Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 298 Dr. Bloch's Wochenschrrfk. Nr. is ccnt bilden muffen. Der Militärbezirk des General Dragomirow brachte aus den Juden 2574 Militärpflichtige und 1310 Soldaten zuviel heraus. Am allerschlimmsten schnitten aber bei der diesjährigen Recrutirung die Juden Nordwestrußlands ab. Die dortigen Tschitschikows haben in den jüdischen Matrikelbüchern ein Mehr an Stellungspflichtigen in der Höhe von 5443 entdeckt. Darauf erfuhr die Zahl der von den so künstlich auf 18.098 emporgeschraubten stellungspflichtigen Juden pro Tausend zu entnehmenden Soldaten eine ^trasteigerung von der in jener Gegend festgesetzten Norm von 300*56 auf 329*15 pro Mille. Das Resultat war ein sehr befriedigendes^ Man rechne nur: 5445 Militärpflichtige mehr machen schon bei dem allgemeinen Satz von 300*56 pro Mille 1636 Soldaten mehr aus. Dazu die erwähnte Extrasteigerung» durch welche bei einer Gesarnrntzahl von 18.098 Militärpflichtigen ein weiterer Ueberschuß von 517 Soldaten erzielt wurde. Machtzusammen 2153 Soldaten aus. Angesichts dieser Zahlen ist es, gelinde gesagt, geradezu verwunderlich, daß der Minister die Thatsachcn in ihr Gegentheil umzüwandeln sucht. Statt sie als Stützen des Heeres zu Preisen und die Ueberzahl der von ihnen gestellten Soldaten hervorzuheben, sucht er die Juden beim Kaiser noch anzuschwärzen. Zn diesem Behufs wird die Zahl der in jedem Gouvernement zur Erfüllung ihrer Militär- Pflicht nichterfchienenen Juden besonders hervorgehoben und die einzelnen Zahlen am Fuße der Eolumne zu einer effectvollen Ziffer summirt. Dasselbe geschieht mit den „fehlenden" j ü d ischen Soldaten. Die Schlußzahlen bildeten eine auf den ersten Blick wirklich imponirende Ziffer. Von den 55.416 militärpflichtigen Juden haben 10.390 — 18*74 Percent, von den zu stellenden 16.493 Soldaten 1320 — 7*12 Percent gefehlt 1 Solche Zahlengruppirung ist wohl geeignet, einem oberflächlichen Beurtheiler sehr zu imponiren. Allein schon die ernste nichtjüdische Presse in Rußland, wie die „8t. Petersburgskija Wjedomosti“, hat tiefer geschaut und einen Anlauf genommen, die vorliegenden Zahlen in einen für die Juden günstigen Sinn zu gruppiren. In der Wirklichkett haben nicht 10.390, sondern Alles in Allem 1650 gefehlt. Es sind das nicht 18*74 Percent, sondern nur 2*97 Percent, während der Percentsatz der zur Stellung nichterfchienenen Nichtjuden 2*75 betrug« Aber selbst dieses geringe Plus von Percent läßt sich wahrscheinlich auf die stärkere Auswanderung bei den Juden zurückfübren, bei welcher bekanntlich die jünger», arbeitsfähigen Jahrgänge stärker als die altern vertreten sind. Der Rest der zur Einberufung nicht erschienenen Juden besteht aus in den Matrikelbüchern nicht gestrichenen Personen, welche von der Militärbehörde vergebens zur Erfüllung ihrer Militärpflicht aufgerufen wurden. Die russischen Tschinowniks können gut Geister citiren, allein — sie kommen nicht .... Was die nach dem officiellen Bericht angeblich fehlenden 1320 Soldaten anbelangt, so wollen wir .darüber nickt viel Worte verlieren, Nicht 1320 Soldaten zu wenig, sondern 3481 Soldaten zu viel haben die russischen Juden dem Heere zugeführt. Nur war das den unersättlichen Behörden noch immer nicht genug, sie forderten noch weitere 1320 Soldaten von ihnen und dieses Mehr konnten die armen Juden nicht mehr stellen. Es gab