Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 886 Dr. Bloches WochonschrifL. Nr. 17 Wirovittca. Der neugewählte Obercantor unserer Gemeinde, Herr Zsac Freudes, hat sein Amt am 1. April angetreten. Karlsbad. Hier feierte eines der hervorragendsten Mitglieder der Cultusgemeinde Karlsbad, Herr Adolph Rosenfeld, welcher seit 27 Jahren als Vorsteher-Stellvertreter wirkt und seit vielen Jahren dem Stadtverordneten-Collegium angehört, mit seiner Gattin Paula das Fest der silbernen Hochzeit. Dem allgemein hochgeachteten und verehrten Paare kamen aus diesem Anlässe zahlreiche Glückwünsche zu. Klattau. Herr Leon K o r n i tz e r, Obercantor und k. k. Lieutenant i. d. R., hat in Prag die Staatsprüfung aus dem Gesänge, der Harmonielehre, Musikgeschichte sür Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten mit Auszeichnung abgelegt. Soborten. (T e m p e l e i n w e i h u n g.) Seit dem '.0jährigen Herrscherjubiläum unseres erhabenen Kaisers sah die hiesige Cultusgemeinde kein solch solennes Fest als die am 13. d. M. stattgehabte Einweihung unseres neu renovirten prachtvollen Gotteshauses, dessen Gelingen ein Verdienst des Vorstehers K. Weinfeld und Ad. Bloch bildet. Schon zwei Stunden vor der festgesetzten Feier war die „Gasse" von Ehrengästen überfüllt. Es erschienen: der k. k. B e z i r k s hauptmann, die Cultusvor st ände von Teplitz und Aussig, der VorstanddesTeplitzerTempelvereines undderChewra- K a d i s ch a, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Baß aus Aussig, die hiesige Gemeindevertretung, Houorationen und Corporationen. Präcise 4 Uhr Nachmittags begann die Feier; Herr Obercantor Dawison mit dem gesammten Teplitzer Tempelchor sang in prächtiger Weise das „Lla-To^u", worauf Se. Ehrwürden Herr Rabbiner H. Galandauer mit einer feierlichen, sehr passenden Ansprache das ewige Licht anzündete. Es folgte das Minchagebet und ein Festpsalm. Dann bestieg unter feierlicher Stille Herr Rabbiner G a l a n d a u e r die Kanzel und hielt eine geistvolle und formvollendete Weiherede, welche alle Anwesenden zur Begeisterung hinriß und aus die Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Diese Festpredigt war geradezu ein Xi<1n8eb-IlL8ed6m. Mit dem Gebet für Kaiser und Vaterland und der Absingung der Volkshymne schloß die herrliche Feier. Am Abend um 7 Uhr fand ein Festbankett im Gasthaus „zur Sonne" mit nahezu 100 Gedecken statt, bei welchem viele schöne Tischreden gehalten wurden. Herr Cultusvorsteher Weinfeld begrüßte die Anwesenden, worauf eine Reihe von Trinksprüchen folgte, und zwar toastirten Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Galandauer, die Herren Hermann Bloch-Teplitz, Ernst Bechert-Teplitz, Adolf Bloch-Soborten, Dr. Freisinger-Turn, Dr. Sigmund Hahn-Teplitz, Taussig-Turn. und Propper-Tu> n. Zur Unterhaltung trugen besonders die Vorträge der Herren Löbl und Werfel aus Teplitz bei- Um das Arrangement des Banketts halte sich Herr Ignatz Ornstein-Turn besonders bemüht. Sowohl dieses als auch die Einweihungsfeier nahmen den schönsten Verlauf und werden den Theilnehmern in bester Erinnerung bleiben. London. Zu Ehren Dr. S ch lech t e r's und seiner Gattin wurde anläßlich seiner Abreise nach New-Iork, wohin er zum Leiter des jüdisch-theologischen Seminars berufen worden, ein Bankett gegeben, wo Oberrabbiner Adler den Vorsitz führte. Verschiedene Redner feierten den hervorragenden Gelehrten, man verlas eine herrlich ausgestattete Adresse und überreichte ihn« prachtvolle und werthvolle Geschenke, so eine zwei Fuß hohe Chanukalampe aus Silber, eine silberne Sederschüffel, ein Service und Anderes. Ja, England weiß eben die jüdische Wissenschaft und ihre Repräsentanten zu ehren. Feuilleton. Jsajka, der Segelfiicker. Novelle von K. Staniukowitsch. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. V. Biel Klugheit, Vorsicht. Schlauheit und Tact bedurfte man in jenen alten, strengen Zeiten, um, wie Jsajka, während ganzer sechzehn Jahre nicht ein einzigesmal sich eine Strafe zuzuziehen. Aber der jüdische Matrose gab sich von der ersten Stunde seiner Dienstzeit solche Mühe, seine Aufführung war eine so musterhafte, daß thatsächlich nicht der geringste Grund zu einer Rüge vorlag. Und unwillkürlich empfand man Mitleid mit diesem stillen, ängstlichen, friedliebenden und gutmüthigen Menschen, dessen große, schwarze Augen so unendliche Sanftmuth ausdrückten. Einmal, im ersten Jahre seiner Dienstzeit, war Jsajka