Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 806 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 in jeder Gesammcheit zum Ausdruck kommenden Eigenschaften, wie Berkehrstreue, 'Willenskraft, Fleiß, Arbeitstüchtigkeit u. s. w., ausdehnen; er wird, ich glaube, nicht schwer zur Ueberzeugung gelangen, daß ein durch streng konfessionelle Schulung beeinflußtes, sich vom internationalen Verkehr abschließendes Volk zu einem Stillstand auf dem Gebiete des materiellen und auch intellectuellen Fortschrittes kommen mutz. Ob durch diesen Stillstand oder durch den Fortschritt die allgemeinste Zufriedenheit gefördert wird, ist nicht ganz leicht zu entscheiden, der Vergleich der genannten beiden Völker dürfte übrigens auch nach dieser Richtung hin gute Anhaltspunkte geben." So weit Professor Kraft in seinem Werke: „Das System der technischen Arbeit". In einer Stadt wie Graz derlei Anschauungen zu äußern, bedeutet ein Wagniß und verräth hohen Meinungsmuth. Professor Kraft bespricht die Judenfrage nur nebenher, gelegentlich. Bor uns liegt aber eine kleine Schrift von Herrn Cäsar A st b a l ck in Köln, die mit Ernst und Wärme das gesammte Gebiet der Judenfrage behandelt und mancherlei Jrrthümer enthält, denen man entgegentreten muß. Vor Allem ist hervorzuheben, daß der Verfasser die Juden ungeheuer überschätzt und ihren Einfluß auf die herrschenden Verhältnisse zu hoch anschlägt. Er macht sie für mancherlei verantwortlich, woran sie unschuldig sind. Im Mittelalter war Jahrhunderte hindurch den Juden der Handel wesentlich nur in gebrauchten Gegenständen gestattet. Sie waren besonders vom Handel in Lebensmitteln, Tuchen u. s. w. ausgeschlossen. Waren die Verhältnisse damals im Handel gesunde, so würde das noch kein Beweis gegen die Juden sein — es wäre ja noch immer die Möglichkeit, daß andere Umstände, wie zum Beispiel der Uebergang zum Großbetrieb, die jetzigen Schäden gezeitigt haben. Waren aber die Verhältnisse damals auch schon tadelnswerth, so ist wenigstens sicher, daß auch ohne Juden sich ähnliche Mißstände entwickelt haben, wie jetzt. Hören wir deshalb einige Sittenschilderer aus dem Mittelalter. Sebastian Braut sagt in dem Gedicht „von Falsch und Beschiß": „Man hat klryn müssen und gewicht Die elen sind kurz zu gerycht Der kaufflad muß gantz vinster syn Daß man nit seh des luches schyn u. s. w." Also beim Tuch, von dessen Handel die Juden ausgeschlossen waren. Ueber Lebeusmittelverfälschung, nach unserem Gefühl eine Erfindung der Neuzeit, sagt er in demselben Gedicht: „Für golt man kupfer yetz zu rüst Musdreck man under Pfeffer myst Man kan das beltzwerk alles Verben, Und dut cs uff das schlechtest gerben Das es behelll gar wenig hör Wan man's kum treit eyn veirtel jor, Die fulen Hering man vermyscht Das man verkaufft sie gar für frysch-" Auch hier konnte» Juden nicht zu den Betrügern, sondern nur zu den Betrogenen gehören. Ausdrücklich werden Christen als die Betrüger in folgender Klage Hugo von Trimbergs bezeichnet: „Got Herre! lasse Dir geklagt sin, Das wurtz, getreide oder Win, Tuch, des vordem nie wart gespunnen Des varwe nie guam an Sunnen, Wirt nu verkauft von bösen kristen." Auch über den Wucher aller Stände, des Adels, der Mönche, der Kaufleute, wird von Sebastian Brant, Murner, Peter Suchenwirt und Anderen geklagt. Sicher ist hier manche Uebertreibung mit unterlaufen, aber es zeigt doch sicher, daß der damalige „judenreine" Kaufmannsstand es arg genug trieb, um den Tadel der Sittenschilderer hervorzurufen. Soviel aus früheren Zeiten. Wie sieht es in den Ländern aus, in denen wenig Juden wohnen? Ist in Spanien, Portugal, Griechenland, Italien der Kaufmannstand so viel ehrlicher als im verjudeten Deutschland? Die Frage aufwerfen, heißt sie verneinen. Wer jemals in Italien war, wird wissen, wie sehr er dort seine Augen aufhalten muß, um nicht über das Ohr gehauen zu werden, und wie sehr man dort namentlich von den geforderten Preisen herunterhandeln muß. In dieser Beziehung haben unserer Ansicht nach die Großgeschäfte bei uns bessernd gewirkt. Durch sie ist das Aufschlagen und Herunterhandeln mehr und mehr in Abnahme gekommen. Die Vergleichung unserer Zustände mit den Verhältnissen anderer Staaten und des „judenreinen" Mittelalters