nach dem Sommerfahrplan in größeren Intervallen, während die elektrischen Wagen, die nach den Bezirken mit weniger Judenbevölkerung Richtung nehmen, in kürzeren Intervallen abgehen. Wer demnach die Fahrtrichtung nach dem Quai, nach dem II., III. und XX. Bezirk zu nehmen hat, wird weniger rasch befördert, als derjenige, der die Richtungen einzuschlagen hat, die von Juden sehr schütter bewohnt erscheinen. Wir nähern uns wahrlich immer mehr abderitischen Zuständen; daß die Verblendung und der Judenhaß so weit reichen dürfte, daß man in einer rein wirthschaftliche» und verkehrspolitischen Angelegenheit auch den Antisemitismus einschmuggeln wird, man hätte es kaum für glaublich gehalten und dennoch ist dem so. Wohl werden die Einnahmen der städtischen Bau- und Betriebsgesellschaft hiedurch leiden, allein man bringt dieses Opfer gern, wenn man nur damit erreicht, den Juden ein Schnippchen zu schlagen, sie zu brüskiren und wirthschastlich zu schädigen. Es stehen leider keine Mittel zu Gebote, dieser neuesten antisemitischen Rancune und Schädigung der materiellen Interessen der Wiener jüdischen Bevölkerung wirksam zu begegnen. Empfehlen würde es sich aber, daß die fortschrittlichen Gemeinderäthe dieser neuesten Affaire ihre Aufmerksamkeit zürnenden und daß sie dieselbe im Plenum des Gemeinderathes zur Sprache brächten. Ist eine Remedur im Gemeinderathe nicht zu erzielen, müßte eventuell die Regierung, resp.der Eisenbahnminister im Parlamente interpellirt werden, ob dem L tzteren der neueste, antisemitische Abderitenstreich der Bau- und Betriebsgesellschaft, resp. der Stadtgemeinde Wien bekannt ist und ob er als Chef dsr obersten Aufsichtsbehörde in Verkehrsangelegenheiten gewillt ist, ohne Verzug Abhilfe zu schaffen. Ed. Beer. Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen in Wien, l, Seitenstettengasse 4. Am 2. December 1900 als dem Jahrestage des Regierungsantrittes Sr. Majestät des Kaisers hat der unter der Aegide der israelitischen Cultusgemeinde in Wien von den ^Wiener israelitischen Frauen - Wohlthätigkeits - Vereinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.