Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Dr. Blvch's Wochenschrift. Sette 28? »Geh^ heute Abends nicht auf das Schiff; komm' lieber zu mir, wir werden Thee zusammen trinken!" Bon diesem Tage an begann Jsajka die Witwe häufiger zu besuchen; als das Schiff in See gegangen, verfertigte er während der Fahrt für seine Anna ein Paar Stiesel nach der neuesten Mode und schrieb ihr zwei Briefe, in denen er mit rührender Beredtsamkeit sein Herz vor ihr ausschüttete und ihr zum Schluß praktische Rathschläge bezüglich ihres Geschäftes ertheilte. Seit dem denkwürdigen Knoblaucheinkauf hatten sie nämlich beschlossen, ihre Transactionen gemeinsam zu unternehmen. VI. Ach! Wie wollte Jsajka den nächstfolgenden Sommer nicht auf's Meer! Erstens fiel es ihm schwer, sich von der »rothen Anna" zu trennen, da er dieselbe ernstlich liebgewonnen, aber die Hauptursachx war die Angst, die ihm der neuernannte Capitän seines Schiffes einflößte. Es verlautete, er sei fürchterlich streng und man erzählte sich, auf der Fregatte, deren Befehlshaber er früher gewesen, habe er die Leute für die kleinsten Fehler zu den grausamsten Strafen verurtheilt. Wenn er in Zorn gerieth, war er fast unzurechnungsfähig. Die Strenge des neuen Capitäns bildete den ausschließlichen Gesprächsstoff der gesammten Mannschaft und selbst Iwan Jwanitfch vertraute seinem Freunde leise an, er würde dem Schnaps entsagen. »Man sagt, er ist ein wildes Thier. . . Ganz ohne Menschlichkeit . . ." Und tatsächlich mußte Jsajka während dieses Sommers fast täglich unter's Verdeck flüchten und, vor Angst an allen Gliedern zitternd, sich in einen Winkel verstecken. Nicht eine einzige Hebung fand ohne darauffolgende Strafvollziehung statt. Manchmal schlug man einige Mann zugleich. Der Capitän verlangte, daß die Matrosen wie »die Teufel" arbeiten sollten, und wenn sie z. B. die Segel anstatt in drei Minuten, in drei und einer halben gerafft hatten, wurden Alle, die sich verspätet, die Unterofficiere nicht ausgeschlossen, zur Prügelstrafe verurtheilt. Zu jener Zeit galt die Raschheit und Geschicklichkeit als Hauptsache im Schiffsdienst, und jeder Capitän suchte es den anderen darin zuvorzuthun. Es war dies eine besondere Art von Chic. Während dieser ganzen Fahrt befand sich Jsajka in einem Zustand ununterbrochener Angst, ganz besonders wenn die gesammte Mannschaft auf's Deck beordert wurde und er diesen großen, breitschultrigen Mann mit dem strengen, rothen Gesicht ansehen mußte, der breitspurig dastand und drohenden Blickes die Arbeit seiner Untergebenen verfolgte. In solchen Augenblicken herrschte auf dem Schiffe lautlose Stille. Die Matrosen strengten alle ihre Kräfte an, kletterten wie toll die Strickleitern empor, liefen auf den Masten wie auf dem glatten Boden und rafften die Segel mit fieberhafter, ängstlicher Hast. Alle, die Bootsmänner nicht ausgenommen, waren von einem Zittern ergriffen. Und auch die Officiere standen erschrocken und erhobenen Hauptes auf ihren Posten, und nur hin und wieder, wenn die Arbeit an einer Stelle nicht so rasch vor sich ging, oder ein dicker Strick plötzlich nicht nachgab, entrang sich ein leiser Fluch ihren Lippen. Und dieser eine Mann, der alle in solch tödtliche Angst versetzte, freute sich, daß er seine Mannschaft binnen zwei Monaten so gut »drefsirt" hatte. Ein zufriedenes Lächeln strahlte auf seinem Gesicht, wenn die Segel im Nu gerafft, oder wenn beim Artillerie-Manöver die schwersten Stücke von den Matrosen, die mit dem Aufgebot all' ihrer Kräfte arbeiteten, mit einer Leichtigkeit, als wären dieselben ein Kinderspielzeug, gehandhabt wurden. Jndeffen geschah es auch, und zwar nicht selten, daß das Gesicht des Capitäns sich plötzlich mit Scharlachröthe bedeckte. Dann stürzte er, die geballten Fäuste emporgehoben, die Augen blutunterlaufen, hinunter auf Vas Verdeck, schlug die Bootsmänner, schlug die Matrosen, schlug Jeden, der ihm in den Weg kam, indem er gleichzeitig die Luft mit