Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 18 Dx. Bloch's Wochenschrift. Seite 303 tages seines Vaters, und da wollte er den Kadisch, das Erinnerungsgebet für den Verstorbenen, vor versammelter Gemeinde im Bethaus hersagen. Er hatte Rosenfeld, den Meschubed (Gemeinde- und Synagogendiener), tagsüber zu deu Wohnungen der Juden umhergeschickt und alle Erwachsenen zu seiner „Jahrzeit" bitten lassen. Es mußten ja zum mindesten zehn Männer, ein Minjan, beisammen sein, um Gott in vereinter Gemeinde anrusen zu dürfen. Chaim Blau stand am Rande des seichten Straßengrabens und blickte, die. Hände in die tiefen Taschen des dicken Winterrocks grabend, die ausgedehnte Häuserzeile der Straße hinauf und hinab. Wie spärlich sie sich zusammenfanden, wie sie zögerten und auf sich warten ließen! Er machte eine verdrossene Kopfbewegung hinter sich und sah, daß mit ihm selbst, dem Rabbiner und Rofenfeld noch immer nur erst acht beisammen waren. Und doch drohte jeden Augenblick die Nacht vollends hereinzubrechen, so daß es zu spät werden mußte für das Minchagebet. „Thät' noth, daß man zu jedem einen vierspännigen Kutschirwagen schicken sollte/ brummte Chaim Blau mit einem zustimmungsheiscyenden Blick auf den Rabbiner. Dieser jedoch, die Hände in den Aermeln eines bis auf die Füße reichenden Pelzrockes nervös übereinanderreibend, ließ die erwartete Geberde der Zustimmung vermissen und blickte an Chaim Blau vorbei ins Weite; eine Grimasse hohnvoller Geringschätzung des Sprechers bewegte das graue Barkgewölk, von dem sein hageres, langes Gesicht mit den tiefliegenden Eulenaugen umhüllt war. Chaim Blau ein Rüger der Zögernden! Als ob er eilfertiger wäre, wenn es sich nicht etwa um ein Profitchen, sondern um die „Jahrzeit" eines Anderen handelte. Und überhaupt die ganze Bande! Sind sie auch nur für den hedren Dienst am heiligen Sabbath in der bestimmten Stunde zusammenzubringen? In der Hofthür stand Rosenfeld gesenkten Hauptes, mit gespreizten Beinen, die Hände vergraben, in der starren Haltung eines vielgehetzten Menschen, der in den kärglichen Augenblicken der Unthätigkeit das unbewußte Streben hat, sich so wenig als möglich zu rühren. Auch über sein Gesicht flog ein vorsichtiges ironisches Lächeln über Blau's entrüstete Worte. Auf dessen Aufforderung, Leser Grab und seinen Sohn noch einmal anzugehen — sie wohnten in den Budjowizes, einem ziemlich entfernten Ableger der Ortschaft — löste er sich, wie von einem mechanischen Anstoß getrieben, ohne jeglichen Ausdruck im Gesicht von der Stelle. Er wußte ganz gut, daß Leser Grab zu Chaim Blau's „Jahrzeit" auf noch so viele Einladungen hin nicht würde kommen wollen. Leser Grab war nämlich bis vor Kurzem der einzige Krämer im Dorfe gewesen, der auch Eisen im Geschäft führte und einen großen Absatz bei der ackerbautreibenden Bevölkerung damit erzielte. Aber der neidische Chaim Blau, der sein rollendes, böse blickendes Auge auf jedes Brünnchen warf, aus dem ein noch so dünner Faden von Gewinn hervorrieselte, hatte ihm mit nicht zu ermüdender Beharrlichkeit die Kunst und Wiflenschaft eines ergiebigen Handels mit Eisensachen endlich abgelauscht. Nicht ohne Zweck hatte er sich unter der Maske eines theilnehmenden guten Freundes in letzter Zeit so häufig in Grab's Laden eingefunden, und eines Tages eröffnete er neben seinem Kramladen ein eigenes Magazin für Eisen. Sogar eisernes Kochgeschirr hatte er eingeführt, um Grab vollends „aufs Maul zu legen". Rosenfeld wußte daher ganz gut, daß auch dieser Gang ergebnißlos bleiben werde. Leser Grab wird nicht der Narr sein, von den Budjowizes hereinzulaufen, um seinem „blutigen" Coneurrenten zu einem Minjan zu verhelfen. Nichtsdestoweniger stolperte er, ohne eine Miene zu verziehen, mit der Ergebung eines Menschen, der da weiß, daß er unter allen Umständen zum Laufen da ist, und dem es also gleich sein kann, wohin er läuft, über die Fahrstraße, deren in Frost erstarrte Holpern und Rillen bei der sich verdichtenden Dunkelheit nicht mehr leicht unterschieden werden konnten. Er hatte die lange Häuserreihe hin weit zu laufen, um auch nur die Seitengasse, die zu den Budjowizes führt, zu erreichen. „Aber auch ein Meschubed kann, wenn Gott will, Glück haben." Wahrhaftig! Denn dort, aus der Thür des im fahlen Ockergelb durch Nebel und Dunkel leuchtenden langgestreckten Dorfwirthshauses quollen zwei Gestalten heraus, die von Rosenfeld's angestrengt blickendem Auge als die Personen des Max , Schlesinger aus Hochstetten und des Ortsangehörigen Siegmunv Grünberg erkannt wurden. Der lange Schlesinger war bekannt als gottesfürchtiger Mann, der