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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloches Wvrtzrnfchrifk. Sette 279 serviren, und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie auch anläßlich der durch einen strammen Gesinnungsgenossen des Ernst Schneider begangenen — Zurückdrängung eines jüdischen Trödlers aus dem öffentlichen Leben einem richtig dreffirten Schriftleiter in die Feder und aus der Feder fließt. So sehen wir denn mit jenem Behagen, welches die Beobachtung scurriler Vorgänge gewährt, die publicistischen Parteiorgane des Herrn Josef Strobach sich auch als Parteiorgane des Herrn Johann W o b o r i l bewähren, und obgleich in dieser Woche viele andere wichtigere Dinge vorgegangen sind, so erscheint uns doch dieses öffentliche Eintreten für einen Raubmörder ein viel größeres kulturhistorisches Interesse als alles Andere zu bieten. Die Thatsache gewährt uns einen lehrreichen Einblick in das antisemitische Rechtsgefühl, nach welchem bei einem Raubmorde die Thatsache, daß der Ermordete ein Jude war, als mildernd, als erklärend, . als entschuldigend in den Vordergrund gestellt wird. Nicht auf den Mann, der solche Dinge niederschreibt, und nicht auf das Blatt, in welchem zu Gunsten des Raubmörders Woboril und gegen den jüdischen Trödler Stimmung gemacht wird, kommt es an. sondern darauf, daß die betreffenden Scribenten und die betreffenden Blätter Zustimmung bei ihrem Publicum zu finden und den Beifall der Partei, deren Organe sie sind, zu verdienen glauben. * * * Nur unter dem Gesichtspunkte dieses in Wien geltenden öffentlichen Rechtsgefühls begreift man die Schamlosigkeit des Herrn Strobach und des Herrn N e u m a y e r. in demselben Augenblicke, in welchem sie das feierliche Gelöbniß oblegen, die Staatsgrundgesetze zu beobachten, ihr antisemitisches Parteiprogramm zu formuliren. Vom Judenthum und vom Antisemitismus ist in den Erklärungen dieser communalen Würdenträger freilich nicht ausdrücklich die Rede. Herr Strobach sagt: „Ich verspreche Ihnen, daß ich, wie bisher, stets zielbewußt und energisch für die Interessen des christlichen Volkes eintreten werde, welche Interessen ja gleichbedeutend sind mit jenen unserer Reichshaupt- und Residenzstadt Wien." Nicht blos aus zahllosen Versammlungen und Kundgebungen, sondern aus der ganzen bisherigen Geschichte der derzeitigen Gemeindeverwaltung ist es hinlänglich bekannt, was Strobach und Genoffen unter den Interessen der christlichen Bevölkerung verstehen. Direkte Feindseligkeit gegen die jüdische Bevölkerung, die wirthschaftliche und politische Unterdrückung der Juden ist damit verbunden. Allein selbst, wenn diese rechtswidrige Verfolgung bisher nicht stattgefunden batte, so sind die an der Spitze des Gemeinwesens stehenden Functionäre nicht berechtigt, nur die Interessen der christlichen Bevölkerung zu wahren. Auch die jüdischen Bürger und Steuerzahler haben ein Anrecht auf den Schutz und auf die Fürsorge der Gemeinde. Der dicke Herr Strobach hat gar nicht den Sinn dafür, daß es von dem Augenblick an, in welchem er die Stelle des Vicebürgermeisters annimmt, seine Pflicht und Schuldigkeit ist, allen Gemeindeangehörigen, ohne Unterschied der Confeffion, mit gleicher Bedachtnahme auf ihr Wohlergehen seine Kraft zu widmen, und wenn er die Juden von der Bethätigung dieser mit seinem Ehrenamt übernommenen Verpflichtung ausschließt, so begeht er einen Eidbruch, und nachdem er diese Absicht öffentlich kundgethan, begeht er durch die Ablegung des Gelöbnisses auf die Staatsgrundgesetze eine öffentliche Felonie. * * * Mit verblüffender Ungenirtheit rühmt bei diesem Anlasse unser beleibter Herr Vicebürgermeister „das selbst von unseren Gegnern als mustergiltig anerkannte Berwaltungssystem des Bürgermeisters". Die antisemitischen Streber, die durch Doctor Lueger emporgekommen sind, die Agitatoren, die durch Stellen und Lieferungen für ihre Dienste bezahlt wurden, mögen das derzeitige Berwaltungssystem als die Quelle ihres Wohlstandes preisen; daß aber die Gegner derselben es als mustergiltig anerkennen, für diese Behauptung hat Herr Strobach einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt. In demselben Abendblatte, in welchem über die unehrliche Angelobung der beiden Vice berichtet wurde, finden wir die im Abgeordnetenhause eingebrachte Interpellation über dir Wahl der Handlungsgehilfen, deren faktisches Ergebniß unter einem lächerlichen Vorwände für ungiltig erklärt wurde. Die Interpellanten sagen: „Eine so rücksichtslose Mißachtung der Gesetze, ja des primitivsten Anstandes hat selbst die in diesen Dingen schon ein wenig abgehärtete Wiener Bevölkerung mit gerechtem Groll erfüllt. Weit über die Kreise der davon Betroffenen greift die erklärliche Erregung über diesen brutalen