muß also zur Ueberzeugung führen, daß es bei uns ungefähr ebenso wie jetzt ausfeyen würde, wenn es keine Juden gäbe. Haben aber bic Juden, wenn sie auch nicht den Haupttheil der Schuld tragen, einen bedeutenden Antheil an den Verhältnissen? Sicher ist, daß sehr viele von ihnen auch die Nachtheile der jetzigen Zustände verspüren. Auch innerhalb der Judenschaft wird der Mittelstand aufgerieben, in vielen jüdischen Gemeinden geht die Zahl der st euer fähigen Mitglieder verhältnißmäßig zurück. Er führt auf S. 11 eine Anzahl unreeller Gebahrungen im Handel und Gewerbe auf, deren Ursprung, wie er sagt, „nach allgemeiner Meinung dem Mißbrauche jüdischer Findigkeit allein oder fast ausschließlich zugeschrieben werden muß." Zum Beispiel Abzahlungsgeschäfte, Hausirerunfug, Detailreisende,, Wanderlagerung, Hehlerei rc. Nun sind diese Schäden sittlich, nicht gleichbedeutend. Der Hausirhandel mag häufig eine unerwünschte Concurrenz bieten, aber er ist an sich nicht unsittlich oder gar strafbar, wie die Hehlerei. Nebenbei bemerkt, der Hausirhandel ist weder besonders leicht noch besonders einträglich. Und wenn der Verfasser (S. 13) bemerkt, daß die Juden sich nicht den gering lohnenden Detailhandelszweigen (?) zuwenden, als welche er Colonialwaaren-, Material-, Färb-, Eisenwaarenhandel und dergleichen bezeichnet, so wird er durch den Hausirhandel widerlegt. Wenn, nur mit unserem Beruf zu tauschen hätten, so würden wir voraussichtlich den Colonialwaarenhandel dem Hausirhandel den Annehmlichkeiten nach vorziehen. Ein Vorurtheil — allerdings nicht in schlechtem Sinne — ist die Meinung, daß die Juden, auch die getauften, Zusammenhalten. Denn der Verfasser hat unserer Ansicht nach darin — mindestens zur Zeit, wo die Juden stark angegriffen werden — Recht, daß das nicht tadelnswerth wäre. Der Verfasser bringt aber selbst ein widerlegendes Beispiel. Er weist darauf hin, daß zwei Handelshäuser mit jüdischen Namen die russische Anleihe von 1891 auflegen wollten. Nun ist die Feindschaft Rußlands, des von unseren Antisemiten so gelobten Landes des Antisemitismus, gegen Deutschland zweifelhaft, wenn auch wahrscheinlich; jedenfalls zukünftig. Die Verfolgung der russischen Juden ist Thatsache. Handelten nicht die gedachten Häuser viel eher antijüdisch? Alle derartigen Punkte einzeln hervorzuheben, würde zuviel Raum erfordern. Der Verfasser weiß, daß geschichtlich die Juden erst durch christlichen Druck in den Kaufmannsstand getrieben werden. Es ist ihm aber doch nicht angenehm, dgß die Juden darin sind und in manchen Zweigen — zum Beispiel dem Confectionsgeschäft — eine große Rolle spielen. Hieran von deutscher Seite zu rühren, ist aber sehr gefährlich, es nehmen zum Beispiel die Deutschen m Belgien eine ähnliche Rolle im Antwerpener.Exportgeschäft und Brüsseler Spitzenhandel ein. Zudem sind die Juden beflissen, eine Aenderung herbeizuführen. Es bedarf hierzu nicht der Jahrhunderte, wie der.Versasser meint, lieber 40 Vereine sind in Deutschland und Oesterreich bestrebt, die Juden dem Handwerk und Ackerbau zuzuführen. In allen östlichen Ländern — Rußland, Rumänien, dem Orient — in denen kein Zunftzwang bestand, stellen sie ohnehin schon jetzt ein großes Contingent zu den Handwerkern. In Rumänien macht man Gesetze, daß die Juden rein Handwerk ausüben können. In Rußland gibt es schon jetzt 50—60.000 jüdische Bauern, trotz der Schwierigkeiten, die ihnen die Regierung häufig ui den Weg gelegt hat. Wenn der Verfasser hinsichtlich der geschäftsjüdischen Ausschreitungen die Frontstellung Jude gegen Jude vermißt (S. 20), so irrt er also. Ja, er widerlegt sich bis zu einem gewissen Grade hierin selbst, indem er glaubt, aus dem Studium oerjüdischen Zeitungen auf ein wirkliches Berständniß für seine Lösungssormel schließen zu dürfen. Der Verfasser meint, daß man in England, Frankreich und Italien leicht tolerant sein könne, weil dort die Zahl der Juden neunmal geringer sei. Dies wesentlich freundschaftliche Verhältniß, in welchem westliche Völkerschaften, besonders die Engländer, zu den Juden teocn, ist allerdings eine Art Beweis gegen den Antisemitismus. Herrr von Treitschke suchte diesen Beweis seinerzeit durch die Bemerkung zu entkräften, daß 5ort die Juden portugiesischer