eben bei ihnen keine wehrfähigen Männer mehr! Zur besseren Jllustrirung des auf den Juden Rußlands schwer lastenden militärischen Druckes wollen wir die Leistungen der nordwest, russischen Juden in den sechs Gouvernements Wilna, Minsk, Grodno, Kowno. Wittebsk und Mohilew näher detailliren. Dieselben sollten nach der Ansicht der Behörden pro 100.000 Einwohner nicht weniger als 1283*54 junge Männer im Alter von 21 Jahren haben, während ihre mit ihnen unter demselben Klima und unter den gleichen socialen, politischen und hygienischen Verhältnissen lebenden christlichen Mitbürger nur 897*40 gleichalterige Männer hatten. Diese 5445 „tobte Seelen" hatten von rechtswegen ganz fehlen sollen. Wenn aber selbst nach den eigenen Angaben der Behörden im Ganzen nur 4952 nicht erschienen sind, so weist das aus eine seit 1881 erfolgte Verschiebung des Verhältnisses der jüdischen Seelenzahl zu der nichtjüdischen hin. Wenn aber die Seelenzahl der Juden Nordwestrußlands auch einen relativen Rückgang erfahren hatte und die Zahl der vor 21 Jahren geborenen jüdischen Knaben in der That stärker war als sie nach den Ergebniffen der 1897 erfolgten Volkszählung hätte sein müssen, sie kann doch das unglaubliche Plus von 5445 Militärpflichtigen bei den Juden nicht erklären. Die Behörden haben eben längst verstorbene oder ausgewanderte Personen zur Erfüllung ihrer Militärpflicht einberufen wollen. Dadurch, sowie durch die enorme Steigerung der von den registrirten militärpflichtigen Personen zu entnehmenden Recruten um 28*59 pro Mille gegen die der Christen ist die Zahl der jüdischen Soldaten auf 20*21 Percent der gesammten in den sechs Gouvernements auszuhebende Soldatenzahl gestiegen. Um solcher Anforderung genügen zu können, hätten die Juden nicht 13*92 Percent der Bevölkerung, sondem eben 20*21 Percent bilden müssen. Sie müßten nicht 1*41 Million, sondern 2*05 Millionen zählen. Bei ihrer gegenwärtigen, von der wiffenschastlichen Statistik festgestellten Seelenzahlhaben ^sie alle ihre Kräfte anspannen müssen, um die ihnen aufgebürdete überhohe Blutsteuer zu zahlen. Sie haben nun statt 3*802 mit Aufbietung ihrer letzten Kraft 5*317 d. h. 1514 Soldaten zu viel aufgebracht und mußten den Rest der unerhörten Mehrforderuug mit 640 Soldaten schuldig bleiben. Für diese „fehlenden" Soldaten werden sie eine nach dem für die Juden Rußlands bestehenden schimpflichen Ausnahmsgesetze, für jeden fehlenden Soldaten 300 Rubel, 'macht zusammen 192.000 Rubel, Geldstrafe zahlen müssen. Genau so wie in Nordwest-Nußland, verhält es sich mit der Recrutirung unter den Juden des übrigen europäischen Rußlands. Sie konnten dre ihnen von ihren Feinden, den antisemitisch durchseuchten Tschinowniks, auferlegte Blutsteuer bei aller Mühe nur theilweise in natura leisten und werden für den schuldig gebliebenen Rest eine schimpfliche Strafe zahlen müssen. Im Ganzen haben die Juden Rußlands im Jahre 1901 ihrer Militärpflicht vollauf genügt, haben darüber hinaus 3481 Soldaten zu viel gestellt und werden für 1320 noch „fehlende" Soldaten etwa 80<'.000 Mark Strafe zahlen. Als Anerkennung für solche Leistung werden sie von den Behörden beim Kaiser noch wegen Militärentziehung verklagt. Die russischen Juden sind in der That im Golus! Correspondenzen. Allgemeines österreichisches Taubstummeninstitut in Wien. Der Verein versendet soeben, einer vieljährigen