Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenfthrifk< Sette m großer Bedeutung, wie es in ihrem Interesse liegt, die „Jüdische Ausbeutung" und den Ritualmord weit von sich zu weisen. Bei der Prüfung der vom Minister in seinem Berichte niedergelegten Daten darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß in Rußland Bevölkerungsstatistik und Militärstatistik zwei nicht ohneweiters mit einander zu vergleichende Größen sind. Es leben in Rußland viele Millionen Menschen, die, obgleich vollberechtigte russische Bürger, doch der Militärpflicht entweder gar nicht unterworfen sind oder doch zur Erfüllung derselben nach andern Normen als die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung herangezogen werden. Zu den gänzlich Militärfreien gehören die Eingeborenen von Russisch-Centralasien, die in Südwestsibirien nomadisirenden Kirgisen, sowie die Gebirgsstämme des Kaukasus. Diese, sowie die 2'/« Million zählenden, anders recrutirenden Kosaken müssen vorweg in Abzug gebracht werden. Der so außer Betracht gesetzte Theil umfaßt demnach eine Bevölkerung von 25 Millionen Menschen, die im ganzen asiatischen Rußland nur 91.000 Militärpflichtige und kaum mehr als 34.000 Soldaten gestellt hat. Die 34.000 Juden Sibiriens und die 58.000 Juden des Kaukasus wurden mit 947 Militärpflichtigen und 280 Soldaten vollauf zur Militärpflicht herangezogen. So wenig trägt die eingeborene nichtjüdische Bevölkerung von Russisch-Asien zur Completirung des russischen Heeres bei, daß in der kaukasischen Provinz Dagestan die B e r g j u d e n als die vornehmsten Träger des russischen Militarismus erscheinen. Sie stellten allein 176 Militärpflichtige und 48 Soldaten, während die gesammte übrige Bevölkerung einschließlich der eingewanderten Christen zusammen nur 71 Militärpflichtige und 21 Soldaten stellte. Gehen wir nun zum europäischen Rußland über, mit dem wir uns im Folgenden ausschließlich befassen wollen, so überrascht uns sofort die Thatsache, daß seine nichtjüdische Bevölkerung mit 97,134.060 Seelen nur 891.872 junge Männer im Alter von 21 Jahren hatte, während die 5,083.000 Juden 55.416 solche junge Leute im militärpflichtigen Alter aufbringen konnten. Rechnet man diese Zahlen genauer aus, so erfährt man, daß auf je 100.000 Einwohner die Nichtjuden nur 818-18, die Juden dagegen 1090-16 Militärpflichtige hatten. Um im Jahre 1881, da die jetzt militärpflichtig gewordene Generation geboren wurde, soviel Kinder erzeugen zu können, müßten die Juden damals bereits 5,935.000 Seelen stark gewesen sein, während sie nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1897 selbst 17 Jahre später nicht viel über 5 Millionen zählten. Man müßte zu der absurden Annahme einer abnormen Kindersterblichkeit unter der nichtjüdischen Bevölkerung Rußlands oder zu der ebenso unwahrscheinlichen Erklärung seine Zuflucht nehmen, die jüdische Bevölkerung Rußlands habe in den 17 Jahren, trotz der natürlichen Vermehrung, um fast eine Million abgenommen. Andernfalls bleibt zwischen den Angaben der Militärstatistik und den Resultaten der Volkszählung eine unüberbrückbare Kluft bestehen. Ein Vergleich der Zahl der von den Juden und den Nichtjuden geforderten Soldaten ergibt zur Evidenz, auf welcher Seite hier der Jrrthum vorliegt. Von Ersteren wurden 18.500, von Letzteren nur 263.831 Soldaten gefordert. Um die an sie gestellten Ansprüche ohne besondere Anstrengung befriedigen zu können, müßten die Juden nicht, wie die Volkszählung ergeben hatte, 5-08 Millionen, auch nicht wie die Militärbehörden bei Feststellung der Zahl der jüdischen Militärpflichtigen offenbar irrtümlicherweise angenommen hatte, 5-93 Millionen, sondern weit mehr, nämlich 6,900.000 Seelen zählen. Hier widersprechen sich die Angaben der Militärbehörde selber, wodurch sie beide als völlig