von einem Unterofficier geschlagen worden. Der arme kleine Mann weinte die ganze darauffolgende Nacht so bitterlich, daß selbst der Unterofficier, der ihn geschlagen, sich der Gewissensbisse nicht erwehren konnte. Uebrigens befand sich Jsajka. da er ein Handwerker, meistentheils nicht in unmittelbarer Nähe der obersten Befehlshaber. Er hatte eigentlich nur zwei Vorgesetzte: einen Officier, der früher Bootsmann gewesen, und einen Unterofficier. Mit Beiden lebte er in Freundschaft, da er es nie verabsäumte, ihnen bei sich darbietender Gelegenheit kleine Dienstleistungen zu erweisen. Die übrigen Beamten kümmerten sich nicht um ihn. .Sitz' Du in der Kajüte und flicke Deine Segel und auf's Deck komm' wenn man's Dir befiehlt." Als verständiger, erfahrener Mann jedoch wußte Jsajka, daß die bloße, wenn auch pünktlichste Pflichterfüllung zum erträglichen Gestalten seiner Lage keineswegs genügen würde. So suchte er denn dieselbe auch auf andere Weise zu verbessern. Während des Winteraufenthaltes am Ufer verfertigte er Stiefel, nicht nur für die obersten Befehlshaber und Feldwebel, sondern auch für deren Frauen und Kinder und für seine beiden unmittelbaren Vorgesetzten that er dies — selbstverständlich umsonst — das ganze Jahr hindurch. Und Alle behandelten ihn gütig und nannten ihn einen „goldenen Menschen". Auch verstand er jedes Handwerk. Einmal schnitzte er sogar ein hübsches Spielzeug und schenkte es dem Sohne ves Capitäns, für deffen Gattin wiederum er Stiefeletten arbeitete. Jeden Tag dankte er Gott, daß der Dienst, den er anfänglich so gefürchtet, ihm nicht gar zu schwer wurde, nur vor dem Meer wurde seine Angst nicht geringer. Ec tröstete sich jedoch mit der Hoffnung, daß seine Dienstzeit bald um sein würde. Noch vier Jahre, dann erhält er wahrscheinlich einen Urlaub ohne Termin und dann ist's zu Ende mit der ewigen Furcht! Ein freier Mann! Und dann träumte er, wie er auf dem Festlande leben würde. In Kronstadt, wo man ihn kennt, wird er sich niederlaffen und so still und ruhig leben, wie es einem rechtschaffenen Juden geziemt. Ein Umstand jedoch beunruhigte ihn in der letzten Zeit. Die Witwe eines Matrosen hatte ihm ein wärmeres Gefühl eingeflößt. Dieselbe verkaufte im Sommer allerhand Gemüse auf dem Kronstädter Markt, im Winter hatte sie einen Kramladen mit verschiedener Waare und war unter dem Namen: „Die rothe Anna" allgemein bekannt. „Die rothe Anna" war eine gesunde, dicke, etwa fünfunddreißig Jahre zählende Frau, mit einem runden, mit Sommersprossen bedeckten Gesicht und ihre blauen, listigen Augen blickten auf Jsajka mit herausfordernder Gefallsucht. Ihr Liebhaber, ein Matrose, hatte sie verlassen und war in die Ferne geschickt morden. Seine Abwesenheit mußte drei Jahre dauern. So war denn die „rothe Anna" vollkommen frei. Und dabei war Jsajka wohlhabend und ertheilte ihr, bezüglich ihres Handels, vortreffliche Rathschläge. Vorhin hatte ihr Verdienst nur auf Brot und Kwas*) gereicht, seit sie jedoch mit dem kleinen Matrosen bekannt geworden, hatte ihr Geschäft einen ganz anderen Aufschwung genommen. So verstand Jsajka den Handel! Und wunderschöne Stiefelchen eigener Arbeit hatte er ihr geschenkt, und obendrein noch zehn Rubel geborgt, damit sie mehr Waare anschaffen könne. „Die rothe Anna" war gar nicht abgeneigt, ein intimeres Berhältniß mit Jsajka einzugehen. Auf dem Markte würde man lachen? Was lag ihr daran? Lachte man doch ohnedies schon! Jsajka jedoch zeigte kein Entgegenkommen, da es ihm an Muth fehlte, der rothen Anna seine Liebe einzugestehen. Würde sie darauf eingehen, mit einem Juden zu leben? An eine Heirat dachte Jsajka selbstverständlich nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre der schüchterne kleine Segelflicker in alle Ewigkeit ein geheimer Liebhaber geblieben, wenn er eines Tages, es war zu Anfang des Sommers und das Schiff befand sich noch im Hafen, nicht in den kleinen Laden gekommen wäre, um für eine Kopeke Knoblauch zu kaufen. Nachdem er dies erledigt und eine Weile mit der rothen Anna über ihr Geschäft gesprochen, wollte er sich entfernen, als die lustige Frau ihm schelmisch in die Augen blickte und fragte: „Nur Knoblauch wolltest Du von mir, Jsajka?" „Was dürfte ich sonst, Anna Spirydowna, von Euch zu verlangen wagen?" erwiderte Jsajka. „Was Du verlangen dürftest? . . O, Du falscher Kerl!" lachte die dicke Frau und zärtlichen Tones fügte sie hinzu: *) Ein Lieblingsgetränk des russischen Volkes.