Gepflogenheit nachkommend, den Rechenschaftsbericht über das 48. Vereinsjahr, mit welchem er sich allen Förderern wahrhaft humanitärer Bestrebungen empfiehlt, dem Wunsche Ausdruck gebend, daß derselbe wohlwollende Ausnahme und eingehende Würdigung finden möge. Die Zahl der Zöglinge hat sich von 87 im Vorjahre auf 89 im laufenden Berichtsjahre erhöht. Es erweist sich jedoch für nothwendig, daß das segensreiche Wirken des Institutes in weiten Kreisen volle werkthätige Unterstützung finde, welche deshalb erforderlich ist, weil dem fühlbaren Uebelstande in Betreff der nothwendigen Lehrzimmer aus didactischen, pädagogischen und hygienischen Gründen dringend Abhilfe erfolgen muß. Die Erweiterung der Lehrsäle ist unaufschiebbar, soll nicht dem Ziele und Zweck des Vereines Abbruch geschehen. Es konnte in dieser Richtung bisher deshalb keine Abhilfe erfolgen, weil nur mit allergrößter Mühe das Gleichgewicht in den Einnahmen und Ausgaben zu erhalten möglich war. daher für bauliche Veränderungen keine Mittel zur Verfügung standen. Die Vereinsleitung hielt sich daher bemüssigt, wieder einmal an die Opfer- Willigkeit aller edlen Menschenfreunde zu appelliren und der inständigen Bitte Ausdruck zu geben, bei der Lösung dieser im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung des Institutes gelegenen Ausgabe demselben eine thatkrästige Unterstützung zutheil werden zu lassen. Im Hinblick darauf, daß der Verein eine wahrhaft ideale wohlthätige Richtung befolgt und seinen Zielen und Zwecken dem edelsten Altruismus zum Ausdrucke bringt, darf man wohl erwarten, daß der Appell der Vereinsleitung nicht wirkungslos verhallen, sondern fruchtbaren Boden finden werde. Der Lehrkörper des Vereines bestand im Berichtsjahre aus den Herren: Dr. Moritz Brunner, Director, Moses Berkun, Eduard Brüll, Josef Friedl, Salomon Kohn, Nathan Rößler, David Steinbach, Max Weißmandl, Moritz Wolf, Lehrpersonale, ferner Herr Grünspann Max, Schreiblehrer, Brüll Eduard, Turnlehrer und Fräulein Adele Lindner, Lehrerin für weibliche Handarbeiten. Die Erfolge des Institutes nach erziehlicher Richtung und auf dem Gebiete des Unterrichtes sind derart notorisch, daß wir es süglich unterlassen dürfen, dieselben irgendwie hervorheben zu sollen. Es genügt, wenn wir die Thatsache constatiren, daß das Allgemeine österreichische Taubstummeninstitut in Wien eine Anstalt ist, die nicht blos in Oesterreich, sondern in ganz Europa als mustergiltig anerkannt wird. Das Verdienst hiesür darf sich sowohl die Vereinsleitung als auch der Lehrkörper vindiciren, die beide auf eine fruchtbringende, aufopfernde und hingebende Thätigkeit im Interesse der der Vereinsobhut anvertrauten Anstalt zurückzublicken vermögen. Ed. Beer. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten, sowie dessen Lehrlingsheim. Der Vorstand des genannten Vereines debutirt soeben mit dem Bericht über sein 61. Vereinsjahr. Die alte Klage, zu deren Organ die „Oesterreichische Wochenschrift" ja schon so oft geworden ist, sie kommt leider wieder zum Ausdrucke und diesmal in potencirterer Weise. Der Verein hat nämlich im Berichtsjahre eine namhafte Einbuße an Beiträgen und einen empfindlichen Rückgang an Spenden und Subventionen von über 5000 K erlitten, bewirkt dadurch, daß langjährige Mitglieder sich veranlaßt gesehen haben, ihren Austritt änzumelden, für welchen Entgang ein auch nur