Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 308 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 des Berliner Vertrages gewährleistete Gleichberechtigung nicht angebahnt ist, darf die Zeitungsfehde gegen Rumänien nicht verstummen, darf Rumänien weder auf politischem noch auf finanziellem Gebiete Vertrauen entgegengebracht werden; Rumänien muß.selbst den Anfang machen, damit mau ihm Glauben schenken könne — nicht durch Artikel bezahlter Correspondeulcn, sondern durch eine vertrauenerweckende Gesetzgebung. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschrchte. (Von den alldeutschen Zwillingen. — Politischer Turfschwindel. — Bergani macht s i ch „nichts wissen". — Ein Gedenktag.) Die Operation der siamesischen Zwillinge Radica und Doodica wird im Urania-Theater dem Publicum kinematographisch vorgeführt. Die Geschichte soll grauslich anzusehen sein. Die Trennung der alldeutschen Zwillinge Schönerer und Wolf bietet einen ähnlichen Anblick; die Widerlichkeit des Eindruckes beschränkt sich hier nicht auf die Einzelnheiten der blutigen Operation, sondern erstreckt sich auch auf die Operirten selbst. Dodica ist gestorben, Raadica ist gerettet. Herr K. H. Wolf, darüber herrscht kein Zweifel, ist politisch todt. Der Kopf des Hingerichteten bewegt noch die Lippen, aber auf die Worte, die er stammelt, hört man nicht. Aus den Angriffen der „Ostdeutschen Rundschau" gegen den Schloßherrn von Rosenau und dessen Anhänger geht nur Eines hervor: daß nämlich der alldeutsche Fanatismus, den K. H. Wolf zur Schau trug, nichts als Spiegelfechterei war, daß er selbst das Alldeutschthum nur als geeignetes Mittel im politischen Streberthum benützte. Mit feiner Schilderung der alldeutschen Parteigänger verräth er nur seine eigene Erbärmlichkeit. Er spricht von ihnen als von politischen Sportleuten, unreifen Jungen und in Partei-Stumpfsinn ergrauten Banausen, die sich den Anschein einer ernstenPartei geben. Die Gefolgschaft Schönerer's bezeichnet er als „ein bischen verrückt in ihrer Schwärmerei für galvanifirtes Roman-Germanenthum, in der Politik die reinsten Kindsköpfe." Herr K. H. Wolf ist aber Jahre hindurch mitten unter diesen Leuten geseffen, die sich „den Anschein einer ernsten Partei" geben, er hat ihre Schwärmerei für das galvanisirte Roman-Germanenthum — diese Charakterisirung des Alldeutschthums durch K. H. Wolf beleuchtet seine ganze Gaukelei — sehr schlau für seine Agitation ausgenützt. Der Stumpfsinn eines Banausen war ihm eine politische und pecuniäre Einnahmsquelle. Politische Sportleute — als Herr K. Wolf dieses Wort gefunden hatte, gelangte er dazu, un Wege der Jdeenaffociation das Gleichniß weiter zu verfolgen, und so sagt er denn von seinen alldeutschen-Gegnern, sie seien hervorragende Jockeys des politischen Rennstalles von Rosenau. Wenn das Alles richtig ist, was Herr K. H. Wolf da sagt, dann hat sich ja seit Jahren ein politischer Turfschwindel abgespielt, an welchem er selbst nicht blos Antheil genommen, sondern den er selbst veranstaltet hat, und wenn er sich mit dem ihm einst so freigebigen Futtermeister dieses Rennstalles auch gründlich verfeindet hat, so handelt er doch recht unklug, daran, nachträglich so compromittirende Stallgeheimniffe zu verrathen. * * * Bei dieser vor der Oeffentlichkeit soeben stattfindenden kinematographischen Aufnahme oer Abtrennung Schönerer's von K. H. Wolf erscheint auch die widerliche Grimaffe eines fettglänzenden Angesichts auf der Bildfläche. Mit schadenfrohem Grinsen weidet sich der Ehrlose von Mühldorf an der zu Tage getretenen Ehrlosigkeit seines einstigen Mitarbeiters, und in seinem Blatte, welches von den christlich-socialen Parteiführern den christlichen Familien Wiens als die einzig passende Lectüre empfohlen wird, berichtet er über die neueste Phase des Zweikampfes Wolf- Schönerer unter dem geschmackvollen Titel: „Da Zuckercartell, dort Bordell." Das ist eine Schreibweise, die sogar das Zartgefühl des Herrn Alexander Purscht zu verletzen geeignet ist, und das christlich-sociale Organ sollte es denn doch vermeiden, Ausdrücke zu gebrauchen, die bei seinen eigenen Parteigenossen unangenehme Empfindungen und Erinnerungen zu erwecken geeignet sind. Der Spittelberg liegt unter demselben sittlichen Meridian wie die Krugerstraße. Bergani meint, daß sowohl Schönerer als Wolf bei den Juden in die Schule gegangen sind