unzuverlässig erscheinen. Ein weiterer Blick auf die vom Minister des Innern vorgelegten Zahlen belehrt uns, daß hier kein bona Me begangener Jrrthum, sondern ein Act reinster Willkür vorliegt, von den Militärbehörden mit voller Absicht verübt, um die Zahl der jüdischen Soldaten über Gebühr zu erhöhen. Berechnet man nämlich die Zahl der von je Tausend Stellungspflichtigen ausgehobenen Soldaten, so kommt man auf die ganz überraschende Thatsache, daß die russische Militärbehörde hier mit zweierlei Maß mißt. Wäbrend sie von je Tausend militärvflichtigen, jungen, nichtjüdischen Männern nur 292°41 dem activen Heere einverleibt, werden von ihnen, wenn sie Inden sind, je 334-36 zum Militär genommen. Die russischen Juden, die bekanntlich nichts taugen, werden also doch sehr bevorzugt, wenn man Leute braucht, um Thron und Altar, Kaiser und Vaterland zu vertheidigen. Nicht der Percentsatz ihrer Bevölkerung, nicht auch die Zahl ihrer militärpflichtigen jungen Leute, einzig und allein der Wille der Behörden ist bei der Bestimmung der Zahl der von den russischen Juden alljährlich zu stellenden Soldaten maßgebend.. Viel anders geht es in Persien oder bei den von den türkischen Beamten vorgenommenen Aushebungen unter den Fellachen in Syrien und Mesopotamien auch nicht zu. Durch die Erhöhung der Zahl ihrer Stellungspflichtigen auf 1090-16 gegen 918-18 bei den Nichtjuden, wurde die Zahl der 1901 zur Erfüllung ibrer Militärpflicht einberufenen Juden um volle 8-742 -- 2-586 Soldaten, infolge der Erhöhung der von 55.416 jüdischen Stellungspflichtigen auszuhebenden Soldaten von 292-41 pro Mille auf 334-36, erfuhr die Zahl der von den Juden zu stellenden Soldaten eine weitere Erhöhung um volle 2-136. Im Ganzen wurde den Juden Rußlands eine im Vergleich zu ihren nichtjüdischen Mitbürgern erhöhte Militärlast von 4722 Soldaten auferlegt. Wie es die Behörden anfangen, den armen Juden eine so unerschwingliche Blutsteuer aufzulegen, wird zum Theil wohl ihr eigenes Geheimniß sein. Von den beiden Factoren, durch welche in Rußland die Zahl der von einer gewissen Religionsgemeinschaft zu stellenden Soldaten bestimmt wird, liegt der eine, nämlich die in den Matrikelbüchern feststehende Zahl der jungen Männer im militärpflichtigen Alter von 21 Jahren, wohl kaum im Machtbereiche der Behörden. Die künstliche Steigerung der Zahl der stellungspflichtigen Juden würde daher in irgend nennenswerthem Grade völlig ausgeschlossen bleiben, hätten die Juden durch nachlässige Führung der Matrikelbücher nicht selber den Behörden die bequemste Handhabe dazu geboten. Die Geburten werden wohl wenn auch häufig sehr verspätet und erst auf Betreiben der indessen großjährig gewordenen Neugeborenen selber, schließlich doch immer eingetragen. Aber die Verstorbenen werden sehr oft nicht aus den Listen der Lebenden gestrichen, und wenn sie auch von keinem Steuerboten mehr heimgesucht und kein Volkszähler sie in das Verzeichniß der „ortsanwesenden" Bevölkerung einträgt, die Militärbehörde vergißt ihrer nie und ruft sie, wenn die Zeit gekommen ist, zur Erfüllung ihrer Militärpflicht auf. Auch die aus Rußland ausgewanderten Juden bleiben vielfach in den Matrikelbüchern stehen und helfen so die Zahl ihrer militärpflichtigen Glaubensgenossen in der früheren Heimat ins Ungemessene erhöhen. Die Behörden kennen diesen Sachverhalt ganz genau, sie wiffen, daß viele Tausende zur Erfüllung ihrer Militärpflicht aufgerufene Juden schon längst und auf immer die gesegneten Gefilde des Ansiedlungsrayons verlaffen haben. Allein sie haben von ihrem großen Dichter Gogol doch das Eine gelernt, daß man unter Umständen auch mit t o d t e n Seelen ein ziemlich lucratives Geschäft machen kann. So spielen die im Dienste des russischen Kriegsministeriums stehenden Tschitschikows die verstorbenen gegen die lebenden Juden