Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 17 Dr. Vioch's Wochsnfchrifk. Sette 277 der Geschichte der Juden erwiesen haben. Dr. Güdemann bemerkt im Borworte sehr zutreffend: „Den Einzelheiten können immer andere Einzelheiten'entgegengehalten werden. Jene constitutiven Momente dagegen gleichen Höhepunkten, von welchen aus das Ganze des Judenthums am untrüglichsten überblickt und beurtheilt werden kann." Das erste dieser charakteristischen Momente ist die Familie, wie schon daraus erhellt, daß das jüdische Volk seinen Ursprung nicht von Heroen ableitet, welche als einsame Größen „gleich erratischen Blöcken" hervorragen und von jedem Familienzusammenhange mehr oder weniger losgelöst sind, sondern von einfachen Hirten, welche sich durch häusliche, patriarchalische Tugenden auszeichnen. Der weitaus größte Theil der Genesis enthält nichts anderes als Familiengeschichten, Familienscenen, die aus dem vollen Leben geschöpft sind und deren schlichte, naturwahre Schilderung jedem Leser ans Herz greifen muß. Welchen breiten Raum das Familienleben im Judenthum einnimmt, mag auch daraus hervorgehen, daß Moses die sogenannte Staatsraison dem Liebesglücke Jungvermälter unterordnet, den Amtsleuten die Weisung gibt: „Wenn Jemand kürzlich eine Frau genommen, so soll er nicht mit dem Heere zu Felde ziehen, auch zu keinem andern öffentlichen Dienste angehalten werden; ein ganzes Jahr soll er für sein Haus frei sein, damit er die Frau, die er geheiratet, erfreue". Ist dieser Erlaß nicht phänomenal, verblüffend und zugleich im Tiefinnersten ergreifend? Kein führender Geist eines Volkes hat sich so um alle Einzelheiten desselben bekümmert, ist so in die detaillirtesten Verhältniffe desselben eingegangen, wie Moses es gethan. Er denkt an Alles und Jedes und paart mit Strenge immer Edel- und Zartsinn. Die Bibel hat wirklich ihresgleichen nicht, sie ist das Buch der Büchet. Geist und Sinn hat ewige Unrast, doch im Herzen keimt die Liebe. Bei unserem Lehrer Moses sind die Seelenkräfte so innig verschmolzen, daß es fürder nicht gelingen kann, zu trennen, was getrennt doch war. Er ist der Herzensweise par exeellenee. Ob die Bibel aber auch dem Weibe die Stellung zuerkennt, welche seiner psychischen Eigenthümlichkeit entspricht, in ihm die Ergänzung des Mannes erblickt, mit dem es in liebevoller ehelicher Gemeinschaft Lust und Leid des Lebens gemeinsam trägt und zu einem Wesen, ju einer moralischen Person verschmilzt, obwohl sie die Ehe auf ein erstaunliches sittliches Niveau hebt, verbietet sie die Polygamie — nicht. Gleichwohl liegt hier, wie Güdemann sehr geistvoll und weltklug ausführt, kein Widerspruch vor. „Es muß hier", sagt er „zuförderst ausgesprochen werden, daß, wie der Talmud sich ausdrückt, „die Thora nicht für Engel gemacht ist"." Das heißt mit anderen Worten: die Thora hat es mit dem Menschen zu thun. sie erblickt ihren Geltungsbezirk „nicht im Himmel", sondern auf der Erde, in der menschlichen Gesellschaft. Wie kann man diese aber sittlich heben, wenn man nicht auf sie eingeht? Der Erzieher muß zunächst seinem Zögling entgegenkommen, dann wird dieser ihm entgegenkommen". Die Familie ist der Mutterboden der Religion. Mit dem erhabenen sittlichen Gehalte jener ist die Grundlage für die Verehrung eines einzigen Gottes gegeben. Die Bibel feiert Abraham, wie sie ihn als den Begründer der Familie hinstellt, auch als den Begründer des Monotheismus. In der Morgendämmerung der Weltgeschichte, in jener grauen Vorzeit, da die Umrisse der Personen und Gegenstände verschwimmen und zerfließen, löst sich von diesem trüben Hintergründe das Bild eines Nomadenstammes ab, der von den Wüsten Arabiens in der Richtung nach Mesopotamien und Vorderasien sich bewegt. Dieser winzige Stamm, ein Zweig der semitischen Race, trägt ein eigenartiges Gepräge. Er ist ein Hirtenvolk und lebt ununterbrochen in der freien Natur, und doch weiß er sich jener mächtigen Einwirkung der Naturerscheinungen zu erwehren, welche sonst den Urmenschen überwältigt und ihn zum Sclaven des Sichtbaren und Sinnlichen herabdrückt. Das Zeltleben stimmt vielmehr diese semitischen Nomaden 'zur Beschaulichkeit. Sie suchen in der unendlichen Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen eine einzige leitende Macht; sie haben eine Ahnung von dem Dasein eines unsichtbaren Schöpfers dieses sichtbaren Weltalls. Diese Ahnung ist in dem Erzvater Abraham personificirt und sie ward durch den Anblick des mit Feuerzungen sprechenden gestirnten Nachthimmels in ihm hervorgerufen. Hier haben wir den rein cosmischen Charakter des jüdischen Gottesglaubens klar und unzweideutig aus gedrückt. Es ist selbstverständlich, daß, wie Alles in der Welt, so auch der universelle Gottesbegriff innerhalb des Judenthums dem Gesetze der Entwicklung unterliegt. Der