dröhnenden, laut widerhallenden Flüchen füllte. »Todtschlagen werde ich Euch!" schrie er, vor Wuth die Besinnung fast verlierend. Und die Ursache dieser Ausbrüche war immer eine äußerst geringfügige. In solchen Augenblicken glaubte Jsajka vor Schreck sterben zu müssen. Jndeffen näherte sich, zur großen Freude der Officiere und Matrosen, die Fahrt ihrem Ende. Mit vollen Segeln steuerte das Schiff, einen günstigen, vom Baltischen Meere wehenden Wind benützend, auf den Hafen von Kronstadt zu. Bei Gothland jedoch erhob sich ein Sturm, der in Folge eines Mangels an Vorsicht des Wache haltenden Officiers das Segel am Mastkorb in Stücke riß. Der Capitän, rasend vor Wuth, begann den Officier mit Schimpfworten zu überhäufen und drohte ihn vor's Kriegsgericht zu stellen. Ein lauter Pfiff erscholl als Signal, daß ein anderes Segel erforderlich. Der Unterofficier stürzte in die Cajüte und zeigte den ihm auf dem Fuße folgenden Matrosen, welches Segel sie hinauftragen sollten. In der Eile jedoch hatte er sich geirrt, und anstatt auf das bereits hergerichtete Segel auf eines hingewiesen, das erst geflickt werden sollte. Niemand hatte den Jrrthum bemerkt. Auch nicht Jsajka. In ungefähr acht Minuten war das zerrissene Segel abgebunden und das in Gestalt eines langen, schmalen Sackes aus der Cajüte herbeigeholte am Maftkorb befestigt. Es wurde aufgerollt, und — o, Himmel! — in der Mitte sperrten einige riesengroße Löcher ihrer Mäuler auf. Jsajka wurde todtenbleich. Der Capitän war bereits an Ort und Stelle. „Den Unterofficier her! . . . den Segelflicker! . . ." Im Nu standen beide Gerufenen vor ihm. »Du bist der Segelflicker?" fragte der Capitän, seine blutunterlaufenen Augen auf den wie ein Espenbatt bebenden Jschska heftend, und ihn mit scharfem Blicke durchbohrend. »Ich, Ew. Gnaden", brachte Jsajka mit Mühe hervor. »Ein Schurke bist Du! Bootsmann! Der Segelflicker soll bestraft werden! Und zwar sofort!" Jsajka begann wie im Fieber zu zittern. Seine Pupillen erweiterten sich. Ein Zucken flog über seine Züge. »Ew. Gnaden ... ich ... ich ... bin nicht. . . nicht . . . schuldig. . ." »Nicht schuldig!? . . . Oho t . . . Haut ihn, daß es kracht! . . . Nicht schuldig ist er! . . . wiederholte der Capitän gedankenlos mit laut dröhnender Stimme. Schon näherten sich zwei Unterofficiere, um Hand an Jsajka zu legen, als Letzterer sich plötzlich dem Capitän zu Füßen warf, und unter convulsivischem Schluchzen zu jammern begann: »Ich kann nicht. . . Ew. Gnaden . . . Habt Erbarmen ... Ich kann nicht . . ." Es war etwas Herzzerreißendes in diesem verzweiflungsvollen Flehen. Der zunächst stehende Officier wandte sich weg. Die Matrosen sentten die Augen. Todtenstille herrschte auf dem Schiffe. Die Wuth des Capitäns jedoch wurde durch diese- Jammern noch gesteigert. Verächtlich stieß er den ihm zu Füßen liegenden Jsajka von sich und schrie: »Schafft ihn fort! Zeigt ihm, wie er nicht kann!" In demselben Augenblick jedoch war der kleine Segelflicker aufgesprungen und das war nicht mehr der frühere, sanfte Jsajka. Sein todtenbleiches Gesicht mit den düster glühenden Augen trug den Ausdruck so starrer Ruhe und Entschlossenheit, daß der Capitän unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »So sei verflucht, verruchter Verbrecher!" Er rief es, sprang a^f den Schiffsrand und mit einen, gellenden Schrei der Verzweiflung stürzte er sich ins Meer. In lautloser Erstarrung, wie versteinert, standen die Matrosen da. Der Capitän war sichtlich erschreckt. Iwan Jwanitsch. ein vorzüglicher Schwimmer, war im Nu ins Wasser gesprungen. Vergeblich jedoch suchte er den Freund. Jsajka war nicht mehr an der Oberfläche. Wie ein Schlüssel war er auf den Grund des Meeres gesunken. »Ein verfluchter Jude!" brachte endlich der Capitän hervor, und befahl ein Boot hinabzulaffen, damit Iwan Jwanitsch sich auf dasselbe rette. Stumm, wortlos, machten die Mattosen das Zeichen des Kreuzes über ihren erbleichten Stirnen. Ende.