um so lieber aus, als dieser Trumpf ihnen von den Juden selbst in die Hand gedrückt wird. Ein zweiter Factor zur Bestimmung der Zahl der auszuhebenden Soldaten bildet die Festsetzung der Anzahl der von je tausend Stellungspflichtigen in das active Heer einzureihenden Recruten. Dieselbe bleibt in Rußland ganz den Provinzialbehörden Lberlaffen, welchen auch die Vertheilung der von den einzelnen Gemeinden zu fordernden Soldaten unter den in diesen Gemeinden nebeneinander lebenden Confeffionen obliegt. Dabei scheint aber von den Beamten eine nur in Rußland vorkommende eigenartige Recrutirungsgeometrie betrieben zu werden, bei welcher Bruchtheile eines Percents bei den Christen nach unten, bei den Juden und Mohammedanern aber nach oben abgerundet werden. Die einzelnen Bruchtheile summiren sich in den vielen Tausenden von Dörfern, Städten und Städtchen zu einer furchtbaren Militärlast, welche im Jahre 1901 sich auf'4722 Soldaten zu Gunsten der Christen und zu Ungunsten der Juden belaufen hat. Gehen wir die einzelnen Ländergebiete durch, um an der Hand der vom Minister gegebenen Zahlen die Zahl der von den Juden daselbst dem russischen Heere zugeführten frischen Recruten festzustellen. Zu diesem Zweck wollen wir das europäische Rußland in einen den Juden verbotenen Rayon und einen ihnen als Wohnsitz überlaffenen Ansiedlungsrayon eintheilen. Die jüdische Bevölkerung im ersten 154.500 Quadratmeilen umfassenden Gebiete beläuft sich auf kaum über 200.000 Seelen bei einer Bevölkerung von nahezu 60 Millionen Menschen. Ihre Zahl muß aber vor 21 Jahren kaum 150.000 betragen haben, da die Anzahl der stellungspflickitigen jüdischen jungen Männer jenes Gebietes mit 1311 im Verhältniß zu den nichtjüdischen um ein volles Drittel zu niedrig ist. Die Behörden suchten den dadurch bedingten „Ausfall" an Soldaten durch starke Erhöhung der von den jüdischen Militärpflichtigen pro Tausend zu erhebenden Recruten von 290-03 der Nichtjuden auf 330-28 ein wenig zu corrigiren. Es gelang ihnen auch, die Zahl der jüdischen Soldaten aus jenen Ländern von 382 auf 433 zu erhöhen. Dasselbe ist auch von den 4 Gouvernements Südrußlands zu berichten. In dieses Gebiet scheint in den letzen 20 Jahren eine lebhafte Einwanderung von Juden stattgehabt zu haben. Das Verhältniß der jüdischen zur nichtjüdischen Bevölkerung war 1881. jedenfalls geringer als zur Zeit der Volkszählung, da sonst das Minus von 654 Militärpflichtigen, welche die dortigen Juden trotz nachlässiger Matrikelführung und notorisch starker Auswanderung im Verhältniß zu den Nichtjuden gestellt haben, unerklärlich bliebe. Die Behörden gaben sich redlich Mühe durch Erhöhung der von diesen militärpflichtigen Juden auszuhebenden Soldaten auf 318-73 gegen 306-8 pro Mille bei den Christen aus den Juden mehr Recruten herauszupreffen. Allein das dadurch erzielte Mehr von 67 Soldaten konnte den durch den Abgang von 654 Stellungspflichtigen bedingten Ausfall von 200 Soldaten doch nicht ganz ausgleichen. Dafür haben sie sich in den übrigen 3 Gebieten des Ansiedlungsrayons überreichlich schadlos gehalten.. Im Königreich Polen fand sich in den jüdischen Matrikeldüchern ein Mehr von 2440 Stellungspflichtigen, was bei dem in Polen aufgestellten Satz von 309-14 per Tausend schon allein ein Mehr von 754 Soldaten ausmacht. Darauf wurde durch die Erhöhung der von den 14.068 jüdischen Militärpflichtigen zu entnehmenden Recruten auf 343-90 (!) ein weiterer Profit von 474 Soldaten erzielt. Macht zusammen für die 1,316.456 Juden des Königreichs Polen ein Mehr von 1328 Soldaten! Schlimmer noch erging es den Juden SüdwestrußlandS, welche mit ihren 1,410.000 Seelen kaum 9-63 Percent der dortigen Bevölkerung bilden. Der Zahl ihrer Militärpflichtigen nach hätten sie aber 11-34 und der Zahl ihrer Soldaten entsprechend gar 12-3 Per-