gern die Gelegenheit ergriff, an einer religiösen Handlung theilzunehmen. Und auch Grünberg, der wohl ein großer „Kal" war, würde, da ihn der Weg ohnehin am Bethaus vorüberführte, und weil nun einmal angesichts der wartenden Versammlung vor dem Thor schwer auszuweichen war, nicht umhin können, das Minjan vollzumachen. Rosenfeld hatte zwei Nothhelfer gefunden, auf die kein Mensch gerechnet hatte, und der Lauf in die Budjowizes blieb ihm erspart. Wie gesagt, „auch ein Meschubed kann Glück haben, wenn Gott will". Diese sprichwörtliche Redensart unter einem kalten ironischen Lächeln vor sich hinmurmelnd, steuerte er mit verlängerten Schritten auf die beiden sich nähernden Religionsgenoffen zu. Diese waren eine kurze Strecke nebeneinander hergegangen, als plötzlich der lange, rothbärtige Schlesinger Halt machte und dadurch den kleingewachsenen, stämmigen Grünberg gleichfalls zum Stillstehen veranlaßte. Rosenfeld sah, wie sich ein lebhafter, von aufgeregten Arm- und Kopfbewegungen begleiteter Wortwechsel zwischen ihnen entspann, wie der Lange mit Geberden des Vorwurfes auf den Kurzen einsprach, und wie dieser sich bemühte, mit betheuernden Auflegungen der Hände auf die Brust und indem er dem Anderen freundschaftlich-vertraulich an die Rockknöpfe faßte, den Vorwurf von sich abzuwehren. Aber Schlesinger's Erbitterung hatte offenbar viel zu tief wurzelnde Gründe, als daß er sich durch die noch so ehrlich thuenden Betheuerungen des Kleinen hätte beschwichtigen lassen. „Wer kann denn Dir glauben!" rief er mit heiserer Stimme. „Hast Du jemals ein anderes Gesicht gemacht zu einer Lüge als zu einer Wahrheit?" „Du thust mir bitter unrecht", klagte Grünberg. „Kann man übrigens in Handelssachen immer die Wahrheit sagen? Aber jetzt und zu Dir, auf Ehre, jetzt sag' ich die Wahrheit." „Auf Ehre!" wiederholte Schlesinger höhnisch, indem er den Kopf auf eine Weise zurückwarf, die andeuten sollte, wie wenig auf eine solche Versicherung aus Grünberg's Munde zu geben sei. „So soll ich meinen Kindern gesund bleiben!" steigerte Grünberg seine Betheuerung. „Grünberg", erwiderte Schlesinger hierauf im Ton eines nur wenig geminderten Mißtrauens, „s o hast Du schon mehr als einmal geschworen in Deinem Leben, und die Leute sagen, daß es doch nicht immer wahr gewesen ist." Da reckte Grünberg seinen Leib bis dicht an Schlesinger's Kopf hinauf und hob, nachdem er seinen Hakenstock aus der rechten in die linke Hand hatte wandern laffen, die beiden Schwurfinger der Rechten hoch gegen den Himmel: „Bechaj Adoschem, daß ich Dir die Wahrheit gesagt habe!" entfuhr es ihm wie ein Aufschrei gekränkter Ehre. Schlesinger's aufgeregte Mienen glätteten sich zu einer erstaunensvollen Ruhe, während er wortlos dem eine Weile in der feierlichen Schwurstellung Beharrenden in die großen Kugelaugen schaute. Diesen grausigen Schwur mußte er selbst einem Grünberg mit seinem bösen Maul glauben. „Grünberg", sagte er, nachdem es eine Zeitlang zwischen ihnen lautlos gewesen war, und dabei legte er eine Hand auf die Schulter desselben, „wenn Du s o schwörst, muß ich Dir glauben. Aber ich wünsch' Dir, Grünberg, daß Du wirklich wahr sollst geschworen haben. Und Gott weiß es, wenn es Keiner wissen kann. Er läßt nicht mit sich spaßen." Grünberg wechselte die Farbe. „Uebrigens", fuhr Schlesinger fort, „dort winkt uns Euer Meschubed, wenn mir recht ist, und vor der Schul' stehen Leut'. Man wird Minjan brauchen. Laß uns hineilen. Uno Gott gebe Dir, wie gesagt, daß Du ein ruhiges Gemüth sollst herumtragen dürfen." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mali;. Zwittau (Mähr.) Unter der Ueberschrift: „Eine auffallende religiöse Entscheidung des Maharil" stellt Herr Rabbiner Dr. K lotz in Nummer 16 dieser viel gelesenen Zeitschrift die Frage, weßhalb der Maharil seinem Verwandten untersagte, dem Erzbischof von Salzburg eine Mesusa auszuliefern, die dieser an seinem Palaste befestigen wollte, umsomehr, als ein derartiges Verbot nirgends vorhanden ist. Wenn aber Herr Toctor Klotz aus dem jerusalemischen Talmud, Pea, Eapitel I, den Beweis zu erbringen sucht, daß die Ausfolgung von Mesusas rc. an Nichtjuden geradezu gestattet ist, indem er sich auf Raw beruft, der dem Partherkönig Artaban (Herr Dr. Klotz citirt auch den babylonischen Talmud, Aboda Sara, 10 b, wo auch der Name Adrachan vorkommt, worüber jedoch Mühlfelder, Rabbiner, ein Lebensbild, Leipzig 1871, Seite 43, zu vergleichen ist) ebenfalls eine Mesusa zur Verfügung stellte, so möchte ich mir erlauben, auf das Glossarium zum jerusalemischen Talmud von M. äs Lonsano (sä. S. Buber 1885) aufmerksam zu