und daß sie auch darin den Juden merkwürdig nahekommen, daß sie es verstehen, sich in Bezug auf das, was sie thaten, „nichts wissen zu machen." Das aber ist nichtjüdisch, sondern verganisch. Der Herr Ernst Bergani hat sich, als aus der Gemeindecasse in Mühldorf Werthpapiere verschwanden, nichts wissen gemacht. Er hat sich „nichts wissen gemacht", daß die Reisebeschreibungen, die er unter seinem Namen veröffentlichte, einem fremden Autor gestohlen waren, und er hat sich hinsichtlich aller Erpressungen und Bestechungen des „Deutschen Volksblattes", die seinem dickwanstigen Ich zugute kamen, ebenfalls „nichts wissen gemacht". Bei einem Blatte, das seinen christlichen Familien Abhandlungen über das Urningthum bietet und das einen Beethoven und einen Grillparzer als Bekenner dieser „Philosophie" erklärt, kann es auch nicht überraschen, wenn es den Vorschlag macht, da man den Herrn Wolf mit Zuckerwürfeln beworfen hat, in Versammlungen, die der Hausherr von der Krugerstraße einberufen sollte, hygienische Artikel als Wurfgeschosse zu verwenden. Wie veredelnd muß doch das Ausspinnen eines so schönen christlich-socialen Gedankens auf die Frauen und Jungfrauen einwirken, denen Herr Dr. Lueger und Genossen das „Deutsche Volksblatt" als „christliche Presse" anempfehlen! Wenn aber Bergani ras Bewerfen von Rednern mit Gegenständen, die eine witzige Anspielung auf compromittirende Vorgänge aus ihrem Leben darstellen, so zweckmäßig findet, so zeigt sich darin abermals der auf das Praktische und Nützliche gerichtete Sinn dieses ausgezeichneten Mannes. Ihm selbst müßte man folgerichtig, falls er eine Versammlung abhält,' defraudirte Obligationen und erpreßte Pauschalien ins Gesicht werfen, die er als eine ihm von seinen Mitbürgern dargebrachte einträgliche Ovation betrachten und vergnügt in die Tasche stecken könnte, die beinahe so weit ist wie sein Gewissen. * * * Das Verganiblatt feierte am 6. Mai einen historischen' Gedenktag. Es waren da nämlich zehn Jahre vergangen, seitdem in Lodz ein „Judenmafsacre" stattfand, und da wird ausführlich geschildert, wie die Excedenten mit armdicken Knitteln und mit Pflastersteinen auf die Juden losschlugen. Entsetzliche, unbeschreibliche Scenen, so sagt das „Deutsche Volksblatt" selbst, hätten sich da abgespielt. So flüchtete ein von Arbeitern verfolgter Jude auf einen leeren Kohlenwagen, die Arbeiter hinter ihm her und schlugen ihn mit Knitteln todt. Ein alter graubärtiger Jude wurde auf der Flucht von mehreren Weibern gefaßt. Dieselben rissen ihn am Bart zur Erde und beschmutzten ihn dann in einer nicht näher zu bezeichnenden Weise. 30 Juden wurden an diesem Tage getödtet und 300 schwer verletzt. Welch actueller oder irgendwie fachlicher Grund bestand für das Antisemitenblatt, dessen Specialität doch sonst die historische Forschung wahrhaftig nicht ist, jenes Tages von Lodz zu gedenken? Wenn Jemand diese furchtbaren Greuel in der Absicht schildern würde, den Abscheu der gesitteten Christen vor dem Antisemitismus zu erregen und die Gefährlichkeit der Judenhetze darzuthun, so wäre das begreiflich. Diese Absicht hat jedoch dem „Deutschen Volksblatt" bisher kaum Jemand zugemuthet, und dennoch erzählt es mit so großer Ausführlichkeit empörende Grausamkeiten, die an Juden begangen wurden, und verzeichnet sorgfältig jede Uebelthat, die in Lodz oder anderswo Juden zugefügt wird. Warum geschieht das? Um die christlichen Leser an die Landläufigkeit und Gewöhnlichkeit von Ausschreitungen, die sich gegen Juden richten, zu gewöhnen. Die Nerven der Leser sollen gegen jedes Mitgefühl mit gefolterten Menschen abgestumpft werden, falls die Opfer derartiger Schreckensscenen Juden sind. Solche Greuel sollen nicht abschreckend wirken und deshalb werden sie von der die Judenhetze betreibenden und von ihr lebenden antisemitischen Schandpreffe mit so großem Behagen registrirt. _ Isegrim. Wreschen und Dombrowa. An Se. Excellenz den Herrn Justizminister! Die Vorgänge in Dombrowa, welche Dr. Bloch in der Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" zur Sprache brachte, beschäftigen andauernd die öffentliche Meinung und nehmen immer seltsamere Formen an. Recapituliren wir die Ereignisse. In dem Dorfe Luszowice bei Dombrowa verliebte sich der jüdische Müllergehilfe Schulim Schnur in ein Bauernmädchen und ließ sich von den Angehörigen des Letzteren bereden, beim