Rechtsbruch um sich, denn es wird immer klarer, daß für die heutige Wiener Verwaltung keine Rücksicht auf das Gesetz, sondern nur Bedachtnahme aus den Vortheil der herrschenden Partei maßgebend i st. Es wäre eine Beleidigung der staatlichen Factoren, wollten wir auch nur einen Moment annehmen, daß diese einem gegen die unerhörte Entscheidung des Magistrates eingebrachten Recurse nicht entsprechen werden. Wir geben jedoch Sr. Excellenz zu bedenken, daß die i n W i e n von Tag zu Tag wachsende Rechtsunsicherheit und Empörung ob dieser einen Rechts st aat schändenden Gewaltherrschaft eine s ch l e u n i g e Re m e d u r der maßgebenden staatlichen Organe gebiete. Wir erwarten, daß Se. Excellenz die sofortige Erledigung des Recurses und die gänzliche Finalisirung der zu einem Verwaltungsscandal allerer st en Ranges gewordenen Angelegenheit der Wahlen der Wiener Handelsangestellten veranlassen wird, und stellen die Anfrage: Ist Seine Excellenz gewillt, Vorkehrungen zu treffen, die eine vom Magi st rat beabsichtigte Verschleppung dieser Angelegenheit verhindern und überoies auf geeignete Weise vorzusorgen, daß dieWienerBevölkerungvor derartigen Excessen des Wiener Magi st rates geschützt wird?" So sieht in Wahrheit die „Anerkennung" aus, die dem Lueger'schen Verwaltungssystem gezollt wird und der sich alle Wiener, die der herrschenden Parteiclique nicht angehören, vollinhaltlich anschließen. Die Klage, daß die Gemeindeverwaltung nur von Parteirücksichten sich leiten lasse, wird tagtäglich, nicht etwa blos von den Socialdemokraten, sondern von einem großen Theile der Wiener Bürgerschaft ausgesprochen, nicht etwa blos von den Juden, sondern viel mehr noch von den Christen. Wir würden es verstehen, wenn Herr Strobach diese Angriffe als unberechtigt erklären, wenn er sie zu widerlegen suchen würde. Daß aber das Lueger'sche Berwaltungssystem auch von den Gegnern als mustergiltig anerkannt wird, das ist ein Witz, den Herr Strobach lieber dem „Kikeriki" hätte zur Verfügung stellen sollen. -je * * In demselben Blatte, das mit der „Entschuldigung" des Raubmörders Woboril um die antisemitische Sache sich verdient zu machen suchte, finden wir eine Notiz aus der sogenannten Feder des Herrn Karl B l e i b t r e u, die mit den Worten beginnt: „Nach dem Ritualmord der Judenpreffe, begangen an der unglücklichen Dichterin Baumberg, scheint es doppelt nöthig. die Handgriffe dieser professionellen Schächter zu beleuchten". Was Herr Karl Bleibtreu sonst geschrieben, ist genau so nebensächlich wie seine Erscheinung in der Literaturgeschichte, die seine Talentlofigkeit gerne anerkennen wird. Jnsoferne jedoch der Selbstmord einer unglücklichen Frau genau so zu Zwecken der Judenhetze fructificirt wird wie der Raubmord an einem jüdischen Trödler, so sei hier ausdrücklich constatirt, daß in sämmtlichen sogenannten Judenblättern ohne jede Ausnahme die Dichtungen der Frau Baumberg durchaus sympathisch beurtheilt wurden. In allen diesen Blättern wurden nicht blos anläßlich der letzten Premiere, sondern auch bei der Aufführung früherer Stücke die Begabung dieser Frau, die edlen Tendenzen, denen sie Ausdruck zu geben versuchte und die Bühnenwirksamkeit ihrer Stücke hervorgehoben. Daß auch Mängel berührt wurden, ist selbstverständlich. Alles in Allem jedoch weiß Jeder, der die literarischen Vorgänge in Wien verfolgt, daß Frau Baumberg seitens der Kritik eine ehrende und freundliche Behandlung erfahren hat. Nun wurde ohne ihr Vorwissen die letzte Premiere zu Gunsten der antisemitischen Schriftsteller veranstaltet, und es war selbstverständlich, daß viele Personen, die sonst das Theater besucht hätten, sich für solche Zwecke nicht in Contribution setzen lassen wollten. Ja, trifft da die Juden ein Verschulden oder liegt da nicht die Schuld daran, daß durch den Antisemitismus überhaupt in die Wiener Gesellschaft Zwiespalt und Verhetzung getragen wurde? Was haben die Juden oder jüdischen Journalisten der armen Frau Baumberg gethan? Nicht wegen eines augenblicklichen Mißerfolges, sondern wegen unglücklicher Familien- und Bermögensverhältnisse hat sie zum Revolver gegriffen, und ihre Nervosität war gesteigert worden durch den Gedanken, daß sie, ohne es zu wollen, durch die Vorstellung zu Gunsten der antisemitischen Journalisten selbst als Anttsemitin erscheinen konnte. Es wäre möglich gewesen, daß die Stücke der Frau Baumberg ungünstig recenfirt worden wären; dann wäre für den bösen Willen noch der Borwand da gewesen, um den Juden eine Schuld an ihrem Selbstmorde beizumessen, obgleich es ein seltsamer Zustand wäre, daß sich die Krittk von einem gerechten Tadel abhalten lassen müßte, weil der Autor, wenn er durchsällt, sich umbringen könnte. Das Gegentheil ist

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