Entwicklungsproceß betrifft jedoch nicht den Gottesbegriff selbst als solchen, sondern deffen Geltungsgebiet und „Ausdrücke, wie der Gott Abrahams, der Gott der Väter, der Gott Israels bezeichnen nur die Stationen dieses Geltungsgebietes, welche der Monotheismus auf dem Wege bis zu seiner vollständigen Ausbreitung und Befestigung zurückgelegt hat". Eine der bedeutsamsten dieser Etappen ist mit dem Namen Moses verknüpft. Nicht nur christliche, auch jüdische Forscher waren und sind indeß in dem Glauben befangen, daß der Gottesbegriff unter Moses eine Modification in peius, eine Verengerung erfuhr, daß der Befreier Israels ihn nationalisirte und daß es erst den späteren Propheten Vorbehalten blieb, an den Gott der Patriarchen wieder anzuknüpfen. Der Verfaffer hat sich ein großes Verdienst dadurch erworben, daß er diese Ansicht in das Reich der Fabel verwies. Er thut unwiderleglich dar, daß Moses den Monotheismus zum Inhalte des Volksbewußtseins gemacht hat, daß er durch ihn der Lebensnerv Israels geworden ist. Jawohl, Moses hat den Propheten den Impuls gegeben, denn ihm danken die Juden das ein Meer von Licht ausstrahlende Bekenntniß: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist einig-einzig!" und aus seinem Schwanengesange tönt, um noch ein Beispiel zu citiren, der gewaltige Weckruf: „Erkennet nun, daß ich, ich allein es bin, und neben mir kein Gott; ich kann tödten und beleben, verderben und auch heilen, von meiner Hand errettet Niemand." Feinsinnig ist die Bemerkung des Berfaffers, welche in dem familiären Einschlag in dem Gewebe des israelitischen Monotheismus, in dem ursprünglich in der Familiengeschichte der Erzväter hervortretenden persönlichen Verhältnisse, in dem das Individuum sich als Kind mit seinem ewigen Vater verbunden weiß, den nie verblaßten Goldgrund jenes Monotheismus erkennt. Israels Weltanschauung sollte im Geiste und Sinne ihrer Schöpfer nicht blos theoretisch die Grundlage für eine Glaubenslehre abgeben, sondern auch in der Praxis Fleisch und Blut annehmen, sich im ganzen Leben des Volkes energisch bethätigen. Die hehren religiösen Gedanken sollten nicht etwa den Gegenstand eines schwärmerischen Glaubens oder einer träumerischen Beschaulichkeit bilden, sondern als klare, leitende Grundsätze alle Sphären des individuellen und gesellschaftlichen Lebens umspannen. Die Religion ist nicht etwa ein Ideal, das lediglich ersehnt, sondern ein Ideal, das täglich und unmittelbar bethätigt werden muß. In der Thora ist das religiös-fittliche System mit dem staatlich socialen auf das Innigste verwachsen. So ergibt z. B. die Vorstellung von einem einzigen Gott und der Schöpfung der Menschen in seinem Ebenbilde, auf das sociale Leben übertragen, das Princip der Gleichheit aller Menschen, und die unmittelbaren Folgen desselben sind die Gebote der Nächstenlieb-, die Verachtung der Sclaverei, die Verbindlichkeit der Armenunterstützung» die humane Behandlung der Fremdlinge, das Mitleid und Erbarmen mit allem Lebenden. Die Thora bietet vielleicht das einzige Beispiel einer Staats- und Gesellschaftsordnung, welcher nicht nur die Abstractionen des Verstandes, sondern auch die Erforderniffe des Gefühls und die edelsten Regungen der menschlichen Seele zu Grunde liegen. Neben dem Principe des formalen Rechts und Gesetzes kehrt sie den Grundsatz der Gerechtigkeit und Humanität hervor und verkörpert ihn in einer ganzen Reihe von Vorschriften. In der in ihr niedergelegten Lebensauffaffung. die man richtiger Lebenskunst nennen dürfte, wurzelt die unversiegliche Macht des Judenthums. Und trotzdem die Thora eine claffische Offenbarung der Einheit und Gleichheit ist, läßt sie Israel als ein auserwähltes Volk gelten? Allerdings, ohne indeß in den Universalismus eine Lücke zu reißen. Güdemann greift ins Volle, wenn er dies also zu rechtfertigen sucht: „Ohne ein gewiffes Selbstbewußtsein kann weder das Individuum, noch ein Volk sich behaupten. Es ist ihr Rückgrat. Die Geschichte aller Zeiten lehrt, daß sich jedes Volk für auserwählt gehalten hat und hält, und es zeigt fchon von hoher Selbsterkenntniß, wenn es offenbare Schwächen und Fehler nicht auch für Vorzüge aus gibt." Zudem hatte das gewiß begründete Selbstbewußtsein des Volkes Israel sein Correctiv, wodurch es vor Ausartung geschützt wurde, in der seiner Socialethik die Richtung gebenden fortwährenden Erinnerung an seine einstige Knechtschaft in Egypten. Einen derartigen Dämpfer hat kein anderes Volk und keine andere Religion aufzuweisen. Darnach war die Auserwähltheit Israels „gewiß nicht der Ausdruck der Ueberhebung oder Einbildung, sondern vielmehr des noblesse ob1i»s." „Lernen und Lehren, Bewahren und Thun" — in dieser Formel ist der Pflichtenkreis des Bekenners des Judenthums umschrieben. Vom Glauben ist darin, wie man sieht, nicht die